Medien als Spiegel und Konstrukteur gesellschaftlicher Vorstellungen. Der Islam in deutschen Medien

Medien als Spiegel und Konstrukteur gesellschaftlicher Vorstellungen. Der Islam in deutschen Medien

Islam protester

 

von Sabine Schiffer

Ein einhelliges Islambild in deutschen Medien gibt es nicht. Darum kann es weder „islamophob“ noch „islamophil“ sein. Jeder einzelne Beitrag ist genau zu prüfen, denn überall finden sich gut recherchierte neben undifferenzierten und suggestiven Beiträgen. Die FAZ bietet hierfür ein gutes Beispiel. Während auf der einen Seite einige TV-Sender mit Initiativen für mehr Vielfalt und Integration werben (z.B. SWR), wird als Reaktion auf Medienkritik, die etwa das Islambild als Kollateralschaden der Auslandsberichterstattung moniert, gerne auf die jeweils anderen verwiesen: von den Öffentlich-Rechtlichen auf die Privaten, den sog. Seriösen auf den Boulevard.

Eine Studie, die alle Medienbeiträge einbezieht und damit ein wirklich umfassendes Bild der gemachten Vorstellungen – in unserem Fall der Islamvorstellung – liefert, kann es ob der Fülle des Angebots nicht geben. So herrscht das Dilemma vor, dass je nach Auswahl der untersuchten Medienbeiträge ein bestimmter Eindruck zustande kommt, der eben nur bedingt quantifizierbar ist. Dennoch belegen etwa die EUMC- Studie, das Ergebnis von Kurt Imhof in der Schweiz und auch einige deutsche Studien wie etwa die um Kai Hafez das Vorkommen islamfeindlicher Darstellungen – sie zu leugnen, wäre unseriös. Es ist fraglich, ob wir eine Prozentzahl darüber brauchen, wie oft negativ oder positiv über Islam und Muslime berichtet wird, denn aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass Menschen sich unbewusst an dem orientieren, was sie erwarten. Die Erwartung des Publikums bestimmt, dass auch aus wenigen negativen Darstellungselementen ein Feindbild bestätigt werden kann.

Fakten können täuschen

Weil zudem rein inhaltsanalytische Studien die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Realität und medialer Wiedergabe zumeist ausblenden, plädiere ich für eine Vorgehensweise, die einzelne Mechanismen beschreibt, welche auf ihre Verallgemeinerbarkeit hin zu prüfen sind. Zunächst: Eine objektive Berichterstattung gibt es nicht, weil Zeichen subjektiv sind. Und Mediennutzer sind gefordert, die eigene Konstruktion von Wirklichkeitsvorstellungen durch emotionale Auswahlprozesse zu überdenken. Denn feststellbar sind auf jeden Fall islamophobe Einstellungen, die auf Grund angstmachender Ereignisse und einer Verwechslung von Islammissbrauch mit dem Missbrauchten, also dem Islam selber, zustande kommt.  Wir diskreditieren auch nicht die Demokratie an sich, wenn in ihrem Namen Kriege geführt werden.

Während auf der einen Seite, sowohl in Radio, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften „islamische“ Themenstellungen und zu Wort kommende Akteure unterschiedlicher werden, lässt sich auf der anderen Seite eine Reihe von Sichtweisen feststellen, die inzwischen als Wahrheit über „den Islam“ akzeptiert scheinen: Frauenfrage, Nachholbedarf, Gewaltaffinität. An dieser Stelle wäre zu fragen, wie es kommt, dass diese allgemein relevanten Themen als „islamisch“ wahrgenommen werden. Es deutet auf ein starkes Framing hin, einen bereits akzeptierten Rahmen, der alle weiteren Beobachtungen (zu-)ordnet.

Die Instrumentalisierung der muslimischen Frau

Machen wir die Mechanismen eines etablierten Diskurses am Beispiel der muslimischen Frau fest, deren Rolle als Instrument der Beweisführung ja üblich ist. Spätestens seit der iranischen Revolution und der Mahmoody-Story „Nicht ohne meine Tochter“ liegt der Rahmen für das Frauenbild im Islam fest. Die muslimische Frau gilt als per se unterdrückt und ihre Behandlung steht pars-pro-toto für das Denken und Handeln von Muslimen allgemein. 

Die Zahl von Neo-Feministen nimmt zu, die neuerdings für das Wohl der besagten unterdrückten Muslimin eintreten – freilich nur als Argument gegen ihre Glaubensbrüder. Dementsprechend ist man großzügig bei der Wahrheitspflicht bei entsprechenden KronzeugInnen, wodurch eine Ayaan Hirsi Ali alias Magan nach wie vor ihre persönliche Erfahrung als „islamisch“ vs. „christlich“ ausgeben kann. Dabei sind die üblichen Themen wie Benachteiligung, Ehrenmord, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung weder auf islamische Communities beschränkt noch in allen islamischen Gesellschaften vertreten.

Hier zeigt sich, welches Potenzial in der ordnenden Funktion von Sprache und Bildern steckt. Die ständige Kombination der besagten Themen mit muslimischen AkteurInnen und Symbolen wie Kopftuch und Moschee – was ja im besagten Einzelfall Fakten sind – (ver-)führt zu einer verknüpften Wahrnehmung mit „dem Islam“. Hierbei spielen vor allem die Bildmedien keine glückliche Vervielfältigerrolle. Die verallgemeinernde Interpretation als ein Phänomen einer bestimmten Gruppe wiederum (ver-)führt zu weiteren subjektiven Auswahlprozessen von Fakten in diese Richtung – ein sich selbst bestätigender Teufelskreis, aus dem eigentlich weitere Fakten einen Ausweg bieten müssten.

Der erste Eindruck ist entscheidend

Jedoch bestimmt der erste Rahmen über die Einordnung weiterer Informationen. So können etwa andere Frauenschicksale als „Ausnahme“ oder deren Darstellung als „Trick“ abgetan werden. Dies zeigt auf, wie schwierig es auch für eine diversifizierende Berichterstattung ist, das einmal etablierte Bild zu ergänzen. Denn neben den Beispielen von Unterdrückung und Bedrohung von Frauen widersprechen die anderen Fälle einer pauschalierenden Deutung. Während man durchaus bei einigen Medienvertretern den Willen um Differenzierung feststellen kann, wird dies schon als Verrat am „deutschen Wesen“ in bestimmten Internetforen gewertet. Während die einen vor der Diskriminierung von Muslimen warnen, warnen die anderen vor der Verharmlosung des Islams.

Und, wie könnte es anders sein, auch dafür eignet sich das Schicksal einzelner Musliminnen jeweils hervorragend als Beweis. Dass aber die „Prinzessin aus dem Hause Al–Saud“ ihrem Buch einen Passus vorstellt, der ganz explizit darauf hinweist, dass sie den Missbrauch der Religion kritisiert, nicht aber den Islam an sich, wird in Folge der einmal akzeptierten „Wahrheit“ über den Islam als (frauen-)unterdrückerische Religion von einer breiten Öffentlichkeit nicht mehr zur Kenntnis genommen.

In Deutschland sorgt gerade das Frauenmagazin EMMA dafür, dass Musliminnen als unterdrückt und unmündig dargestellt werden – wobei wir gleichzeitig abqualifizierende Beiträge über kinderkriegende Ministerinnen oder machthabende Frauen ohne Sexappeal finden.

Die Rolle der muslimischen Frau

Die muslimische Frau bzw. das Kopftuch muss aber noch weitere Aufgaben erfüllen – vor allem in visuellen Medien. Wenn es um Deutschkurse, Integrationsprobleme und Einbürgerungsstatistiken geht, dann wird es gerne zu illustrativen Zwecken eingesetzt. Das gut sichtbare Symbol wird damit zum Symbol auch für Fremdheit. Mit den Folgen dieser Kategorisierung haben Frauen mit Kopftuch in ihrem realen Alltag zu kämpfen. So beschreiben die Nürnberger Nachrichten, wie sich in einem Experiment Schülerinnen als Muslimin verkleidet hatten und welche überraschenden Erfahrungen sie damit machten. Etwa wurde Ihnen gesagt, man hätte gleich erkannt, dass sie keine echten Musliminnen seien – sie wären so sauber.

Kopftuchbilder „schmücken“ auch ernstere Problemthemen wie z.B. Berichte über Terrorismus. Die Instrumentalisierung der muslimischen Frau und ihrer Kleidung durch Islamisten wird hierbei 1:1 übernommen – die negativen Konnotationen fallen direkt auf die Frauen zurück. So ist es fast naheliegend, das Kopftuch als Symbol für Islamisierungsbestrebungen zu empfinden. Dieses Denken findet man jedoch nicht nur in den antiislamischen Aktionsbündnissen, sondern auch und etwas versteckt in der Bezeichnung „gemäßigter Muslim“.

Diese Bezeichnung hat sich auch in eine durchwegs gut gemeinte Initiative des ZDF eingeschlichen, im Freitags-Forum. Wie sehr bestimmte Annahmen verfestigt sind, zeigt folgendes Beispiel: In zwei Beiträgen über Lamya Kaddor, die als islamische Religionspädagogin in Nordrhein-Westphalen tätig ist und mit rotgefärbten Strähnen in schwarzem Haar, ihrer Kleidung sowie ihrem Auftreten eine Lehrerin wie jede andere ist, wird sie immer wieder lobend als „gemäßigte Muslima“ bezeichnet. Was ist demnach eine „normale“ Muslimin?

Unser Spiegel

Eine Tendenz zur Verschiebung von Problemen in einen religiösen Bereich, können wir exemplarisch im Spiegel feststellen.

 

 Unter dem Titelthema „Gott ist an allem Schuld“ und unter Auslassung von Weltkrieg und Holocaust konnte das Religiöse an sich als Wurzel allen Übels ausgemacht werden. Ganz nebenbei: die beigeordneten Bilder stellten das Judentum völlig gewaltfrei, das Christentum in einem historischen Kreuzzugsgemälde als ehemals gewalttätig, den Islam hingegen ausschließlich und ganz aktuell durch sprengstoffbegurtete Terroristen als gewalttätig dar.
Unter dem Spiegel-Titel „Mekka-Deutschland“ verbarg sich letztlich ein Verweis einer fehlerhaften und rassistischen Rechtssprechung durch eine Richterin in Richtung Islam. Plötzlich stand nicht die Richterin am Pranger, sondern der Islam an sich – eine völlig unaufgeklärte Deutung, aber ganz zeitgemäß entsprechend der Vorstellung von einem Einknicken vor einer per se aggressiven Ideologie. 



Die Idomeneo-Absetzung - ein Meilenstein

In der breiten (medialen) Öffentlichkeit ist der Einknickensmythos spätestens mit dem Skandal um die Absetzung der Idomeneo-Oper im Herbst 2006 hoffähig geworden. „Warum kuschen wir vor dem Islam?“ titelte die BILDzeitung. Der qualitative Sprung im Diskurs um Islam und Muslime, den dieses Ereignis bedeutet, ist nicht zu unterschätzen. Immer wieder war zu lesen und zu hören, dass dies aus „vorauseilendem Gehorsam“ geschehen sei und dies wurde durchaus kritisch betrachtet – nur wurde kaum kritisiert, dass es keine solche Forderung gab.

 

   

Titelseiten zur Idomeneo-Inszenierung (s. zudem die ungeschickte Gegenüberstellung von „Muslimen und Deutschen“ im Zitat auf der Titelseite der Taz 28.09.06).

Bis heute ist ungeklärt, wer hinter der „Warnung“ steckte. Versuche, wie der der Taz mit dem Titel „Muslime lieben Mozart“ zeigen das Dilemma eines vorherrschenden Frames auf, bei dem die Abwehr einer Behauptung diese nurmehr wiederholt. Fakt ist jedenfalls, dass sich eine Interpretationsmaschine wie etwa im Karikaturenstreit auch ohne faktische Grundlage abspielte – im luftleeren Raum, im Bereich des Mythischen. Dies kann und wird uns in Zukunft noch öfters passieren, wovon auch Buchveröffentlichungen mit entsprechenden Titeln wie „Hurra, wir kapitulieren“ zeugen. Die Interpretationsschiene ist angelegt und wartet auf entsprechende mehr oder weniger passende Vorkommnisse.

Gegenläufige Tendenzen

Interessant ist, dass es zwar die Behauptung der Islamophilie gibt, aber keine Belege dafür. Ein Dilemma zeichnet sich nun gerade durch die vermehrte Thematisierung des Islams ab. Während auf der einen Seite erkannt wurde, dass wenig fundiertes Wissen über den Islam vorliegt, scheint der Zeitpunkt für eine bescheidene Ausweitung des Medienangebots in diese Richtung nur wiederum weitere Verschwörungstheorien zu nähren.

Wie dialektisch die Auswirkungen der Initiativen ist, zeigt sich u.a. daran, dass der Trend, die Auslandsthemen in der Vermittlung von Vorstellungen über Islam und Muslimen durch inländische Akteure abzulösen, die Gefahr birgt, dass Problemthemen wie etwa der Terrorismus mit hiesigen Muslimen als genuin verbunden betrachtet wird. Das ist zunächst kein mediales Phänomen, wenn nicht die Unterstützung dieser Verknüpfung durch die unglückliche Kombination von angstbesetzten Themen mit Symbolen des Islams noch begünstigt würde – wie man exemplarisch an den folgenden Titelseiten sehen kann.

 

 

 

   

 

Hier gibt es noch Handlungsbedarf in Bezug auf die Prüfung von Präsentation und Relevanz, des Suggestionspotenzials, das aus Faktenselektion und -kombination resultiert.

Die Verallgemeinerung von Untaten einzelner auf eine ganze Gruppe scheint ein nach wie vor dominierendes Muster menschlicher Wahrnehmung zu sein. Ob es weniger greifen könnte, wenn man schon viele unterschiedliche Akteure kennt, wäre ein lohnendes Experiment. Gerade Medien können auch in Gegenden von homogener Bevölkerungsstruktur mehr Vielfalt vorführen. Der neue Tatortkommissar ist ein gutes Beispiel hierfür. Wenn die Vielfalt zur Normalität geworden ist, dann kann uns vielleicht auch der einzelne Amerikaner oder Türke oder Jude oder Moslem oder Ossi nicht mehr dazu verleiten, sofort von ihm auf alle zu schließen.

Und was ist mit den Frauen? Bei der Frage, wie es gelingen kann, dass die real existierende Frauenunterdrückung, die es unter Muslimen auch und nicht zu knapp gibt, bekämpft werden kann, führt die antiislamische Argumentation von Lösungen eher weg. Die Verschiebung der Problematik in einen bestimmten Kulturkreis hilft dabei, den Status quo zu erhalten – und nichts macht die Instrumentalisierung der gesamten Thematik deutlicher.

Literatur

  • EUMC (European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia) 2006: „Muslims in the European Union. Discrimination and Islamophobia.“ Wien.
  • Hafez, Kai (2002): Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Das Nahost- und Islambild der deutschen überregionalen Presse. Bd. 2. Baden-Baden: Nomos.
  • Hafez, Kai & Richter, Carola (2006): Das Islambild von ARD und ZDF. u.a. erschienen in: Aus Politik und Zeitgeschichte 26-27/2007.
  • Halm, Dirk u.a. (2007): „Pauschale Islamfeindlichkeit? Zur Wahrnehmung des Islams und zur soziokulturellen Teilhabe der Muslime in Deutschland.“ in: Jäger, Siegfried & Halm, Dirk (Hg.): Mediale Barrieren. Rassismus als Integrationshindernis. DISS: Unrast.
  • Imhof, Kurt (2002): Antisemitismusstudie vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich. [überraschendes Ergebnis: islamfeindliche Typisierungen überwiegen] (s. auch Artikel in NZZ-Onlne)
  • Schiffer, Sabine (2007): „Die Verfertigung des Islambilds in deutschen Medien“ in: Jäger, Siegfried & Halm, Dirk (Hg.): Mediale Barrieren. Rassismus als Integrationshindernis. DISS: Unrast.
    - dies. (2006): Projektionsfläche Islam.
    - dies. (2005): Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder, Suggestionen. Würzburg: Ergon.
    - dies. (2005): „Der Islam in unseren Köpfen.“ in: tagesanzeiger 15.07.05: 9.
    - dies. (2004): Konstruierte Wahrheiten und Zerrbilder.
  • Thofern, Detlef (1997): Darstellungen des Islams in „Der Spiegel“. Eine inhaltsanalytische Untersuchung über Themen und Bilder der Berichterstattung von 1950 bis 1989. Hamburg: Kovac.

 

 

Sabine Schiffer ist Sprachwissenschaftlerin und Medienpädagogin und leitet das Institut für Medienverantwortung in Erlangen.

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