MigrantInnen als Thema der Medienberichterstattung

 

von Georg Ruhrmann

Wie berichten Presse, Fernsehen, Hörfunk und Internet über MigrantInnen? Mittlerweile lässt sich diese Frage vielfältig beantworten. Denn seit Mitte der 90er Jahre liegen auch in Deutschland fundierte sozial- und kommunikationswissenschaftliche Studien vor. Das war nicht immer so. In den 80er Jahren war das Thema „Migration“ in der Medien- und Kommunikationswissenschaft hierzulande noch weitgehend unbekannt. Medienberichterstattung über MigrantInnen lässt sich hinsichtlich verschiedener Themen und Auswahlgesichtspunkte untersuchen.

Thematische Schwerpunkte

Medien, insbesondere das Fernsehen, stellen ethnische Minderheiten und MigrantInnen häufig als eher kriminell dar. Der von den Medien hergestellte Zusammenhang von Migration und Kriminalität wurde weltweit analysiert. Seit Mitte der 80er Jahre ist Kriminalität das am häufigsten genannte Thema in Nachrichten über MigrantInnen.

Ganz anders beim Thema Integration, darüber wird viel seltener berichtet. Journalisten verwenden den Begriff Integration recht unterschiedlich und definieren ihn in der Regel nicht. Das Spektrum von Umschreibungen reicht von „nicht unangenehm auffallen“ über „Assimilation“ bis hin zu „interkulturellem Austausch“ oder komplexeren „Akkulturationsstrategien“.

Warum wurde das Thema in den Medien vernachlässigt? Ein wesentlicher Grund liegt im Konkurrenz- und Quotendruck der Medien selbst begründet. Das Thema ist journalistisch zudem noch immer nicht spektakulär genug. Seit dem 11. September 2001 berichten die Medien verstärkt stattdessen über Kriterien einer prinzipiellen Nicht-Integrierbarkeit bestimmter MigrantInnengruppen.

Zugleich werden bestimmte Nationalitäten überrepräsentiert. Bereits in den 70er und 80er Jahren werden die damals besonders fremd erscheinende Nationalität der Türken - verglichen mit ihrem realen Anteil an den hier lebenden MigrantInnen - deutlich überrepräsentiert. In den 90er Jahren vermindert sich dann ihre Nennhäufigkeit in der aktuellen Berichterstattung. Erst Ende der 90er Jahre entspricht ihre Nennhäufigkeit in den Medien ihrem realen demographischen Anteil. Man kann dies als Normalisierung, als Folge eines längerfristigen, jedoch noch längst nicht abgeschlossenen Integrationsprozesses interpretieren. 

Stark angestiegen ist indes die Nennhäufigkeit von Marokkanern. Die Medien erwähnen sie meistens dann, wenn es um das Thema Terrorismus, vor allem um „Terrorverdacht“ geht. Seit 2001 berichten selbst überregionale Qualitätszeitungen 10 Mal häufiger über Marokkaner als vor dem 11. September 2001. Bezogen auf ihren demographischen Anteil (ca. 1% aller MigrantInnen) werden sie um den Faktor 10 überhöht. Marokkaner werden in manchen Berichten mit „Islamisten“, „Terroristen“ oder „Terrorverdächtigen“ in stereotyper Weise vermischt.

MigrantInnen als Objekt

Mit der Überrepräsentierung verbunden ist die Tendenz, MigrantInnen in bestimmten stigmatisierenden Rollen zu zeigen. Türken werden in den 80er als eher „kriminell“, Marokkaner seit 2001 häufig als „Terrorverdächtige“ dargestellt. Jahrzehntelang kommen MigrantInnen nur als Objekt von Aussagen vor. Sie werden aufgefordert, sie werden bewertet und es werden Prognosen über ihr Verhalten formuliert. Oder sie werden als Opfer von Gewalt gezeigt, wobei die Medienberichterstattung die Ereignisse häufig weiter dramatisiert. Als Subjekte von Kommunikation, d. h. als AutorInnen von Aussagen, Forderungen, Bewertungen und Prognosen kommen MigrantInnen jahrzehntelang nicht vor. Diese einseitige publizistische Aktiv-Passiv-Bilanz hat zu einer weiteren selektiven Verstärkung eines Negativ-Images geführt. Erst in den letzten Jahren zeigen die Medien die MigrantInnen häufiger in einer Subjektrolle.

Auswahlgesichtspunkte aktueller Nachrichtenberichterstattung

Die aktuelle Nachrichtenberichterstattung über MigrantInnen orientiert sich an bestimmten Nachrichtenfaktoren. Darunter versteht man Merkmale, die Journalisten solchen Ereignissen zuschreiben, die zur Nachricht werden. Vergleicht man die Berichterstattung über MigrantInnen mit derjenigen über Innenpolitik, so zeigt sich: Akzentuiert wird vor allem der Nachrichtenfaktor Negativität, der in der Berichterstattung über MigrantInnen viel häufiger und intensiver auftritt als in anderen innenpolitischen Meldungen. Relevant sind für die MigrantInnenberichterstattung auch die Nachrichtenfaktoren Kontroverse, Demonstration, Aggression und Schaden. Jeweils im Kontext von Streit, aber auch von Gewalt erscheinen MigrantInnen besonders häufig und intensiv in der Medienberichterstattung und werden dann entsprechend negativ bewertet. Außerdem dominieren die Nachrichtenfaktoren Sensationalismus und Emotionalisierung. Offensichtlich bevorzugen JournalistInnen im Kontext des Migrationsthemas solche Ereignisse, die diesen Nachrichtenfaktoren entsprechen. 

Inhaltsanalysen von TV-Programmen belegen darüber hinaus ganz allgemein eine zunehmend bildliche Darstellung von Gewalt. Dies trifft auch für die Haupt-nachrichtensendungen der privatkommerziellen Sender zu. Seltener werden hier die zugrunde liegenden Konflikte und ihre Hintergründe gezeigt. So kann dann nicht deutlich werden, welche Risiken und eben auch Chancen Migrationsprozesse für die Aufnahmegesellschaft wirklich haben.

Gemäß dem Nachrichtenfaktor „Kulturelle Nähe“ unterscheiden Journalisten zudem zwischen 'erwünschten' und 'weniger erwünschten' Personengruppen, indem MigrantInnen aus fremden, nicht europäischen Kulturen explizit oder implizit negativer bewertet werden. „Ausländer“ werden bezüglich der Nachrichtenfaktoren Einfluss, Prominenz und Personalisierung als tendenziell einflussloser und weniger prominent dargestellt als vergleichbare inländische Akteure. Insofern spiegeln die TV-Nachrichten durchaus das strukturell schlechtere Image und die Machtlosigkeit der MigrantInnen in der Bundesrepublik Deutschland wider. 

Stellvertretender Kontakt durch Medienberichterstattung?

Die ursprüngliche Idee der in der Sozialpsychologie prominenten Kontakthypothese besagt, dass bestehende negative Einstellungen und Feindlichkeit gegenüber Fremdgruppen durch Kontakt reduziert werden können. Eine Mitte der 90er Jahre durchgeführte Studie zur Wirkung von Toleranzkampagnen gegen Fremden-feindlichkeit bestätigt diese These: Fremdenfeindlich eingestellte RezipientInnen ohne persönliche Kontakt zu MigrantInnen glauben, das von den Medien gezeichnete Ausländerbild sei zu positiv und genieße zu große Publizität. Entsprechend werden Toleranzkampagnen ignoriert. Eine weitere Untersuchung zur Rezeption von Ausländerthemen im Radio ergab, dass RezipientInnengruppen mit hohem Ressentiment gegenüber AusländerInnen die Zahl der MigrantInnen überschätzen und sich über ihren Kontakt mit MigrantInnen negativ äußern.

Spätere Forschungen konnten zeigen, dass Kontakt zwischen VertreterInnen einer Mehrheit und einer Minderheit, zwischen In- und Outgroup nicht direkt sein muss. Auch beobachteter Kontakt zwischen Eigen- und Fremdgruppe oder entsprechendes Wissen kann Vorurteile reduzieren helfen. Medien können stellvertretenden Kontakt präsentieren - er erzeugt ähnliche Effekte wie realer Kontakt. In den USA zeigen Studien, dass Inhalte und Umfang der Fernsehnutzung die Bewertungen von ethnischen Minderheiten beeinflussen und im Fernsehen positiv dargestellte Minderheiten zu weniger negativen Urteilen über diese Gruppe führen. Analysen von TV-Nachrichten fanden in Deutschland heraus, dass Meldungen, in denen ein Kontakt zwischen In- und Ausländern gezeigt wird, weniger auf Gewalt fokussieren als Meldungen über MigrantInnen ohne Kontaktdarstellung. In einer anschließenden Befragung zeigte sich ein signifikanter Unterschied im Kontaktwunsch der Rezipienten, die eine Meldung zum Ausländeranteil an deutschen Schulen als interessant bewerten und gern ansehen möchten verglichen mit denjenigen, die diese Nachricht ablehnen.

Es lässt sich jedoch auch zeigen, dass der Wunsch nach Kontakt mit MigrantInnen in der deutschen Bevölkerung stark abhängig ist vom Wohnort (z. B. neue versus alte Bundesländer) sowie vom Grad der formalen Bildung. Relevant ist daher die Analyse des durch den (medial reproduzierten) Kontakt ausgelösten Lernprozesses über Fremdgruppen, der zu Verhaltensänderungen oder Neubeurteilung der Eigengruppe führt.

Aufgaben der Medienforschung

Bis auf wenige Ausnahmen wird in Deutschland erst seit den 90er Jahren die Medienberichterstattung über MigrantInnen systematisch analysiert. Folgende Forschungslücken sind zu konstatieren und zu bearbeiten:

1. Wie Fernsehen die hier lebenden MigrantInnen darstellt, ist bisher kaum analysiert worden. Gründe hierfür liegen in der Komplexität derartiger Untersuchungen, angefangen von der Archivierung des Materials bis hin zur Auswertung des audiovisuellen Materials.

Daher ist – in Übereinstimmung mit Empfehlungen des Wissenschaftsrates – zu fordern, dass hierzulande audiovisuelle Medienarchive eingerichtet werden, die Sendungen über einen längeren Zeitraum hinweg auch für Forschungszwecke dokumentieren und abrufbar halten. Dies gilt auch für Dokumentationen und Spielfilme, die MigrantInnen in vielfältigsten Rollen zeigen und bewerten.   

2. Wenig bekannt ist auch über die Wirkung der Fernsehberichterstattung auf Wis-sen, Einstellung und Verhalten verschiedener Publika. Pauschale Wirkungs-annahmen für bestimmte Inhalte und für die Öffentlichkeit insgesamt sind heute nicht mehr angemessen.

Vielmehr ist es notwendig, den Einfluss von Einstellungen und Vorwissen der RezipientInnen mit den unterschiedlichen Medienaussagen in Verbindung zu bringen. Ebenfalls sind Lebensstile und Milieuzugehörigkeit der RezipientInnen zu berücksichtigen – etwa im Hinblick auf Möglichkeiten des Kontakts mit MigrantInnen. 

3. Auch sind die Nutzung und Rezeption sowie die Wirkung der MigrantInnenberichterstattung für die MigrantInnen selbst – auch in Bezug auf gezeigten Kontakt – nicht berücksichtigt worden. Unklar ist also bisher, wie die Berichterstattung bei MigrantInnen ankommt.

Zur Frage der Nutzung haben kürzlich der WDR, das ZDF sowie die ARD/ZDF – Medienkommission größere Studien initiiert und vorgestellt, die gute Grundlagen für weitere Forschung bieten. Auch bezogen auf die Rezeption der MigrantInnenberichterstattung durch In- und Ausländer sind mittlerweile verstärkte Forschungsanstrengungen festzustellen.       

4. In diesem Kontext ist bisher unerforscht, wie bestimmte journalistische Frames die Form und Inhalte der Berichterstattung und ihre Rezeption strukturieren.    
Frames lassen sich als Interpretationsmuster von JournalistInnen und RezipientInnen auffassen. Frames heben dieselben Ereignisse, Akteure und Aussagen unterschiedlich hervor, bewerten sie hinsichtlich möglicher Probleme sowie ihrer Lösungen und ordnen sie in einen typischen Ursachen-Wirkungskontext ein. Episodische Frames präsentieren konkrete Personen und Einzelhandlungen. Im Kontext von Konflikten werden häufig nur einzelne Akteure oder Bilder der Gewalt gezeigt. Thematische Frames stellen die Ereignisse darüber hinaus in einen komplexeren sozialen, zeitlichen und/oder sachlichen Zusammenhang. Angesprochen werden also die Bedingungen und Hintergründe von Ereignisursachen, Rede und Gegenrede sowie Folgen von Wirkungen. Konflikte werden als Ergebnis von Aushandlungsprozessen und Gegensätze von kollektiv organisierten Interessen dargestellt und interpretiert. Und genau diese Perspektive fehlt in der öffentlichen und veröffentlichen Debatte um die Herkunft und Zukunft der MigrantInnen in Deutschland. 

 

 

Dr. Georg Ruhrmann ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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