Studie „Migranten und Medien 2007“: Keine mediale Parallelgesellschaft

Studie „Migranten und Medien 2007“: Keine mediale Parallelgesellschaft

Zeitschriften

 

von Ekkehardt Oehmichen

Die Integration von Zuwanderern ist eine große Herausforderung für Politik und Gesellschaft in Deutschland. Sie steht und fällt mit dem Engagement aller gesellschaftlichen Akteure. Die Medien als Multiplikatoren haben hierbei eine tragende Rolle. Doch wie sollen die Medien mit dieser Verantwortung umgehen? Welche Rolle kommt dabei dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu? Welchen Stellenwert haben die Ethnomedien in Deutschland? Gibt es besondere Chancen durch die neuen Medien? Wie unterschiedlich sind die Erwartungen einzelner Migrantengruppen an das Medienangebot?

Um diese und ähnliche Fragen zu beantworten hat die ARD/ZDF-Medienkommission mit Unterstützung der Hertie-Stiftung eine bundesweit repräsentative Grundlagenstudie zur Mediennutzung von Migrantinnen und Migranten durchgeführt. Erstmals wurde damit auf breiter Grundlage der Stellenwert deutscher und heimatsprachlicher Medien im Medienalltag von in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund ermittelt: Erwartungshaltungen gegenüber den Medien Fernsehen, Hörfunk, Presse und Internet, deren Nutzung sowie inhaltliche Interessen und thematische Präferenzen.

TNS Emnid hat hierzu in der Zeit von Oktober 2006 bis Februar 2007 3.000 Erwachsene ab 14 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland telefonisch befragt. In die Untersuchung einbezogen wurden die sechs größten Migrantengruppen: Türken, Griechen, Italiener, Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien (Kroatien, Serbien, Mon-tenegro, Bosnien-Herzegowina), Polen sowie Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Um auch Personen zu erreichen, die einer deutschsprachigen Befragung nicht oder nur teilweise folgen können, wurden zweisprachige Interviewer eingesetzt, die die Fragen in der jeweiligen Muttersprache stellen konnten.

Das Besondere der Studie liegt auch darin, dass nicht nur ‚Ausländer’ befragt worden sind, sondern dass im Sinn der Neudefinition des Mikrozensus 2005 des Statistischen Bundesamtes alle ‚Personen mit Migrationshintergrund’, also Menschen die selbst eingebürgert  worden sind oder deren Eltern ‚Ausländer’ sind bzw. eingebürgert wurden, in den genannten Gruppen in die Befragung einbezogen wurden.

Das Statistische Bundesamt hat jüngst die Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund auf 15,3 Mio. beziffert. Die in die Studie einbezogenen Gruppen entsprechen 60% der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ab 14 Jahre.

Zu den generellen Ergebnissen lässt sich festhalten, dass in Deutschland keine ausgeprägte mediale Parallelgesellschaft zu erkennen ist. Alle Migrantengruppen werden von deutschen Medien gut erreicht. Insofern ist die Ausgangslage für die mediale Integration von Zuwanderern in Deutschland gut. Allerdings besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Nutzung deutscher Medien und guten Sprachkenntnissen der Migranten. Barrieren zu deutschen Medien lassen sich bei einzelnen ethnischen Gruppen und generell bei älteren Migranten feststellen. Insofern bestätigt sich, dass gute Deutschkenntnisse eine wichtige Voraussetzung für Integrationsleistungen deutschsprachiger Medien sind.

Migranten nutzen vor dem Hintergrund ihrer Migrationsbiografie selbstverständlich auch heimatsprachige Medien, die eine Brücke zum Herkunftsland und zur Herkunftskultur darstellen. Dabei ist der Stellenwert heimatsprachiger Medien im Alltag für die einzelnen Migrantengruppen sehr unterschiedlich. Sie hängt vom sprachlichen Integrationsgrad, von der Aufenthaltsdauer in Deutschland sowie vom konkreten Angebot und der Verfügbarkeit heimatsprachiger Medien ab.

Fernsehen und Internet werden von Migranten in ähnlichem Umfang wie von Deutschen genutzt. Das Fernsehen ist für Migranten das Leitmedium. Dem Fernsehen kommt daher eine besondere Bedeutung bei der Integration von Migranten zu. Die meisten Migranten werden von deutschen Programmen gut erreicht. Nur eine Minderheit von 14 Prozent sieht ausschließlich heimatsprachiges Fernsehen.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass heimatsprachige Fernsehprogramme den einzelnen Migrantengruppen in unterschiedlichem Umfang zur Verfügung stehen. Migranten mit türkischem Migrationshintergrund können auf ein breites kostenfreies Angebot zurückgreifen. Auch Migranten mit italienischem Migrationshintergrund haben eine gute Empfangssituation. Dagegen stehen Migranten mit griechischem oder polnischem Migrationshintergrund vergleichsweise nur wenige Programme kostenfrei zur Verfügung.

Migranten nutzen das Fernsehen ebenso wie Deutsche relativ stark zur Unterhaltung und Entspannung. Heimatsprachige Angebote spielen neben Spielfilmen und Serien im deutschen Fernsehen eine große Rolle. Explizite Integrationsbeiträge werden im Fernsehen nicht erwartet.

Regelmäßig eingeschaltet werden vor allem PRO 7, RTL, SAT.1, ARD/Das Erste und das ZDF. Kommerzielle deutsche Programme haben also eine starke Position. Öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme erreichen Migranten weniger gut als das deutsche Publikum. Allerdings haben sie ein positives Image, vor allem aufgrund der ihnen zugeschriebenen hohen Informationskompetenz. 

Das Radio hat im Alltag der Migranten einen deutlich geringeren Stellenwert als bei Deutschen. Dies gilt vor allem für Personen mit türkischem Migrationshintergrund. Polnische Migranten nutzen das Radio am stärksten. Ausdruck der Distanz zum Radio ist die Tatsache, dass knapp ein Viertel der Migrantenhaushalte über kein Radiogerät verfügt; in Haushalten türkischer Migranten liegt dieser Anteil bei 39 Prozent. Der Bedeutungsverlust des Radios steht bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund u.a. im Zusammenhang mit dem Aufkommen neuer heimatsprachiger Fernsehprogramme nach 2002.

Migranten, die Radio hören, werden von öffentlich-rechtlichen Programmen gut erreicht. Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. In Nordrhein-Westfalen werden öffentlich-rechtliche und in Berlin/Brandenburg private Programme besonders stark genutzt. Trotz geringer Reichweiten kann das Radio zur medialen Integration beitragen. Das zeigen die Beispiele des heimatsprachigen Senders Metropol FM oder auch der Stellenwert von WDR Eins Live und Funkhaus Europa bei Migranten. Generell steht das Radio in allen Migrantengruppen im Wettbewerb mit eigenen Musiktonträgern (Kassette, CD, MP3), die die emotionale Rückbindung an die Heimatkultur erlauben.

Die Studie hat sich nur am Rande mit der Bedeutung des Internet und mit der Rolle der Tageszeitungen in den untersuchten Migrantengruppen befasst. Festhalten lässt sich aber für die Onlinenutzung, dass sie insbesondere für jüngere Migranten eine wichtige Informations- und Kommunikationsfunktion hat, auch als Brücke zum Heimatland. Rund 40% der Migranten lesen regelmäßig Tageszeitungen, wobei deutschsprachige Blätter häufiger genutzt werden als heimatsprachige. Türkische Migranten nutzen am stärksten heimatsprachige Tageszeitungen.

Die Studie zeigt insgesamt, dass Migranten in ihrem Medienverhalten keine homogene Gruppe sind. Dies macht auch in Zukunft eine nach ethnischen Gruppen differenzierte Betrachtung der Nutzungsinteressen und -motive, der Zuwendung und Distanz zu einzelnen Medien und Angeboten erforderlich.

ARD und ZDF beabsichtigen kontinuierlich Forschung zum Mediennutzungsverhalten von Migranten durchzuführen. Dabei werden vor allem vertiefende Studien zu einzelnen Migrantengruppen oder zu speziellen Fragestellungen ins Auge gefasst.



Die Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier
Die Ergebnisse der Studie werden im Septemberheft 2007 der Zeitschrift ‚Media Perspektiven’ veröffentlicht.

Ekkehardt Oehmichen ist Leiter der Abteilung Medienforschung des Hessischen Rundfunks. Er war an der Erstellung der ARD/ZDF-Studie „Migranten und Medien 2007“ beteiligt, deren Ergebnisse er hier vorstellt.

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