Gegen Stigmatisierung und Diskriminierung: Die Lebenswelten der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind vielfältig

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von Carsten Wippermann

Die aktuellen Debatten und medialen Berichte zur sozialen Integration von MigrantInnen, zu Gewalt von (jugendlichen) MigrantInnen, zu Zwangsverheiratung und arrangierten Ehen sowie der politisch-verbandliche Konflikt rund um den Integrationsgipfel neigen dazu, Menschen mit Migrationshintergrund subkutan durch Sprache und Themenhorizont entweder zu stigmatisieren, auf die Problemliste zu schieben, oder sie zu bemitleiden und zu stilisieren. Mit wem reden wir, wenn wir in einen Dialog mit MigrantInnen treten? Mit "Gleichgesinnten" aus der eigenen Kultur und aus anderen Kulturen und Ländern - oder auch mit Nicht-Gleichgesinnten? Über wen reden wir, wenn wir über MigrantInnen reden? Es wäre ein richtiger und guter Schritt eines interkulturellen Dialogs und wichtig für das gesellschaftliche Klima in dieser Sache, wenn wir in kritischer Selbstreflexion uns bewusst machen, wen wir meinen, wenn wir von "MigrantInnen" sprechen!

In Deutschland reden wir seit den 1970er Jahren intensiv und selbstverständlich von Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen und Lebensstilen. Von "den Deutschen" zu sprechen als einer homogenen Gruppe, würde lächerlich und wirklichkeitsfern wirken. Doch in Bezug auf MigrantInnen tun wir oft genau das. Nicht-Deutsche in Deutschland werden als "MigrantInnen" bezeichnet, mit der Konnotation, damit wisse man schon etwas über ihre Werte, soziale Lage und Orientierung.1 

Bereits das Label "MigrantInnen" stellt aus der Perspektive der Menschen mit Migrationshintergrund eine pauschalisierende und auch diskriminierende Globalkategorie dar, transportiert implizit die Botschaft, MigrantInnen seien eine homogene Gruppe mit hoher Binnenkommunikation, unverbrüchlicher Solidarität qua Ethnie und/oder Ausländerstatus, sowie mit prinzipiell ähnlichen Werten, Interessen, Lebensstilen. Das ist ein Irrtum! Solche Projektionen, die von Interessenverbänden ebenso gepflegt werden wie von distanzierten Deutschen mit ausgeprägter oder latenter Xenophobie, werden der pluralen Wirklichkeit unserer Gesellschaft nicht gerecht. Es lohnt, sich die Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund einmal genauer anzuschauen – und zwar nicht reflexhaft mit der Defizitfrage nach dem Grad der Integration (hier könnten wir mit dem gleichen Recht fragen, wie viele Deutsche integriert sind).

In der qualitativen Untersuchung des SINUS-Instituts aus dem Jahr 2007 ging es darum, wirklich zu "verstehen" - und der zentrale Befund ist, dass es in der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund eine bemerkenswerte Vielfalt gibt. So kommt es künftig darauf an, diese Menschen nicht mehr nur als "besondere" Gruppe in unserer Gesellschaft zu betrachten, sondern vor allem als Teil dieser Gesellschaft.

Dabei ist bereits die Grundgesamt der Menschen mit Migrationshintergrund nicht einfach, sondern komplex. Das statistische Bundesamt definiert wie folgt:2

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Der langfristige Wertewandel in Deutschland und die – für unser Erkenntnisinteresse – bis in die 1950er Jahre zurückreichenden Migrationsgeschichten in den Dekaden der Nachkriegsgeschichte (damit verbunden z.T. sehr verschiedene Ursachen und Motive) haben natürlich die kulturelle Identität der Menschen geprägt, die gemeinhin als MigrantInnen bezeichnet werden. Die folgende Grafik illustriert in einem groben Überblick die verschiedenen Grundorientierungen, die aktuell die Lebenswelten von Menschen mit Migra¬tionshintergrund prägen.


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Vor diesem Hintergrund lassen sich MigrantInnen nicht länger als eine homogene Gruppe begreifen. Ebenso wenig ist eine Unterscheidung nach ethnischer Zugehörigkeit aus¬reichen. Vielmehr gibt es innerhalb einer Ethnie (z.B. TürkInnen) alle jene Grundorientie¬rungen. Damit zeigt sich: Die Herkunftskultur prägt die Identität maßgeblich, aber sie determiniert nicht die Milieuzugehörigkeit der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland! Ethnische Zugehörigkeit, Religion und Migrationshintergrund sind wichtige Faktoren der Lebenswelt und es gibt Migranten-Milieus mit ethnischen Schwerpunkten. Es gibt auch ein Milieu, das von seiner religiösen Bindung (Islam) geprägt ist. Über die unterschiedlichen Herkunftskulturen hinweg gibt es oft gemeinsame lebensweltliche Muster: (1) Gleiche Herkunftskultur findet sich in verschiedenen Migranten-Milieus. (2) Im gleichen Milieu finden sich Menschen verschiedener Herkunftskulturen. Daraus ergeben sich für die Wahrnehmung von MigrantInnen zwei Maximen:

  • Man kann nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu schließen.
  • Man kann auch nicht vom Milieu auf die Herkunftskultur schließen.

Die Grenzen zwischen den Milieus sind fließend; Lebenswelten sind nicht so (scheinbar) exakt eingrenzbar wie soziale Schichten. Wir nennen das die Unschärferelation der Alltagswirklichkeit. Ein grundlegender Bestandteil des Milieu-Konzepts ist, dass es zwischen den Milieus Berührungspunkte und Übergänge gibt. Diese Überlappungspotentiale sowie die Position der Migranten-Milieus in der deutschen Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung veranschaulicht die folgende Grafik: Je höher ein Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter rechts es positioniert ist, desto moderner ist die Grundorientierung.


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Ziel der beschriebenen Lebensweltstudie zu MigrantInnen ist es somit nicht, MigrantInnen in (neue) Schubladen zu stecken und zu stigmatisieren, sondern im Gegenteil: eine empirisch fundierte Sehhilfe zu geben, um das Selbstverständnis und die Alltagskulturen der Menschen mit Migrationshintergrund besser zu verstehen und allzu beliebten Projektionen, Pauschalierungen und Präjudizierungen vorzubeugen. Somit ist das Migranten-Milieumodell eben kein in Blei gegossenes (Norm)Bild, sondern ein Instrument zur Schärfung des Blicks, zur Identifizierung von Diskriminierung sowie der Entlarvung bzw. der Relativierung von Stellvertreter- und Repräsentationsfunktionen, die ein Teil der ethnischen Verbände (meist unwidersprochen) für sich reklamieren.

Endnoten

1 Ein besonderes Augenmerk sollte der Reflexion über die Grenzen unserer Sprache gelten: Schon Wittgenstein hat darauf hingewiesen, dass die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten. Wenn wir über die Menschen mit Migrationshintergrund sprechen, sind wir in der Gefahr, diesen Menschen ein Label aufzudrücken, das ihrer Identität und Alltagswirklichkeit nicht gerecht wird – mehr noch, es droht subkutan die Gefahr der Stigmatisierung durch Sprache.
2 Nicht dazu gehören Menschen, die sich als TouristInnen, Geschäftsreisende o. ä. nur kurzfristig in Deutschland aufhalten (keinen Wohnsitz haben), oder nur vorübergehend zu Ausbildungszwecken/zum Studium nach Deutschland gekommen sind.

 

Dr. Carsten Wippermann ist Senior Research & Consulting und leitet die Abteilung Social & Institutions bei Sinus Sociovision. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Grundlagenforschung zum soziokulturellen Wandel.

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