Mehr christliche Vielfalt durch MigrantInnen

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Durch Zuwanderung ist nicht nur die religiöse Landschaft insgesamt vielfältiger geworden, sondern auch jene Religionen, die, wie das Christentum und das Judentum, eine bereits lange und reichhaltige Geschichte in Mitteleuropa vorweisen können. So haben sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland durch die Zuwanderung von MigrantInnen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nicht nur vergrößert, sondern auch verändert. Auf der christlichen Seite sieht es ähnlich aus, wenngleich die meisten Zugewanderten sich - im Gegensatz zu den jüdischen MigrantInnen - nicht in die bestehenden katholischen oder evangelischen Gemeindestrukturen integrieren, sondern eigene Gemeinden etablieren. Dabei muss zwischen drei Gemeinde-Typen unterscheiden werden:

  • Zum einen existieren fremdsprachige Gemeinden im Rahmen der bestehenden Konfessionen. So gibt es polnisch-katholische Gemeinden, oder lutherische Kirchgemeinden, die ihren Gottesdienst auf Finnisch oder Schwedisch anbieten.
  • Zum anderen haben sich über die Jahre Gemeinden etabliert, die zu Kirchen und Konfessionen gehören, die bisher in Deutschland nicht oder kaum vertreten waren, da sie keine historische Verankerung in Mitteleuropa aufweisen. In diese Kategorie gehören z.B. die orthodoxen Kirchen, aber auch die anglikanische Kirche.
  • Zur dritten Kategorie zählen all jene Gemeinde, die von MigrantInnen in Deutschland gegründet wurden. Vor allem evangelische Freikirchen aus dem pentekostalen, d.h. pfingstkirchlichen Spektrum, aber auch aus anderen christlich-charismatischen Bewegungen, sind hier zu nennen.

Die ersten beiden Gemeindentypen unterstehen i.d.R. ihren Heimatkirchen, deren Sitze sich weiterhin außerhalb Deutschlands befinden. Die neugegründeten freikirchlichen Gemeinden, wie die Berliner International Christian Revival Church, sind oft eigenständige Vereine. Im Gegensatz zu den Amtskirchen verstehen sich diese Gemeinden weniger als Volkskirchen oder gar Nationalkirchen, denn als Bekenntnisgemeinden, deren Mitglieder das gemeinsame Bekenntnis eint.

Die Pfingstbewegung – zu  der auch die International Christian Revival Church gehört – ist eine religionshistorisch recht junge Bewegung. Sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und erlebte seit den 1960er Jahren einen regen Zulauf vor allem in lateinamerikanischen aber auch afrikanischen Ländern. Zwar gab es die ersten pfingstkirchlichen Gemeinden in Deutschland schon um 1905, aber in den letzten zwei Dekaden ist ein signifikanter Anstieg, sowohl der Gemeindeanzahl als auch der Mitgliederzahl zu beobachten. Gemeinden, die von MigrantInnen gegründet wurden, haben ihren Anteil daran.

In dieser Hinsicht kommt es durch Zuwanderung zu einer Binnenpluralisierung des Christentums, vor allem aber zu einer weiteren Pluralisierung innerhalb der protestantischen Bekenntnisfamilie. Dies hat Folgen für die in Deutschland etablierten Kirchen: Zum einen in Fragen der ökumenischen Zusammenarbeit, zum anderen aber auch in inhaltlich Fragen, insbesondere wenn es um das christliche Selbstverständnis geht oder um die Methoden der christlichen Gemeindearbeit und Seelsorge. Denn während die Amtskirchen in Deutschland weiterhin einen Mitgliederrückgang beklagen, wachsen die neugegründeten Freikirchen. Das Christentum als Religion ist also keineswegs statisch; es verändert sich – auch in Deutschland.


Unsere Fragen stellten wir an Pastor Kingsley Arthur, der die International Christian Revival Church Anfang der 1990er Jahre in Berlin-Wedding gründete.

 Was ist die International Christian Revival Church?

Die International Christian Revival Church ist eine freikirchliche Gemeinde mit evangelischem Glaubensbekenntnis. Sie ist offen für jeden Menschen, jedes Geschlecht, jedes Alter, aus allen Nationen, sowie Kulturkreisen. Unsere Tradition ist evangelisch, unser Dienst ist evangelistisch, unser Gottesdienst lebendig und unsere Vision biblisch-theologisch.

 Welche inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zu den evangelisch Landeskirchen in Deutschland?

Im Rahmen der Evangelischen Allianz Deutschland arbeiten wir gemeinsam mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, wo wir aktiv im Berliner Kiez Wedding tätig sind. Genauso wie die evangelischen Landeskirchen in Deutschland glauben wir an den dreieinigen Gott der Bibel und an die Gültigkeit des Wortes Gottes im persönlichen Leben des Einzelnen.

Einige Unterschiede, die ich persönlich sehe sind, dass wir z. B. den Gottesdienst nicht liturgisch gestalten. Wir werden auch nicht durch Kirchensteuer oder ähnliche staatliche Zuschüsse unterstützt oder finanziert, sondern unsere Mitglieder und FreundInnen tragen die Gemeinde durch Spenden, je nach dem sie es können. Ein anderer Unterschied zu der Landeskirche ist, dass wir im Gottesdienstablauf jedem Anwesenden die Gelegenheit geben zur Kanzel zu kommen um ein Zeugnis oder ein Bibelwort mitzuteilen. Also ist die Kanzel für jede Christin und jeden Christen, die bzw. der durch den heiligen Geist geleitet ein Wort für die Gemeinde hat, da. Ein weiterer Unterschied ist, dass wir Mischgesänge haben. Und zwar von langsamen, klassischen Kirchenhymnen bis hin zu schnellen, zeitgemäßen Chorussen, die auch Freude und Ergriffenheit zum Ausdruck bringen und je nach dem durch Tanzen oder Klatschen unterstützt und begleitet werden.

Ein weiterer Unterschied besteht in der Taufe: Getauft wird, jedeR mündige ChristIn, durch Untertauchen, im Namen des Vaters, des Sohnes Jesu und des Heiligen Geistes. Durch ernsthafte Nachfolge Jesus Christus wird die getaufte Person somit ein verbindliches Glied des Leibes Jesu bzw. der Gemeinde.

Wir distanzieren uns von Gruppierungen, die eine falsch verstandene Theologie lehren, glauben oder leben. Wir glauben, dass die Gemeinde Jesu heilig ist und biblisch-geistlich mit Ehrfurcht behandelt werden soll.

 Wie setzt sich Ihre Gemeinde zusammen?

Die ICRC hat Mitglieder und GottesdienstbesucherInnen aus ca. 23 Nationen. Es sind sowohl Menschen, die hier in Deutschland zuhause sind, als auch Menschen mit Migrationshintergrund bis zur dritten Generation. Die Gemeindemitglieder und BesucherInnen kommen aus Deutschland und verschiedenen afrikanischen Ländern wie Ghana, Nigeria, Kamerun, Sierra Leone und Trinidad und Tobago. Außerdem haben wir Mitglieder aus, Italien, Philippinen, Sri Lanka, Dänemark, Äthiopien, Serbien und anderen Ländern. Auch sind einige Gemeindemitglieder aus der Volksgruppe der Sinti und Roma.

Da viele von ihnen MigrantInnen sind, herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Einige verlassen das Land nach dem Studium oder aus anderen Gründen, andere müssen ins Heimatland bzw. Herkunftsland zurückkehren.

 Wie ist die International Christian Revival Church organisiert? Gibt es Partnergemeinden?

ICRC ist eine selbstständige Gemeinde aber nicht unabhängig. Wir sind eine bundesdirekte Gemeinde des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) in Deutschland mit der Körperschaft des öffentlichen Rechts. In Deutschland allein sind ca. 600 örtliche Gemeinden organisiert. Weltweit gehören bis zu 250 Millionen Menschen der Pfingstbewegung an. Wir pflegen die Zusammenarbeit mit anderen christlichen Kirchen. Durch unsere Missionsaktivität haben wir in Afrika Gemeinden gegründet und begleiten Gemeinden in Ghana, Togo, Malawi, Kenia, Sierra Leone und Liberia.

 Wie sieht das religiöse Gemeindeleben aus? Welche Veranstaltungen bieten Sie an? Und in welchen Sprachen gibt es Gottesdienste?

Unsere Gottesdienste und Veranstaltungen sind bilingual auf Deutsch und Englisch. Das ist unsere Identität. Natürlich sprechen die GemeindebesucherInnen und Mitglieder untereinander in ihrer Heimatsprache. Darüber hinaus veranstalten wir einmal im Monat ein Gemeinschaftsfest nach dem Gottesdienst. An diesem Tag kommt jeder mit einer Speise aus seiner Heimat in die Gemeinde.

Natürlich haben die bekannten christlichen Feiertage einen wichtigen Platz in unserem Gemeindeleben. Wie die Großkirche, feiern wir die bekannten christlich-theologisch anerkannten Feste und wo möglich auch die Rituale. Im Dezember feiern wir Weihnachten, wo wir uns an die Geburt Jesus Christus erinnern. Gegen März/April erinnern wir uns an den Leidens- und Sühnetod Jesus Christus. Am Karfreitag fasten wir und feiern das Abendmahl des Herrn, an dem alle teilnehmen, die sich zum Glaubensbekenntnis bekennen. Am Ostersonntag feiern wir einen triumphalen Gottesdienst. Gegen Mai feiern wir Pfingsten. Wir erinnern uns an die Ausgießung des Heiligen Geistes an die Christen.

Darüber hinaus gibt es Veranstaltungen für Menschen die an Gott interessiert sind, aber nicht wissen, was die Botschaft der Bibel eigentlich ist. Auch Gospelkonzerte, Jugendgottesdienste, Frauenfrühstückstreffen, Frauenkreise usw. bieten wir regelmäßig an.

 Welchen Stellenwert hat die Bibel für die Religionsausübung?

Wir glauben, dass die Bibel das wahre, unverfälschte und ewige Wort Gottes ist. Die Bibel ist für uns die Autorität Gottes, darin erkennen wir Gottes Willen für unser Leben. Die Heilige Schrift (altes und neues Testament) ist für uns das von Gott inspirierte Wort und ist unser allgenügender Leitfaden für das praktizierende, christliche Glaubensleben. Wir lehren unter anderem die Dreieinigkeit Gottes, die Gottheit des Herrn Jesus Christus, den Sündenfall des Menschen – so wie er im ersten Buch Moses dargestellt ist – und die Errettung des Menschen. Wir glauben an die glorreiche Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christus an ein Leben in Heiligung. Und für uns sind allgemeine Gebete wichtig, auch Gebete für Kranke und Menschen in Not oder Gebete für Anliegen verschiedenster Art.

Wir praktizieren Sakramente und Traditionen, wie Taufe, Abendmahl usw. Auch die Verkündigung der Guten Nachricht an alle Völker der Welt (Mission) praktizieren wir. Gerade in Berlin sind viele Nationen vertreten. Jeder hat die Möglichkeit und das Privileg das Wort Gottes zu hören.

 Wie stehen Sie zur Forderung der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz den konfessionellen Religionsunterricht für Berliner Schüler nicht mehr als freiwilliges, sondern als gleichberechtigtes Unterrichtsfach anerkennen zu lassen?

Es ist nicht nur sinnvoll, dass Religion als gleichberechtigtes Unterrichtsfach gefordert wird, sondern es ist ein unvergleichbarer Segen, wenn Schüler früh genug die Möglichkeit erhalten, das Wort Gottes und den Inhalt der Bibel zu kennen. Es ist nur göttlich, wenn das deutsche Schulsystem wieder Gott den Vater und Jesus Christus den Heiland nicht als „Randobjekt“ sieht, sondern als Alpha und Omega für unsere Gesellschaft.

 Wie sieht die öffentliche Präsenz ihrer Gemeinde aus? Beteiligen Sie sich z.B. an Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog?

Es gibt einmal wöchentlich eine Predigt von uns im Offenen Kanal Berlin. Außerdem sind wir in regelmäßigen Abständen auf der Straße mit einem Bücher-, bzw. Traktat-Tisch, wobei wir versuchen mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir sind als Gemeinde präsent im interreligiösen Dialog z.B. bei der Evangelischen Akademie zu Berlin, wo ich schon referiert habe, beim Ökumenischen Rat Berlin und auch beim Internationalen Konvent christlicher Kirchen in Berlin. Wir praktizieren auch Dialoge auf der Ebene der Kiez - oder Kommunalaktivitäten, sei es im Quartiersmanagement oder Bürgerforum, wo wir bestrebt sind, Verständigung zwischen den Religionen zu ermöglichen bzw. zu fördern.

 Wie stellen Sie sich die Zukunft christlichen Gemeindelebens in Deutschland vor?

Das christliche Gemeindeleben in Deutschland kann, nach meiner Beobachtung, nur nachhaltig bestehen, wenn wir alle die von Gott offenbarten Erkenntnisse bündeln und initiativ, gemeinsam - nicht gegeneinander – das Werk Gottes tun.

Des Weiteren sehe ich die Notwendigkeit, dass das vorschnelle Verurteilen anderer Kirchen aufhört, damit wir durch die Verschiedenheit anderer Christen gegenseitig mehr ergänzt, gekräftigt und ermutigt werden, anstatt durch Streitereien und Spaltungen die eigentlichen Werte des christlichen Glaubens zu entkräften.

Nicht zuletzt sei gesagt, Aktivität ist nicht gleich Leidenschaft. Eifer ist nicht gleich Heiligkeit. Bibellesen ist nicht gleich Christ sein. Ich glaube das Gemeindeleben soll authentisch, wahrhaftig und betend sein. Das bedeutet: Christus und die Bibel als Zentralthema in unseren Gottesdiensten neu zu beleben. Dann werden sowohl die Kanzel wie auch die Bänke besetzt werden mit Christen die beten, lieben und die versuchen nach dem Vorbild Jesus zu handeln und zu leben. Nur so kann die Welt erkennen, dass wir Jesu Jünger sind und sich zum Guten verändern.

Einführungstext und Fragen von Ulf Plessentin.

 

 

Dr. Kingsley Arthur ist promovierter Ökonom und leitet als Pastor die International Christian Revival Church in Berlin Wedding.

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