Religionen als innovatives Potenzial für Integration nutzen

Holzpuppen in unterschiedlicher, religiöser KleidungUrheber: Wally Gobetz . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

von Steffen Rink

Integrationspolitik war lange Zeit auf soziale und ökonomische Aspekte begrenzt. Grundlage war eine Defizit-Hypothese, nach der die Migrantinnen und Migranten aus sich heraus nicht in der Lage sind, in den Bereichen Bildung, soziale Teilhabe und Arbeitsmarkt den gleichen Status zu erlangen, wie ihn die einheimische, "deutsche" Bevölkerung innehat. Sofern ein Handlungsbedarf gegenüber Migrantinnen und Migranten gesehen wurde, wurden Sie Objekt der Bildungsförderung und Sozialarbeit. Dabei kam erschwerend hinzu, dass die Objekte - Menschen - nicht nur als Ausländer bezeichnet, sondern auch so wahrgenommen wurden: Als mit anderen Rechten und Pflichten ausgestattete Menschen, die "Fremden", die nicht dazu gehören.

Im Zuge der zunehmenden Gewissheit, dass die "Ausländer" auf Dauer in Deutschland bleiben möchten, und eines Paradigmenwechsels in der sozialen Arbeit, in dem Empowerment zu einem zentralen Begriff wurde, gerieten auch die kulturellen Kompetenzen der nunmehr zu "Menschen mit Migrationshintergrund" gewandelten "Fremden" in den Blick. Zumindest in der fachlichen Diskussion setzte sich durch, dass die durch jahrzehntelange Migrationsprozesse entstandene Vielfalt eine Bereicherung und eine Chance für das Gemeinwesen ist, die über Döner und Folklore hinausreicht.

Die Wahrnehmung von Religion

In diesem Zusammenhang steht auch die in den 1990er Jahren einsetzende Wahrnehmung, dass Migrantinnen und Migranten nicht nur soziale und ökonomische Bedürfnisse, Ansprüche und Potenziale haben, sondern dass sie auch durch Religion geprägte und mit Religion lebende Menschen sind. Mehrere Entwicklungen spielten dafür eine Rolle:

a) Die Überwindung einer letztlich auf einem Fortschrittsmythos beruhenden Vorstellung, dass Religion in modernen Gesellschaften ein im Grunde randständiges und auf lange Sicht verschwindendes Phänomen sein wird. Sozial- und religionswissenschaftliche Forschung hatte demgegenüber gezeigt, dass schwindende Mitgliedszahlen der beiden Volkskirchen kein Beleg dafür sind, dass Religion abstirbt. Vielmehr bestehen die Leistungen von Religionen auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ungebrochen fort. Es ändern sich lediglich ihre Sozialformen. Die traditionellen volkskirchlichen Strukturen, von vielen als seelenlose Anstalten der Heilsvermittlung kritisiert, verlieren ihre monopolartige Stellung und werden durch Gruppierungen ergänzt, die weniger dauerhaft sind und in denen unmittelbare spirituelle Erfahrungen im Zentrum stehen. Dies betrifft auch christliche Bewegungen, wenngleich solche alternative Religiosität im Wesentlichen bei den zahlenmäßig eher unbedeutenden "Sekten" östlicher und westlicher Herkunft erforscht wurde.

b) Die traditionelle "Zuständigkeit" der beiden christlichen Volkskirchen für die öffentliche Verhandlung von Fragen rund um Religion besteht nicht mehr ungebrochen fort. Christlich-jüdische Zusammenarbeit, christlich-islamischer Dialog - diese Felder sind zwar weiterhin von den Kirchen besetzt und lokal in Kirchengemeinden verortet, doch auch außerhalb dieses Rahmens gibt es ein wachsendes Interesse an Religion. Bei diesem Interesse spielen dann Theologien eine eher untergeordnete Rolle. Stattdessen werden politische, ökonomische und kulturelle Zusammenhänge thematisiert, und die christlichen Kirchen erfahren hierbei eine Gleichsetzung mit anderen Religionen.

c) Religion wird in der Öffentlichkeit an Orten sichtbar, an denen sie bislang nicht vorhanden war. Das bezieht sich nicht nur auf die zunehmende Zahl repräsentativer Moscheebauten, durch die der Islam aus den sog. Hinterhöfen auch symbolisch in die Mitte der Gesellschaft tritt. Die über Gebäude vermittelte Präsenz von Religionen hat sich in gleicher Weise in Bezug auf asiatische Religionen verstärkt, wie etwa die neu errichteten oder in Planung befindlichen Hindu-Tempel zeigen. Und auch hier darf die in Deutschland angestammte christliche Religion nicht übersehen werden: Im Bereich der Freikirchen und Sondergemeinschaften entstehen seit den letzten Jahrzehnten zahlreiche neue Gemeinde- und Gotteshäuser.

d) Neben der Pluralisierung der religiösen Landschaft durch Zuwanderung und der Ausdifferenzierung innerhalb der christlichen Religion tritt eine neue Hinwendung von Menschen zu Religionen, die sich insbesondere bei Migrantinnen und Migranten beobachten lässt. Diese Entwicklungen bilden sicherlich die Basis für die drei zuvor genannten Veränderungen in der Wahrnehmung von Religionen. Zum einen haben Menschen, die durch Flucht oder Arbeitsmigration nach Deutschland gekommen sind, ihre Religion gleichsam "im Gepäck". Das bezieht sich sowohl auf die Aufnahme von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und die große Zahl der Spätaussiedler in den 1990er Jahren als auch auf die Zuwanderung von Menschen aus Asien sowie - quantitativ am Bedeutsamsten - die Zuwanderung aus islamisch geprägten Ländern. Zum anderen hat sich gezeigt, dass sich Menschen im Prozess der Migration oder in der Erfahrung einer nicht geglückten Integration in die Aufnahmegesellschaft neu auf ihre angestammte Religion besinnen.

e) Damit verbunden war eine in den 1980er Jahren einsetzende Selbst-Organisation sowohl der religiösen als auch der säkularen Migrantinnen und Migranten. Über die neu entstandenen Verbände wurde eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingefordert. Für den Islam gab es im Frühjahr 2007 eine wichtige Weiterentwicklung durch die Bildung des "Koordinierungsrates der Muslime", der vier Spitzen- bzw. Dachverbände und damit den Mehrheit des organisierten Islams vereinigt. Im Buddhismus waren die Bemühungen des Dachverbandes "Deutsche Buddhistische Union" erfolgreich, die Vereinigungen von Migrantinnen und Migranten in die bestehenden Repräsentanzstrukturen zu integrieren. Für das Judentum hingegen lässt sich eine Ausdifferenzierung der Vertretungsstrukturen erkennen; nicht mehr alle jüdischen Gemeinden gehören dem Zentralrat der Juden in Deutschland bzw. den jüdischen Landesverbänden.

f) Die Thesen eines "Clash of Zivilations", die Terroranschläge des 11. September 2001, nachfolgende Gewalttaten und die Reaktionen der westlichen Welt (Irak, Afghanistan), die mediale Präsenz des Dalai Lama einschließlich des zumindest teilweise religiös konnotierten Tibet-Konflikts, die "Öffnung" des Vatikan hin zu den Medien und die mediale Zelebration auf Großereignissen oder des Sterbens von Papst Johannes Paul II. haben schließlich ein Übriges dafür getan, "Religion" auf die Tagesordnung zu setzen.

Ob man anhand dieser skizzierten Entwicklungen in die Rede einer "Wiederkehr der Religionen" einstimmen muss, wie dies viele AutorInnen unternehmen, mag dahin gestellt bleiben. Neben den Re-Religionisierungstendenzen im Zusammenhang mit Migrations- und Integrationsprozessen, auf die weiter unten noch eingegangen wird, muss man sicherlich auch von einer neuen Perspektive auf Phänomene rund um Religionen sprechen, die bislang auf Grund ideologischer oder erkenntnistheoretischer Vorgaben ausgeblendet waren. Unabhängig davon wird "Religion" als solche differenzierter gesehen als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Neben der Anerkenntnis, dass Religion auch in sog. modernen Gesellschaften weiterhin von Bedeutung ist, und zwar über die Reduktion auf Sub- oder Teilsysteme funktional differenzierter Gesellschaften hinaus, wurde Religion stärker kulturell verortet und auch bewertet. "Kulturell verortet" meint die Wahrnehmung, dass auch Religionen bzw. die Vertreterinnen und Vertreter religiöser Institutionen (Kirchen, Moscheeverbände usw.) Interessen repräsentieren, Macht ausüben und Einfluss nehmen. In Bezug auf die Bewertung von Religionen mögen stellvertretend die Hinweise auf die positive Wertschätzung des Buddhismus im Allgemeinen und des Dalai Lama als Vertreter einer bestimmten buddhistischen Tradition im Besonderen, die Kritik an moralischer Rigidität der katholischen Kirche oder evangelikaler Gemeinschaften sowie die einseitige Darstellung des Islam als patriarchale, zu Gewalt tendierende Religion stehen.

Faktor Religion im Integrationsprozess

Die Betrachtung der Entwicklungen der letzten 20 bis 30 Jahre ist deshalb so bedeutsam, weil sie den Hintergrund für mehrere Paradigmenwechsel in der Integrationspollitik und in der Anerkennung eines "Faktors Religion" für eine gelingende Integration bilden. Gleichsam als Entsprechung der skizzierten Prozesse hat die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (früher: AusländerbeauftragteR) der rot-grünen Bundesregierung von 1998 bis 2005, Marieluise Beck, wichtige Schritte unternommen, "Religion" zum Thema der Integrationspolitik zu machen. Die Einbeziehung der Verbände der Religionsgemeinschaften von Migrantinnen und Migranten entsprach dabei einem Grundprinzip repräsentativer Demokratie: Willensbildung, Entscheidung und Steuerung politischer Prozesse wird immer über Verbände (Parteien, Vereine, Institutionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften) vermittelt, weil Verbände Mittlerfunktionen sowohl im Richtung auf die politische Ebene als auch in Richtung auf die von ihnen repräsentierten Menschen innehaben. In den zahlreichen Veranstaltungen und Expertenrunden, die in der Verantwortung von Marieluise Beck durchgeführt wurden, griff die Integrationspolitik der Bundesregierung im Grunde die Erfahrungen der lokalen Ebene auf, wo in der Lösung praktischer Probleme eine meist selbstverständliche Kooperation mit den Verbänden von Migrantinnen und Migranten stattfand.

Den quantitativen Verhältnissen der Zuwanderung und den Problemlagen entsprechend bezog sich dies in der Regel auf den Islam. Als leitende Prinzipien lassen sich dabei die Förderung der gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Anerkennung der nichtchristlichen Religionsgemeinschaften - also vor allem der islamischen Verbände - auf der einen Seite und die Formulierung von inhaltlichen Standards als Voraussetzung für gelingende Integration auf der anderen Seite ausmachen. Gegen Ende der Amtszeit von Marieluise Beck kamen Bemühungen zur Stärkung von innerislamischen Positionen, die nicht über die klassischen Verbände repräsentiert waren, hinzu, zum Beispiel durch die Unterstützung der Gründung einer muslimischen Akademie.

Parallel dazu haben wissenschaftliche Studien am Beispiel von MuslimInnen, Hindus und BuddhistInnen aufgezeigt, in welcher Weise Religionen für MigrantInnen von Bedeutung sein können:

  • Die religiösen Gemeinschaften bieten soziale Rückzugsräume, in denen gemeinsame Erfahrungen der Migrantinnen und Migranten kommuniziert und verarbeitet werden können.
  • In den religiösen Gemeinschaften werden über Selbsthilfe zahlreiche Unterstützungsleistungen sozialer, psychosozialer und auch ökonomischer Art geleistet.
  • Die Besinnung auf die durch Religionen vermittelten Werte und Normen hilft bei der Identitätsbildung und Selbststabilisierung. Die durch die fremdkulturelle Umwelt ausgelösten Infragestellungen bisheriger Weltbilder, Lebensmuster und Verhaltensweisen können durch den Rückbezug auf bekannte religiöse Traditionen aufgefangen und bearbeitet werden.
  • Erfahrungen von Fremdenfeindlichkeit wie auch Erfahrungen struktureller Benachteiligung in zahlreichen Bereichen des Alltags (z. B. Wohnen, Bildung, Arbeitsmarkt), können im genannten Sinn ebenfalls über Religionen aufgegangen werden.
  • Religionen vermitteln zwischen Migrantinnen und Migranten auf der einen und der Aufnahmegesellschaft auf der anderen Seite, indem sie Erklärungen für Differenz, genauso aber Anschlussmöglichkeiten für Gemeinsamkeiten bereitstellen. Dies erfolgt sowohl auf der Ebene der religiösen Lehren als auch durch ganz praktische Begegnungen, insbesondere im interkulturellen und interreligiösen Dialog.

In diesem Sinne wurden Religionen und ihre Gemeinschaften für die Integrationspolitik seit den 1990er Jahren gleichsam "entdeckt". Dabei kamen Empowerment- und Diversity-Strategien unterstützend hinzu. Empowerment besagt im Grundsatz, dass es vorrangiges Ziel sozialer Arbeit sein muss, die Selbstdefinitions- und Handlungskompetenz der ehedem als Benachteiligte definierten "Kunden" zu erhöhen. Die vor allem in Unternehmen angewendeten Diversity-Strategien führen dazu, weder Assimiliation noch ein unvermitteltes Nebeneinander als Ziel von Integrationspolitik zu bestimmen, sondern Integration als wechselseitigen Prozess zu begreifen, in dem die Potenziale vorhandener Vielfalt genutzt werden müssen. Das wiederum verlangt Veränderungen sowohl auf Seiten der Migrantinnen und Migranten als auch auf Seiten der Aufnahmegesellschaft.

An der Frage der Zulässigkeit des Kopftuch-Tragens von Musliminnen im öffentlichen Dienst, insbesondere in Justiz, Polizei, Schule und Kindergarten, lassen sich die in dieser Zeit stattgefundenen veränderten Wahrnehmungen der Rolle von Religionen im Integrationsprozess gut illustrieren.

Viele Musliminnen haben das Kopftuch in der Öffentlichkeit trotz Stigmatisierungen bewusst angelegt, um ihre Hinwendung zum Islam gegenüber der Gesellschaft zu bekunden. Dass eine Lehramtsanwärterin, Fereshta Ludin, einen Gerichtsprozess zur Frage der Zulässigkeit des Kopftuch-Tragens als Lehrerin bis vor das Bundesverfassungsgericht geführt hat, war ein weiteres deutliches Zeichen für ein gestiegenes Selbstbewusstsein auf Seiten der Muslime, die die Anerkennung ihrer religiös bestimmten Lebensgestaltung und die Gleichberechtigung mit den etablierten Kirchen einforderten. Nicht wenige Nicht-Muslime wiederum zeigten Verständnis für diese Positionen. Die Auseinandersetzung um das Kopftuch wurde als symbolischer Konflikt gedeutet, in dem deutlich wurde, dass die Beachtung des "Faktors Religion" und die Suche nach Wegen, den muslimischen Ansprüchen gerecht zu werden, für einen gelingenden Integrationsprozess von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist.

Es wurde darauf hingewiesen, dass neben dem Anlegen des Kopftuchs aus kulturell-religiöser Tradition heraus bei vielen jungen muslimischen Frauen Kopftuch und Integration zusammen gehörten, weil die die Beachtung des Verhüllungsgebots eine bewusste, individuell und autonom getroffene Entscheidung ausdrückt, die mit dem Anspruch korrespondiert, sich aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen. Dem standen jedoch Positionen gegenüber, die das Kopftuch eher kritisch einschätzten: Als Symbol für einen radikalen Islam oder, in gemäßigter Form, als Ausdruck rückständiger, patriarchaler Strukturen, die Frauen im Islam Gleichberechtigung grundsätzlich versagt. Bestenfalls wurde noch eine "unheilige" Allianz von Tradition und Religion eingeräumt, die der Islam jedoch nicht in der Lage sei zu überwinden, da ihm alle aufklärerischen Tendenzen fehlten.

Revitalisierung kritischer Haltungen

Seit einigen Jahren ist gegenüber Religionen, mindestens aber gegenüber dem Islam, wieder eine grundsätzlich kritischere Haltung festzustellen. Dafür dürfte mit verantwortlich sein, dass die Bedrohungen durch islamistische Terrorgruppierungen nicht abgenommen hat, dass auf der lokalen Ebene immer wieder Konflikte auftreten - markantes Beispiel ist der Plan für die Errichtung der sog. Kölner Zentralmoschee -, dass im Bereich des interreligiösen Dialogs Ernüchterung in dem Sinne eingetreten ist, dass die Unterschiede zwischen den Religionen deutlicher zutage getreten sind, und dass die Integration von Migrantinnen und Migranten insgesamt keine wirklich bedeutenden Fortschritte gemacht hat.

Für die Integrationspolitik im Allgemeinen hat sich das Hauptaugenmerk auf den Spracherwerb gerichtet, der gleichsam als Voraussetzung, wenn nicht gar als Allheilmittel für die Integrationsfähigkeit von Migrantinnen und Migranten angesehen wurde, so dass strukturelle Fragen - etwa der Integrationsbereitschaft der sog. Aufnahmegesellschaft - ausgeblendet wurden.

Im Bereich der Religionen ist der Aspekt einer "Domestizierung" von Religion deutlich in den Vordergrund getreten. So steht bei den verschiedensten Islamkonferenzen, sei es unter der Regie des Bundesinnenministeriums oder auf lokaler Ebene, immer die Forderung nach Anerkennung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes durch die Muslime an erster Stelle. Dabei gewinnt man den Eindruck, als würde von MuslimInnen manchmal mehr Liberalität gefordert als beispielsweise die konservativen deutschen Volksparteien zu leisten im Stande wären.

Auch in den Diskussionen um einen islamischen Religionsunterricht tritt ein gewisses Misstrauen gegenüber den islamischen Verbänden sowie der deutliche Wunsch nach staatlicher Einflussnahme auf die Lehrinhalte zu Tage. Die Evangelische Kirche in Deutschland wiederum argumentiert im Jahr 2006 in ihrer Handreichung "Klarheit und gute Nachbarschaft" zum Verhältnis von Christen und Muslimen in die gleiche Richtung, weil das Papier den Muslimen ein grundsätzlicher Nachholbedarf in Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter, Ächtung von Gewalt, Toleranz der Religionen und anderem mehr attestiert wird. All dies kulminiert in der kontinuierlichen Infragestellung der bestehenden muslimischen Verbände, da diese auf Grund ihrer Mitgliedschaftsstrukturen nur rund 15 % der Muslime in Deutschland repräsentierten, eine schweigende Mehrheit jedoch, die den eher orthodoxen Verbänden ohnehin kritisch gegenüberstünde, ohne öffentliche Repräsentation dastehe.

In diesen Argumentationen kehrt die frühere Einschätzung wieder: Religionen sind Relikte vormodernen Denkens. Auch wenn die fortbestehende Bedeutung von Religionen mittlerweile akzeptiert wird, gewinnt diese Haltung ein wirklich positives Verhältnis zu Religionen nur dann, wenn religiöse Bekenntnisse ihre Kompatibilität mit dem Mainstream gesellschaftlicher Wertvorstellungen erweisen. Religionen sind gern gesehen, wenn sie aufklärerische Positionen in religiöser Rhetorik verbreiten und so zum Partner der Kritik an diktatorischen Regimen werden. Ganz anders sieht es aus, wenn eine Religion beispielsweise auf der Lehrautorität des Klerus beharrt oder sexuelle Freizügigkeiten kritisiert.

Diese wieder kritischer werdende Haltung scheint durch zwei neuere Studien gestützt, die im letzten Jahr erschienen sind und die viel öffentliche Resonanz erfahren haben. Unter anderem im Auftrag der Wohnungswirtschaft und des Bundesfamilienministeriums hat das Heidelberger Unternehmen Sinus Sociovision Typen der alltagspraktischer Orientierungen von Migrantinnen und Migranten untersucht. Dabei wurden die sog. Sinus-Milieus verwendet, die auch andernorts in entsprechenden Erhebungen Verwendung finden. Die im Jahr 2007 publizierte Studie kommt zu dem Schluss, dass Religion nur bei älteren, nicht integrierten Migrantinnen und Migranten sowie in traditionellen Milieus von Bedeutung sei, in denen archaische oder ethnische Traditionen das dominante Merkmal der Milieubildung ausmachten. Insgesamt aber, so die Sinus-Studie, weisen die Migranten-Milieus eine hohe Kompatibilität zu den Milieus der einheimischen Bevölkerung auf, in denen Konsumorientierung, hedonistische Werte, Individualisierung oder "Multi-Optionalität" postmoderner Identität im prägend seien.

Im Auftrag des Bundesinnenministeriums wiederum erschien ebenfalls im Jahr 2007 eine umfangreiche Untersuchung zu Integration und Integrationsbarrieren von Muslimen. Im Gegensatz zu der auf rund 100 Interviews basierenden Sinus-Studie stützt sich Erhebung "Muslime in Deutschland" auf knapp 1000 Befragungen. Sie bildet deshalb nicht nur Typen, sondern hat repräsentativen Anspruch, wenngleich die Autoren einschränkend einräumen, dass ihre Erhebung nur in städtischen Räumen und mit überwiegend jüngeren Muslimen durchgeführt wurde. Im Ergebnis präsentieren die Autoren des Instituts für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg ein hohes Radikalisierungspotenzial unter den Muslimen, das sich nicht nur auf konkret erfahrene Stigmatisierungen zurückführen lasse, sondern auch auf eine stellvertretend eingenommene Opferrolle und einer grundsätzlichen Kritik am "Westen".

Während also die Sinus-Studie bereits in der Modellierung ihrer Lebenswelt-Milieus "Religion" ganz im Sinne des Säkularisierungsparadigmas nur unter archaischen Bedingungen ausmachen kann, finden die Kriminologen heraus, dass neben sozial marginalisierten Gruppen auch die muslimische Bildungselite für radikale, demokratiefeindliche Einstellungen zugänglich ist. Insgesamt kommt nach den Hamburger Kriminologen "Religion" bzw. in religiöser Sprache  formulierten Werthaltungen ein nicht zu unterschätzender Einfluss zu, auch wenn die Mehrheit der Muslime immer noch keinen Gegensatz von Islam und demokratischer Ordnung sieht und autoritäre Tendenzen unter muslimischen Jugendlichen unterer sozialer Schichten genauso weit verbreitet seien wie unter deutschen Altergenossen.

Unabhängig davon, dass in beiden Studien auch Aspekte von Wirklichkeit abgebildet werden, bleibt kritisch anzumerken: Das jeweilige Forschungsdesign sowohl in Bezug auf die Fragestellungen als auch auf die Konzepte, wie "Religion" in sozialwissenschaftlicher Weise operationalisiert, d. h. für vergleichende empirische Analysen begrifflich gefasst werden kann, spiegelt bestimmte Grundannahmen über Religion, die die innovativen Elemente von Religionen gerade in modernen Lebenswelten nicht in den Blick geraten lassen.

Religion und Innovation

Die Religionsgeschichte dokumentiert, wie Religionen zu allen Zeiten an der Weiterentwicklung von Gesellschaften maßgeblich beteiligt waren. Die Moderne ist davon nicht ausgenommen. Neuere Studien gerade auch zu muslimischen Frauen in westlichen Gesellschaften zeigen, wie der Islam beispielsweise Vermittlungsleistungen für den Ausgleich von Tradition und westlich-säkularer Lebenswelt erbringt. Es ist die Religion, die sowohl die kulturelle Rückständigkeit der Elterngeneration verständlich macht (und damit nicht beiseite schiebt), als auch mit ihrem Bildungsideal eine individuelle, von traditionellen Autoritäten losgelöste Aneignung des Islam befördert. Hier bildet sich für Frauen eine Brücke zu autonomen Lebenskonzepten, die sowohl Zwangsheirat ablehnt als auch zur aktiven Einmischung von Frauen in die Belange der islamischen Community und in die nichtislamische Mehrheitsgesellschaft motiviert. Beispiele hierfür sind etwa das Frauennetzwerk Huda oder Internet-Projekte wie muslimische-stimmen.de, die von Frauen initiiert worden sind.

Auch in vielen anderen Bereichen und selbst in den klassischen islamischen Verbänden existiert ein breites Spektrum inhaltlicher Auseinandersetzungen, das von den klassischen Zuschreibungen wie "orthodox", "fundamentalistisch", "archaisch" oder - als Gegenpol im säkularen Sinn - "modern" und "aufgeklärt" nicht erfasst wird. Gleiche Prozesse der Veränderung und Erneuerung lassen sich auch bei anderen, mehrheitlich von Migrantinnen und Migranten getragenen Religionsgemeinschaften ausmachen.

Angesichts der Herausforderungen, die Pluralität und Komplexität moderner Gesellschaften mit sich bringen, wäre es deshalb fahrlässig, nicht zu versuchen, möglichst viele Akteure an der Bewältigung der Herausforderungen zu beteiligen. Die Entwicklungslinien der Gesellschaft sind nur in wenigen Bereichen so klar wie etwas hinsichtlich der Bewahrung der Lebensgrundlagen der Menschheit. Auch hierbei geben Religionen wichtige Anstöße und leisten ethische Absicherung notwendiger Veränderungen. In Fragen der ethischen Fundierung des Zusammenlebens, des Wirtschaftens, der Gestaltung der Globalisierung können Religionen entscheidende Beiträge leisten, die von zerstörerischen Marktprinzipien wegführen.

Auch in den Fragen rund um Integration fordert religiöse Pluralisierung die Veränderung geradezu heraus: Es wird beispielsweise immer deutlicher, dass das deutsche Religionsrecht auf Dauer nicht in der Lage ist, für alle Religionen einen angemessenen rechtlich-organisatorischen Rahmen zu geben. Im Schulbereich stößt die quantitative Ausweisung konfessionellen Religionsunterrichts auf Dauer an seine Grenzen und fordert eine neue Bestimmung im Verhältnis von Religionen an der Schule und staatlichem Bildungsauftrag. Alternative religiöse Bestattungsvorschriften, die in Konflikt mit hergebrachten Grundsätzen und Trägerschaften von Friedhöfen geraten, befördern die Pluralisierung des Bestattungswesens, die individuellen Bedürfnissen besser Rechnung tragen wird.

Diese wenigen, aktuell diskutierten Beispiele verweisen außerdem darauf, dass auch unter den Bedingungen religiöser Pluralisierung Prozesse von Individualisierung - einer Grundkomponente in der Entwicklung moderner Gesellschaften - weiter fortgesetzt werden. Die Einbeziehung von Religionen in die Debatten um die Zukunft der Gesellschaft führt gerade nicht zur Unterdrückung von Entwicklung unter den Vorzeichen autoritativer religiöser Lehren. Die vorhandenen innovativen Potenziale werden nicht durch Ausgrenzung oder Assimiliation, sondern durch Anerkennung von Differenz, durch die notwendigerweise entstehenden Konflikte und durch ihre Lösung hervorgerufen und wirksam. Dabei unterliegen die Religionen wie die Gesellschaft als Ganzer einer Dynamik, die bei allen beteiligten Akteuren zu Veränderungen führt. Es wäre also fatal, würde man in Bezug auf Religionen allein die kontraproduktiven Möglichkeiten im Blick haben und nicht nach positiven Ansätzen und Anschlussmöglichkeiten fragen. Dass hierbei die gegebenen Repräsentationsinstitutionen der Religionen eingebunden sein müssen, gerade weil man auch Veränderungsprozesse in den vorhandenen Strukturen erreichen möchte, sollte selbstverständlich sein.

 

Steffen Rink ist Religionswissenschaftler und Mitbegründer des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst e. V. (REMID). Er ist selbständig und als Lehrbeauftragter an den Universitäten Marburg und Bayreuth tätig.

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