„Kleiner schwarzer Stein” Leseprobe von Zeynel Abidin Kızılyaprak

„Kleiner schwarzer Stein” Leseprobe von Zeynel Abidin Kızılyaprak

 

Ali konnte kein Kurdisch; er kannte seine Muttersprache nicht... Seine Mutter sagte häufig: „Meine Zunge wird müde vom Türkisch-Sprechen“, und ging zu den Eltern und manchmal zu ihren Nachbarn, um Kurdisch zu sprechen... Nicht nur außerhalb, sondern auch in Alis Heim gab es ein unausgesprochenes Verbot, Kurdisch zu reden. Alis Vater, der vor Jahren den Assimilations-Prozess durchlaufen hatte, war nicht einverstanden, wenn Alis Mutter zu Hause Kurdisch sprach. Manchmal fragte Ali seinen Vater:

- Sind wir kurdisch oder türkisch?
- Wir sind Türken, Sohn... Kurden sind Bauern, wir aber sind Städter.
- Aber warum spricht Mutter Kurdisch?
- Weil sie aus einer Bauernfamilie kommt, Sohn...

Aber wenn sie allein war, sprach seine Mutter anders:

- Mutter, sind wir kurdisch oder türkisch?
- Natürlich sind unsere Vorfahren kurdisch, mein Kind...
- Aber Vater sagt, das ist nicht so?
- Hör nicht auf deinen Vater...
- Aber warum sprechen wir – meine älteren und jüngeren Brüder und Schwestern, ich – immer Türkisch?
- Weil wir euch kein Kurdisch beigebracht haben, Sohn. Warum nicht? Weil Kurdisch keine Zukunft besitzt. Wenn du kein Türkisch kannst, kannst du nicht Medizin studieren. Wenn du kein Arzt wirst, wer wird mich behandeln, wenn ich krank bin?

So also sah es in Alis Familie aus, und solche Familien waren in der Stadt die Regel. Lassen wir außer Acht, dass aus Ali nie ein Arzt wurde; sehen wir uns einfach nur das imaginäre Bild seiner Straße an in dem Augenblick, als er mit seinen Freunden spielt. Aus ähnlichen Gründen war vielleicht die Sprache in Alis Straße zur Hälfte Kurdisch, zur Hälfte Türkisch. Dies aber hinderte die Kinder nicht daran, miteinander zu spielen, sie waren daran gewöhnt, sie dachten, so müsste es sein... Sie konnten sogar mit denen kommunizieren, die keine von beiden Sprachen sprachen, indem sie die Sprache des Spiels verwendeten... Und jetzt teilte Ali seine Schule mit seiner Straße und mit anderen Freunden.

In den ersten Schultagen wurde sich Ali des Unterschieds zwischen seinen Freunden und ihm und den anderen bewusst. Die meisten seiner Klassenkameraden waren „Bauern“; sie sahen den Lehrer, der die Stunde mit seiner dunklen Stimme erklärte, nur auf merkwürdige Weise an, ohne dass sie ein Wort von ihm verstanden, denn der Lehrer sprach in einer fremden Sprache...

Er hatte schon vorher festgestellt, während sie im Schulhof spielten, dass die meisten seiner neuen Freunde Kurdisch sprachen. Aber, wie wir schon bemerkt haben, war er daran von der Straße gewöhnt. Und, wie wir auch schon festgestellt haben, war es möglich zu spielen und dabei verschiedene Sprachen zu sprechen...

Die meisten von Alis Mitschülern waren Kinder aus Familien, die neu aus Dörfern zugewandert waren. In der Klasse bevorzugte der Lehrer „Stadt“schüler wie Ali, die Minorität, denn er musste ihnen kein Türkisch beibringen. Aber die anderen?! Die anderen konnten nur Kurdisch sprechen, und für sie war Türkisch nicht nur eine Fremdsprache, sondern auch schwierig zu lernen. Der Lehrer erkannte schnell, wie schwierig es war, den Kindern Türkisch beizubringen, und bald fand er einen „praktischen“ Weg, wie sich diese Schwierigkeit überwinden ließ. Später würde Ali noch lernen, und gut lernen, dass der „praktische“ Weg der Offiziellen in diesem Land immer zu einer Menge Tränen führte... Der Lehrer, dessen Gesicht gelblich gefärbt war und der keinen Bart trug, sah ganz anders aus als die Menschen aus Alis Stadt. Eines Tages kam er in das Klassenzimmer und hielt einen kleinen, schwarzen Stein in der Hand. Er hatte einen selbstzufriedenen Ausdruck im Gesicht, wie jemand, der eine einfache Lösung für sein Problem gefunden hat, und sprach zu den Schülern mit einer Stimme, die an die Stimme des Gendarms erinnerte:

- Von jetzt an dürfen alle Kinder in der Klasse nur noch Türkisch sprechen! Und zwar sowohl im Klassenzimmer wie auch im Schulhof! Jeden Morgen werde ich diesen Stein dem Klassensprecher geben. Wenn jemand nur ein Wort Kurdisch spricht, wird der Sprecher ihm diesen Stein geben. Weigert sich dieser Schüler, den Stein anzunehmen, wird der Klassensprecher den Stein in dessen Tasche stecken. Dann wird der Schüler ihn an die nächste weitergeben, die Kurdisch gesprochen hat. Ich werde auf die Handflächen eines jeden schlagen, der den Stein am Ende des Tages besitzt, und ich schlage mit dem Lineal so lange, bis die Handflächen rot werden!... Wenn der Stein verloren geht, oder wenn der Schüler, der den Stein hat, ihn mir nicht zurückgibt, wird die Strafe auf die ganze Klasse zurückfallen.

Zunächst dachten Ali und seine Freunde, dies sei einfach ein Spiel. Am ersten Tag wechselte der Stein in der Klasse von dreißig Schülern ungefähr zehn Mal den Besitzer... Am Ende des Schul-tages, als die Klasse die Tränen mitansah, die aus Fatso Kemos verängstigten Augen bei jedem Schlag mit dem Lineal strömten, erkannten sie, dass dies kein Spiel war...

In den folgenden Tagen wollte niemand den Stein nehmen; und ängstliches Flüstern ersetzte die lauten Rufe auf Kurdisch während der Spiele in der Pause. Alis Kurdisch sprechende Freunde hatten alle gelernt: Der kleine schwarze Stein verhieß große Bestrafung... Derjenige, der den Stein nehmen musste, hielt nach dem Nächsten Ausschau, dem er ihn wieder geben konnte. Sie begannen, ihre Freunde auszuspionieren; manchmal informierten auch enge Freunde den Steinträger darüber, wer Kurdisch gesprochen hatte... Kleine Herzen schlagen vor Angst, junge Hirne werden überwältigt von ihrer Ungeduld auf der Suche nach Wegen, wie sie den Stein loswerden können...Die Spiele machten keinen Spaß mehr... Die meisten von Alis Freunden versuchten, bei den Spielen still zu bleiben. Die wenigen Stimmen, die zu hören waren, waren alle türkisch. Diese Sprache konnte Ali sehr gut...

Nach einer kurzen Zeit begann Ali, dies zu bedrücken. Warum?...

Die Antwort in unserer Geschichte ist nicht ganz klar. Vielleicht dachte er, dass die Tatsache, dass er Türkisch sprach, ihn vor Strafe bewahrte und ihn daher in den Augen seiner Freunde herabsetzte, vielleicht fühlte er sich, als würde seine Mutter bestraft. Egal aus welchem Grund, er war verstört... Er dachte immer wieder an seine Freunde, die nicht Türkisch sprachen und die ihn mit Wut in den Augen ansahen, dann an seine Mutter, die immer einen entspannten Gesichtsausdruck trug, deren Augen vor Glück strahlten, wann immer sie Kurdisch hörte oder sprach... Oder an seine Großmutter, die ihm immer wieder Lieder vorsang, die er zwar nicht verstand, die er aber in seinem Herzen nachempfand...

Er dachte jetzt auch, dass er zu denen gehören sollte, die vor der Tafel standen und bestraft wurden. Wenn nicht, so würde ihm sein Gewissen während der Spiele keine Ruhe lassen, vielleicht würden ihn die Mädchen links liegen lassen, und am wichtigsten vor allem, zu Hause würde er weiterhin auf merkwürdige Weise seine Mutter anstarren...

Ali hatte schließlich die Gelegenheit, sein Gewissen und seine Position reinzuwaschen... Ein Streit brach auf dem Schulhof um die Übergabe des Steins zwischen ihm und seinen Freunden aus... „Sissy Izzet“, der den schwarzen Stein trug, versuchte, ihn an „Monkey Hasan“ weiterzugeben, der, so behauptete Sissy, nach ihm selbst Kurdisch gesprochen hatte. „Monkey Hasan“ war der Ärmste und Schwächste in der Klasse und ein Nachbar von Ali von der Straße. Er bewegte den Kopf von links nach rechts, hoch und hinunter, um seinem Argument Geltung zu verleihen, daß er nicht Kurdisch gesprochen hatte. Verbal war ihm dies nicht möglich, denn er hatte noch nicht genug Türkisch gelernt. Seine Augen waren vor Angst ganz weit geöffnet und sein Gesicht war nass vor Schweiß. Der Streit ging weiter...

In nur wenigen Sekunden würde die Glocke den Beginn der letzten Stunde signalisieren...

Ali, dessen kindliches Herz von merkwürdigen Gefühlen erfüllt war, die er nicht benennen konnte, schritt plötzlich auf die Kämpfer zu. Einen kurzen Augenblick lang dachte er an das scharfe Geräusch des Lineals, wie es auf die Handfläche schlug; er bekam Angst. Aber er befand sich schon in der streitenden Gruppe... Er streckte seine Hand in Richtung Izzet aus, der noch immer versuchte, Hasan den Stein zu geben, und sagte: „Mide!“ („Gib her!“ auf Kurdisch)... Dies gehörte zu den wenigen kurdischen Worten, die er von seiner Mutter, seiner Großmutter, seinen Nachbarn und auf der Straße gehört hatte, und dessen Bedeutung er kannte. So endete der Streit! Es lag klar auf der Hand, wer der letzte Kurdisch-Sprecher gewesen war. Ali war der Letzte, der „Mide!“ gesagt hatte. Obwohl einige wenige seiner engen Freunde etwas wie, „Er kann gar kein Kurdisch. Das ist unfair“, murmelten, blieb es bei den Regeln, und auch die Bestrafung blieb dieselbe. Er legte den kleinen, schwarzen Stein in seine Tasche und fühlte, wie der kalte Angstschweiß ihm den Rücker herunter lief, und er zitterte. Er versuchte, seine Angst zu bewältigen, aber es gelang ihm nicht wirklich. Sogar das Lächeln, das er an die Mädchen in der ersten Reihe richtete, war schwach und spiegelte seine Angst. Und sein Vorhaben, die Mädchen zu beeindrucken, verschwand dahinter.

Der Lehrer betrat das Klassenzimmer und besprach die Stunde... Ali konnte – zum ersten Mal – kein Wort verstehen, was er sagte; Ali, der beste Schüler der Klasse! Stattdessen hörte er das vibrierende Geräusch des Lineals. Sein Herzschlag wurde immer schneller, als er an das Gesicht seiner Mutter und an die Schreie seiner Freunde dachte... Er konnte seine Augen nicht vom Lineal auf dem Tisch des Lehrers abwenden...... Ein Gefühl der Reue, und auch des „Du kannst es nicht ungeschehen machen, es wird nicht anders“, durchzog seine Gedanken...

Die Stunde endete schließlich... Das Warten endete... Und die täglich wiederholte Frage des Lehrers hallte im Klassenzimmer: Jaaa!.. Wer immer jetzt den Stein hat, trete nach vorne! In den letzten vierzig Minuten hatte Ali die Angst vor dem Lineal besiegt... Aber niemand konnte seinem Schicksal entkommen. Seine Vorfahren hatten ihm beigebracht zu glauben, dass „Was auch immer dein Schicksal ist, es geschieht...“ Und auf jeden Fall, in ein paar Minuten würde es vorbei sein, dieses Gefühl der Beklemmung, der Scham und was immer dieses Gefühl war, das er nicht kannte, das würde zu Ende gehen...

Er ging nach Hause, seine Hände waren rot und geschwollen und brannten vom Schlagen. Aber es schien, als wärmte die Hitze seiner Hände das Herz... Es war geschehen! Jetzt fühlte er sich seinen Freunden gegenüber ebenbürtig, und auch seiner Mutter... An diesem Tag küsste ihn seine Mutter mit mehr Wärme, roch an seinem Haar, umarmte ihn, liebkoste ihn, küsste ihn minutenlang, versuchte, ihre tränenerfüllten Augen zu verbergen...

Sie aber, schenken Sie dieser Geschichte nicht allzu viel Beachtung;
Ali ist nur ein Kind...
Sie sind kein Kind/wir sind keine... Logik... Realität... Geist...all dies steht zu unserer Verfügung, und diese Fähigkeiten sind loyale Diener, die uns vor Kindern beschützen...

Wir sind keine Kinder wie Ali, und wir hören den Liebhabern des Steins nicht zu, die uns sagen, dass unser Problem eben darin bestünde, dass wir keine Kinder sind. Meiden Sie Steine – Bestrafungen! Schämen Sie sich nicht dafür, Scham ist längst Teil der Vergangenheit... Auch Ali wurde in der Vergangenheit zurückgelassen...


Zeynel Abidin Kızılyaprak ist einer der wichtigsten kurdischen Publizisten und Essayisten. Wegen seiner journalistischen Arbeit ist er in der Türkei oft Opfer politischer Verfolgung geworden. Stipendienaufenthalte in Deutschland; heute lebt er in Istanbul.