„Die Eselsohren” Leseprobe von Amir Valle

 

Heinrich Böll kam so gegen sieben. Es schneite in Langenbroich. Eine feine Schneeschicht bedeckte Häuser und Bäume und wegen der eisigen Böen sogar die Zäune. Seltsamerweise war es nicht kalt. Oder zumindest nicht so kalt, wie es sich jemand, der gerade aus der warmen Karibik gekommen war, an einem Ort vorstellte, wo alles von Schnee bedeckt war. Vielleicht wegen der Helligkeit des Schnees oder des Lichts der runden Lampe an der Außenveranda des Hauses oder weil sich meine Augen inzwischen daran gewöhnt hatten, jeden Abend im Halbdunkel den kurzen Weg abzusuchen, der von meiner Wohnung zu der Veranda führte, sah ich, wie sich ein Mann näherte, die drei alten Holzstufen erklomm und die Tür aus Holz und Glas öffnete.

Er hielt ein Buch in der Hand und ließ sich mir gegenüber auf einem der Korbstühle nieder.

„Das war ein seltsamer Winter", sagte er und begann in dem Buch zu blättern, vertiefte sich in die Seiten mit dieser Freude, die ein Autor angesichts jeder neuen Veröffentlichung verspürt.

Ganz in Ruhe konnte ich jedes Detail seines Kopfes betrachten: das bereits graue und lichte Haupthaar, das an den Seiten voll war und seine Ohren bedeckte, und eine ebenfalls graue Strähne genau in der Mitte des Kopfes, die er neckisch zur Seite gekämmt hatte; seine buschigen, wirren Augenbrauen; die tiefen Falten auf der Stirn ... genau so, wie die Fotos ihn zeigten, die an einigen Wänden im Haus hingen oder die ich in Büchern und im Internet gefunden hatte.

„Das hier ist ein großes Buch", sagte er und hob den Kopf, um mich anzuschauen. „Ist es in Kuba veröffentlicht worden?"

Ich zog es vor zu lügen. Eine Sekunde genügte, in der mein Gehirn mir auftrug: Lüg, Amir, es lohnt sich nicht, diesen Mann zu betrüben mit der peinlichen Wahrheit, dass dieser Klassiker in Kuba nicht erschienen ist, und wie zur Bestätigung nickte ich leicht.

„Alle kubanischen Schriftsteller bewundern Solschenizyn", sagte ich.

Und das stimmte. In Kuba waren auch ein paar Romane des Mannes veröffentlicht worden, der mir jetzt stumm gegenüber saß und mich neugierig und mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen betrachtete, so als wüsste er, dass ich log, und als Nikita Chruschtschow öffentlich den Stalin-Kult geißelte, war sogar Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Solschenizyn erschienen, demselben Autor des Buches, das Böll in seinen schlanken knochigen Händen hielt: Archipel Gulag.

Ich sollte ihm erzählen, dass unter dem ideologischen Fundamentalismus, der seit über drei Jahrzehnten in meinem Land herrscht, dieses Buch niemals veröffentlicht werden würde. Es war zu viel Gift darin, und es traf das System ins Mark, das nach dem Willen von Fidel Castro und unter dem Druck der kommunistischen Sowjetregierung auf der Insel eingepflanzt worden war. Genau aus diesem Grund glich es in Kuba einer Heldentat, irgendeine, stets ausländische, und von den vielen heimlichen Lektüren halb zerfallene Ausgabe zu finden, von Autoren wie Milan Kundera, Josef Brodsky, Mario Vargas Llosa und vielen anderen, eine Liste, die immer länger wurde. Möglicherweise wusste er sogar, dass die Werke einiger großer kubanischer Schriftsteller, die beschlossen hatten ins Exil zu gehen, verboten waren; Guillermo Cabrera Infante, Reinaldo Arenas, Gaston Baquero und Severo Sarduy.

Ich hatte Archipel Gulag im Verborgenen gelesen, in der exklusiven Bibliothek von Alejo Carpentier, wo er zuletzt in der Altstadt von Havanna gelebt hatte. Ich wollte es Böll erzählen.

„Es ist eins der erschütterndsten Bücher, die ich kenne", bemerkte ich. „Es ist, wie Sie sagen, ein großes Buch."

Er lächelte, und die Falten auf seiner Stirn und um seine Augen gruben sich noch tiefer ein.

„Wusstest du, dass er aus irgendeinem seltsamen Grund immer diesen Platz zum Lesen gewählt hat, auf dem du gerade sitzt?", fragte er.

Ich verneinte mit einem Kopfschütteln. Es war unglaublich, dass solche Dinge geschahen. Oder vielleicht waren sie vom Schicksal vorherbestimmt: dieser unsichtbare Weg, unbekannt und beunruhigend, der von Gott bereits bei deiner Geburt vorgezeichnet ist. Sonst könnte man nicht verstehen, dass ich vor Jahren in Kuba Billard um halb zehn und Gruppenbild mit Dame von diesem alten Herrn gelesen hatte, der jetzt in die Nacht hinaus blickte, ohne zu wissen, dass ich eines Tages auf diesem ehemaligen Gehöft sein würde, wo er seine letzten Lebenstage verbracht und zahlreiche Freunde empfangen hatte, große Schrittsteller ihrer Zeit, auch wenn für mich der wichtigste der Russe Solschenizyn war, der, der sich immer in denselben Stuhl gesetzt hatte, in dem ich jeden Nachmittag las und die Stille genoss, die entsteht, wenn sich die Nacht über ein Dorf herabsenkt. Weder die liebenswürdige Sigrun Reckhaus noch der überaus aufmerksame Peter Faecke oder die herzliche Karin Clark, die irgendwie für meinen Aufenthalt im Heinrich-Böll-Haus verantwortlich sind, kämen wohl je auf den Gedanken, den Plan meines Gottes erfüllt zu haben.

„Bist du fertig mit deinem Roman?", hörte ich ihn fragen.

Woher wusste er das? Nicht einmal meiner Frau Berta, die mich begleitete, hatte ich erzählt, dass die drückende Stille von Langenbroich mir ermöglicht hatte, den Schluss meines Romans Die Wörter und die Toten zu überarbeiten. Es war ein seltsamer historischer Roman über das Kuba der letzten sechzig Jahre, und das machte ihn so schwierig. Ich brauchte Stille, raschen Zugang zu historischen Quellen, die man nur im Internet finden konnte, und eine Geduld, die nichts gemein hatte mit der, die mich gefangen nahm, wenn ich meine Kriminalromane schrieb.

„Es war schwierig, ja, aber ich bin fertig", erwiderte ich.

„Über das zu schreiben, was man gerade selbst erlebt, ist immer schwierig", stellte er fest, während er nach draußen auf die tanzenden Schatten blickte, die wieder von wirbelnden Schneeflocken umhüllt wurden. „So ist es mir gegangen, als ich Ansichten eines Clowns geschrieben habe. Es ist eine merkwürdige Unsicherheit, meinst du nicht?"

Ich nickte. Böll ließ seinen Blick einen Moment auf mir ruhen, mit dieser nüchternen Eindringlichkeit, mit der Menschen dreinblicken, die schon lange Licht und Schatten in der Welt erlebt haben. Ich musste den Kopf senken.

„Wichtig ist, dem treu zu bleiben, was man denkt", sagte er daraufhin, und ich verspürte Erleichterung, so als lastete das Gewicht seines Blickes nicht mehr auf mir. Als ich aufsah, sprach Böll weiter, während er auf den Apfelbaum inmitten des Gartens blickte, in der Nähe des kleinen Teichs, den ich erst vor ein paar Tagen von Laub und Gestrüpp befreit hatte, die ihn fast verdeckten.

„Ich muss mich bei dir bedanken", murmelte er, den Blick starr auf das Eis auf dem Teich gerichtet, das im schwachen Licht der Veranda zaghaft glitzerte.

„Bei mir bedanken?", wollte ich wissen.

„Annemarie liebte diesen Teich", fuhr er fort, als spräche er zu sich selbst. „Sie hat bestimmt, welche Fische dort leben sollten. Manchmal habe ich gesehen, wie sie sich mit der gleichen Zuneigung um die Fische gekümmert hat, wie um Rene und Vincent. Aber manche haben eben dieses Pech: Einer stirbt, und nur ganz wenige Menschen erinnern sich daran, dass diese kleinen Dinge ebenfalls bedeutend und irgendwie ein Teil unseres Lebens waren."

Das Haus verfiel langsam. Nach und nach, mit dieser unmerklichen Langsamkeit, mit der die Zeit das zerstört, was man benutzt und nicht erhält. Und das tat weh. Ich kam aus einem Land, wo die Erinnerung an die großen Gestalten der Nation wie ein Kult gepflegt wurde. Die Insel war voller Museen. Und die Leute zeigten sich sogar von einem Nachttopf ergriffen, in den eine herausragende Persönlichkeit gepinkelt hatte, oder von einem Löffel, mit dem man einem berühmten Maler seine Medizin verabreicht hatte, bevor er an Tuberkulose starb, oder von der altmodischen Underwood-Schreibmaschine aus schwarzem Stahl, mit der ein Schriftsteller den universellsten seiner Romane geschrieben hatte.

Doch wir besaßen keinen Nobelpreisträger, bis auf Hemingway, der kein Kubaner war, jedoch auch in einem Landhaus gewohnt hatte, das ebenfalls in ein Museum, die Finca Vigia, umgewandelt worden war. Und der, der Kandidat für den Preis hätte sein können, Alejo Carpentier, hatte sich damit begnügen müssen, einer der drei Cervantes-Preisträger zu sein. Die beiden anderen waren Dulce Maria Loynaz und Guillermo Cabrera Infante. Erstere hatte ebenfalls ein Museum. Cabrera Infante allerdings nicht; den wollte die Regierung der Insel nicht einmal gemalt sehen.

Ich bemerkte das gegenüber ein paar deutschen Schriftstellerkollegen, Mitarbeitern der Heinrich-Böll-Stiftung und einigen Besuchern, die nach Langenbroich kamen und dachten, dass sie dort ein Museum vorfinden würden; wie konnte sich ein Land mit einem solchen kulturellen Erbe den Luxus erlauben, einem so großen Mann, wie er mir gegenüber saß, kein Museum zu widmen, wo sein Nachlass, seine Habseligkeiten, sein Werk und seine Gegenwart zu besichtigen und zu spüren wären?

„Hast du diese Schritte bemerkt?", hatte mich meine Frau in unserer ersten Woche an diesem Ort gefragt.

„Das müssen die Ratten sein", erwiderte ich.

Und ich sah, wie sie energisch den Kopf schüttelte.

„Das sind die Schritte von einem Menschen", sagte sie.

Ich konnte sie spüren. In den ruhigen Winternächten, wenn nur das Pfeifen des Windes zu hören war, der über das Dach und durch die Bäume fegte, oder das laute Wiehern von Herrn Pöppings Pferden im nahegelegenen Stall; das Trampeln von dort war zu laut, um es zu ignorieren.

„Ja, sie sind von einem Menschen", sagte ich eines Abends zu meiner Frau. „Und sie kommen aus der benachbarten Wohnung."

Frau Ludwig, eine Nachbarin und Freundin der Familie in Langenbroich, hatte uns erzählt, dass in dieser Nachbarwohnung Heinrich Böll am 16. Juli 1985 gestorben sei.

„Aber man hört Schritte in der Nacht", erzählten wir ihr.

Wir sahen, wie sie lächelte.

„Ah", sagte sie. „Dann kennen Sie also schon den Geist von Herrn Böll."

„Manchmal gehe ich spazieren, wenn es schneit", sagte Böll zu mir und erhob sich. „Aber ich kann mich nicht weit vom Haus entfernen. Nicht wegen der Kälte. Ich habe Angst."

„Angst?", fragte ich erstaunt. Konnte ein Mann von seinem Charakter Angst haben, jetzt, wo er den Gefahren der Welt nicht mehr ausgesetzt war?

„Angst, Junge", und seine Stimme hallte, klang nach Jenseits, nach dieser anderen Welt, in der er lebte. „Ich habe Angst, dass das bisschen von mir, was hier noch existiert, verloren geht, wenn ich mich zu weit entferne."

„Eines Tages wird hier ein Museum entstehen, da, wo Sie leben", sagte ich zu ihm wie zum Trost. „Und in den restlichen Wohnungen wird es weiter Stipendiaten geben, die diesen Ort in Ehren halten, Meister."

Ich sah, wie er lächelte, und seine Augen leuchteten mit einer Reinheit, mit der Kinder in die Welt schauen.

„Hoffentlich, mein Junge, hoffentlich", sagte er und ging zur Tür.

Als er sie öffnete, drang von der Veranda Kälte herein. Er wollte gerade die Stufen hinuntersteigen, als ihn etwas innehalten ließ. Er drehte sich um und sah mich an.

„Bevor ich's vergesse", sagte er. „Viel Glück mit Ihrem Roman."

Jetzt war es an mir zu lächeln. Diese Worte brachten mich auf einen ungewöhnlichen Gedanken: Vielleicht hatte Heinrich Böll ja seine schlaflosen Nächte in der Wohnung nebenan genutzt, um das Manuskript zu lesen, das ich von meinem Roman Die Wörter und die Toten ausgedruckt hatte. Nur so konnte ich mir erklären, dass während ein paar Tagen das Manuskript immer wieder an anderen Orten aufgetaucht war; ich hätte schwören können, es woanders hingelegt zu haben. Nur so gab es auch eine Erklärung für die kleinen Eselsohren, die irgendjemand in die ausgedruckten Blätter gemacht hatte.

Ich sah, wie er die kurzen Stufen hinabstieg, vorsichtig die Außenveranda entlangging und dabei auf den Boden blickte, um nicht im Schnee auszurutschen, und schließlich auf dem Weg in seine Wohnung, aus der ich jede Nacht die Schritte hörte, auf dem Hof verschwand. Er wurde begleitet von diesem magischen Licht, das die erleuchteten, die, wie soll ich sagen, Geister begleitet.

Als ich beschloss, schlafen zu gehen und die Veranda verließ, noch immer verstört von diesem Besuch und mit dem Widerhall seiner Worte in meinem Kopf, konnte ich im frisch gefallenen Schnee deutlich die Spuren seiner Pantoffeln erkennen.

 

Aus dem Spanischen von Susanna Mende
 


Amir Valle

 

Über den Autor
(weiter)

"My mind is now much more open"
Interview mit Amir Valle (weiter)

All rights reserved.
Weiterführende Links