"Gute Migranten und schlechte Migranten" - Medien sind faule Klischee-Motoren

"Gute Migranten und schlechte Migranten" - Medien sind faule Klischee-Motoren

von Ferda Ataman

Eigentlich könnte man sagen, schlechte Einwander – bildungsfern und kriminell – sind die guten Einwander. Zumindest sind sie es in gewisser Hinsicht: Denn eine Faustregel im Mediengeschäft lautet „only bad news are good news“, nur schlechte Nachrichten sind gute. Sie verkaufen sich einfach besser. Wenn eine junge Türkin von ihrem Bruder umgebracht wird, interessiert das mehr Menschen, als ein Bericht über aufstrebende Jungunternehmer aus Duisburg-Marxloh.

Wenden wir die Medienregel auf das Einwanderungsland Deutschland an, heißt das: „Schlechte Migranten sind gute Migranten“. Die braven Einwanderer dagegen – Bruttosozialprodukt-tauglich und optisch unauffällig – taugen nicht als Medienspektakel. Von Journalisten werden sie einfach ignoriert. Sie zu vernachlässigen ist nicht zuletzt deswegen leicht, weil Eingebürgerte statistisch nicht erfasst werden. Sie gehen als Deutsche im Mehrheitsbrei unter. Meistens jedenfalls.

Dabei würde sich ein Blick auf diese Gruppe lohnen: Unter Neudeutschen gibt es zum Beispiel 30 Prozent Abiturienten, unter den Ureinwohnern sind es nur 27 Prozent. Das besagt der Integrationsbericht aus Nordrhein-Westfalen, der zwischen Eingebürgerten und Biodeutschen unterscheidet. Der Befund wirft das Klischee des bildungsarmen Einwandererkinds über den Haufen und ist längst nicht der einzige Integrationserfolg.

Trotzdem handelt auch heute noch fast jeder Bericht über Migranten von Problemen, gescheiterten Existenzen und blutigen Familienfehden. Der Schläger Ali, die zwangsverheiratete Fatma oder der Hauptschüler Hassan, dessen Karriere höchstens die eines Drogenhändlers wird – sie sind die Medienstars im Einwanderungsland Deutschland.

Wann immer ich mich in Berliner Stadtteilen wie Kreuzberg oder Neukölln als Journalistin von einem deutschen Medium zu erkennen gebe, werde ich darauf angesprochen. „Warum schreibt ihr nur Schlechtes über uns?“, fragen mich anatolische Landsleute. Sie sind wütend. Die Mediendemokratie ist auch nicht fairer zu ihnen als die deutschen Politiker, die Integration am liebsten mit „Rückführungspolitik“ gleichsetzen würden. So zumindest empfinden viele.

Ich versuche sie zu beschwichtigen, sage, dass diese Geschichten ja immerhin der Wahrheit  entsprechen und es doch gut ist, wenn man kritische Themen anspricht. „Die Wahrheit besteht nicht allein aus negativen Geschichten“, lautet die Antwort, „so aber denken die Menschen schlecht über uns.“ Womit sie leider Recht haben. Und das ist ein Problem. Integration findet zuerst in den Köpfen statt – im Bewusstsein der EinwanderInnen, aber auch der deutschen UreinwohnerInnen.

Im Fernsehen und in den Nachrichten werden Bilder in deutsche Köpfe eingepflanzt, die später Assoziationen bei Schlagwörtern wie „Ehrenmord, Islam, Kopftuch“ wecken, vor allem negative. Und es ist nun mal so: Was wir über jemanden denken, beeinflusst unser Handeln. Das heißt, wer Informationen verbreitet, beeinflusst damit die Gesellschaft. Massenmedien haben daher eine Verantwortung.

Das gefährliche Ungleichgewicht in der Berichterstattung über Einwanderer ist in der Öffentlichkeit inzwischen so oft angesprochen geworden, dass es niemand mehr ernsthaft leugnet. Daher versuchen einige Leitmedien neuerdings, positive Migrantengeschichten in ihr Themenbouquet einzustreuen. Nur: Wenn Medien positiv berichten, dann ist das meist ohne Anlass und erbarmungslos langweilig.

So wie eine wohlmeinende Titelgeschichte des Magazins „Der Stern“ im Jahr 2007. „Kinder der Gastarbeiter: Unsere Super-Türken“ hieß der plumpe Versuch, einmal nicht negativ zu berichten. Neun deutsche Edeltürken durften in wenigen Zeilen ihren Lebenslauf schildern – langweilige Eckdaten von neun Erfolgsgeschichten auf ganzseitigen Fotos. Darunter: Der junge Popstar Muhabbet, aber auch unbekannte Quotennummern, wie etwa ein Finanzberater und eine Professorin für Wirtschaftsrecht.

Letztere musste auch in der Wochenzeitung „Die Zeit“ als Vorzeigetürkin herhalten, als eine von „sechs prominenten Einwandererern“. Natürlich könnte es sein, dass es in Deutschland einfach keine anderen Super-Anatolen gibt. Wahrscheinlicher ist aber, dass es der Redaktion an Recherchewillen mangelte: „Da war doch so eine junge Professorin im Stern, nehmen wir doch einfach die.“

Bei den wenigen positiven Berichten spielen Regeln des Qualitätsjournalismus offenbar keine allzu große Rolle. Vergeblich sucht man nach einem aktuellen Aufhänger – ohne den sonst kaum ein Stück den Sprung in die Medien schafft. Ich kann mich an keinen überregionalen Beitrag über Integrationsvorbilder erinnern, der nicht genauso gut auch am nächsten Tag – oder im nächsten Jahr! – hätte erscheinen können.

Genauso ist mir auch noch kein freundliches Migrantenstück aufgefallen, das durch Kreativität oder aufwendige Recherche geglänzt hätte. Es gibt eine Gruppe von etwa 15 „Integrationswundern“ – PolitikerInnen, AutorInnen, SchauspielerInnen, RegisseurInnen und WissenschaftlerInnen – die immer wieder aus dem Hut gezaubert werden, wenn es um Erfolgsgeschichten geht. Selten macht sich ein Journalist oder eine Jouranlistin die Mühe, ein neues Gesicht mit einer spannenden Geschichte vorzustellen.

Das ist schade. Fließband-Portraits nach dem Motto „schaut her, es gibt auch Migranten, die es zu etwas gebracht haben“ sind furchtbar öde. Auch bin ich skeptisch, ob sie den gewünschten Aha-Effekt erzielen: Es fällt mir schwer zu glauben, dass es tatsächlich noch deutsche „Zeit“-Abonnenten gibt, die im globalisierten „Almanya“ keinem erfolgreichen Inder, Iraner oder Türken begegnet sind.

Wer soll das lesen? Man könnte meinen, die Artikel sind dazu da, das schlechte Gewissen der Massenmedien zu beruhigen. Wo aber bleibt der wirtschaftliche Anspruch von Blattmachern und Nachrichtenchefs, ihr Produkt dem Konsumenten schmackhaft zu machen?

Diese Art von positiver Berichterstattung kann mir gestohlen bleiben. Statt die Ansichten eines ehemaligen FDP-Politikers namens Mehmet Daimagüler zu präsentieren, hätte ich in besagten Medien lieber einen Bericht über den ersten türkischen Schützenkönig gebracht. Wie hat es Emin Özel in Paderborn fertig gebracht, in einem urteutonischen Schützenverein Majestät zu werden? Aber vor allem: Was reizt ihn daran?

Auch in Vierteln wie Neukölln – einem sogenannten Brennpunkt mit hoher Jugendkriminalität und Arbeitslosigkeit – gibt es viele schöne Geschichten, voll von Lebensfreude und skurriler Kreativität. Zum Beispiel Hauptschüler, die nach Vereinbarung eine Führung durch ihr Problemviertel machen. Dönerverkäufer, die gegen den Drogenhandel in ihrem Umfeld mobilisieren oder Mädchen, die ihre Emanzipation in ein Kopftuch und sexy Klamotten kleiden.

Wenn Medien sich eines Tages auch beim Thema Integration guten Journalismus vornehmen – sprich: mehr Mühe geben – werden sie auch in den guten Migranten neue Medienhelden erkennen. Denn eine andere Regel wird häufig vernachlässigt: Die englische „Man-bites-dog“-Formel. Es mag nicht interessant sein, wenn ein Hund einen Mann beißt. Sehr wohl interessant ist es aber, wenn der Mann den Hund beißt. Nicht nur Schlechtes taugt also zur Meldung, sondern auch Ungewöhnliches.

Das einzig Gute an der dominant-negativen Berichterstattung über Zuwanderer ist, dass uns alles, was im Migrantenmilieu gut läuft, inzwischen ungewöhnlich erscheint. So gesehen ist ein mit Drogen dealender Türke aus Kreuzberg längst weniger interessant, als ein Türke, der sich gegen dealende Landsleute organisiert. Und den gibt es – genau wie den Dealer.

 

Ferda Ataman ist Politikwissenschaftlerin und Journalistin und lebt in Berlin. Sie hat als Redenschreiberin für den Integrationsminister in NRW Armin Laschet und als Redakteurin bei Spiegel Online gearbeitet. Ab 2009 schreibt sie für den Tagesspiegel.