„Geblieben ist mir nur meine Muttersprache.”

„Geblieben ist mir nur meine Muttersprache.”

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Interview mit Jovan Nikolić

 

Was bedeutet Heimat für Sie? Ist Deutschland für Sie Heimat?

Ich bin in Ex-Jugoslawien geboren, habe bis 1980 unter der kommunistischen Diktatur von Josip Broz Tito gelebt und den Zerfall meiner Heimat in einem blutigen Bürgerkrieg erlebt, den die ultranationalistische Politik des Diktators Slobodan Milosevic ausgelöst hatte. Ich habe die Nato-Bombardierung 1999, die Bürgerrevolution 2000 und das Attentat auf den ersten demokratischen Ministerpräsidenten 2002 erlebt.

Für jemanden wie mich hat der Begriff der Heimat jeden Sinn, jede Empfindung, die sich mit diesem Wort verbindet, eingebüßt. Ich habe meine Heimat für immer verloren. Der Name Serbien ruft bei mir weder eine positive noch eine geographische Assoziation hervor. Das Verschwinden ist endgültig. Nicht einmal mehr in meinen Träumen kehre ich nach Hause zurück, obwohl diese Traumbilder für die ersten Jahre meines Lebens in Deutschland typisch waren. Geblieben ist mir nur meine Muttersprache, in der ich sprechen, schreiben und denken gelernt habe, in der ich ein Dutzend Prosa- und Poesiebücher, einige Dramen, Libretti und Drehbücher geschrieben habe und dank der ich mich noch nicht ganz entwurzelt fühle.

Von dem Augenblick an, als ich Belgrad im Juli 1999 für immer verlassen habe, wurde Deutschland meine neue Heimat, in der ich ein Leben in Würde führe, wo ich schreibe, veröffentliche und die Möglichkeit habe, aus den Quellen der großen europäischen Zivilisation und der Werke glänzender SchriftstellerInnen und PhilosophInnen zu schöpfen. Mein Leben befindet sich in den Händen eines demokratisch geordneten Staates und ich muss nicht täglich um mein Leben fürchten. Es versteht sich, daß ich nicht mehr brauche .

Welche Rolle spielt Ihre kulturelle Herkunft in Ihrem Werk?

Meine Herkunft, die sich als schicksalhaft erwies, hat mich menschlich und bei meiner inneren Entwicklung geprägt, aber auf den thematischen Rahmen meines Schaffens hatte sie keinen wesentlichen Einfluss. Bereits seit meiner frühen Kindheit wurde ich diskriminiert und unverhohlen isoliert, und ich spürte, dass ich etwas unternehmen musste, um aus dem Ghetto herauszukommen und mich gleichberechtigt um eine Eintrittskarte ins Leben zu bewerben. Das half mir, mich obsessiv den Büchern zuzuwenden, und ich hatte aus ihnen bald erfahren, dass wir alle die gleichen Chancen im Leben haben. Ich beschloss, meine Chance im Leben aus eigener Kraft  zu verwirklichen, als Autodidakt und natürlich ausschließlich durch ethische und künstlerische Anstrengung.  Alles andere ist Biographie, Bibliographie…

Wie stehen Sie zu dem für viele vorbelasteten Begriff „Zigeuner“?

Das Wort „Zigeuner“ war in meiner Kindheit der erste Anlass für Tränen; ein Wort, das in seinen Phonemen einen drohenden, krachenden Klang von Konsonanten und Vokalen hatte, ein Wort, das mir nicht gerade wohlwollend hinterher gerufen wurde. Mir kommt es noch heute so vor, als ob dieses Wort Teil eines bösartigen Fluchs wäre, eine Wortwaffe, erfunden, um zu strafen, um durch die Luft angesaust zu kommen und der Seele einen Hieb zu versetzen. Wir haben dieses Wort untereinander nahezu nie benutzt. Wir brauchten es nicht! Dieses Wort wurde ausschließlich von den Anderen benutzt, damit sie uns damit von Zeit zu Zeit die Peitsche geben konnten.

Mein Verhältnis zu diesem Wort ist wie das zu einem akustischen Stress aus der Vergangenheit, mit dessen materiellen Folgen ich während meines ganzen Lebens konfrontiert wurde. Dank des Schreibens habe ich jedoch bewusst gelernt, mich dagegen zu wehren und seine Negativität zu amortisieren. Das später aufgekommene Wort „Rom“ (Mensch) benutzen wir gern und nehmen es an, weil es aus der Romasprache übernommen ist, und allein deswegen ist es für uns annehmbar.

Welche Rolle spielt das Reisen, das „Zelte aufschlagen“ in Ihrem Werk?

Ich fürchte, dass die Metapher „Zelte aufschlagen“ ein Bestandteil von romantischen, klischeebehafteten Vorurteilen ist. Denn die tausendjährigen Wanderbewegungen des Volkes der Roma aus ihrer Urheimat in Indien (im Gebiet des heutigen Punjab und Rajasthan) können vielmehr als eine Folge der Not denn als historischer Tourismus gedeutet werden.

Unterdessen habe ich infolge des Berufs meiner Eltern (beide waren Musiker) bis zu meinem zwölften Lebensjahr das ganze ehemalige Jugoslawien kreuz und quer bereist und wie ein Nomade eine Unzahl von Hotelzimmern gewechselt. Von einem echten Nomaden unterschied ich mich einzig dadurch, dass unser „Zelt“ aus einem modernen, festen Baumaterial war. Doch sollte dieses Nomadentum, wie sich später herausstellte, einen Vorteil darin gehabt haben, dass ich gewissermaßen schon damals auf die fehlende  geographische Verwurzelung und die Resistenz gegen Anonymität vorbereitet wurde, die mir als Schicksal bestimmt wurden.

Dank meiner früh erworbenen Neigung zum Alleinsein fühle ich mich nicht unangenehm eingezwängt, weder als „weißer Mönch“ im inneren Gebet noch als Insekt im Bernstein, denn erst in dieser Stille kann ich die tief verdrängte innere Stimme vernehmen, mit der ich mich in meinem Werk trotz der erwähnten unausweichlichen Anonymität der Geschichte mitteile.

 

Aus dem Serbischen übersetzt von Zuzana Finger.

Das Interview wurde geführt von der MID-Redaktion im März 2009.
 


Jovan Nikolić

 

Biographie von Jovan Nikolić
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Leseprobe von Jovan Nikolić
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Botschafter menschlicher Seelen oder nicht gemalte Tränen
Katalogtext von Jovan Nikolić anlässlich der Ausstellung von Roma- und Sinti –KünstlerInnen im Stadtmuseum Köln (weiter)