Leseprobe von Jovan Nikolić

 

GAST  NIRGENDWOHER

Ich bin sicher, da ist noch jemand,
er  lebt in unserem Haus.

Er trinkt aus meinem Becher,
löscht unser Feuer und
stülpt unsere Träume um.

Auch jetzt
spüre ich seinen Atem,
er sieht mir über die Schulter,
diktiert mir dieses Gedicht.

Wieso gluckst Wasser
In den Wänden ?
Woher die Federn
Unter meinem Bett?

Jeden Tag spiegelt sich
Meine Angst
Vor dem ungebetenen Gast
Im Spiegel

Und nimmt Gestalt an .

 

 

MEINE  HEIMAT

Meine Heimat ist
ein modriges Zimmer,
ein Bett,
ein Vorleger,
ein Wasserhahn.

Er ist kalt,
die Glühbirne verblasst,
der Traum
und
das unfertige Gedicht.

In meiner Heimat
auf dem Tisch
die Krumen
von Brot und Käse.

Ich lege mich nieder,
schweige und rauche,
stelle das Radio an,
damit es läuft...

 

 

REISE

Sterbe ich,
will ich im Traum
meine toten Vaters erwachen .

Wenn wir uns so nicht treffen,
will ich als Toter
ihn herbeiträumen.

Kommt er nicht,
werde ich bis in alle Ewigkeit sterben
und durch die Träume reisen
aller Vorfahren
und Verstorbenen.

Nur, den Vater zu erblicken,
beide Hände ihm zu küssen,
ihm zu sagen –
wie das Leben schmerzt...

 

 

FENSTER

Dieses Fenster ist eine Ansicht
Und hat drei Dimensionen.

Die wichtigste fehlt ihm:
Dass ich einverstanden wäre mit ihm,
so wie ich in alles
vergebliche einwillige,
wenn ich vom
sogenannten Leben rede.

Himmel,
unzulänglich stabil,
(in den mein Großvater zu Lebzeiten
unaufhörlich in Erwartung
der Fliegerbomben
oder eines Besuchs
der Außerirdischen starrte).

Himmel,
gegen den mein Auge schlägt
all diese Jahre,
ob es nicht doch zersplittert,
dieses Glas,
so dass wir alle zusammen
(mit dem Fruchtwasser)
nach draußen
auslaufen ...

 

 

GRAD AN INVALIDITÄT

Im  Flur der Internen,
im städtischen Krankenhaus,
beäugen sich
im Vorbeigehen
der Bucklige und ich .

Als führe der Chirurg
Den ersten Schnitt aus,
so schneiden sich
unsere Blicke :

Meiner
Der seinem Buckel gilt
Seiner
Der meine dunkle
Haut meint ...

 

 

Unveröffentlichte Gedichte
Übersetzung aus dem Romanes: Bärbel Schulte



Jovan Nikolić

 

Biographie von Jovan Nikolić
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"Geblieben ist mir nur meine Muttersprache."
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Botschafter menschlicher Seelen oder nicht gemalte Tränen
Katalogtext von Jovan Nikolić anlässlich der Ausstellung von Roma- und Sinti –KünstlerInnen im Stadtmuseum Köln (weiter)

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