Editorial Dossier Migration & Gesundheit

Die Migrationserfahrung ist für viele MigrantInnen ein einschneidendes Erlebnis und, unabhängig von den Ursachen und der Motivation, einer der prägendsten Lebensabschnitte in ihrer Biografie. Das Verlassen der Heimat und das Ankommen in einer neuen Gesellschaft erfordern oft die Überwindung vorgegebener Barrieren und die emotionale Bewältigung von neuen Herausforderungen. Die Verarbeitung der damit verbundenen Trauer- und Loslöseprozesse verlangt von ihnen viel Kraft und hat entsprechend Einfluss auf ihre körperliche, emotionale und psychische Gesundheit.

Neben der Verarbeitung der Migrationserfahrungen haben weitere Faktoren wie der sozio-ökonomische Status, die ethnisch-kulturellen und geschlechtsspezifischen Einstellungen und Erfahrungen großen Einfluß für die Gesundheit von MigrantInnen. Denn die Erfahrungen von sozialer Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Rassismus und Diskriminierung greifen in den körperlichen und seelischen Nahbereich des Menschen ein und beschränken seine Möglichkeiten zur individuellen Lebensgestaltung und gesellschaftlichen Partizipation.

Gesundheit und der gleichberechtigte Zugang zum Gesundheitssystem sind entscheidende Schlüssel für gesellschaftliche Inklusion. Bereits 1946 wurde das Recht auf höchstmögliche körperliche und geistige Gesundheit sowie auf Zugang zu medizinischer Versorgung als individuelles Menschenrecht anerkannt. Eine Gesellschaft, die sich für die gesellschaftliche Inklusion und Teilhabe aller BürgerInnen, auch der Minderheiten, entscheidet, hat diese menschenrechtlichen Standards bei der Gesundheitsversorgung der MigrantInnen (unabhängig von ihrem aufenthaltsrechtlichen Status) einzuhalten.

Gleichberechtigter Zugang zum Gesundheitssystem bedeutet vor allem eine Gewährleistung der allgemeinen Standards aber auch eine bedarfsangemessene Versorgung unter Einschluss einer interkulturell kompetenten Betreuung. Um dies zu erreichen und das Verständnis für die besonderen Bedürfnisse der PatientInnen aus anderen Kulturkreisen zu entwickeln, ist die interkulturelle Sensibilisierung des Fachpersonals im Gesundheitswesen unerlässlich. Zur interkulturellen Öffnung des Systems gehören auch die Entwicklung zielgruppenspezifischer Angebote sowie die verstärkte Einbeziehung von Fachkräften mit Migrationserfahrung.

In diesem Dossier werden die Belastungs- und Risikofaktoren, die die Gesundheit von MigrantInnen beeinflussen sowie die besonderen Bedürfnisse und die Versorgungssituation verschiedener in Deutschland lebender MigrantInnengruppen analysiert. Besonderer Schwerpunkt wird auf das Selbstverständnis der trans- bzw. interkulturellen Psychiatrie und Psychologie gelegt, die in der Versorgung mit psychisch Kranker aus anderen Kulturkreisen ihre besondere Herausforderung sieht. Schließlich werden Projekte der Gesundheitsförderung und -prävention für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund vorgestellt.

Das Dossier wurde von  Dr. Martha Escalona Zerpa konzipiert und redigiert.
Verantwortlich: Olga Drossou, von der MID-Redaktion.

April 2009

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Dr. Martha Escalona Zerpa ist  selbständige Journalistin sowie freiberufliche Trainerin und Referentin. Sie arbeitet in der Konzeption und Durchführung von Seminaren  im Bereich der Erwachsenbildung u.a. für den Klettverlag. 1993 hat sie an der Humboldt Universität zu Berlin im Bereich der Kreativitätspsychologie promoviert. 2004 hat sie den 1.Preis des „ISA-Innovationspreis“ für das Partizipationsprojekt für Kinder- und Jugendliche:  „Das Berliner  Stadtforum“ gewonnen. 2006 hat sie als wissenschaftliche Stipendiatin im Rahmen eines Frauenförderungsprogramms der Humboldt Universität zu Berlin eine qualitative empirische Studie zum Thema: „Sexuelle Diversität, lesbische Identität und Migration“ durchgeführt.

 

Bild: Ipek Mursaloglu (Istanbul)

 

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