„Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ Leseprobe von Martin Hyun

„Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ Leseprobe von Martin Hyun

 

Auszug aus dem Roman von Martin Hyun

 

Zuhause gilt stets die eiserne Regel, nach den Prinzipien des Koreas der 60er Jahre zu leben. Unsere Erziehung war demnach konservativ und diszipliniert ausgerichtet. Meinem Vater gab ich in diesem Zusammenhang den Spitznamen „Chinesische Mauer“, weil man ihn nie von den Trends der heutigen Zeit überzeugen konnte und er stur an Altem festhält. Für Vater ist es noch immer ein Dorn im Auge, wenn ich meine Haare mit Gel in Form bringe, inzwischen lässt er mich aber immerhin gewähren. Vater war schon nachsichtig mit meinen Postern von westlichen Rockstars im Zimmer. In der Pubertät, als ich meine Haare etwas länger tragen wollte, nahm er einfach eine Schere und schnitt mir eine Strähne an strategischer Stelle ab, so dass ich notgedrungen zum Friseur musste.

Besuche beim Friseur Herr Schwarz, zu denen mich Vater höchstpersönlich begleitete, endeten oft in hitzigen Diskussionsrunden. Zum Glück hatte ich in Herrn Schwarz einen Verbündeten, der Vater immer wieder Paroli gab, wenn er ihn aufforderte meine Haare noch ein wenig kürzer zu schneiden. Vater liebt den diszipliniert und gehorsam aussehenden Militär-Igelschnitt und achtete stets darauf, dass ich – selbst wenn ich zu Freunden ging – tadellos gekleidet war.

Das hieß: keine Jeans und kein aus der Hose hängendes T-shirt; wie bei einem Besuch an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea, weil Jeans etwas Rebellisches und frivolisches an sich haben. Und das, obwohl Vater kein Kommunist ist! Meine stonewashed Jeanshosen mussten bei Vaters 100-Punkte-Plan (Hyun-Doktrin) daran glauben und wurden beim Änderungsschneider so verschandelt, dass ich keine Lust mehr verspürte sie anzuziehen. Denn egal ob ich stand oder saß, die Hose war immer zu kurz.

Abends wenn ich ausgehen wollte, mussten meine Freunde erst einmal meinen Vater überreden und die Uhrzeit der Rückkehr aushandeln – wie bei einem Gipfelgespräch war es enorm schwierig, ihn zu Zugeständnissen zu bewegen. Vater ist kein Diplomat, sondern ein geborener Hardliner: entweder sein Weg oder kein Weg. Er sagte dann, in seinem ‚Ko-Dok’ Akzent „ Na-nen Morunda. Isch weiß isch nicht. Martin muss selber bissen!“, was in Wirklichkeit bedeutete, es wäre besser, wenn ich zuhause bleiben würde.

Als Geheimdienstler jedenfalls hätte Vater eine glänzende Karriere hingelegt, weil er Psychoanalytiker und Lügendetektor in einem verkörpert und gerne etwas anderes sagt, als er meint. „Mich könnt ihr nicht hintergehen. Ich kenne alle Tricks!“ Nicht selten benutzt unser Vater Code-Wörter, die nur meine Geschwister und ich entschlüsseln können, womit ich letztlich auf eine Karriere beim BND bestens vorbereitet wäre. Hätte ich Vater von meinen Habeas Corpus Rechten erzählt und ihm erklärt, dass ich Anspruch auf rechtliches Gehör, einen gesetzlichen Richter und Verfahrensgarantien habe, hätte er mir den Vogel gezeigt. Bei Vater gab es keine Gewaltenteilung - er war Richter und Henker zugleich.

Mein Vater war so konsequent, dass sogar meine deutsch-koreanischen Freunde vor ihm hohen Respekt hatten, den sie vor ihren eigenen Vätern so nicht besaßen. Dies führte unter anderem dazu, dass wir uns im tiefsten Winter, nach einer durchzechten Nacht, nicht trauten, uns oben in meinem Zimmer schlafen zu legen. Es war uns zu riskant, hinter dem eisernen Vorhang (im Flur), der entmilitarisierten Zone an der 38. bzw. 51. Breitengrade, einen schlafenden Tiger (meinen Vater) zu wecken. Vaters Sperrstunde lag bei 22 Uhr, in der Zeit wo die meisten Partys gerade anfangen.

Erst versuchten wir im Auto vor der Garage zu schlafen, was aber bei Minusgraden definitiv zu kalt war. Schließlich schafften wir es bis zur Gästetoilette direkt an der sicherheitspolitisch sensiblen Eingangstür am „Checkpoint Papa – der Demarkationslinie an der 51. Breitengrade“ wo wir die Nacht verbrachten. Bei seinem allmorgendlichen „Kontrollgang“ um fünf Uhr ging mein Vater auch an diesem Morgen auf die Gästetoilette und zuckte zusammen, als er uns dort liegen sah. Er rief nach meiner Schwester Simone: „SCH-I-M-O-N-A! Martin und Jung-won sind tot!“ […]

 

Kapitel aus Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea, erschienen im Eb-Verlag Hamburg, 2008.

 


Martin Hyun

 

„Es ist an der Zeit, dass auch wir zur Start-Elf gehören“
Interview mit Martin Hyun (weiter)