Wirtschaftskrise und Migration

ILO-Report

Die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise hat erhebliche Auswirkungen auf die Welt der Arbeit. Den im Mai von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) veröffentlichten „Global Employment Trends“ zufolge dürften 2009 im Vergleich mit 2007, dem Jahr vor der Krise, weltweit 39 bis 59 Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren, je nach dem zu Grunde gelegten Konjunkturszenario. Vor allem die irregulären Migrant_innen sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, weil sie weder dieselben Rechte noch denselben Schutz genießen wie Arbeitnehmer_innen, die Staatsbürger _innen des jeweiligen Landes sind.

Eine neue Untersuchung des Internationalen Migrationsprogramms der ILO mit dem Titel „The Global Economic Crisis and Migrant Workers: Impact and Response“  analysiert die Folgen der Krise für ausländische Arbeitnehmer_innen. Demnach ließ sich bislang noch kein Massenexodus von Migrant_innen aus ihren Gastländern beobachten. Die Auswirkungen der Krise zeigen sich stattdessen eher in den Herkunftsländern, wo sich die Abwanderung von Arbeitskräften spürbar verlangsamte.

Regionale Unterschiede und Entwicklungen

In Mexiko hat sich beispielsweise nach Angaben des nationalen Statistikinstituts zwischen Sommer 2007 und Sommer 2008 die Abwanderungsrate um über 50 Prozent verringert. Die Kombination von hohen Kosten für die Auswanderung und geschrumpften Beschäftigungschancen im Zielland lassen viele im Prinzip Auswanderungswillige vor diesem Schritt zurückschrecken.

Die Zahl der Rückkehrer nach Mexiko war dagegen 2008 gegenüber den beiden Vorjahren kaum verändert. Mindestens zwei Gründe lassen sich für diese auch in anderen Länder beobachtete: Viele Migrant_innen bleiben auch dann, wenn sich die Arbeitsmarktsituation im Gastland verschlechtert, weil ihr Heimatland angesichts der Krise meist keine besseren Beschäftigungschancen bietet. Darüber hinaus fürchten viele, durch einen Weggang ihre erworbenen Sozialversicherungsansprüche zu verlieren. So ist es auch zu erklären, dass die in manchen Ländern aufgelegten Programme, die die freiwillige Rückkehr von ausländischen Arbeitnehmer_innen fördern sollen, bislang keine nennenswerten Erfolge hatten.

Die ILO-Studie zeigt dabei aber große Unterschiede zwischen einzelnen Weltregionen und Branchen und auch zwischen den Geschlechtern auf. Nicht alle Länder und Regionen sind gleichermaßen vom konjunkturellen Abschwung betroffen. Und unter den Branchen in denen Migrant_innen besonders häufig anzutreffen sind, hat sich die Lage vor allem im Bausektor, in der Industrie sowie in Hotels und Restaurants verschlechtert. In einigen Ländern und Branchen ließ sich hingegen sogar ein Zuwachs an Arbeitsplätzen beobachten, so zum Beispiel im Gesundheitssektor in den USA und Irland. Die Probleme auf dem Bau und in der Industrie erklären auch, warum männliche Migrant_innen im Allgemeinen stärker von der Krise betroffen sind als Frauen.

In den Industrieländern einschließlich der EU ist 2008 die Arbeitslosenquote gemäß den ILO-Erhebungen gegenüber dem Vorjahr nur um 0,4 Prozentpunkte auf 6,1 Prozent gestiegen. Dies stellt eine Umkehrung des Abwärtstrends dar, der seit 2002 angehalten hatte. Zwischen 2007 und 2009 ergibt sich ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um 2,1 Prozentpunkte auf 7,8 Prozent.

Gerade in einigen sehr wichtigen Zielländern für Migrant_innen hatten die Immobilien- und die sich anschließende Finanzkrise schon früh starke Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: In den USA stieg die Arbeitslosenquote in diesem Zeitraum von 4,6 auf 8,1 Prozent, in Großbritannien von 5,4 auf 6,5 Prozent, in Irland von 4,6 auf 5,2 Prozent und in Spanien sogar von 8,3 auf 17,4 Prozent. (Deutschland, das in dieser Studie nicht näher untersucht wird, bildet hier übrigens mit einem Rückgang von 8,3 auf 7,1 Prozent einen Ausnahmefall.)

Interessanterweise unterscheiden sich diese Länder aber recht deutlich, wenn man die Arbeitslosigkeit unter Migrant_innen betrachtet, sowohl was die Zahl der Arbeitslosen als auch die Zuwachsraten anbelangt. Dies dürfte auf Unterschiede in der Arbeitsmarkt- und Einwanderungspolitik der jeweiligen Staaten zurückzuführen sein.

In den USA ist die Arbeitslosigkeit unter Migrant_innen stets etwas geringer als im Durchschnitt der Erwerbsbevölkerung. Der Anstieg der Arbeitslosenquote während der Krise fiel für diese Bevölkerungsgruppe ebenfalls deutlich niedriger aus: Zwischen Februar 2008 und Februar 2009 betrug der Zuwachs unter Migrant_innen 2,1 Prozentpunkte auf 6,7 Prozent, in der gesamten Erwerbsbevölkerung dagegen 3,3 Prozentpunkte. Der Grund dafür dürfte einerseits eine vergleichsweise zielorientierte Einwanderungspolitik in den USA sein und andererseits die starke Verbreitung informeller Arbeitsverhältnisse sowohl für reguläre als auch für irreguläre Migrant_innen.

In Europa sind hingegen meist die ausländischen Arbeitnehmer_innen stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als die Gesamtbevölkerung. Während aber in Großbritannien der Anstieg der Arbeitslosigkeit zwischen dem dritten Quartal 2007 und dem entsprechenden Quartal 2008 unter Migrant_innen mit 0,4 Prozentpunkten niedriger ausfiel als im Schnitt der Erwerbsbevölkerung (1,3 Prozentpunkte), ist in Spanien der Zuwachs bei den ausländischen Arbeiter_innen sogar noch etwas höher: 5,7 gegenüber den durchschnittlich registrierten 5,1 Prozentpunkten.

Das britische Innenministerium meldete einen massiven Rückgang der Bewerbungen um Arbeitsgenehmigungen vor allem aus den osteuropäischen Staaten, die 2004 EU-Mitglieder wurden und deren Bürger_innen Großbritannien sofort Freizügigkeit gewährte. In einem Dreimonatszeitraum im Jahr 2008 wurden nur 29.000 Bewerbungen aus diesen Ländern gezählt gegenüber 53.000 ein Jahr zuvor. Vor allem die rückläufigen Bewerbungen aus Polen sind dafür verantwortlich.

Brachenspezifische Entwicklungen

Eine Erklärung für die unterschiedlichen Entwicklungen in diesen Ländern ist die Verteilung der Migrant_innen auf die verschiedenen Branchen. In den USA sind die ausländischen Arbeitnehmer_innen hauptsächlich auf dem Bau, im Handel, im Gastgewerbe, im Gebäudeservice, im verarbeitenden Gewerbe, in der Informationstechnologie und in Gesundheits- und Sozialdiensten anzutreffen. Anfang 2009 waren im US-Bausektor bereits 1,1 Millionen Jobs verloren gegangen verglichen mit dem Höhepunkt des Immobilienbooms im Januar 2007. Migrant_innen waren dadurch stark betroffen, weil 2007 nach OECD-Angaben 13 Prozent von ihnen auf dem Bau arbeiteten. Auch in der Industrie und in der Gastronomie wurden zahlreiche Stellen abgebaut. Einen gewissen Ausgleich schafft jedoch der Stellenzuwachs im Gesundheits- und Sozialsektor, in dem in den USA ebenfalls viele Migrant_innen arbeiten.

In Großbritannien sind es ähnliche Branchen, die Migrant_innen Beschäftigung bieten – mit einer wichtigen Ausnahme: Nur 5,7 Prozent der Migrant_innen arbeiten in der von der Krise besonders stark betroffenen Bauwirtschaft. Dagegen sind 14,4 Prozent aller im Ausland geborenen Arbeitnehmer_innen in Großbritannien allein im Gesundheitssektor beschäftigt, wo trotz der Krise neue Stellen geschaffen wurden.

In Spanien, das ebenfalls einen starken Einbruch der Bautätigkeit erlebte, sind hingegen mehr als 20 Prozent der Migrant_innen auf dem Bau beschäftigt. Das Sozial- und Gesundheitswesen spielt hier dagegen für ausländische Arbeitnehmer_innen kaum eine Rolle. Ähnlich ist die Lage in Irland, wo der vor Ausbruch der Krise boomende Immobiliensektor viele Migrant_innen anlockte.

In Deutschland sind es im Übrigen die Industrie (fast 20 Prozent aller ausländischen Arbeitnehmer_innen) gefolgt vom Gebäudeservice und dem Sozial- und Gesundheitssektor, die die meisten Migrant_innen beschäftigen.

Vielzahl weiterer Krisenphänomene

Die ILO-Studie geht jedoch nicht nur auf die Arbeitslosigkeit unter Migrant_innen ein. Durch die Krise und die schrumpfende Nachfrage nach regulären Arbeitskräften werden viele Ausländer_innen auch gezwungen, zu schlechteren Konditionen und unter prekäreren Bedingungen zu arbeiten, oft auch im informellen Sektor.

Das Gefühl der Konkurrenz um die knapper werdenden Jobs kann auch fremdenfeindliche und diskriminierende Reaktionen nach sich ziehen. Beispiele lassen sich in verschiedenen Regionen finden, doch zeigt die ILO-Untersuchung auch, dass es sich bei Fremdenfeindlichkeit und Aggressionen gegen ausländische Arbeitnehmer_innen nicht um ein weit verbreitetes Problem handelt.

Welche Auswirkungen die strengere Einwanderungsbestimmungen und die restriktivere Erteilung von Arbeitsgenehmigungen in manchen Ländern haben, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilen. Zu starke Einschränkungen, die keine Rücksicht auf die unterschiedliche Nachfrage nach Arbeitskräften in verschiedenen Branchen nimmt, dürften aber zu einer Zunahme irregulärer Migration führen. Um dies zu verhindern, sollten sowohl Einwanderungsbestimmungen als auch freiwillige Rückkehrerprogramme branchenspezifisch gestaltet sein.

Ein weiterer Aspekt, der in der Studie untersucht wird, sind die Rücküberweisungen von Migrant_innen in ihre Heimatländer. Diese sind zwar relativ stabil geblieben im Vergleich mit anderen Transfers in den Süden wie Entwicklungshilfe und Direktinvestitionen. Die Weltbank aber prognostizierte im März einen Rückgang um acht Prozent in diesem Jahr.

ILO-Maßnahmenkatalog zum konstruktiven Umgang mit der Krise

Sollte die Krise länger andauern, womit leider zu rechnen ist, dürften den Migrant_innen noch härtere Zeiten bevorstehen. Deshalb schlägt die ILO Maßnahmen vor, um sowohl die Migrant_innen zu schützen, als auch den Interessen der Ziel- wie auch der Herkunftsländer zu entsprechen. Dies sind einige der Vorschläge:

  • Konjunkturprogramme in den Einwanderungsländern sollten auch Migrant_innen zugute kommen; sie dürfen ausländische Arbeiter_innen nicht diskriminieren. 
  • In der Entwicklungshilfe sollten speziell diejenigen Länder zusätzliche Hilfen erhalten, die besonders unter der Abnahme der Rücküberweisungen von Migrant_innen leiden. 
  • Da Ausländerfeindlichkeit den gesellschaftlichen Zusammenhalt unterminiert, sollten die Regierungen der Zielländer besondere Anstrengungen unternehmen, um diese gerade in Zeiten der Krise zu bekämpfen.
  • Gerade in der Krise sollte darüber hinaus die Einhaltung der Arbeitsgesetze auch gegenüber ausländischen Arbeitnehmer_innen besonders streng überwacht werden. Es muss gewährleistet werden, dass die Arbeitsbedingungen den Vorschriften entsprechen und dass die Migrant_innen nicht um die Früchte ihrer Arbeit gebracht werden. Die ILO-Konventionen über Wanderarbeiter (Übereinkommen 97 und 143) bilden dafür eine Grundlage.
  • Und schließlich sollten die Ursprungsländer effektive Maßnahmen für die Reintegration zurückgekehrter Arbeitnehmer_innen ergreifen. Die Wiedereingliederung kann durch spezielle arbeitsmarktpolitische Strategien erleichtert werden.


 

 

   

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