"Zum Glück sind alle sehr freundlich."

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Interview mit Luo Lingyuan

 

Sie haben die ersten sechsundzwanzig Jahre ihres Lebens in China verbracht und verließen das Land 1989 nach der blutigen Niederschlagung der Studentenproteste. In Ihrem ersten Erzählband "Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!" (2005) beschreiben Sie die Schicksale meist junger Menschen, die unter der Gewalt und Willkür des chinesischen Alltags leiden. Sind dies Erinnerungen an Ihre Jugendjahre in China?

Ja, Erinnerungen sind in den Erzählband eingespeist. Aber es gibt auch viele andere Erinnerungen, z. B. an die chinesische Landschaft, an die Kultur und die warmherzigen und bodenständigen Menschen meiner Heimat, die in diesem Buch nicht enthalten sind. China ist ein riesiges, vielfältiges Land, und ich versuche meinen Lesern in jedem Buch einen anderen Aspekt des Lebens in China zu zeigen.

Auf welche Weise haben Sie angefangen zu schreiben?

Ich habe zuerst jahrelang Tagebuch geschrieben, dann Erzählungen und schließlich Romane.

AutorInnen mit Migrationshintergrund werden in Deutschland oft der Kategorie Chamisso-Literatur zugeordnet. Inwieweit hat Ihre eigene Migrationserfahrung Ihr Schreiben geprägt?

Meine wichtigste Migrationserfahrung war das Erlernen der deutschen Sprache. Das ist harte Arbeit gewesen, aber diese Arbeit hat mich bereichert. Chinesisch ist eine reiche, bildhafte Sprache und regt die Phantasie an. Die vielfältige, komplizierte chinesische Realität in nüchterne deutsche Worte zu fassen, ist eine große Herausforderung und manchmal könnte ich daran verzweifeln. Besonders, wenn ich das Gefühl habe, die Deutschen wollen gar nicht verstehen, sondern glauben schon alles zu wissen.

Deutsche und Chinesen sind ziemlich verschieden, und auch die beiden Länder sind sehr verschieden. Die oft sehr komischen Missverständnisse und vergeblichen Verständigungsversuche zwischen Deutschen und Chinesen sind daher ein ständiges Thema meines Schreibens. In meinem neuen Roman „Wie eine Chinesin schwanger wird“ habe ich z.B. davon erzählt, wie eine in Berlin lebende Chinesin in ihre Heimat zu ihrer Familie zurückkehrt und ihren deutschen Freund dabei mitbringt.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist für mich nicht nur ein Ort, wo man sich wohl und geborgen fühlt. Die emotionale Bindung und die Vertrautheit machen die Heimat aus. China bleibt daher meine ewige Heimat. Und ich freue mich sehr, dass Deutschland mir eine zweite Heimat gegeben hat.

Als chinesisch-stämmige Autorin beherrschen Sie sowohl die chinesische als auch die deutsche Sprache. Warum haben Sie Deutsch als Sprache Ihres literarische Ausdrucks gewählt?

Ich habe auf Deutsch geschrieben, weil ich in Deutschland lebe und meinen Lesern nah bleiben will. Doch chinesisch habe ich nicht beiseite geschoben. Ich schreibe sehr gern für meine Landsleute und habe vor, Bücher auch auf Chinesisch zu verfassen. Die Themen und Perspektive sind allerdings andere.

Gibt es AutorInnen, die Sie in besonderer Weise beeinflußt haben?

Beeindruckt und beeinflusst haben mich vor allem die klassischen chinesischen Romane aus dem 14. und 18. Jahrhundert wie "Die drei Reiche" oder "Der Traum der roten Kammer", die heute noch gern gelesen werden.

Meinungsfreiheit war auf der diesjährigen Buchmesse ein besonders breit diskutierter Streitpunkt in der allgemeinen Diskussion um den Gastauftritt Chinas. Ihr zweites Werk „Die chinesische Delegation“ behandelt auf komische Weise die Geschichte einer Gruppe von hohen Beamten, Funktionären und Unternehmern aus China, die auf ihrer Tour durch Deutschland und Europa von einer jungen chinesischstämmigen Reiseleiterin betreut wird. Welche Rolle nehmen Ihrer Meinung nach AutorInnen im interkulturellen Dialog ein? Gibt es den sogenannten „Kulturclash“?

Einen Zusammenprall der Kulturen gibt es schon deshalb nicht, weil weder die Chinesen noch die Deutschen den Ehrgeiz haben, einander zu missionieren. Im Grunde sind beide Völker sehr tolerant. Allerdings fehlt es in beiden Richtungen noch erheblich an Kenntnissen. Ich glaube, viele der aus China gekommenen Schriftsteller waren in diesem Jahr sehr enttäuscht, dass auf der Buchmesse so wenig von Literatur die Rede war.

Wie würden Sie Ihre eigene Rolle als migrantische Autorin in Deutschland beschreiben? Haben Sie das oftmals migrantischen AutorInnen unterstellte „Fremdheitsgefühl“? Oder wie „deutsch“ fühlen Sie sich?

Ich fühle mich wie eine deutsche Chinesin und eine chinesische Deutsche. Zum Glück sind alle sehr freundlich.

In Ihrer Erzählung „Fliegender Sonnenschein - Vom Leben meiner Schwester“ wie auch in Ihrem jüngsten Roman "Wie eine Chinesin schwanger wird" geht es um Frauen, die sich mit der Schwangerschaft auseinandersetzen. Was verändert sich Ihrer Meinung nach mit der Geburt des Kindes für eine chinesische Frau?

Eine Schwangerschaft ist für jede Frau ein Wendepunkt in ihrem Leben. In China wird nur offener darüber gesprochen. Und vielleicht sind Kinder in China noch wertvoller.
 
Wie geht Ihre künstlerische Reise weiter?

Die meisten Deutschen haben China wahrscheinlich zuerst in einem „China-Restaurant“ kennengelernt, wie es sie heute fast in jeder deutschen Stadt gibt. Ich habe mich gefragt, wie es den Menschen wohl geht, die in so einem Restaurant arbeiten.

Wie geht dieser Satz für Sie weiter?: „Mein Deutschland ist...

... Berlin Kreuzberg. Und mein Deutschland sind die vielen Menschen, denen ich bei meinen Lesungen begegne.

 

Die Fragen stellte Sibel Kara im November 2009.


Luo Lingyuan (Foto: Michael Leh)

 

Über Luo Lingyuan
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„Fliegender Sonnenschein - Vom Leben meiner Schwester“
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