„Man musste sich durchbeißen“

„Man musste sich durchbeißen“

Interview mit Engin Sakal von Katharina Ditte 



Engin Sakal, 44, kam mit eineinhalb Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Heute ist er Geschäftsführer von Andorit, einem mittelständischen, international tätigen Unternehmen. Neben seinem Beruf setzt er sich gesellschaftspolitisch dafür ein, dass MigrantInnen in Deutschland mehr Chancen erhalten. Zudem ist Engin Sakal seit 1995 Vorsitzender des Migrationsbeirats der Stadt Paderborn und sitzt im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen in NRW Düsseldorf.

Herr Sakal, welche Stationen haben Sie während Ihrer Schulzeit durchlaufen?

Engin Sakal: Zunächst besuchte ich die Grundschule in der Türkei. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland kam ich dann zunächst einmal auf eine Hauptschule, denn damals herrschte die Einstellung vor, dass man als Gastarbeiterkind nur dorthin kann. Anfangs habe ich versucht, einen Übergang auf die Realschule oder auf das Gymnasium zu schaffen, doch obwohl meine Noten ähnlich waren, wie die meiner deutschen Klassenkameraden, die wechseln durften, entschieden die Lehrer damals, dass ich diese Chance nicht bekommen sollte. Ich habe daher bis zur zehnten Klasse die Hauptschule besucht und bin erst nach dem Abschluss auf das Gymnasium gewechselt. Dort habe ich dann regulär das Abitur gemacht und anschließend Wirtschaftswissenschaften studiert.

Glauben Sie, dass Sie aufgrund Ihrer Herkunft Nachteile hatten?

Engin Sakal: Ja, das war so. Man musste sich damals durchbeißen. So hat man damals den Gastarbeiterkindern empfohlen, statt des Englischunterrichts den Förderunterricht zu besuchen, damit sie besser Deutsch lernen. Hätte ich dies tatsächlich gemacht, dann wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Denn das Abitur war ohne Englisch nicht möglich. Ich habe mich damals geweigert, aber viele SchülerInnen sind diesem Rat gefolgt und wurden so für weiterführende Schulen per se gesperrt.

Wie veränderte sich Ihre Situation, nachdem Sie auf das Gymnasium wechselten?

Engin Sakal: Als ich auf der Hauptschule war, waren meine Freundschaften zu Deutschen sehr begrenzt. In der Oberstufe änderte sich dies. Ich war damals der einzige in der Oberstufe, der einen türkischen Hintergrund hatte und war wahrscheinlich auch der erste türkische Junge, der das Abitur an dieser Schule bekam. Ich wurde von meinen MitschülerInnen jedoch gleich sehr gut aufgenommen. Auch mein soziales Umfeld änderte sich. Es gab neben mir nur sehr wenige Arbeiterkinder in der Jahrgangsstufe. Die meisten meiner MitschülerInnen waren Kinder von Lehrern, Ärzten, führenden Angestellten und Unternehmern.

Wie gingen Sie mit den veränderten Leistungsanforderungen um?

Engin Sakal: Es war am Anfang sehr schwer, vor allem in Hauptfächern wie Englisch und Mathematik. Die LehrerInnen haben jedoch von Anfang an gute Unterstützung geleistet. Sie kannten meinen sozialen Hintergrund, wussten, dass ich von der Hauptschule kam und haben dies auch berücksichtigt. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ein Deutschlehrer, bei dem ich eigentlich keinen Unterricht hatte, mit mir deutsche Grammatik übte und mir so half meine Ausdrucksfähigkeit zu verbessern.

Welche Erinnerungen haben Sie an ihre Studienzeit?
 
Engin Sakal: Das Lernklima an der Universität war sehr angenehm. Der Leistungsgedanke hat nicht zum übermäßigen Wettbewerb geführt und man hat nicht versucht, sich gegenseitig abzuhängen. Es wurde auch kein Unterschied zwischen Deutschen und Ausländern gemacht. Wir waren als Studierende alle den gleichen Bedingungen ausgesetzt. Häufig haben wir in gemischten Lerngruppen zusammen gearbeitet oder Fußball gespielt. Die Universität war also die Fortführung dessen, was ich in der Oberstufe schon erlebt habe.

Wie verlief danach ihre berufliche Karriere?

Engin Sakal: Ich habe mich damals schon während des Studiums parallel selbständig gemacht und habe auch nach dem Studium weiter sehr lange selbständig in verschiedenen Bereichen gearbeitet. So war ich jahrelang in der EDV-Branche als Dienstleister tätig und habe dabei unter anderem Netzwerke aufgebaut, Installationen durchgeführt und Systeme gewartet. Außerdem habe ich türkische und auch einige deutsche Unternehmen z.B. beim Aufbau von Geschäftskontakten in Deutschland und der Türkei beraten.

Da ich nach der Grundschule weiter am Türkischunterricht teilnahm und darüber hinaus meine Kenntnisse z.B. durchs Lesen ständig weiterentwickelte, konnte ich die Prüfung zum staatlich anerkannten Dolmetscher und Übersetzer auch als Quereinsteiger gut bestehen. Diese Zusatzqualifikation war mir auch bei meinem beruflichen Werdegang nützlich. So habe ich für ein großes deutsches Unternehmen Gebrauchsanweisungen, Technikerhandbücher und ähnliches übersetzt. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich nun für die Andorit Vertriebsgesellschaft mbH als Geschäftsführer.

Würden Sie sagen, dass Sie aufgrund Ihrer Herkunft, Nachteile bei Ihrer beruflichen Karriere hatten?

Engin Sakal: In meiner beruflichen Laufbahn hat meine ausländische Herkunft keine große Rolle gespielt. Heute würde ich sogar sagen, dass meine ausländische Herkunft für mein berufliches Leben manchmal durchaus von Vorteil ist. Ich habe meine Karriere zwar nicht dadurch gemacht, das ich Türke war, sondern aufgrund meiner Fähigkeiten, aber mein Hintergrund gibt mir die Möglichkeit weitgehend, ohne Vorurteile zu arbeiten, was in einem Unternehmen, in dem viele MitarbeiterInnen ausländischer Herkunft beschäftigt sind, ein wichtiger Pluspunkt ist.

Was war damals Ihre Motivation sich politisch und gesellschaftlich zu engagieren?

Engin Sakal: Ich wollte, dass die heutige Jugend nicht mehr mit den gleichen Problemen kämpfen muss, wie meine Generation. Eine Gesellschaft braucht zudem auch immer Vorbilder. Ich sehe mich zwar nicht als das ideale Vorbild, aber ich kann sagen: „Schaut her, ich komme aus einer Arbeiterfamilie, ich bin wie ihr in den Arbeitersiedlungen aufgewachsen und auch wenn ich mich durchkämpfen musste, ich habe es geschafft. Also könnt ihr das auch!“ So kann ich zeigen, dass man als Jugendlicher mit ausländischer Herkunft nicht zwangsläufig ein ungelernter Arbeiter werden muss, sondern auch einen Beruf erlernen, das Abitur machen oder sogar studieren kann.

Wie unterstützen Sie als Mentor die Jugendlichen?

Engin Sakal: Als Referent und Mentor bei Network21 habe ich die TeilnehmerInnen mit Ratschlägen unterstützt. So habe ich auf die für viele unbekannte Möglichkeit hingewiesen, die Prüfung zur/zum DolmetscherIn oder ÜbersetzerIn zu machen und damit eine Zusatzqualifikation zu erwerben. Zudem habe ich über meine Erfahrungen als Selbständiger berichtet und über die Bedeutung von ehrenamtlichem Engagement für die spätere berufliche Laufbahn aufmerksam gemacht.

Heute werden Kindern mit Migrationshintergrund immer noch schlechte Chancen in Schule und Beruf bescheinigt. Was sind die Gründe dafür?

Engin Sakal: Ein Grund ist, dass diese Kinder immer noch benachteiligt aufwachsen. Sie kommen aus vorwiegend sozial schwachen Familien, in denen das Einkommensniveau im Durchschnitt sehr niedrig ist. Die Elternhäuser sind zudem häufig mit der schulischen Förderung ihrer Kinder überfordert. Dies bedeutet oft, dass diese Kinder von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Dies gilt für Deutschland insbesondere, weil das selektive dreigliedrige Schulsystem dazu führt, dass diese Kinder einfach auf die Hauptschule abgeschoben werden.

Wie sollte man gegen dieses Problem am besten vorgehen?

Engin Sakal: Besser wäre, als erstes gründlich die Gründe zu analysieren, warum diese Kinder in bestimmten Fächern schwache Leistungen erbringen. Diese Kinder müssen schon zu Beginn ihrer schulischen Laufbahn gefördert werden. Diese nötige Förderung, z.B. in Form von zusätzlichem Sprachunterricht, erfolgt derzeit leider nicht. Stattdessen wird den Eltern meist gesagt, sie sollen mit den Kindern Deutsch sprechen. Dies ist meiner Meinung der falsche Ansatz. Eltern sollten mit ihren Kindern immer die Muttersprache sprechen, damit diese ein gutes Sprachgefühl entwickeln.

Eine weitere Maßnahme, die die beruflichen Chancen für MigrantInnen deutlich verbessern würde, wäre, ihnen den Zugang zu mehr Berufen zu gewähren. Schauen Sie sich z.B. die öffentlichen Verwaltungen und Behörden an. Die Kinder von Spätaussiedlern sind zwar bereits dort angekommen, aber wenn sie sich das Verhältnis von Kindern von Gastarbeitern und Deutschen anschauen, dann sieht es noch miserabel aus. Ich plädiere auf keinen Fall für Quoten, aber der Zugang sollte für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen gegeben sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dezember 2009

Das Interview führte Katharina Ditte.
 

Katharina Ditte studiert „Philosophy & Economics“ an der Universität Bayreuth.