Tankstelle Wissen – Wie Migration Entwicklung fördert

Tankstelle Wissen – Wie Migration Entwicklung fördert

von Florian Tenk

Was bewegt einen Tansanier nach Deutschland? Und was bewegt ihn, Deutschland wieder zu verlassen? Matthew Matimbwi stellt ein gutes Beispiel für Entwicklungsmigration dar. Heute lebt und arbeitet der 45 Jährige in Daressalam. Vor zehn Jahren studierte er noch in Flensburg.

Warten lohnt sich

Daressalam sehnt sich nach Regen. Mit einem warmen, feuchten Händedruck empfängt Matthew täglich Gäste in seinem Büro der „Tanzania Solar Energy Association“ (TASEA). Um den vielbeschäftigten eher kleinen Mann zu sprechen, muss man mit einer mittellangen Wartezeit rechnen. Wenigstens wird diese mit wohlriechendem Schwarztee und einer aktuellen Ausgabe des tansanischen Magazins „SunENERGY“ verkürzt. Leider sind die Artikel auf sehr technischem Kiswahili verfasst. Die Langeweile lässt die Augen durch den Raum schwirren: Die mit Computern bestückten Schreibtische sind von halbhohen Holzwänden umrahmt, die konzentriertes Arbeiten und kommunikativen Austausch zugleich ermöglichen. In den Regalen stapeln sich feinsäuberlich beschriftete Aktenordner und am anderen Ende des kleinen quadratischen Raumes verstecken sich unter einem großen Tuch Kisten und ausrangierte Computer.
Nun hat das Warten ein Ende. Matthew entschuldigt sich höflich für die Verspätung und setzt sich an die andere Seite des massiven hölzernen Schreibtischs. 


Wissensexport leuchtet den Weg.

Unweit entfernt von seinem Büro kann man das Knattern der Busse hören, die sich vom Busbahnhof Ubungo aus auf den Weg ins Landesinnere machen. Mit einem dieser bunt lackierten Busse kam Matthew damals in Ubungo an. Er verließ seine in den Bergen gelegene Heimatstadt Morogoro, um in der elektrisierten Küstenstadt am Indischen Ozean „Agricultural Engineering“ zu studieren.

„Früher“, so erzählt Matthew, „ist die Jugend nach Dar gekommen, um fernzusehen“. Ein breites Grinsen huscht über sein rundliches Gesicht. Die Regierung hatte in den ländlichen Gebieten den Fernsehkonsum untersagt, um die Verbreitung von kritischen und reizvollen Berichten über das Leben in den Städten zu verhindern. „Doch Reisende berichteten immer wieder von diesem sagenhaften Medium und haben eine unglaubliche Landflucht unter der Jugend ausgelöst, die nur durch die Zurücknahme des Verbots gestoppt werden konnte“, berichtet er und lacht. Heute ist es Matthew selbst, der mit der Förderung des Solarstroms das Fernsehen sogar in den entlegensten Dörfern möglich macht.

Technische Details

Zufällig erfuhr Matthew bei einer Visite der deutsch-lutherischen Kirche in Ifakara von der Möglichkeit eines Studienstipendiums in Deutschland. Matthew bezeichnet es als „einmalige Gelegenheit“, sich auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien in Deutschland fortzubilden, die ihn damals träumen ließ. „In Tansania gab es keine Möglichkeit einen Master in angewandten ländlichen Technologien zu belegen“. So bewarb er sich beim Ökumenischen Studienwerk Bochum (ÖSW) wie auch beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) über die Deutsche Botschaft in Tansania und erhielt von beiden eine Zusage. „Die Entscheidung zwischen beiden Stipendien fiel mir nicht schwer“, sagt Matthew, der in seiner Brusttasche stolz einen Kugelschreiber trägt und ihn immer wieder zu Recht rückt. Denn das ÖSW bot bessere Betreuung und finanzierte sogar einen Flug pro Jahr nach Tansania. „Während der langen Zeit in Deutschland habe ich meine Frau und meine Kinder sehr vermisst“, sagt er. "Die Besuche haben mir Kraft gegeben“.

So begann Matthew im Januar 1998 mit 34 Jahren den Masterstudiengang „Appropriate Technology“ an der Universität Flensburg. Er lernte und belegte Fächer wie erneuerbare Energien, ländliche Wasserversorgung, ökologisches Bauen und Projektmanagement, alles mit dem Hintergedanken, in seine Heimat zurückzukehren. Denn für Matthew war es von Anfang an klar: Ein Leben in Deutschland konnte und wollte er sich nicht vorstellen. „Es passt für die Deutschen, aber nicht für mich“, macht er unmissverständlich deutlich: „Ich möchte meine Wurzeln nicht verlieren“. Im Vergleich zu Tansaniern sieht er, dass die Deutschen sehr individuell leben und Fremden gegenüber solange skeptisch eingestellt sind, bis man sie von der eigenen Gutmütigkeit überzeugt hat. „Ich habe die afrikanische Kultur in den drei Jahren auch wirklich vermisst“, betont Matthew und blickt irritiert durch das Fenster seines Büros auf die staubige Straße, wo eine Gruppe von Kindern lautstark im Sand spielt. „Nicht wie die Kinder in Deutschland“, empört er sich. Die Kinder hätten dort an ihren Kinderzimmertüren Schilder mit der Aufschrift 'Bitte nicht stören': „Das ist hier unvorstellbar“, sagt er und scheint dennoch vom Geschrei aus dem Konzept geworfen worden zu sein. Das offene Gemeinschaftsleben sei in Tansania ein höheres Gut als die individuelle Privatsphäre. Auch sieht er das traditionelle Rollenverständnis zwischen Mann und Frau als wichtige Stütze für die tansanische Gesellschaft. „Ich habe in Deutschland zwar kochen gelernt, aber hier traue ich mich nicht vor den Augen meiner Frau zu kochen“, fügt er mit einem Lächeln hinzu.

Mittlerweile regnet es in Strömen und die Wassermassen mischen sich mit dem Staub zu einem homogenen grauen Schlamm. Durch die zwei Fenster strömt ein angenehm erfrischender Windzug.

Ob er wirklich nicht daran gedacht habe, in Deutschland zu bleiben? Er verneint und macht selbstbewusst klar: „Ich habe mich in meinem Heimatland selbstverwirklichen wollen“. Viele der ihm bekannten Tansanier haben trotz guter Bildung und einem abgeschlossenem Studium nur geringe Aufstiegschancen in Deutschland gehabt. „Vor allem in den technischen Berufen ist die Angst in Deutschland vor „Know-how-Verlust“ durch illegalen Informationstransfer ins Ausland groß“, sagt er mit ernstem Blick. Seine Zeit in Deutschland hat Matthew geprägt, auch im negativen Sinne. Auf einer Reise nach Wittenberg musste er um sein Leben fürchten, als er am Bahnsteig dem anderen Deutschland begegnete. Matthew blinzelt nicht mehr: „Ich fürchtete um mein Leben“. Er erzählt von einem rassistischen Übergriff durch deutsche Neonazis, seine sachliche Art verlässt ihn für einen Augenblick. Nur ein schnelles Eingreifen der Polizei verhinderte Schlimmeres: „Die Beamten retteten mich.“ Dieses Ereignis macht ihn bis heute fassungslos. „Deutschland ist im Westen und Osten sehr unterschiedlich“, konstatiert er nüchtern.


Matthew Matimbwi im Büro, den Stolz sieht man ihm an.

Kutembea ni kujifunza

Ein abgenutzter Sticker auf Matthews Laptop hypnotisiert mich und ich muss für ein paar Sekunden abschalten. Weiß auf grün strahlt dort der Schriftzug „Atomausstieg selber machen“. Als Matthew dies bemerkt, lächelt er und sagt: „Die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien“, und erzählt mir von seinem Haus in Morogoro, dass er gänzlich mit Solarstrom versorgt. Der Klimawandel macht Tansania mit existenzbedrohenden Dürreperioden zu schaffen, die Millionen von Menschen gefährden. „Für uns ist eine nachhaltige Energiewirtschaft existenziell“, signalisiert er in angespannter Haltung. Bei seiner jetzigen Tätigkeit für die „Tanzania Solar Energy Association“ leuchtet er als Executive Secretary und Project Technical Advisor den Weg für Solarenergie. Matthew koordiniert vielfältige Aufgaben, „um das Wissen über erneuerbare Energien an Menschen verschiedener Bevölkerungsschichten weiterzugeben“. Neben Beratungs- und Weiterbildungsangeboten fungiert die Nichtregierungsorganisation auch als unabhängiger „TÜV“, um die Qualität der technischen Produkte in den Läden zu überprüfen. „Fehlerhafte Nachahmerprodukte aus China sind ein großes Problem für den tansanischen Markt“, so Matthew. Im Juli dieses Jahres wurde ein Austellungspavillon auf dem Parlamentsgelände in der tansanischen Hauptstadt Dodoma errichtet. „Sogar der tansanischen Premierminister hat sich bei uns informiert“, erzählt er stolz und streicht über sein rot-weiß kariertes Hemd.

Geprägt von seiner eigenen deutsch-tansanischen Studienzeit betreut Matthew zudem einige Freiwilligenprojekte, die den Wissensaustausch mit Deutschland vorantreiben. Zum einen verhilft er jungen Tansaniern nach ihrem Studium zu einem Freiwilligen Ökologischen Jahr in der Bundesrepublik und zum anderen betreut er junge Deutsche, die über das „Weltwärts-Programm“ der Bundesregierung nach Tansania kommen. Nach dem Auslandsjahr in Deutschland finden die tansanischen Studienabsolventen im Bereich der erneuerbaren Energien ihren Arbeitsplatz. „Mit den Austauschprogrammen werden Projekte für ökologisches und nachhaltiges Wirtschaften und für die Entwicklung von Frauen unterstützt“, sagt Matthew. „Dieses Voneinanderlernen ist für Tansanier ebenso wichtig wie für Deutsche“, fügt er hinzu und bedauert, dass die finanziellen Mittel auf der tansanischen Seite begrenzt sind. Mit Blick auf seine Armbanduhr beendet er das Gespräch. Es ist Punkt 13 Uhr. Zeit für eine Mittagspause. „Die nehme ich mir jeden Tag für eine volle Stunde“, sagt er, lächelt verschmitzt und lädt mich zum Glück zum Essen ein. Dabei wirft er mir noch drei Wörter aus dem Kiswahili zu. „Kutembea ni kujifunza“: Sich Fortbewegen heißt Lernen.

Dezember 2009

Florian Tenk, 22, studiert Public Administration, European und Development Studies an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und der University of Twente in Enschede.