„Cafe Cyprus“ Auszug aus dem Werk von Yadé Kara

„Cafe Cyprus“ Auszug aus dem Werk von Yadé Kara

 

Auszug aus dem Roman

 

Southall

Wir verabredeten uns für den Abend. Sukjeet wollte mir das beste Tandoori Restaurant von Southall zeigen.

In der Nähe des Bahnhofs leuchtete golden ein Dach in der Nachmittagssonne. In großen Buchstaben stand drauf "guru nanaka temple".
Ich lief an unzähligen Geschäften mit Sari-Stoffen, Glitzerschuhen, Lebensmitteln, Curry-Takeaways vorbei, und in der Luft lag der Geruch nach Frittieröl, Fisch, Curry und wunderbarem Sandelholz. Ich hielt einen Moment inne, sog alles ein und mischte mich unter die Leute.
An der nächsten Ecke wurde die Straßenszene schlagartig indisch, so lässig und locker wie ein Nachmittag in Kalkutta. Vor einem Lebensmittelladen saßen einige junge Männer in der Sonne, sie scherzten und lachten untereinander. Vor der Tür brühte einer von ihnen Tee im Samowar. Der Fleischerjunge vom Laden nebenan lehnte sich an einen alten Briefkasten und scherzte mit ihnen.

Ich hörte einige englische Worte heraus, es war ein Mix aus Urdu und Englisch. Ihr Ton kam mir nicht fremd vor, er erinnerte mich an die Istanbuler Straßen im Sommer.
Ich ging weiter, und in der High Street mischte ich mich unter eine Gruppe von jungen Girls, die kichernd und gackernd vor mir her schlenderten. Ich wollte die Frequenzen dieser fetzigen Girls empfangen. Sie schwangen verspielt die Hüften in den knallengen Jeans, darüber trugen sie enge indische Tops, die grün, rot und goldbestickt glänzten und einige Zentimeter von Taille und Bauch freigaben. Sie warfen schwungvoll ihre langen, schwarzen Haare über die Schultern, dabei klackerten und blitzten ein Dutzend bunte Armreifen an ihren Handgelenken. Sie sahen mich kurz von der Seite an, lächelten, giggelten, perlweiße Zähne, Nasenringe blitzten in ihren Gesichtern, dass es mich einfach umhaute. Alles in mir verlangte danach, noch mehr von diesen Girls zu spüren, zu riechen und ihnen nahe zu sein. Hatte ich mein Glück bis jetzt am falschen Ort gesucht? Kein anderer Fleck in London war so hip, frei und erotisch geladen wie diese Straße in Southall.

Am Abend saß ich gemütlich mit Sukjeet und Kazim im Tandoori Restaurant. Klein Rana wurde von der Großmutter betreut; was für eine Erleichterung für die beiden, nach langer Zeit mal wieder ausgehen zu können. Wir bestellten verschiedene Currys und frischgebackene Chapati. Ich berichtete aufgeregt von meinen Southall Eindrücken, löffelte dabei lamb curry, stippte Chapati ins Dal und begann das Essen zu genießen. "Umwerfend schön, die Girls hier, die British girlies – echt flott!", bemerkte ich anerkennend.

"Von wegen British!", sagte Sukjeet ironisch und verschlang ein Häppchen chutney. "Da wird einem was von Great Nation, Britishness vorgegaukelt. Es klingt nach Gleichheit und Multikulturalität. Und wenn du in so ’nem Furznest einen Pub betrittst, wird hinter vorgehaltener Hand über dich gemunkelt, die sehen dich gleich als Eindringling, als Fremden an. Nach außen hin, für den Kontinent, möchten sie alle als The Great Nation with Antidiscrimination Laws blabla geschätzt werden und damit glänzen." Olle Sukjeet hatte eine scharfe Zunge, so scharf wie die Currygerichte auf unserem Tisch. Sie war in London aufgewachsen, und hatte den Insider-Blick, wie ich ihn in Berlin hatte. "Klar", meinte Kazim nickend. "In einer echten multi-racial Umgebung leben bedeutet, dass die Leute keine Angst haben und sich von wir-ihr-, uns-euch-Vorurteilen befreien. Andersartigkeit? Ja! Abwertung? Nein!"

"Ehrlich gesagt, gefällt mir das London der bengalischen Ladenbesitzer, der Brixton girlies und der Märkte", sagte ich begeistert. "Es hat mehr Farbe, mehr Leben, mehr Dynamik und ist großzügiger als das London der Börsianer und anderen Haie. Diese Dagobert-Duck-Logik: Reichtum ins Unermessliche zu steigern – pathetic!"
"Pathetic!", lachte Sukjeet, "willkommen in London, du hast schon den richtigen Ton drauf."
"Natürlich sind wir die neuen Londoner, die alles pushen, putzen, polieren und dieser alten Stadt neuen Glanz geben", meinte Sukjeet selbstbewusst, "wir bringen unsere Kraft und Kreativität ein und ändern vieles, machen es interessanter und attraktiver."

Leuten wie Sukjeet und mir konnte man nichts mit politischem Multikultigelaber und Minoritätenwohltätigkeitsfesten vormachen. Sobald es um Bildung, Karriere, Gehälter, Anstellung ging, bekamen wir genau zu spüren, wo das Multikultidasein aufhörte. Besonders auf dem Berliner Wohnungsmarkt habe ich das jahrelang zu spüren bekommen.
In London hatte ich eine Antenne für Gleichgesinnte entwickelt, ich begegnete ihnen in der tube, auf Märkten, in Geschäften und Pubs. Ich erkannte sie an ihrem schnellen Gang, ihrer Direktheit oder an der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre traditionelle Kleidung trugen. So zum Beispiel der Sihk-Junge im Computerladen, der mit seiner coolen Londoner Aussprache und Turban fachmännisch Kunden bediente, oder die schöne schwarze Bankangestellte bei Barclay’s mit ihren umwerfend grüngrauen Augen und meterlangen geflochtenen Zöpfen, der üppige kantonesische Koch vom Takeaway, wie gelassen und ruhig er durch den Laden ging und wie höflich er die Kunden bediente. Es waren diese neuen Londoner, die Kuldeep, Salma, Ali, Kim, Meryem, Kirandeep hießen, mit denen ich auf gleicher Wellenlänge war.

Sukjeet hatte recht, wir waren die neuen Berliner, Pariser und Londoner, die in Kreuzberg, Barbès und Southall in Banken, Büros, Läden und Restaurants arbeiteten, unsere Energie, unseren Enthusiasmus ins Geschäft einbrachten und alles vorantrieben. Wir waren die neue Boheme, die die Szenen Stück für Stück eroberten. Wir schafften neue Bilder, neue Sprachen, neue Gewohnheiten, eine neue Person und stellten das Alte in Frage. Unser Hintergrund, unser kulturelles Gemisch machte uns wacher und empfänglicher für die Betrachtung unserer Umgebung aus verschiedenen Perspektiven.

Oft veräppelten wir heimlich die kleinkarierten Denker, die Holzköppe, die uns mit ihren engen Schablonen zu bewerten versuchten, uns als eine Generation des "Dazwischen" sahen. Denn im Grunde genommen konnten wir sie zehnmal schlagen, wir waren flexibler, schneller. Wir trugen all die historischen, kulturellen und politischen Gegensätze in uns, und wir wuchsen daran und schlugen Brücken. Wir passten in keine Schablone und waren eigentlich etwas ganz Neues, so ein Gemisch wie uns hatte es nie zuvor auf europäischem Boden gegeben.

Das Einzige, was diese Holzköppe mit uns vorhatten, war, dass wir so werden sollten wie sie: eine Sprache, eine Kultur, eindimensional, einschätzbar, in eine Schublade packbar. Piss off! Wir waren aus diesen Strickmustern herausgewachsen und hatten eigene Strukturen, die sie nicht begreifen wollten, weil sie ihrem gewohnten Denken nicht entsprachen. Und sie besaßen die unverschämte Dummheit, uns aus ihrer Beschränktheit zu beurteilen und als die "verlorene Generation" zu bezeichnen. F ... off!
Wir waren eine Herausforderung für diese Holzköppe, denn wir sprengten die Grenzen in ihren Köpfen. Heimlich! Ja, wir waren Pioniere und Grenzgänger in Europa und hoben den Unterschied zwischen placed und displaced auf. Wir gingen unseren Weg und zogen Europa mit uns, manchmal ging es hinkend, manchmal schleppend, manchmal wie ein kleines Kind schreiend und sich auf den Boden werfend. so what!

 

Auszug aus dem Roman ’Cafe Cyprus’ von Yadé Kara, erschienen im Diogenes Verlag, Kapitel 21 (S. 313-318), London 2008.

 


Yadé Kara (Foto: Michael Maeyer)

 

Über die Autorin
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"Es geht um den neuen Typus von Europäer."
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