"Ich schreibe auf Deutsch - das ist so selbstverständlich, daß es fast banal wirkt."

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Interview mit Saša Stanišić

 

Sie sind in Višegrad (heute Bosnien Herzegowina) geboren und leben seit Ihrem vierzehnten Lebensjahr in Deutschland. Inwieweit hat Ihre eigene Migrationserfahrung Ihr Schreiben geprägt?

Es war für uns wie für viele andere Migranten hier durchaus keine einfache Zeit – die ersten Schritte in Deutschland. Dennoch: ich glaube nicht, dass die Schwierigkeiten, die wir als Migrantenfamilie hatten, mein Schreiben direkt beeinflusst haben, jedenfalls viel weniger als es zum Beispiel Bücher getan haben, die ich damals und später gelesen habe. Sicher ist einiges von den ersten Erfahrungen als Stoff wieder in meinen Texten aufgetaucht, aber schon allein die Behauptung, man sei als nicht deutsprachiger Autor besonders originell, sprachwitzig oder irgendwie sensibler für den Umgang mit dem Wort – das stimmt bei mir schlichtweg nicht. Auch ein deutscher Autor hat ja diese Sprache da vor sich liegen und kann und darf und soll auch damit anstellen, was er möchte und kann. Dadurch, dass ich auch schon vor unserer Ankunft in Deutschland geschrieben hatte, war die "Umstellung" für mich rein pragmatisch. Es hat eben so lang gedauert, bis ich Deutsch einigermaßen sicher beherrscht habe. Dann habe ich zuerst zu übersetzen und schließlich auch auf Deutsch zu schreiben angefangen.

Sie haben 2008 den Adalbert-Chamisso-Preis erhalten, der deutsch schreibende AutorInnen nicht deutscher Muttersprache auszeichnet. Hat sich seither an den Erwartungen der deutschen Kulturmedien oder an Ihrem Selbstverständnis etwas verändert?

Es war ja vorher schon bedauerlicher Weise so, dass man meine Herkunft als literarische Kategorie wahrnehmen wollte. Die ist aber genau so brauchbar für das Verständnis und Kritik eines Textes, wie es die Haarfarbe oder ein Aquarium zu Hause sind. Ich habe mich schlichtweg gefreut, dass in der Preisbegründung der Text im Vordergrund stand, und dass die hervorgehobenen Qualitäten nichts mehr mit der eigentlichen Preisphilosophie zu tun hatten. Es gibt ja auch Preise für allerhand andere Nischen, das ist ja auch in Ordnung so. Und ich bin nun mal in Bosnien geboren, das kann ich in diesem Leben nicht mehr ändern. Mir wichtig ist aber, dass ich gute Texte raushaue, dass ich mich daran freue, dass ich erschüttere und bewege und das, was ich zu sagen habe, laut auf dem Papier sagen kann – auf Deutsch, warum auch nicht?

Warum haben Sie Deutsch als Sprache Ihres literarischen Ausdrucks gewählt?

Hoffentlich sind Sie nicht enttäuscht, wenn ich jetzt wieder nur ganz pragmatische Gründe nenne: ich denke auf Deutsch, und ich denke schneller auf Deutsch. Ich spreche besser, und ich spreche schneller auf Deutsch. Und: ich schreibe schneller, und ich schreibe besser auf Deutsch. Ich weiß, dass es da eine Million anderer Biografien gibt und anderer Erklärungen. Meine ist leider so selbstverständlich, dass sie fast banal wirkt.

Haben Sie das oftmals migrantischen AutorInnen unterstellte „Fremdheitsgefühl“? Gibt es den sogenannten „Kulturclash“?

Ja, den habe ich. Ständig. Überall. In Frankreich, wenn ich die Karte nicht lesen kann, in Australien, wenn ich die Landschaft nicht verstehe, in Bosnien, wenn mir das Macho-Gehabe mal wieder unterkommt, in Deutschland, wenn ich den Debatten über den Kulturcrash zuhöre. Ich bin eigentlich permanent und überall fremd. Wäre ich das nicht, würde ich sofort aufhören zu schreiben .

Was bedeutet Heimat für Sie? Oder wie „deutsch“ fühlen Sie sich?

Jetzt kommt mein dafür vorbereitetes Sprüchlein: Heimat ist dort, wo das Glück am größten ist, wo man glücklich machen kann und glücklich gemacht wird. Und "deutsch" fühle ich mich so viel wie die beiden Anführungszeichen um das Wort auch. Bin ja da.

AutorInnen mit Migrationshintergrund werden in Deutschland oft der Extra-Kategorie Migrations- oder Chamisso-Literatur und nicht dem deutschen Literaturkanon zugeordnet. Für wie notwendig halten Sie diese Kategorisierungen?

Für so notwendig wie diese Heißluftspender, die es noch manchmal auf Toiletten gibt, und die angeblich Hände trocknen sollen.

Gibt es AutorInnen, die Sie in besonderer Weise beeinflußt haben?

Ja, zwei: Kurt Vonnegut und Eduardo Galeano. Bei Galeano habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass die Fiktion immer nur Fahrzeug ist, ein Lastwagen, auf den man aber nicht alles aufladen kann, weil er sonst nicht gut durchkommt, zu schwer wird etc. Mit anderen Worten: was die Rolle des Realen sein soll, das man in Fiktion packt, und was die Rolle des Märchens im Realen ist. Niemand macht das so klug und witzig und poetisch sinnvoll wie er. Vonnegut ist einfach der beste Autor, den ich je gelesen habe, ich will in 20 Jahren so grandios schreiben wie er.

Wie geht ihre künstlerische Reise weiter?

Mein zweites Buch quält mich. Aber ich quäle es auch. Mal sehen, wer am Ende gewinnt.

Wie geht dieser Satz für Sie weiter?: „Mein Deutschland ist...

... der türkische Taxi-Fahrer, der mir gerade erzählt hat, er habe gestern zwei arabische Geschäftsmänner von Frankfurt aus nach Bayern gefahren, in ein Dorf "am Ende der Welt, nur Wildenschweine und Wald", wo die beiden sich eine Wurstfabrik angucken wollten, die sie in Saudi-Arabien nachbauen möchten.

 

Die Fragen stellte Sibel Kara.


Saša Stanišić (Foto: Juliane Henrich)

 

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„Die immens glückseligen deutschen Flüsse”
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