"Für mich ist es ja selbstverständlich, zwischen den Kulturen zu leben."

Interview mit Alina Bronsky


Sie sind in Jekaterinburg/Russland geboren und leben seit Ihrem zwölften Lebensjahr in Deutschland. Inwieweit hat Ihre eigene Migrationserfahrung Ihr Schreiben geprägt?

Bronsky: Diese Erfahrung wirkt sicher noch lange nach. Eine Auswanderung mit der ganzen Familie zwingt einen zum Neuanfang, lässt einen eine nahezu kindliche Sprach- und Hilflosigkeit und schrittweise Orientierung in der neuen Welt ziemlich bewusst durchleben, es ist eine sehr bereichernde und spannende Sache, die ich jedem empfehlen kann.

AutorInnen mit Migrationshintergrund müssen in Deutschland oft gegen Stigmatisierungen bezüglich Ihrer Herkunft ankämpfen. Kennen Sie das migrantischen AutorInnen oft von vornherein unterstellte „Fremdheitsgefühl“?

Bronsky: Eine Stigmatisierung habe ich nicht wahrgenommen. Es kommt allerdings durchaus vor, dass meine Herkunft den öffentlichen Eindruck mehr prägt als bei gebürtig deutschen Autoren. Ich werde dann hauptsächlich als russische Autorin wahrgenommen, die ich aber nicht bin, da ich mehr als die Hälfte meines Lebens Deutsch schreibe. Da muss ich manchmal schon extra betonen, dass der Geburtsort die Persönlichkeit nicht ausmacht, sondern nur eins von vielen Puzzleteilchen der Vergangenheit ist.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Bronsky: Die räumliche Nähe zu den Menschen, die ich liebe.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Gibt es AutorInnen, die Sie in besonderer Weise beeinflußt haben?

Bronsky: Das Schreiben ist eher zu mir gekommen. Erst war es jahrzehntelang mein peinlich verschwiegenes Hobby, das sich immer mehr in den Vordergrund gedrängt hat. Irgendwann ließ es sich nicht mehr verstecken.

Jedes Buch, das ich lese, beeinflusst mich. Wenn es mich begeistert, frage ich mich, woran das liegen könnte. Genauso analysiere ich, warum mich etwas kalt lässt oder langweilt.

Ihr Debütroman Scherbenpark, der 2008 erschienen ist, war in Deutschland ein Bestseller und hatte auch internationalen Erfolg. Sie beschreiben darin ein politisch brisantes Thema, die Lebenswelt einer 17-jährigen Russlanddeutschen in einer Hochhaussiedlung für Aussiedler. Wie waren die Reaktionen darauf?

Bronsky: Es gab begeisterte Reaktionen (das waren die meisten, die bei mir ankamen, muss ich gestehen), ebenso wie einige irritierte bis empörte. Ich glaube, die politische Brisanz hat für die meisten Leser keine große Rolle gespielt. Sie haben dann einfach meine Hauptfigur Sascha geliebt oder gehasst.

Hat sich seither an den Erwartungen der deutschen Kulturmedien oder an Ihrem Selbstverständnis als russischstämmige Autorin etwas verändert?

Bronsky: Die Erwartungen der Medien kenne ich zum Glück nicht und feile auch nicht regelmäßig an meinem Selbstverständnis. Für mich ist es ja selbstverständlich, zwischen den Kulturen zu leben, ich hebe das nicht extra hervor. Was neu hinzugekommen ist, ist das beglückende Gefühl, zu wissen, dass ich gar nicht so wenige Leser habe, die neugierig auf mein zweites Buch sind. Das ist vor dem Debüt natürlich anders gewesen.

Sie haben auch als Journalistin gearbeitet und einmal gesagt, diese Arbeit hätte Sie ein Stück weit zur „Sklavin der Tatsachen“ gemacht. Ihre Zuwendung zur Fiktion bringt ja einige Freiheiten mit sich. In „Scherbenpark“ betreiben Sie ein interessantes Spiel mit den gängigen Klischees, die über sogenannte Russenmilieus im Umlauf sind. Wollten Sie mit diesen Innenansichten Verständnis für eine Community am Rande der Gesellschaft erzeugen?

Bronsky: Nein, mir ging es nicht darum, über ein Milieu aufzuklären, ich wollte von der Gefühlswelt eines Mädchens erzählen, das, wie Sascha, dramatische Erfahrungen unterschiedlichster Art gemacht hat. Das stimmt, dass ich in „Scherbenpark“ auch viel mit Klischees und Karikaturen gearbeitet habe. Dennoch würde ich sagen, das Endergebnis ist zum Teil schmerzhaft authentisch geworden, gerade weil ich beim Schreiben nicht allzu politisch korrekt war.

Ihre Romanheldin Sascha ist unglaublich wütend und versucht der Tristesse der Hochhaussiedlung durch „vernünftige Träume“ zu entkommen. Worauf ist sie wütend? Und wie würden Sie die Lebenssituationen und Zugehörigkeitsgefühle der russlanddeutschen Jugendlichen von heute einschätzen?

Bronsky: Sascha ist ja schwer traumatisiert, sie hat den Mord an ihrer Mutter miterlebt. Das hat ihre Wut natürlich noch mehr verschärft oder zum Teil erst recht entfacht – speziell den Hass auf Männer. Was sie allerdings jenseits dieser Erfahrung mit vielen russlanddeutschen Jugendlichen gemeinsam hat, ist das Fremdheitsgefühl. Etwas verallgemeinernd würde ich schon sagen, dass viele russischstämmige Jugendliche, so unterschiedliche Leben sie auch führen mögen, sich trotz deutscher Pässe oft jahrzehntelang als Ausländer empfinden. Für meinen Geschmack haben sie immer noch verblüffend lange einen Exotenstatus.

In dem uns zur Verfügung gestellten Auszug „Der komatöse Deutsche“ aus Ihrem aktuellen Roman „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“  drehen Sie den Spieß um und machen den Deutschen zum Ausländer. Welchen Reiz hatte diese für insbesondere die deutschen LeserInnen umgekehrte Perspektive für Sie?

Bronsky: Ich fand die Perspektive nicht ungewöhnlich – in den meisten Ländern der Welt sind wir ja alle Ausländer. Der ganze Roman ist sowieso aus einer extrem subjektiven Perspektive erzählt. Die Erzählstimme gehört einer despotischen und selbstverliebten Großmutter, die als Tatarin in ihrem Heimatland Sowjetunion selbst eine Fremde ist.  Später bringt sie ihre Familie nach Deutschland und schwankt dort zwischen ihrer gewohnten Skepsis und der neuen Begeisterung.

Gibt es Situationen, in denen Sie sich manchmal besonders „russisch“ fühlen?

Bronsky: Ja, wie neulich, als ich von allen mir verfügbaren Anschlüssen SMS für den großartigen Peter Nalich, den russischen Teilnehmer des European Song Contest, geschickt habe. Der dann keinen einzigen Punkt aus Deutschland bekommen hat!

Wie geht dieser Satz für Sie weiter?: „Mein Deutschland ist ...

Bronsky: ... im Winter oft schneefrei und im Sommer manchmal so heiß, dass auch die Feigen reif werden – wenn das nicht die Erfüllung eines sibirischen Kindheitstraums ist...

 

Das Interview führte Sibel Kara im Juli 2010.


Alina Bronsky - Bild: Bettina Fürst-Fastré

 

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„Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche”
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