"Ich war verwundert, dass man meine Gedanken überhaupt ernst nahm."

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Interview mit Léda Forgó

 

Sie sind in Ungarn geboren, in Budapest aufgewachsen und kamen im Alter von 21 Jahren nach Deutschland. Inwieweit hat Ihre eigene Migrationserfahrung Ihr Schreiben geprägt? Auf welche Weise haben Sie angefangen zu schreiben?

Ich war verwundert, dass man meine Gedanken überhaupt ernst nahm. Meine erste Zeit in Deutschland war, Vieles sagen zu wollen, aber nichts zu können. Danach kam das Zeitalter der Reduzierung, danach das der Missverständnisse. Es hält bis heute an.
Mein Sprachdefizit, der Akzent, den ich unablässig hören und nicht loswerden konnte, kamen mir vor, wie eine Behinderung und ich hatte erwartet, als „Kranke“ behandelt zu werden. Stattdessen hörte man mir interessiert zu. Ich bemerkte, dass fast jeder meiner Gedanken „zog“ und Interesse erzeugte, so habe ich Lust bekommen, zu erzählen.
Es gab auch noch den Augenblick – in der Zeit, bevor ich mich frei ausdrücken konnte – als ein Rilke-Gedicht in mir Glückshormone auslöste und ich erstaunt die erweiterte Dimension wahrnahm. Ich gelangte in die Tiefe einer Sprache (zu der ich vor Kurzem keinerlei Bezug hatte), welche ich früher für das Privileg einer Muttersprache hielt.

Ich habe schon als Kind geschrieben, in der Schule behandelte Dichter imitiert und Lieblingsromane fortgesetzt. In der Pubertät habe ich „den albernen Traum, Schriftstellerin zu werden“, an den Nagel gehängt. Hier in Deutschland habe ich an einem Pantomimenprojekt teilgenommen, wobei ich eine Rollenbeschreibung anfertigen musste. Der Regisseur Thomas Schiffmacher sagte, dass ich schreiben sollte. So setzte sich der Gedanke erneut – diesmal in deutscher Ausgabe – in meinen Kopf.

Ich war mir lange nicht sicher, ob das, was ich zu sagen hatte, tatsächlich unterhaltsam sein könnte.Ich dachte, es sei einfach merkwürdig, weil ich aus einer anderen Gedankenwelt komme.Aber im ungarischen Kontext stieß ich auf ähnliche Reaktionen. Da wusste ich, dass es meine alt bekannte, seltsame Intensität war, ein stetes, lästiges Sodbrennen, das durchbrach, egal in welcher Sprache. Als Ungarin habe ich natürlich andere Bilder. Aus anderen Gedichten, Märchen, Liedern, Zeichentrickfilmen. Und sie sind mit mein Hauptkapital.

AutorInnen mit Migrationshintergrund werden in Deutschland oft der Kategorie Chamisso-Literatur zugeordnet. Wie würden Sie Ihre eigene Rolle als migrantische Autorin in Deutschland beschreiben? Haben Sie das oftmals migrantischen AutorInnen unterstellte „Fremdheitsgefühl“? Oder wie „deutsch“ fühlen Sie sich?

Ich fühle mich keineswegs „deutsch“. Allerdings fühle ich mich in Deutschland zu Hause. Früher hatte ich immer das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht in Ungarn war. Heute habe ich den Eindruck, gar nicht da zu sein, und mein Dasein, selbst, wenn ich da bin, nur vorzutäuschen. Ich rufe Leute an und gleichzeitig fühle ich: ich könnte es auch lassen. Keine Gebärde ist dort mehr zwingend.
Dennoch bin ich definitiv eine Ungarin, der ihr eigenes Land aber fremd vorkommt.
In der letzten deutschen Wahlperiode, kam sogar das erste Mal der Impuls, mich an der Wahl beteiligen zu wollen, deren Ergebnisse meine (und meiner Kinder) Lebensumstände beeinflussen.

Ich glaub nicht, dass ich eine erkennbare Aufgabe hätte.
Bin schlecht, was Ideologien betreffen. Ich persönlich hasse sie, aber ich sehe, dass wenn sie in richtige Hände geraten, sie viel Gutes bewirken können.
Aber wer in Osteuropa aufwuchs, ist abgebrüht und spöttisch und nicht mal in eine negative Richtung ideologisierbar.
Sie sind vielleicht verbittert und nie glücklich zu bekommen, sehen dafür aber die Lücken der Demokratie, in der sie nicht geübt sind.
Die Toleranz setzt Menschen auf Stellen, für die sie nicht taugen, ihnen ihre Untauglichkeit verzeihend. Sie nisten sich ein und lernen immer, obwohl sie dem Ruf ihres Brotgebers schaden, vorwärts zu kommen.
Die richtig bösen Menschen sind klein. Sie sitzen in Jobcentern und in Hausverwaltungen und betrügen die Bedürftigen mit ihrer missbrauchten Machtstellung. 
Vielleicht ist meine Aufgabe darüber zu berichten. Zumindest in diesem Augenblick, in diesen Stunden, in diesen Wochen. 

Was bedeutet Heimat für Sie?

Die Kindheit, der Ort, wo die Bedürfnisse zu Gedanken heranreifen.

Als ungarisch-stämmige Autorin beherrschen Sie sowohl die ungarische als auch die deutsche Sprache. Warum haben Sie Deutsch als Sprache Ihres literarische Ausdrucks gewählt?

Weil ich zu der Zeit, als ich ernsthaft zu schreiben begann, hauptsächlich auf Deutsch kommuniziert habe. Schreiben ist Erzählen und man möchte denjenigen berichten, mit denen man am meisten zu tun hat. Außerdem habe ich eine durch meine Nicht-Abstammung erzwungene Distanz zum Deutschen. Dieses Laster ist jetzt mein Profit, es hilft mir pathosfrei zu bleiben, mich selbst durch die fremde Sprache von Außen zu betrachten und ohne großartige Suche einen eigenen Ton zu besitzen.

Gibt es AutorInnen, die Sie in besonderer Weise beeinflußt haben?

Philip Roth, Nabokov, Márai. Nabokov übrigens, weil er berühmt wurde mit seinem Buch, das er nicht in seiner Muttersprache schrieb, obwohl er früher auch schon auf Russisch publizierte. Márai, weil er auch die zwei Schreibsprachen hatte, Deutsch und Ungarisch wie ich, und sich schließlich bewusst für Ungarisch entschied – aber auch ohne diese Umstände ist er mein absoluter Lieblingsautor im ungarischen Kontext. Roth – übrigens auch osteuropäischer Abstammung – wegen seines Mutes zum Intimen auf eine hochintelligente Weise. Ich liebe seine ausführliche kluge Bosheit.

Das waren auf Anhieb die frühen Haupteinflüsse, momentan schwärme ich für zeitgenössische Autorinnen, für Katja Lange-Müller, Kathrin Schmidt und Katharina Hacker.
Sie sind aber keine Vorbilder mehr, sie haben bloß ein breitgefächertes Gespür, eine sensible, sich auf alles (auch auf Sprache) ausbreitende Intelligenz und die Fähigkeit, das alles in spannende Strukturen zu packen.

Welche Rolle nehmen Ihrer Meinung nach AutorInnen im interkulturellen Dialog ein? Gibt es den sogenannten „Kulturclash“?

Ja den gibt es und wenn man sich daran gewöhnt, hält man es an Orten kaum noch aus, an denen es ihn nicht gibt.

Wie geht ihre künstlerische Reise weiter?

Mein zweiter Roman wartet auf den Druck – er erscheint bei Rowohlt Berlin im Herbst 2010 unter dem Titel „Vom Ausbleiben der Schönheit“. Momentan arbeite ich am Dritten und unterdrücke den Vierten.

Wie geht dieser Satz für Sie weiter?: „Mein Deutschland ist ...

... mir am Nahesten, wenn ich es verlasse.

 

Das Interview führte Sibel Kara im Dezember 2009.


Léda Forgó

 

Biographie von Léda Forgó
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„Vom Ausbleiben der Schönheit“
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