„Mich interessiert immer die Schnittstelle.“

Interview mit María Cecilia Barbetta

 

Sie sind in Buenos Aires, Argentinien, geboren und leben seit 1996 in Berlin. Inwieweit hat Ihre eigene Migrationserfahrung Ihr Schreiben geprägt?

Barbetta: Ich habe Argentinien nicht aus politischen Gründen verlassen, keine Regierung hat mir die Ausreise nahegelegt oder ähnliches. Es war meine freie Entscheidung, nach Deutschland zu kommen. Diese freie Entscheidung hatte mit meiner Liebe zur Fremdsprache zu tun, mit dem Wunsch, der deutschen Sprache so nah wie möglich zu sein. Ich, die ich aus einer Familie stamme, in der es keine deutschen Vorfahren gibt, hatte damals vom Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin eine Zulassung zur Promotion erhalten, daraufhin habe ich noch von Buenos Aires aus beim DAAD ein Promotiosstipendium beantragt, das ich dann erhielt. Ich glaube, diese Frage ist gar nicht nötig: Es waren geradezu paradiesische Zustände, die dazu führten, daß ich den Schritt über den Ozean hin gewagt habe.

Dieser Hintergrund unterscheidet mich von der Gruppe von Kolleginnen und Kollegen, die gezwungen wurden, ihr Herkunftsland zu verlassen, und in Folge dessen in Deutschland leben und arbeiten. Sicherlich ist die Annäherung an den Geburtsort in diesem Fall anders. Und der Umstand wiederum, daß ich in Argentinien die ersten 24 Jahre meines Lebens verbracht habe, differenziert mich von denjenigen Autorinnen und Autoren, die Deutsch als Muttersprache haben und/oder in Deutschland aufgewachsen sind, aber ob wir darüber ein Wort verlieren sollten, wenn wir uns eigentlich über Literatur verständigen wollen, möchte ich an dieser Stelle hinterfragen. In meinem Fall führt diese unverrückbare Tatsache schlicht und einfach dazu, daß ich beim Schreiben auf Deutsch das Gefühl habe, ich kann einiges über Argentinien erzählen.
 
Sie haben Deutsch als Fremdsprache studiert und beherrschen als argentinischstämmige Autorin sowohl die spanische als auch die deutsche Sprache. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum haben Sie Deutsch als Sprache Ihres literarischen Ausdrucks gewählt?

Barbetta: Ich sage es etwas kitschig, in Versen, Sie werden es mir verzeihen, weil ich es mit Jorge Luis Borges tue: "Dich, süße Sprache Deutschlands, / Dich habe ich gewählt und gesucht, einsam." Das ist ein Bekenntnis zu einer Leidenschaft, ich spreche von wahrer Liebe, also von einer Liebe, die einer freien Entscheidung entspringt – womit wir wieder beim Kern wären: Es geht bei dem, was ich tue, um das Gefühl der Freiheit. Dies vermittelt mir nicht die Muttersprache, die von Natur aus besetzt, belastet ist, sondern die Fremdsprache. Es geht um das Ungebundensein beim Denken und Fabulieren dank einer anderen Sprache. Übrigens: Daß das argentinische Spanisch meine Muttersprache ist, bedeutet nicht zwangsläufig, daß ich in der Lage wäre, mich in ihr literarisch auszudrücken. Ich behaupte, daß ich das nicht kann, abgesehen davon, daß ich keinerlei Lust dazu verspüre.

Meiner Ansicht nach kleidet die Fremdsprache die Welt, die einen umgibt, anders als die Muttersprache, und das macht das Leben in der Fremde aufregend – als befände man sich auf Entdeckungsreise. Und so war das Aufspüren eines Rechtschreibfehlers auf einem Aufsteller im Schaufenster einer Berliner Änderungsschneiderei das, was mich im richtigen Moment zum Schreiben animierte. Damals, im Sommer 2005, als ich zum allerersten Mal im Leben arbeitslos geworden war, wollte der Zufall, daß ich auf die verheißungsvollen Zeilen stieß: "Änderung von Damen". Darunter hieß es: "Kinder- und Herrenbekleidung". Der Bindestrich bei »Änderung von Damen« war vielleicht einfach nur vergessen worden, aber auf der anderen Seite fragte ich mich: Was ist, wenn du, die du dich dieser Sprache mit Leib und Seele verschrieben hast, ihrer innewohnenden Kraft vertraust, was, wenn du ganz und gar dem Wort Glauben schenkst? Und genau das tat ich. Ich schrieb meinen Roman "Änderungsschneiderei Los Milagros".

Sehen Sie sich als „Dichterin zwischen den Kulturen“?

Barbetta: Auf gar keinen Fall. Befände ich mich zwischen den Kulturen, stünde ich nirgendwo. Mich interessiert immer die Schnittstelle. Pointiert ausgedrückt: Nicht die Frau und nicht die Katze sind das wirklich Spannende, sondern die Katzenfrau, um es mit Bildern aus der hier vorgestellten Kurzgeschichte "Gartenchroniken aus der Neuen Welt" zum Ausdruck zu bringen. Oder aber am Beispiel der Allegorie für die Einbildungskraft: Nicht das Pferd und nicht die Flügel beim Pegasus, sondern die Stelle an den Schultern, wo das, was sonst nicht zusammengehört, ineinanderübergeht.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Barbetta: Etwas, was man nicht definieren kann, weil es lebendig ist und weil man es in sich trägt. Seitdem es die "Änderungsschneiderei Los Milagros" gibt, seitdem ich das Schreiben für mich entdeckt habe, weiß ich, daß ich Heimat auf keiner herkömmlichen Landkarte zu suchen brauche. Diesem Gefühl entsprechend sind meine Handlungsorte, auch wenn sie Buenos Aires heißen, das Produkt einer Art Phantasmagorie, bei der sich Deutschland und Argentinien unentwegt überlappen. Als hätte ich eines Morgens die Augen aufgetan und mir wäre aufgegangen, ich habe ja zwei Laternae magicae zur Verfügung! Wenn ich schreibe, tritt mal die eine, mal die andere Projektion mehr hervor. In meinen Augen am stimmigsten wird es dann, wenn die eine Projektion in die andere übergeht.

Im Jahr 2009 haben Sie den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis erhalten, der deutsch schreibende AutorInnen nicht deutscher Muttersprache auszeichnet. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb?

Barbetta: Es passiert mir immer wieder, daß ausschließlich der Preis erwähnt wird, der das Augenmerk auf meine Herkunft lenkt. Kein Wort dagegen über den aspekte Literaturpreis oder den Bayern 2-Wortspielepreis, dies, Auszeichnungen, die Nachdruck auf etwas legen, was meiner Überzeugung nach viel wichtiger ist als meine Herkunft, wenn nicht das einzige Wichtige: das Werk, das – von dem Autor losgelöst – seine Existenz und Berechtigung hat. Um ein möglich aufkommendes Mißverständnis gleich aus dem Weg zu räumen: Mir geht es auf gar keinen Fall darum, die Preise für meinen Debütroman aufzulisten, sondern verkappte Etikettierungen und eingleisige Zuordnungen – wie die bei der Frage um die Migrationserfahrung – entschieden zurückzuweisen, denn einmal da, sind sie sehr schwer aus der Welt zu schaffen. Über den Literaturbetrieb könnte man wahrscheinlich ganze Bücher schreiben, aber dafür wäre ich die falsche Autorin. Vielleicht einfach nur noch dies: Es ist wichtig, daß es den Literaturbetrieb gibt, denn mit Preisen, Stipendien, Buchbesprechungen u.ä. sorgt er dafür, daß die Autoren beim Schreiben unterstützt werden und ihre Werke später ein Publikum finden.

In der uns zur Verfügung gestellten Kurzgeschichte „Gartenchroniken aus der Neuen Welt“ beschreiben Sie die zeitlose mythisch anmutende Figur einer „Katzenfrau“ aus argentinischer und aus deutscher Sicht. Wie hängen die beiden Teile zusammen?

Barbetta: In erster Linie durch den Klang der Wörter. Der angekündigte Brief am Ende des ersten Teils bzw. der Plan, der "geschmiedet" werden soll, bildet die formelle bzw. 'akustische' Überleitung zu dem Schriftstück Ulrich "Schmidels" im zweiten Teil. Beide Teile sind fiktiv, doch die Figur Schmidels historisch verbürgt. Davon zeugt die Bildquelle, die unmittelbarer Bestandteil meiner Kurzgeschichte ist. Der historische Schmidel, deutscher Entdecker und Chronist des 16. Jahrhunderts, verbrachte fast zwanzig Jahre im heutigen Argentinien und zählte sogar zu den Mitbegründern von Buenos Aires. Mich hat gereizt, die Ofelia-Geschichte, die in der Gegenwart spielt, offen zu lassen, besser gesagt, ihren Fortgang durch ein Schriftstück anzudeuten, das aus der Zeit der "Conquista" zu stammen scheint, also die Zeitläufe auf den Kopf zu stellen. So wie ich Literatur verstehe und konzipiere, ist dabei der produktive Leseakt unabdingbar, damit das Konzept aufgeht. Erst im Kopf des Lesers – selbst ein "Conquistador", ein Literaturentdecker, ein unermüdlicher Abenteurer – fügen sich Teil 1 und Teil 2 der Geschichte mitsamt Bild zu einem runden Ganzen.

Gibt es AutorInnen, die Sie in besonderer Weise beeinflußt haben?

Barbetta: Ich könnte einige nennen, aber Julio Cortázar ist und bleibt mein Hausgott. Ich bewundere ihn wegen seiner Fähigkeit, sich von der Wirklichkeit überraschen zu lassen, wegen seiner unerschöpflichen Neugierde und Einfühlsamkeit, mit der er geheime Türen und Fenster dort entdeckt, wo der Rest der Welt überhaupt nichts sieht. Ich bewundere ihn wegen seines kindlichen Blickes, seines Humors, und weil er bei aller Größe auch noch unglaublich bescheiden war.
 
Wie geht Ihre künstlerische Reise weiter?

Barbetta: Ich hoffe, Neuland zu betreten. Hiermit meine ich natürlich die eigene Landkarte: Nach erst einem Buch dürfte es nicht so schwierig sein. (Es ist verdammt schwierig!)

Gibt es Situationen in denen Sie sich besonders „argentinisch“ fühlen?

Barbetta: Einmal am Tag, ich schätze mal eine Stunde lang, und zwar während ich auf argentinische Art und Weise Matetee zubereite und trinke. Dafür braucht man "yerba", den Tee, den ich für den eigenen Konsum und dennoch mit Herzklopfen ins Land einführe (das letzte Mal waren es zwölf Kilo in einem Koffer ...), man braucht auch noch den speziellen Matebecher, den ich von meiner Oma habe, und eine "bombilla", so etwas wie einen Trinkhalm aus Metall, an dessen einem Ende ein kleines Sieb angebracht ist, das dafür sorgt, daß man die Teebrösel nicht mittrinkt. Das Teewasser darf auf keinen Fall kochen, gut ist es, wenn die Temperatur 75 Grad erreicht. In den bis zu dreiviertel mit Matetee gefüllten Becher gießt man das Wasser in Mini-Portionen ein, und so vergeht die Zeit. Ein wundervolles Ritual, wenn Sie mich fragen, und wahrscheinlich so etwas wie Pfeife rauchen, nur alles Andere als genderspezifisch.

Wie geht dieser Satz für Sie weiter?: „Mein Deutschland ist ...

Barbetta: ... ohne daß ich es mir vornehme, ohne daß ich darüber zu reden brauche, auf eine äußerst leise, unpathetische, verwirrende und zugleich verlockende Art und Weise immer wieder argentinisch.

 

Das Interview führte Sibel Kara im Dezember 2010.


María Cecilia Barbetta

 

Über die Autorin
(weiter)

„Gartenchroniken aus der neuen Welt“
Leseprobe von María Cecilia Barbetta (weiter)

All rights reserved.