”This is not about sadness. It is about love.”

”This is not about sadness. It is about love.”

 

Interview mit Olumide Popoola

 

 Im Klappentext Ihrer Novelle „this is not about sadness“ werden Sie positioniert als nigerianisch-deutsche Autorin mit Wohnsitz in London und einem speziellen Interesse am „in-between“ - dem Zwischenraum von Kultur(en), Sprach(en) und öffentlichem Raum. In Ihrer Arbeit geht es um Themen wie Identität, Widerstand und Heilung. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Ich wollte schon mit 6 Schriftstellerin werden, als ich anfing zu lesen und sehr von den Geschichten, die sich in meiner Fantasie auftaten, beeindruckt war. Über die Zeit hat sich die Themenwahl oft daran angepasst, womit ich mich gerade beschäftige. Ich habe z.B. Ayurvedische Medizin studiert und obwohl ich nicht praktiziere, ist Heilung ein Thema, dass sich immer wieder auf bestimmte Weise in meinen Texten widerspiegelt.  Ich bin Teil einer Generation, die oft nicht im deutschen Alltag vorkam oder anerkannt wurde. Viele meiner früheren Arbeiten beschäftigen sich daher in verschiedenem Masse damit, sich als Nigerianisch-Deutsche „ins Dasein zu schreiben“, einen Platz einzunehmen.

 Sie sind in erster Linie Poetin und performen seit 15 Jahren ihre Spoken Word Texte. Ist der Fokus auf Creative Writing eine Weiterentwicklung als Poetin? Welche Funktion hat für Sie das Schreiben - damals und heute?

Ich muss sagen, dass mich das Schreiben von Prosaliteratur „befreit“ hat. Es hat mir neue Möglichkeiten aufgezeigt und interessanterweise einen klareren literarischen Kontext gegeben.  Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mit Gedichten auf der Suche nach einer Stimme bin, die meinem Jetzt und all den Entwicklungen in Bezug auf meine Literaturproduktionen entspricht. Die Performance Poetry ist daher nicht mehr so im Vordergrund. Performance ist schon noch relevant, aber mehr mit der Frage, wieweit ich diese Art des Ausdrucks für mich weiterentwickeln kann. Wieweit ist etwas Lyrik, Prosa, Spoken Word, Performance oder Story-Telling - gibt es da Grenzen und wenn ja, muss man sich in eine andere „Kategorie“ begeben, wenn man diese Grenzen überschreitet? Eigentlich war das Interesse zu experimentieren immer da, es ist aber in den letzten Jahren klarer geworden, dass ich nach neuen Formen des Ausdrucks suche. Im Moment bin ich sehr an literarischen Formen in Bezug auf Gedrucktes interessiert und daran, wie man diese Formen verändern kann. Mich interessiert auch, was es bedeutet, an bestimmte Romanstrukturen gewöhnt zu sein. Hybride Formen und hybride Sprachen ist, was mich im Moment sehr fasziniert und anzieht. Es ist eine Erweiterung von all den kreativen Erfahrungen, die sich über die Zeit so angesammelt haben, wie z.B. meine Bühnenerfahrung, theoretische Auseinandersetzungen mit der Rolle von Literatur und meinen politischen Interessen.

  In „this is not about sadness“ erzählen Sie die Geschichte zweier Frauen, die durch das Erzählen ihrer Geschichten ihre Traumata überwinden lernen. Es geht um Solidarität und Heilung durch (mit)teilen. Aber auch um Themen sexualisierter Gewalt und Entmachtung weiblicher Subjekte. Das „zur Sprache bringen“ der eigenen Geschichte ermöglicht den Hauptfiguren des Romans Heilung und Veränderung. Wollten Sie eine Geschichte schreiben, die ermutigend auch für Leser_innen sein kann?

Ich wollte eine Geschichte schreiben, die relevant ist, sich also mit Problemen unserer Zeit auseinandersetzt und zwar auf sensible Weise. Es war mir wichtig genug „Platz“ zu haben diese Traumata zu besprechen. Zu oft, und zwar gerade für Frauen, ist der Druck weiterzumachen so groß, ohne dass es Raum dafür gibt, darüber zu reden, wie es einer wirklich geht oder was es eigentlich bedeutet weiterzumachen. Oder man wird nur als Art tragische Geschichte gesehen, als eine die tragisch ist und damit hört es auf. Somit bleibt alles bei den tragischen Erlebnissen stehen. Die Novelle sollte in jedem Fall als ermutigende Geschichte verstanden werden und soll zeigen, dass neben dem Trauma auch noch Schönes existiert. Das es weitergeht, weitergehen kann. Dass das, was einem passiert ist, nicht alles ist, was einen Menschen ausmacht, und man nicht von Anderen auf dieses traumatische Erlebnis festgeschrieben wird. Es sollte ein tragischer Blick mit einem einfühlsamen ausgetauscht werden, der andere Facetten zeigt. Um beim Romantitel zu bleiben: this is not about sadness. It is about love. Nicht romantische, sondern freundschaftliche Liebe, die Liebe im Erkennen der Anderen, aber auch die Liebe zum Leben im Allgemeinen. Die Liebe, die einem über seine eigenen Denkhürden hinweghilft, so dass man Anderen begegnen kann und sie in ihrer selbst wahrnimmt, ohne wenn und aber.

 Sprache(n) spielen eine besondere Rolle in Ihrer Arbeit. Ihre Novelle ist auf Englisch geschrieben und bedient sich "vernacular" und hybrider Sprachen. Bietet Englisch mit seinen hybriden Aneignungen in Diaspora Communities andere bzw. mehr Möglichkeiten als die deutsche Sprache?

Auf den ersten Blick schon. Es gibt ja in Englisch viel längere Traditionen, die sich auch klar verschiedenen Communities zuschreiben lassen: Von Pidgin zu Patois, zu verschiedenen Akzenten, die man sofort erkennt, zu neueren Ausdrucksweisen.  Aber in Deutschland passiert ja auch schon längere Zeit etwas. Denken Sie nur an die türkisch-deutsche Literatur, wie z.B. Emine Özdamar’s „MutterZunge“, was ja nun auch schon vor längerer Zeit veröffentlicht wurde. Das ist in Bezug auf dieses Thema ja ein unglaublich kreatives und sehr erfolgreiches Beispiel. Ein mit der deutschen Sprache experimentieren wird mit Sicherheit in der Zukunft mehr und mehr eine Rolle spielen. Selber würde ich gerne ein bisschen Zeit mit diesem Thema verbringen und schauen, was für eine neue Sprache sich entwickeln lässt. Ausprobieren, wie ich eine nigerianisch-deutsche Realität in einer Version von Deutsch spiegeln kann. Leider bin ich durch den englischen Kontext, in dem ich meist arbeite, immer ein bisschen knapp an der Zeit.  

 Wie wichtig ist Ihnen die Verbindung zum Publikum, gerade auch in Bezug auf Sprache und Sprachbarrieren? Steht gerade bei Spoken Word nicht auch immer das Publikum in Verbindung zur Performance - oder die Performance in Verbindung zum Publikum?

Auf der Bühne kommen die Akzente, mit denen ich gerne arbeite, natürlich viel mehr zur Geltung. Ich mag die Überraschung wenn ich aus „this is not about sadness“ lese und es viel performativer ist, als die Leute es erwartet hätten. Und ja, Performance ist immer ein Wechselspiel mit dem Publikum, man kann sehr viel mehr mit Sprache machen, weil man physisch präsent ist und dadurch den Worten Ausdruck verleiht. Manchmal ist in Performances das genaue Verstehen auch nicht im Vordergrund, sondern wie etwas gesagt wird. Dieser Austausch mit dem Publikum ist mir sehr wichtig. Oft ist das Vortragen oder Performen einer Geschichte, die noch in Arbeit ist, aber auch ein guter Stimmungspegel, ob das Ganze nun für mich funktioniert oder nicht. Sobald es live war, weiß ich oft, ob der Text in sich stimmig ist. Und Performance wird ja erst mit dem Publikum. Das ist immer sehr spannend, weil es nicht allein in meiner Hand ist und auch jedes Mal anders sein kann und ist. 

 Deutschland zeichnet sich nur bedingt durch seine Anerkennungspolitik in Sachen „in-between“ aus. Was verstehen Sie unter hybriden Sprach- und Literaturformen?

Experimentelle, innovative Literatur und Sprachumgang. Bei this is not about sadness lag die Idee zu Grunde, dass sich die Rentnerin in die Geschichte des Mädchens „reindrängt“. Dass ihre Monologe den „normalen“ Romanfluss unterbrechen. Es sollte auch eine Art von call and response Tradition spiegeln. Sprache verändert sich unaufhörlich. Wenn man nicht mehr nur in seinem Primär-Sprachbereich lebt und arbeitet, passieren interessante Sachen, wenn die eine Sprache sich in die andere einschleicht. Man denkt in mehreren Sprachen, switched wenn einem ein Wort nicht mehr einfällt, verändert Wörter, indem man sie halb oder im falschen Kontext übersetzt oder nicht ganz richtig benutzt. All das ist für das kreative Schreiben natürlich unglaublich spannend. Abgesehen davon, mache ich mir aber auch viele Gedanken über Machtstrukturen in der Sprache. Muss sich eine neue Realität nicht auch darin widerspiegeln, was wir sagen und vor allem wie? Müsste das nicht neu „erfunden“ werden, um alte Strukturen hinter sich zu lassen?  

 Sie schreiben zur Zeit an einer Trilogie. Was können wir in naher Zukunft von Ihnen erwarten?

Ich habe das mittlerweile etwas vereinfacht und nenne es – für den Moment - nun einen cross-genre Roman. Also eine Weiterführung von den Elementen, die ich schon angesprochen habe: Experimentieren mit Form und Sprache, in diesem Fall auf Englisch. Ich habe angefangen, daran zu schreiben, aber es wird noch ein kleines Weilchen dauern.  Ich möchte aber auch gerne an der Idee mit Sprache und Realität in Deutschland und auf Deutsch arbeiten. Ich habe eine konkrete Idee diesbezüglich und hoffe, dass ich im nächsten Jahr genaueres sagen kann. Performances kommen ja immer ad hoc, wenn ich eingeladen werde, und ich probiere dann verschiedene Ideen aus. Im Moment steht aber der Roman im Vordergrund. 

 Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für Deutschland dann:

Akzeptanz der sozialen, kulturellen, politischen und sprachlichen Diversität, der Realität halt.

 

Das Interview führte Julia Brilling im März 2011.


Olumide Popoola Foto: ©Tisa Bryant

 

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"this is not about sadness"
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