„Ich denke, ich werde sicherlich nie aufhören zu schreiben”

 

Interview

 

 Frau Milagro, Sie haben sowohl in London als auch Berlin Schauspiel und klassischen Gesang studiert. Für Label Noir sind Sie nun auch in die Rolle der Autorin und Regisseurin des Stücks „Heimat, bittersüße Heimat“ geschlüpft. Was hat Sie zum Schreiben inspiriert?

Einige der Szenen für „Heimat, bittersüße Heimat“ entstanden während meines Schauspiel- Studiums in London, verschwanden aber zunächst in der Schublade, weil es mir damals einfach nicht in den Sinn kam, dass meine (Afro-Deutsche) Sicht auf Themen um Heimat, nationale und menschliche Zugehörigkeit und alte rassistische Ressentiments in politisch korrekter Aufmachung – das all dies etwas sein könnte, was ein breites Publikum interessiert, was im Bewusstsein der Leute etwas bewegen und gleichzeitig unterhaltsam sein kann. Als ich dann bei Label Noir mit anderen Schwarzen SchauspielerInnen arbeitete, wurde mir bewusst, dass ich meine individuellen Erlebnisse als Afro-Deutsche mit vielen anderen Afro-Deutschen /  in Deutschland lebenden Schwarzen und People of Colour in Europa und überall auf der Welt teile, dass meine persönlichen Erfahrungen also eine politische Dimension haben. So fielen mir die Szenen in der Schublade wieder ein, und ausgehend davon entstand meine Idee und das Konzept für „Heimat, bittersüße Heimat“ und schließlich das Stück selbst. Naomi Bendt, damals Mitglied bei Label Noir, trug auch Texte mit bei und zwar für die Film-Clips 'Hey Du', die Teil des Theaterstücks sind. Außerdem erfand ich für das Stück das performative Element der 'Standortbestimmung und Hymne', die jedeR SchauspielerIn selbst gestaltet.

  Sie schreiben auch Gedichte und Kurzgeschichten. Werden Sie das in Zukunft noch vertiefen oder ist die Schauspielerei Ihr erstes Standbein und soll es auch bleiben?

Ich denke, ich werde sicherlich nie aufhören zu schreiben, das ergibt sich ganz von selbst: wenn ich das Gefühl habe, dass ich etwas aufschreiben muss, sei es in Form einer dramatischen Szene, eines Gedichts oder Prosa, dann muss ich es aufschreiben, dann muss es raus. Ob das dann jemand lesen oder sehen will, ist eine andere Frage - in erster Linie folge ich einer inneren Notwendigkeit. Zuallererst aber bin ich Schauspielerin und Sängerin, das ist mein Beruf, das habe ich gelernt.

   Das Theaterensemble LabelNoir wurde 2008 gegründet mit dem Ziel, afro-deutschen Schauspieler/innen eine Plattform zu bieten, jenseits rassistischer Klischées ihr schauspielerisches Können unter Beweis zu stellen. Das erste Ergebnis ist das Theaterstück „Heimat, bittersüße Heimat“. Wie hat sich das Ensemble LabelNoir gefunden?

Das Theater-Ensemble in seiner ursprünglichen Zusammensetzung wurde im Oktober 2007 von Aicha Diallo zunächst unter dem Namen LiberatioNoire gegründet. Ich bin seit Anfang 2008 künstlerische Leiterin des Ensembles und seit Ende 2009 gemeinsam mit Vanessa Rottenburg in der Co-Regie sowie Michael Ojake und Lena Lessing in der Dramaturgie.
Zunächst einmal haben wir uns gefunden – Laien und Profi-DarstellerInnen – auf der Flucht vor Klischee-Rollen im konventionellen Theater und um uns einen (künstlerischen) Raum zu schaffen, in dem wir gemeinsam dramatisches Material auf die Bühne bringen können, bezogen auf Themen und vermittelt durch Darstellungsformen, die uns interessieren und angehen.
Seit Ende 2009 besteht das Ensemble aus einer Gruppe afro-deutscher / Schwarzer professioneller SchauspielerInnen: Vanessa Rottemburg, Jonathan Aikins, Dela Gakpo, Leander Graf, Moses Leo, Thelma Buabeng, Toks Körner,Veronica Naujoks, Zandile Darko und Lara-Sophie Milagro (feste bzw. freie Ensmble-Mitglieder). Neben unserer Arbeit für Label Noir sind wir als freischaffende und fest angestellte KünstlerInnen – SchauspielerInnen, SängerInnen und bildende KünstlerInnen – als AkademikerInnen, in der Jugend- und Erwachsenenbildung sowie in der nationalen und internationalen Empowerment-Bewegung tätig. Darüber hinaus haben wir weitere freie Mitglieder und MitarbeiterInnen aus den Bereichen Dramaturgie, Regie, Musik, Tanz, Bühnenbild, Technik und PR.
Label Noir ist der Versuch, den Anspruch einer dauerhaften Präsenz Afro-Deutscher / Schwarzer künstlerischer Perspektiven als einen integrativen Bestandteil in der deutschen Theaterlandschaft anzumelden. Wir wollen als selbstverständlicher, wichtiger und unüberhörbarer Teil der deutschen Gesellschaft und Kunstszene in Erscheinung treten und wahrgenommen werden.
Das Ensembles wird seine gemeinsame künstlerische Arbeit auch über dieses Theaterprojekt hinaus fortsetzen. Für die Zukunft sind Inszenierungen internationaler, sowohl klassischer als auch zeitgenössischer Dramenliteratur in Zusammenarbeit mit externen RegisseurInnen geplant.

  Wie der Titel des Stücks bereits verrät, geht es um Heimat. Mit welcher Art von Heimatsverhandlung konfrontiert das Stück seine ZuschauerInnen?

Angelehnt an die Idee eines Buches behandelt das Stück "Heimat, bittersüße Heimat" den Heimatbegriff sowie Diskurse um Zugehörigkeit und multikulturelle Identität in 5 Kapiteln aus 5 verschiedenen Blickwickeln, die jeweils 5 verschiedene thematische Schwerpunkte setzen. Die Kapitel sind überschrieben 'Heimat, 1. Versuch', 'Deutsch oder nicht deutsch – Fragen über Fragen', 'Gutmenschen', 'Warten' und 'Heimat, letzter Versuch'.
Beginnend mit der naheliegensten (aber auch in gewissem Sinne oberflächlichsten) Definition von Heimat – nämlich Heimat im Sinne von Land, Paß, (von außen in Frage gestellter) nationaler Zugehörigkeit – spannt das Stück den Bogen bis in das aller innerste, privateste, intimste Heimatgefühl: Heimat in mir selbst finden / in einem anderen Menschen finden (oder nicht finden). Für mich geht das Stück damit vom Allgemeinen ins Spezielle, hin zu dem, worum es eigentlich geht: Was ist Heimat? Für jede/n Einzelne/n von uns? Worauf gründe ich mich und meine Identität, in wie fern kommen andere darin vor, in wie fern mache ich mich vom Urteil, der Anerkennung, der Liebe der Anderen unabhängig, wie weitgehend kann ich das überhaupt? Das sind allgemein menschliche Themen quer durch die Hautfarben, Geschlechter, Altersstufen. So wird auch deutlich, dass eventuell schwierige  Aspekte von Identität und Zugehörigkeit keinesfalls Probleme von People of Colour sind, wie von der weißen Mehrheitsgesellschaft gerne dargestellt. Identität an sich ist ein ambivalentes, vielschichtiges und widersprüchliches Konstrukt, und das gilt für alle Menschen. 

  Inter-, Trans-, Multi-, Bi-Kulturell- welches Label auch immer, auf die deutsche Theaterlandschaft trifft das (noch) nicht ganz zu. Der rassismusfreie Raum scheint tatsächlich eine Utopie zu sein. Welche Erfahrungen machen Sie mit dem eigenen Stück, in dem sie vor allem eigene Erfahrungen verarbeiten?

Wir DarstellerInnen wissen aus eigener Erfahrung, dass auch im 21. Jahrhundert in vielen Köpfen noch ein Begriff des ‚Deutsch-Seins’ vorherrscht, welcher sich in erster Linie am Erscheinungsbild orientiert. In "Heimat, bittersüße Heimat" möchte Label Noir zeigen, dass Definitionen von Identität, Heimat, nationaler und menschlicher Zugehörigkeit weit komplexer sind und weit mehr umfassen als die Kategorisierung nach Hautfarbe, Pass oder Herkunft der Eltern. Wo - ganz konkret am Menschen, an uns, in uns - beginnt Heimat und auch Ausgrenzung? Worüber definiere ich meine Zugehörigkeit und muß ich sie überhaupt definieren? Für wen? Warum? Und vor allem: wird diese Zugehörigkeit durch andere FÜR MICH definiert oder definiere  ICH SIE SELBST? Eigenrepräsentation ist ein zentrales Anliegen unseres Stückes.
Dabei rückt das Ensemble Afro-Deutsche / Schwarze Perspektiven in den Vordergrund - allein aufgrund der Besonderheit, dass von der künstlerischen Leitung und Autorenschaft über die PR-Verantwortlichkeit bis hin zu den SchauspielerInnen fast alle wichtigen Positionen von Schwarzen Deutschen / in Deutschland lebenden Schwarzen besetzt sind. Dies bedeutet den Bruch mit der deutschen Tradition überwiegend Weißer Theater-Ensemble und verdeutlicht, dass es so etwas wie eine ‚neutrale künstlerische Perspektive‘ nicht gibt.

  Ende April treten Sie im Rahmen des Diyalog-Theaterfestivals in Berlin auf. Sind weitere Auftritte geplant oder schreiben Sie bereits an einem neuen Stück?

Bis Ende des Jahres werden wir „Heimat“ an verschieden Theatern und Institutionen bundesweit spielen. Außerdem werden wir einer Einladung in die USA folgen, unser Stück auch dort aufzuführen. Über aktuelle Spieltermine kann man sich auf unserer Web-Site informieren.
Ende diesen Jahres / Anfang nächsten Jahres werden dann neue Projekte in Angriff genommen werden, mit externen RegisseurInnen und neuen Stücken. Ob ein klassisches oder modernes Stück und von welchem Autor oder welcher Autorin steht noch nicht fest und wäre dem so, würde ich hier noch nichts verraten. Auf jeden Fall wird’s nichts selbst Geschriebenes.

  Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für Deutschland, dann:

Horizonterweiterung.

 

Das Interview führte Julia Brilling im April 2011.


Lara-Sophie Milagro

 

„Heimat, bittersüße Heimat”
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Über die Autorin
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