Editorial Dossier Transnationalismus & Migration

Die Globalisierung hat nicht nur die grenzüberschreitenden Waren- und Kapitalströme zwischen Ländern und Weltregionen intensiviert. Auch die räumliche Mobilität von Menschen nimmt seit Längerem stetig zu. Menschen bewegen sich beispielsweise durch Urlaubs-, Arbeits- oder Ausbildungsaufenthalte zwischen mehreren Ländern oder pendeln hin und her. Sie nutzen die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien dazu, Lebensräume und soziale Bezüge über Nationalgrenzen hinaus punktuell oder dauerhaft zu erweitern, länderübergreifende Austausch-, Arbeits-, Beziehungs- und Mobilitätsformen zu etablieren und entsprechende Lebensformen und -strategien zu entwickeln. Diese neuen Formen der Migration, des Lebens und des Austausches erhalten oft die Vorsilbe „trans“, um ihren über etwas hinausweisenden Charakter deutlich zu machen: Transnationalismus, Transmigration, TransmigrantInnen.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen versuchen neue Ansätze der Migrationsforschung zu beschreiben und die Implikationen der international angestiegenen wirtschaftlichen, soziopolitischen und kulturellen Verflechtungen abzuschätzen. Es zeigt sich, dass die über mehrere Länder aufgespannten familiären und sozialen Netzwerke, die zahlreichen diasporischen Communities und religiösen Gemeinschaften zur Formierung transnationaler Sozialräume beitragen, die nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die Nationalgesellschaften und ihre Ökonomien und Arbeitsmärkte haben.

 
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(PDF, 101 Seiten, 1380 KB)

Besonders die Großstädte, Anziehungspunkt und bevorzugter Lebensraum von TransmigrantInnen, sind weltweit Schauplätze rasanten Wandels – angestoßen durch das Zusammentreffen immer mobilerer und vielfältiger werdender Bevölkerungsgruppen.

Das Konzept des Transnationalismus lenkt den Blick der Migrationsforschung auf die neu entstandenen Lebensrealitäten und Interessenslagen von – meist jungen – Migrantengenerationen im 21. Jahrhundert und hinterfragt die Tragfähigkeit der vorherrschenden Migrations- und Integrationspolitiken. Diese unterstellen zum einen oft weiterhin eine dauerhafte Ein- und Auswanderung und verkennen so den zunehmend temporären Charakter transnationaler Mobilität. Und zum anderen gründen sie auf traditionellen eindimensionalen Identitäts- und Staatsbürgerschaftskonzepten, die auf die Assimilierung der MigrantInnen an die vorherrschende nationale „Leitkultur“ ausgerichtet sind.

In diesem Dossier wird die transnationale Mobilität als ein besonderer Typus einer internationalen Migration unter folgender Gliederung vorgestellt:

  • Im ersten Abschnitt werden neue transnationale Migrations-, Mobilitäts- und Partizipationsformen sowie die Entstehung neuer transnationaler soziokultureller Räume analysiert.
  • Im zweiten Abschnitt werden empirische Befunde zur soziokulturellen Transformation von sozialen Räumen präsentiert, die sich unter anderem in Form von transnationalen Netzwerkbildungen oder „Zwischenräumen“ in Globalen Städten manifestiert.
  • Im dritten Abschnitt werden die politischen Herausforderungen der transnationalen Mobilität und Migration verhandelt, denen sich die Politik auch aufgrund der gestiegenen Handlungsoptionen und Rechtsansprüche der transnationalen AkteurInnen dringend stellen muss.

Das Dossier hat Sibel Kara konzipiert und  redigiert.
Endredaktion: Olga Drossou, MID Redaktion.

Mai 2011


Sibel Kara ist Philosophin und Literaturwissenschaftlerin. Sie ist  bei Pro Diversity tätig. Ihre Schwerpunkte sind: Wandel des öffentlichen Raums und Arbeit im Zeitalter der Globalisierung.

 

Bild: Cristina de Santana

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