Hotel Stadt

Hotel Stadt


von Regina Bittner

Wenn sich heute ehemalige türkische GastarbeiterInnen die ersten Jahre in Deutschland vergegenwärtigen, dann spielen die Bahnhöfe eine zentrale Rolle. E.D. erinnert sich, dass das Warten auf die Neuankömmlinge auf dem Bahnhof in Köln am Sonntag auch mit dem Wunsch verbunden gewesen war, etwas über die Heimat zu erfahren, die eigene Sprache wieder einmal zu sprechen, Landsleute zu treffen. Hier in den verlassenen Bahnhöfen inmitten einer immobilen deutschen Nachkriegsgesellschaft konnte man dem tristen Alltag an den Fließbändern von Opel entkommen, der sich nur aus wenigen Handgriffen und deutschen Worten erschloss, mehr schien nicht nötig, um Geld zu verdienen, und dafür hatte man sich schließlich auf den Weg gemacht.

Der Sonntag auf dem zugigen Bahnhof brachte bald, so E.D., eine Reihe von kleinen Geschäften und Bars hervor, in denen sich die Leute die Zeit des Wartens vertreiben konnten. Dieses pionierhafte Unternehmertum hat letztlich die Transformation der städtischen Bahnhöfe initiiert. Heute, so E.D., sind die Bahnhöfe lebendige Geschäftsmeilen, Shoppingmalls für die globale Konsumgesellschaft, die nichts mehr mit den tristen Orten der 1960er Jahre gemeinsam haben. Diese Wandlung hat Praktiken der türkischen GastarbeiterInnen zum Hintergrund, die die verlassenen Bahnhöfe neu entdeckt haben. (1)

Städte sind in Bewegung geraten. Sie lassen sich nicht mehr als exklusive territorial fixierte, national kontextualisierte Einheiten verstehen, sondern sind Knotenpunkte, in denen sich vielfältige Ströme von Menschen, Waren, Ideen, Bildern, Informationen und Kulturen überlagern und durchkreuzen. Das bringt eine Vielzahl nebeneinander existierender, oft kontrastierender Wirklichkeitsbilder und Lebensrealitäten der Stadt hervor. Neue Identitätsformationen und Raumbildungsformen entstehen, die sich über die vielfältigen Dynamiken der Mobilität und Migration erschließen lassen.

Wenn heute Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland die Bahnhöfe als die wenigen in den 1960er Jahren zugänglichen und verfügbaren Orte ihrer migrantischen Praxis reklamieren, so scheinen sich hier besondere räumlich-kulturelle Praktiken manifestiert zu haben, die mit den Vorstellungen von Ankunft und Herkunft, die den nationalstaatlichen Regulationsmustern von Migration zugrundeliegen, kontrastieren. Der Bahnhof gilt hier als paradigmatischer Ort zwischen Kommen, Bleiben und Gehen, ein Ort, der sich aus vielfältigen Verknüpfungen und Austauschbeziehungen zusammensetzt und zugleich exemplarisch für die Urbanisierungsdynamiken einer transnationalen Stadtgesellschaft ist. Welche veränderten Muster des Herstellens von städtischen Orten sich hier beobachten lassen und wie diese die bisherigen Verhältnisse zwischen „Großstadt“ und „Territorium“ durcheinander bringen, soll im Folgenden diskutiert werden.

Im Zwischenraum

In den kulturgeografischen und stadtethnografischen Forschungen zu Migration leistete der Begriff des Transnationalen konzeptionelle Pionierarbeit: was da in Berlin Kreuzberg, London Soho oder Chinatown New York passierte, schien sich im begrifflichen Zusammendenken vom physischen Raum der Nachbarschaft und den darin stattfindenden sozialen Aktivitäten nicht mehr abbilden zu lassen. Gleichwohl Tür an Tür verbringen die Familien ihr soziales Leben in Netzwerken, die weit über den Stadtraum hinausweisen. Diese neuen sozialen Räume sind nicht mehr durch eine eindeutig exklusive, sondern durch eine „multipolare räumliche Bindung“ gekennzeichnet. Während die Moderne, so der Soziologe Ludger Pries (s. Artikel in diesem Dossier), durch die fortschreitende Relativierung des Ineinandergreifens von geografischem und sozialem Raum gekennzeichnet war, führt der gegenwärtige Entkopplungsprozess zur „Emergenz von transnationalen Räumen“. (2)

Bei transnationalen Räumen handelt es sich nicht lediglich um eine Erweiterung. Vielmehr sind sie gekennzeichnet durch die „Aufstapelung unterschiedlicher sozialer Räume im gleichen Flächenraum und der Ausdehnung sozialer Räume über mehrere Flächenräume“. (3) Der britische Soziologe Martin Albrow stellt bei seinen Untersuchungen zu Nachbarschaften in „global cities“ wie London, deren soziales Leben weit über den physischen Raum der Stadt reicht, fest, dass Begriffe wie Community oder Neighbourhood nicht mehr geeignet sind, diese städtischen Orte als sozialräumlichen Zusammenhang zu beschreiben. Das klassische Paradigma hat noch den Ort, die Lokalität, als über lokale Kultur zur Community vermittelt begriffen. Hier jedoch stellt er fest, dass die BewohnerInnen „inhabit coexisting social spheres, coeval and overlapping in space, but with fundamentally different horizons and time spans.“

Albrow schlägt deshalb den Begriff “sociospheres” vor: Dabei handelt es sich um besondere Muster sozialer Aktivitäten „belonging to networks of social relations of very different intensity, spanning widely different territorial extents, from a few to many thousands of miles. In the locality they may scarcely touch each other.” Diese unterschiedlichen Sociospheres treffen an konkreten Orten aufeinander, wo sie miteinander eher koexistieren, ohne sich wechselseitig wesentlich zu beeinflussen. „Locality“, so Albrow „is criss crossed by networks of social relations whose scope and extent range from neighbouring houses over a few weeks, to religious and kin relations spanning generations and continents.” (4)

Mittlerweile sind eine Reihe von Begriffen im sozial- und kulturgeografischen Diskursraum verhandelt worden, um diese Eigenart städtischer Raumproduktion, in der sozialer und physischer Raum immer weniger in Deckung gebracht werden können, zu definieren. Als prominentester Begriff gilt sicherlich der von dem amerikanischen Kulturanthropologen Arjun Appadurai vorgeschlagene Begriff „scapes“. Dieser versucht, die besondere Verschränkung zwischen physischen und imaginären Räumen in migrantischen Diasporen zu erfassen und erschließt damit zugleich einen für die gegenwärtigen Dynamiken der Migration konstitutiven Zusammenhang.

In seinem Buch „Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization” stellte Appadurai die Vermittlung zwischen elektronischen Massenmedien und Migration als einen entscheidenden Faktor der Hervorbringung einer veränderten Subjektivität in der Gegenwart heraus, die sich am deutlichsten in den städtischen Metropolen artikuliert. Das Besondere dieses Prozesses bestünde darin, dass die Integration des Globalen in die alltägliche Praxis dabei wesentlich über die Imagination vermittelt wird. Die Imagination sei, so Appadurai, nun ein kollektiver sozialer Faktor geworden und dies stelle die Basis für eine Pluralität der imaginierten Welten dar. Er sieht in der Verschränkung von modernen globalen Medien mit Migrationsbewegungen deshalb eine postnationale Ermächtigungsstrategie am Werk, durch die die Subjekte sich in die Lage versetzen „to live in such imagined worlds and thus are able to contest and sometimes even to subvert the imagined worlds of the official mind and the entrepreneurial mentality that surround them.“(5)

Bei ethnoscapes, ideoscapes oder mediascapes (um einige der von Appadurai identifizierten scapes zu benennen) handelt es sich um Verhandlungsfelder, in denen ganz verschiedene AkteurInnen unterschiedlichster Reichweite von global bis zur unmittelbaren Nachbarschaft miteinander in Interaktion treten. Auch wenn sich mit den globalen Medien die Möglichkeiten dieser Verflechtung erweitert haben, neu sind sie nicht. Das Entscheidende am Postkolonialismus-Diktum ist doch, dass die westliche Welt schon längst in den kolonialen Städten existierte: Anthony King wies darauf hin, dass der Multikulturalismus in den kolonialen Städten geboren wurde. Stuart Hall`s Ankunftserfahrung in den 50er Jahren kann dafür als beredtes Zeugnis gelten:

People like me who came to England in the 50s have been there for centuries; symbolically, we have been there for centuries. I was coming home. I´m the sugar at the buttom of the English tea cup. ... There are thousands of others beside me that are, you know, the cup of tea itself. Because they don`t grow in Lancashire. ... Not a single tea plantation exists within the United Kingdom.This is the symbolization of the English identity – I mean what does anybody know about an English person except that they can`t get through the day without a cup of tea. (6)

Dieses Nebeneinander unterschiedlicher Erfahrungsräume ist insbesondere in den Metropolen von Spannungen und Konflikten begleitet. David Morley hat am Beispiel des öffentlichen Diskurses um Satellitenschüsseln als „antennes parabolique“ in den Banlieus von Paris, was Empfindungen wie Ärger oder Übel zum Ausdruck bringen soll, darauf hingewiesen, dass diese mediascapes der vorwiegend nordafrikanischen EinwandererInnen, mit denen sie das heimische Fernsehen empfangen, als Ausweis mangelnder Integration in die französische Gesellschaft gewertet wird. Offensichtlich nimmt die Mitte der französischen Gesellschaft die VorortbewohnerInnen zunehmend als Bedrohung wahr, denn sie seien hier „in ihrer eigenen muslimischen Welt, mit ihren Moscheen und Satellitenfernsehen aus Nordafrika und Saudi- Arabien“. (7)

Ähnliche Beobachtungen macht Kevin Robins bei seinen Studien der Kultur-und Medienpraxis der türkischen Diaspora in London. Er stellt dabei heraus, das transnationale Fernsehkanäle wie TRT-INT Medienräume darstellen, die auf eine wesentlich komplexere Form kultureller Erfahrung der MigrantInnen reagieren. Der oft in Europa zu hörende Argumentation, der Konsum dieser Sender würde die Integration in das Ankunftsland erschweren, erteilt Robins eine Absage. Solche Kanäle hätten sich auf eine transnationale Zuschauerklientel eingestellt. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der alltäglichen Praxis türkischer MigrantInnen; sie erlauben es ihnen, in mehreren Welten gleichzeitig zu leben. In diesen Mediascapes prägen MigrantInnen hybride Identitäten aus, die zwischen virtuellen und geografischen Orten hin- und herpendeln.(8) Diese neuen Formen der Verortung, die sich nicht mehr entlang der Achse zwischen Herkunfts-und Ankunftsgesellschaft beschreiben und zuordnen lassen und die wesentlich aus der Verflechtung zwischen Migration und Medien resultieren, haben eine eigene kulturelle Produktion hervorgebracht.

Landeplatz world city

Dass die Produktivkraft Imagination inzwischen auch die städtischen Räume der Metropolen transformiert, zeigt sich an der vitalen Praxis vieler Migrantenviertel. Rosengard in Malmö, Kreuzberg in Berlin oder Hoogvliet in Rotterdam, um nur einige zu nennen – migrantische Ökonomien, die oft aus informellem und familienbasiertem wirtschaftlichen Handeln hervorgegangen sind, haben dazu beigetragen, dass aus diesen abgewerteten Vierteln lebendige Stadtteile wurden. „Die Migranten haben die Stadtteile gerettet“, bestätigt ein leitender Mitarbeiter des Bundesbauministeriums in Berlin. Im Ruhrgebiet stellen ForscherInnen inzwischen einen Wandel in den Selbstwahrnehmungen der BewohnerInnen fest: eine Umwertung vom benachteiligten zum internationalen Stadtteil ist zu beobachten.

Inzwischen setzt sich auch in Deutschland die Einsicht durch, dass es zur internationalen Stadtgesellschaft keine Alternative gibt. Der schwedische Kulturanthropologe Ulf Hannerz hat schon in den 1990er Jahren darauf hingewiesen, dass Städte wie London, Sao Paulo oder New York weniger nationale Städte sind. Sie spielen eine herausragende Rolle bei der Produktion und Transformation von kulturellen Bedeutungen, ihnen kommt als ImpulsgeberInnen eine zentrale Stellung zu, wenn es um Veränderungen der globalen kulturellen Geografie geht. Dass sie dies leisten können, hat mit der besonderen Interdependenz zwischen Kultur und Ökonomie zu tun.

World cities (hier Link zu Beitrag Sassen in diesem Dossier) zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur in vielfältige internationale wirtschaftliche Austausch- und Vernetzungsprozesse integriert sind, sondern dass diese Vernetzung spezifische AkteurInnen mit einer besonderen transitorischen Praxis zum Hintergrund hat. Die Verknüpfung zwischen Städten und die damit einhergehende urbane Praxis charakterisieren die Rolle der world cities. Internationale Geschäftsleute, TouristInnen, Kulturschaffende und Kreative sowie MigrantInnen bezeichnet Hannerz als AkteurInnen der world cities, die in ihrer Praxis kulturelle Bedeutungen produzieren, die sich zwar in und aus der jeweiligen Stadt ergeben, aber zugleich und vor allem über diese hinausweisen. Mit diesen vier Akteursgruppen hebt Hannerz zugleich die transitorischen Aspekte ihrer urbanen Praxis hervor. „World cities are places in themselves, and also nodes in networks, their cultural organization involves local as well as transnational relationships.” Insofern sind world cities in „cultural flows“ eingebunden, in denen eine ständige Uminterpretation und Übersetzung der Kulturen stattfindet. (9)

Das gilt für KünstlerInnen und Kulturschaffende, in deren Praxis ein permanenter Austausch zwischen Städten und Szenen stattfindet, und es trifft ebenso auf MigrantInnen zu. Die Stadtethnologin Alexa Färber hebt in Anlehnung an Ulf Hannerz hervor, dass world cities aber nicht nur Möglichkeitsräume für solche urbanen kulturellen Praxen anbieten, sondern dass in sie zugleich die Aufforderung an die AkteurInnen eingeschrieben ist, sich an der Herstellung kultureller Bedeutungen aktiv zu beteiligen und damit an der Transformation dieser Städte mitzuwirken. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Handlungsmöglichkeiten und der permanenten Anforderung zu eigenen unternehmerischen Aktivitäten wird in world cities über den Markt vermittelt. In world cities kann nur existieren, wer erfolgreich in die ökonomischen Wechselbeziehungen integriert ist, in die diese Städte eingebunden sind, sei es nun der internationale Kunstmarkt, die Tourismusindustrie oder die globale Migrantenökonomie. (10)

World cities sind kulturelle Marktplätze, hier werden kulturelle Bedeutungen immer wieder umkodiert und konsumierbar gemacht. Der Erfolg ethnischer Viertel wie Chinatown in London, Little India in Singapur oder im Fall von Berlin „Little Istanbul“, die inzwischen auch als touristische Highlights markiert werden, kann als Beispiel dafür gelten. Die Problematik dieser Umwertung in ein konsumförmiges Format besteht allerdings darin, dass die schwer verdaulichen Differenzen und Konflikte, die ihrer Existenz zugrunde liegen, dabei ignoriert werden. In Berlin konnte man gut beobachten, wie die sogenannten migrantischen Ökonomien mittlerweile im Bild einer internationalen multikulturellen Stadt aufgewertet wurden, aber die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen sowie der mangelnde Zugang zu Bildungschancen der ProduzentInnen ausgeblendet bleiben.

Das Beispiel zeigt, dass die Mechanismen der „unternehmerischen Stadt“, von denen world cities geprägt sind, besondere Ambivalenzen und Konflikte hervorbringen. Zugleich bilden sich aber in den sogenannten ethnischen Ökonomien mit ihren eigenen Wirtschaftskreisläufen in den Städten neue Muster der Migration ab: ihre ökonomischen Praktiken sind eingebunden in transnationale Familiennetzwerke und Relationen. Und oft genug gelingt es durch diese, zunächst als Schattenwirtschaft bezeichneten Unternehmungen, die mangelnde Unterstützung seitens der Aufnahmegesellschaft zu kompensieren. Es sind die großen Städte in Europa, die es den MigrantInnen erlauben, die schwindende Fürsorge und Integration der Nationalstaaten und auch die oft ausländerfeindliche Stimmung des Gastlandes durch eigene wirtschaftliche Aktivitäten auszugleichen.

Die Soziologin Ingrid Oswalt hat dabei neue Migrationsmuster identifiziert: anstelle der vertikalen Integration in das Ankunftsland, die dann von einer Binnenintegration in die jeweiligen ethnischen Milieus begleitet wird, beobachtet sie eine horizontale Integration in weitverzweigten Netzwerkbeziehungen. Entstanden sind diese als Überlebensstrategie für dauerhaft marginalisierte Zuwanderergruppen, denen die vertikale Integration verweigert bzw. durch Widerstände in der Aufnahmegesellschaft behindert wurde. Beim Pendeln zwischen verschiedenen Staaten werden die Netzwerkmitglieder so platziert, dass sie die Optionsstrukturen dieser Länder nutzen können. Ein neues „mobiles Migrationsmuster“ ist dabei im Entstehen, das weder durch dauernde Mobilität noch durch dauernde Sesshaftigkeit charakterisiert ist und räumlich erweiterte Migrantenfamilien hervorbringt. (11)

All diesen Netzwerkaktivitäten ist gemein, dass sie auf Selbstorganisation beruhen und nicht auf die Integrationsangebote der sie umgebenden Gesellschaft angewiesen sind. Entscheidend ist hier, dass die staatliche Fürsorge, die den MigrantInnen nur selten ausreichend gewährt wird, nun von Netzwerken substituiert wird. So entsteht der Eindruck, das gerade MigrantInnen die Prekarisierung der Arbeitsbedingungen besser zu bewältigen im Stande sind, als die mehr vom sozialen Abstieg bedrohte weiße Mittelschicht. Ihre Überlebensstrategien können sich auf soziales Kapital, lebensweltliche Solidaritäten und schliesslich auch Handlungskompetenz jenseits der klassischen Muster der Erwerbstätigkeit verlassen. Dazu braucht es große, dichte und prosperierende Städte, die durch Verdichtung und Vernetzung charakterisiert sind und deshalb über die Integrationsangebote des Staates hinaus Lebenschancen bieten können.

Kommen Bleiben Gehen

Der Bahnhof ist ein paradigmatischer Ort für die die Städte des 21. Jahrhunderts prägende Bewegung des Kommens, Bleibens und Gehens. Und er hat sich, wie die Geschichte der türkischen GastarbeiterInnen zeigt, im Zuge dieser Bewegung selbst verändert. Zudem sind Bahnhöfe Orte, in denen sich das Paradigma der Mobilität, von dem die gesellschaftlichen Dynamiken der Gegenwart geprägt sind, räumlich manifestiert: Tom Holert und Mark Terkessidis haben darauf hingewiesen, dass Beschreibungen und Definitionen von Mobilität einen normativen Kern haben: Unterwegssein, sei es beruflich, im Ausbildungsprozess, privat oder wirtschaftlich, gehört heute zu den zentralen Handlungsanforderungen an die Individuen. Im Paradigma der Mobilität schreiben sich Diagnosen gesellschaftlicher Dynamiken in den Städten fort. Ihre Verwandtschaft zu marktliberal induzierten Begriffen wie Dynamisierung und Deregulierung verweist auf die Ambivalenz der Mobilität, denn die Aufforderung, sich in Bewegung zu setzen und beweglich zu bleiben, hat ökonomische und oft genug existentielle Bedingungen zum Hintergrund.

In diesem Kontext ist die Rede von Mobilität heute doppelbödig: sie beschreibt einen Zustand und zugleich eine Norm. In der heutigen Mobilitätskultur lösen sich die Widersprüche von Mobilität und Immobilität nicht auf, sondern sie bestehen fort in den unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zu Technologien, Institutionen und Infrastrukturen der Mobilität. Die Normativität der Mobilität produziert eigene Hierarchien, die von den Mobilitätseliten der hochqualifizierten und hochbezahlten ManagerInnen und AkademikerInnen bis zu den zwangsmobilisierten BewohnerInnen von Flüchtlingslagern reichen. (12)

Die Soziologin Mary Caldor traf auf das Dilemma der gegenwärtigen Mobilitätskultur in der bosnischen Nachkriegsgesellschaft in Sarajevo: Auf der einen Seite agieren die für internationale Organisationen tätigen, Englisch sprechenden, mobilen, mit Internet und Mobiltelefon vertrauten und auf den Flughäfen dieser Welt sich frei bewegenden kosmopolitischen AkteurInnen. Und auf der anderen Seite leben die nicht-kosmopolitischen StadtbewohnerInnen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind oder auf illegale Weise, über Schwarzmarkt oder Korruption, versuchen, mit den unsicheren Bedingungen zurechtzukommen. Caldor beobachtet eine

[...] growing cultural dissonance between those who see themselves as part of an international network, whose identity is shaped within a globally linked and oriented community of people … and those who still cling or who have to found new types of territorially based identities (13).

Dieser new divide verstärkt das Gefühl, mehr und mehr ausgegrenzt und von den internationalen Mobilitätsoptionen ausgeschlossen zu sein. Und er führt auf der Seite derjenigen, die verbannt sind, am Ort zu bleiben, denen es an Sprachkenntnissen, Bildungsvoraussetzungen sowie ökonomischem und kulturellem Kapital mangelt, zu Formen repressiver nationaler bzw. regionaler Identitäten.

Die Koexistenz von Enklaven/Räumen unterschiedlicher Reichweite von Mobilität hat neue Polarisierungen in der Stadt zur Folge. Der Soziologe Martin Albrow beobachtet in den durch die Mechanismen der Mobilität geprägten Sozialräumen neue Muster der Stratifizierung, die an die Stelle der Klassendifferenzierung getreten sind:

The new conflicts are not between the established and outsiders in the globalized localities, but between locals and cosmopolitans and all gradiations between. … The stratification layers are vividly represented by the different modes of transformation available, the use of telecommunications and the use made of space. Very frequently the greatest living space is available for those who occupy it least. …Time space social stratification is the frame within which inequalities of access to resources and life chances are contained today which are more acute than any which prevailing [sic.] during the period of class based industrial society. (14)

Reise und Migration sind die neuen strukturierenden Prinzipien und Medien, durch die Lokalität entweder in eine Ressource, eine Ware oder aber in eine Falle konvertiert wird.

Die in Bewegung geratenen städtischen Räume sind insofern von Auseinandersetzungen um Mobilitätsoptionen, Zugangschancen und Teilhabe, kurz: um Lebenschancen geprägte Orte. Aber die „Power of Imagination“ (Arjun Appadurai), die aus der Verschränkung von migrantischen Diasporas und Medienräumen erwächst, schreibt der kollektiven Phantasie eine neue Bedeutung zu . In „Scapes“ bilden sich Vorstellungen und Erfahrungsräume ab, die auf den konkreten Ort, in dem Menschen leben, einen manifesten Einfluss haben. Schließlich hat die „Power of Imagination“ aus Bahnhöfen lebendige Orte gemacht und zu Ghettos erklärte Satellitenstädte der 1970er Jahre vitalisiert. Der Gegensatz zwischen der Dürftigkeit der gestalterischen Qualität und der vitalen Praxis dieser Orte erscheint PlanerInnen und GestalterInnen oft als Paradox: Sie unterschätzen die Ressource Phantasie, mit der MigrantInnen die Widersprüche der gegenwärtigen Mobilitätskultur zwischen Ankommen, Warten, zeitweiligem Aufenthalt, Fortgehen und Bleiben in den Städten ausbalancieren.


Endnoten

(1) Zitiert nach Statement von Erdal Dogrul, gehalten am 13.5.2009 im Rahmen eines Expertenworkshops zu „Stadt und Migration“ im Bundesbauministeriums in Berlin.
(2) Ludger Pries, Neue Migration im transnationalen Raum. In: Ders.(Hg.) Transnationale Migration Soziale Welt. Sonderband 12, Baden Baden 1997, S.18.
(3) Daniela Ahrens, Grenzen der Enträumlichung. Opladen 2001, S.149.
(4) Martin Albrow, Travelling Beyond Local cultures. Socioscapes in a global city. In: John Eade (Hg.) Living the global City. London 1997, S. 51.
(5) Arjun Appadurai, Modernity at Large Cultural Dimensions of Globalization. Minneapolis 1996, S. 31.
(6) Stuart Hall, Old and New Identities, Old and New Ethnicities. In: Anthony King, Culture, Globalization and the World- System. Mineapolis 1997, S. 48.
(7) Zitiert nach David Morley Globalisierung, Ort und Identität. In: Regina Bittner, Die Stadt als Event. Frankfurt am Main 2001, S. 64.
(8) Siehe Asu Aksoy und Kevin Robins, The Enlargement of Meaning. In: Gazette. The International Journal for Communication studies. Vol.65 (4-5), London 2003, S. 365-388.
(9) Ulf Hannerz, Transnational Connections. London 1996, S.128.
(10) Alexa Färber, Vom Kommen Bleiben und Gehen. In: Diess. (Hg.), Hotel Berlin. Formen urbaner Mobilität und Verortung. Berliner Blätter, Ethnografische und Ethnologische Beiträge, Heft 37/2005, S. 11.
(11) Ingrid Oswald, Neue Migrationsmuster – Flucht aus oder in Überflüssigkeit. In: Berliner Debatte INITIAL 15/2004, S. 65.
(12) Tom Holert /Mark Terkessidis, Was bedeutet Mobilität? In: Projekt Migration. Hg. Kölnischer Kunstverein DOMiT, Institut für Kulturanthropologie der Universität Frankfurt am Main, Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst HGK. Zürich/Köln 2005, S. 101.
(13) Mary Caldor, Cosmopolitanism versus Nationalism: The New Divide? In: Richard Caplan/John Feffer (Hg.), Europe`s new nationalism: states and minorities in conflict. New York 1996, S. 43.
(14) Martin Albrow, Travelling Beyond Local Cultures. Socioscapes in a global city. In: John Eade (Hg.) Living the Global City. Globalization as a local process. London New York 1997 S. 54.

 

Link zum Bauhaus Dessau

 

Regina Bittner, Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin, leitet das Internationale Bauhauskolleg und ist stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau. Arbeitsschwerpunkte: Stadtethnographie, Kulturgeschichte der Moderne, heritage studies.

Verwandte Inhalte

  • Dossier Transnationalismus & Migration

    Das Konzept des Transnationalismus lenkt den Blick auf die neu entstandenen Lebensrealitäten und Interessenslagen von meist jungen Migrantengenerationen und hinterfragt die Tragfähigkeit der vorherrschenden Migrations- und Integrationspolitiken.