„Ich kann nichts tun, um zu gefallen. Es würde nichts Gutes dabei heraus kommen.“

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Interview mit Nino Haratischwili


 Sie sind 1983 geboren und können bereits einen beeindruckenden Lebenslauf vorweisen. Sie haben bereits zahlreiche Theaterstücke geschrieben und selbst inszeniert, darüber hinaus schreiben Sie Prosa, für die Sie, ebenso wie für ihre Arbeit als Dramaturgin, bereits mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurden. Woher nehmen Sie die Inspirationen für diese vielen verschiedenen Geschichten?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich reise gern, ich bin gern von Menschen umgeben, ich interessiere mich für Lebensgeschichten, für alles, was ich nicht kenne. So kommt es, dass ich mich eigentlich von allem inspirieren lassen kann – von einer kleinen Beobachtung irgendwo auf der Straße, bis hin zu Bildender Kunst, Literatur, Musik und natürlich vom Leben selbst. Ich glaube, dass das Leben die größte Inspirationsquelle ist.

 Sie leben in Hamburg, haben dort an der Theaterakademie, als auch an der Staatlichen Schule für Film und Theater in Tiflis, Regie studiert. Ihre Stücke werden deutschlandweit aufgeführt und Sie sind derzeit Hausautorin am Deutschen Theater in Göttingen. Wie sehr beeinflusst Sie Ihre Umgebung beim Schreiben?

Schreiben ist für mich Gegenwart. Man ist beim Schreiben eine Art Sieb. Man muss durchlässig sein und sich sogar beeinflussen lassen, daher würde ich sagen, dass ich mich von allem, was mich jeweils beim Schreiben umgibt, bewusst beeinflussen lasse. Wenn es regnet, schreibe ich anders, als wenn es sonnig ist.

Als Theaterregisseurin und Autorin mit georgischem Background, die hauptsächlich an deutschen Theatern arbeitet, wie sehr fühlen Sie sich funktionalisiert und exotisiert in einer ansonsten relativ undiversen deutschen Theaterlandschaft?

Man muss schon ein wenig aufpassen. Theater in Deutschland ist weniger international als ich es mir wünschen würde; das liegt jedoch daran, dass die deutsche Theaterlandschaft ein starkes Sprechtheater hat und darauf auch den größten Fokus legt, was ich an sich sehr schön finde, aber das impliziert natürlich eine gewisse Ausgrenzung. Trotzdem habe ich in der Hinsicht nur gute Erfahrungen gemacht, bei der Arbeit an verschiedenen Häusern. Irgendwann ist der eigene Hintergrund nicht mehr vordergründig, da geht es um Inhalte und die jeweilige Arbeit. Aber beim Schreiben achte ich immer darauf, dass ich frei bleibe und es dadurch vermeide in „exotische“ Schubladen gesteckt zu werden.

 Wie gehen Sie vor bei der Auswahl der Schauspieler_innen für eine Aufführung. Nach welchen Kriterien schreiben Sie die Rollen, brechen Sie „traditionelle“ Theatermuster oder sind auch bei Ihnen die Protagonist_innen mehrheitlich weiß-deutsch-christlich?

Die sozialen, kulturellen, biographischen Hintergründe sind für mich bei der Auswahl der Schauspieler keine Kriterien. Das interessiert mich in dem Moment überhaupt nicht. Die Schauspieler müssen die Rollen tragen können, sie müssen diese Inhalte transportieren und mich berühren können,  sie müssen gut sein – das ist das einzige Kriterium, was für mich bei der Auswahl der Schauspieler zählt.

 Was genau bedeutet „Juja“? Am Anfang des Buches gibt es einen Verweis auf ein Lied mit diesem Namen, aber wer oder was ist Juja?

Es ist ein Kunstwort. Ein Wort, das nicht existiert und somit eine Projektionsfläche bietet, was viel mit dem Inhalt des Romans zu tun hat. Im dem Lied ist es jemand der einen durchs Leben begleitet, unterstützt, den man liebt, der einem sehr vertraut ist. Aber es könnte jede_r damit gemeint sein.

Der Roman „Juja“ bezieht sich inhaltlich auf eine feministische Schrift von Danielle Sarréra, deren tatsächliche Existenz bis dato nicht belegt ist. Würden Sie Ihre Arbeit als feministisch verorten und was bedeutet dies für Sie?

Ich kann meine Arbeit nirgends verorten, da ich nicht den objektiven Außenblick darauf habe. Ich denke nicht in solchen Kriterien, das würde mich völlig blockieren, wenn ich versuchen würde „feministisch,“ „modern,“ „deutsch“ oder „georgisch“ zu schreiben. Ich stelle den Inhalt an erste Stelle und wenn der nun Mal von Frauen handelt – dann konzentriere ich mich auf die Frauenfiguren. Im simpelsten Sinne des Begriffs bin ich natürlich für jegliche Art der Gleichberechtigung; jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht und kulturellem Hintergrund, hat ein Recht auf sein individuelles Glück und solange die Wege zu diesem Glück niemandem schaden oder nicht auf jemandes Kosten zustande kommen, kann ich dem nur Respekt entgegen bringen.

 Bei Ihrem Roman „Juja“ geht es auch um Authentizität. Was bedeutet „Authentizität“ für Sie und Ihre Arbeit?

Es ist die Suche nach sich selbst, nach etwas in einem Selber, was man nicht von Außen indoktriniert bekommt, was ehrlich ist und echt, was einen unverwechselbar macht. Ich denke es ist ein äußerst aktuelles Thema in der heutigen Gesellschaft.

 Welchen Bezug haben Sie zu Ihrem Publikum? Ist es Ihnen wichtig für wen Sie schreiben oder inszenieren?

Es wäre gelogen zu behaupten, dass mir das Publikum bzw. die Leser egal sind; natürlich braucht jeder Künstler auch Bestätigung von Außen, aber sich darauf zu fokussieren ist fatal: man muss sich in erster Linie sicher sein, dass man das Beste gibt, was man in dem Moment zu geben hat, dann kann man auch mit Misserfolg besser umgehen. Ich wünsche mir natürlich Menschen, die meine Arbeit berührt und anregt, aber während des Erschaffens denke ich nicht darüber nach. Ich kann nichts tun, um zu gefallen. Es würde nichts Gutes dabei heraus kommen. Ich kann nur das machen, was ich für richtig und ehrlich halte und hoffen, dass ich damit Menschen erreiche.

Im September wird ihr zweiter Roman „Mein sanfter Zwilling“ erscheinen. Können Sie uns einen Vorgeschmack auf das Buch geben?

Es ist ein Liebes- und Familienroman. Stilistisch ist er anders als „Juja,“ der ist sprachlich reduzierter, aber verhandelt mir nicht minder wichtige Themen. Ich bin schon sehr gespannt, welchen Weg das Buch machen wird.

 Was würden Sie in einem Interview gerne mal gefragt werden - und was wäre die Antwort darauf?

Ich glaube ich mag gern überraschende Fragen, wenn ich bereits eine Frage hätte, samt einer Antwort – dann wären Frage oder Antwort nicht so interessant. Daher kann ich an der Stelle leider nichts formulieren.

 

Das Interview führte Julia Brilling im August 2011.


Nino Haratischwili (Foto: privat)

 

„Juja“ Leseprobe von Nino Haratischwili
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Über die Autorin
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