„Ich hole mir das Beste aus beiden Kulturen heraus. Ich sitze sozusagen nicht zwischen den Stühlen, sondern mache mich auf beiden gemütlich”

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Interview


Herr Engin, die Recherche zu diesem Interview hat sich relativ schwierig gestaltet. Die wenigen echten (oder echt wirkenden) Fakten, die ich über Sie finden konnte, beschränken sich auf: in Izmir geboren, mit 12 nach Deutschland gezogen, in Bremen Sozialpädagogik studiert, jetzt Schriftsteller. Gibt es irgend etwas, das Sie dem noch hinzufügen wollen - exklusiv sozusagen?

Das stimmt. Ich bin mit 12 Jahren nach Deutschland gekommen und habe Sozialpädagogik studiert. Mein Vater war in der Türkei auch Schriftsteller, deshalb bin ich mit Büchern aufgewachsen und habe angefangen sehr früh zu schreiben. Mit 8 Jahren habe ich Gedichte geschrieben, mit 12 einen Western, mit 15 einen Liebesroman, die ich alle später wieder vernichtet habe. Seit meinem 17. Lebensjahr schreibe ich satirische Texte. Mit 22 wurde meine erste Kurzgeschichte veröffentlicht. 20 Jahre lang habe ich für die Stadtillustrierte „BREMER“ geschrieben. Und auch für die Titanic, Frankfurter Rundschau, TAZ usw. Seit 10 Jahren habe ich bei Funkhaus Europa meine Rubrik „Alltag im Osmanischen Reich“, wo ich wöchentlich meine Satiren lese. Auch der Bayerische Rundfunk sendet meine Geschichten. 2006 bekam ich für die Geschichte „Ich bin Papst“ den ARD-Medienpreis CIVIS. In dieser Geschichte habe ich aufgeschrieben wie ich den Deutschen Pass bekommen habe.

Sie haben, wie bereits erwähnt, Sozialpädagogik studiert, verdingen sich aber als Schriftsteller. Einige Ihrer Texte werden jedoch in Schulbüchern abgedruckt. Wissen Sie zu welchem Thema die Texte gelehrt und besprochen werden?

Über Deutsch-Türkische Beziehungen und um die Vorurteile zu enttarnen. Vorurteile entstehen ja nur dadurch, dass man sich gegenseitig wenig kennt und dadurch erstmal eine Abwehrhaltung entwickelt. In der Schweiz zum Beispiel wird mein Buch „Getürkte Weihnacht“ im Unterricht durchgenommen. In diesem Buch geht es darum, dass wir sehr eifrig versuchen wie die „Eingeborenen“ Weihnachten zu feiern. Es gibt natürlich sehr viele Komplikationen. Die Schweizer haben mich auch eingeladen in der Schule aus meinem Buch zu lesen und ich musste viele Fragen beantworten.

Ich mache sehr viele Lesungen in Schulen. Bei mehreren Schulen bin ich auch Pate der Aktion „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Viele Schüler versuchen meine Kurzgeschichten nachzuahmen und machen ihre ersten Literaturversuche. Ein junger Türke aus Duisburg hat sogar vor drei Monaten sein erstes Buch veröffentlicht. Außer meiner Bücher hat er noch nie ein Buch in seinem Leben gelesen, meinte er zumindest. Viele Eltern schreiben mir Mails, und sagen, dass ich ihre Kinder Dank meiner witzigen Büche zum Lesen animiert habe! Das freut mich natürlich und es motiviert mich weiterzuschreiben.

In „Lieber Onkel Ömer“ erklärt der Protagonist seinem Onkel in der Türkei Deutschland. Wie schwierig war es die Geschichten deutscher Ignoranz zusammenzutragen?

Diese Erfahrungen mache ich ja nun mittlerweile fast seit 40 Jahren. Und dadurch, dass ich sie meinem Onkel Ömer erzählt habe, der in der Türkei lebt, hatte ich die Gelegenheit, sie sehr detailliert zu schildern. Damit ein Türke es verstehen kann, der noch nie in Deutschland war. Zum Glück ist nicht alles mir passiert, was ich in diesem Buch erzählt habe. Weil alle Freunde und Bekannte ja wissen, dass ich schreibe, wird mir auch vieles erzählt, wenn den Leuten etwas Lustiges oder Originelles passiert. Aber ich leide keineswegs darunter, weil ich zu der zweiten Generation der Einwanderer gehöre. Im Gegenteil, ich hole mir das Beste aus beiden Kulturen heraus. Ich sitze sozusagen nicht zwischen den Stühlen, sondern mache mich auf beiden gemütlich.

Ihre Hauptfigur heißt (oft) so wie Sie selbst und auch Ihre Familie wird portraitiert - oder zumindest wollen Sie uns das glauben machen. Da Ihnen diese Frage wahrscheinlich noch nie gestellt wurde, jetzt von mir: Wie viel autobiographisches steckt in Ihren Romanfiguren?

Wie ich bei der vorherigen Frage bereits erwähnt habe, zum Glück passieren all diese Geschichten nicht immer mir! In Bremen hat eine Organisation mir eine Honorarstelle in einem Wohnheim mit türkischen Migranten gegeben, damit ich deren Erlebnisse von damals aufschreiben kann und diese vielen wichtigen Anekdoten nicht verloren gehen. In allen Figuren steckt womöglich etwas autobiographisches. Bei meinem Sohn Mehmet zum Beispiel; als ich angefangen hatte zu veröffentlichen - mit 22 Jahren - war ich Student und mein Studium hat fast 10 Jahre gedauert, weil ich mit Lesungen unterwegs war. Also ich war genauso ein „ewiger Student“ wie mein Sohn Mehmet in meinen Geschichten. Oder das meine Frau Eminanim so viel zu sagen hat entspricht auch der Wahrheit, obwohl man ja das Vorurteil hat, die türkischen Ehefrauen hätten nicht viel zu sagen und müssten drei Meter hinter ihren Männern herlaufen. Zwei Studenten aus der Bremer Uni haben ihre Diplomarbeit über die anatolische Frau geschrieben und sie haben heraus bekommen, dass sogar in kleinsten Dörfer die Frauen das Sagen haben und nur nach Außen hin es so aussieht, als hätten die Männer bei wichtigen Fragen entschieden. Viele Türkinnen bedanken sich auch bei meinen Lesungen, da sie meinen in meinen Geschichten hätte ich das Bild der türkischen Frau zurechtgerückt.

Sie thematisieren alltäglichen Rassismus und spielen mit gängigen Klischees. Haben Sie den Anspruch Ihren Leser_innen dadurch den Spiegel vorzuhalten und besonders Deutsche zum Hinterfragen ihrer Klischees anzuregen?

Viele deutsche Leser schreiben mir tatsächlich, dass sie wegen meiner Geschichten ihr Verhalten unter die Lupe genommen haben. Oder, dass sie dadurch ihre türkischen Nachbarn besser verstehen. Eine Dame von der Ausländerbehörde sagte mir mal, ich solle mal bei der Ausländerbehörde eine Lesung machen, damit die Kollegen sehen, wie sie sich benehmen, oder wie sie sich daneben benehmen... Eine Kollege von Radio Bremen meinte, er muss immer weinen, wenn er meine Geschichten liest. Ich war natürlich verwundert. Ich sagte, ich schreibe sie, damit die Leute lachen. Er meinte, die sind lustig verpackt, aber im Kern sind sie meistens tieftraurig und er muss deshalb weinen. Das war auch eine neue Erfahrung für mich.

Sie haben neulich auf einer Veranstaltung mit dem schönen Titel “Migrationsliteratur – Ich bin kein Genre” gelesen. Können Sie auch nochmal für uns das schmucke Label “Migrationsliteratur” erklären?

Leider kann ich das nicht erklären! Das ist doch die Aufgabe der Kritiker. Einige sagen, dass sei deutsche Literatur, weil wir, also die türkeistämmigen in Deutschland, auf Deutsch schreiben. Einige sagen, ihr seid Migranten, deshalb ist es Migrantenliteratur. Was haben aber Akif Princcis Bücher mit Migrantenliteratur zu tun? Er schreibt Katzenkrimis. Ich sehe mich als Autor, der über aktuelle Themen in Deutschland schreibt. Als ich vor drei Jahren meinen ersten satirischen Kriminalroman „Tote essen keinen Döner“ veröffentlichte, sagte mir die Bibliotheksleiterin von Bremen, „Herr Engin, wir wissen nicht, in welchem Regal wir Ihr Buch stellen sollen. Zu den Krimis, Migrantenliteratur, Satire oder Bremer Autor?“ Ich habe gesagt, die sollen vier Bücher kaufen und in alle Regale stellen!

Würden Sie Ihre Arbeit als gesellschaftskritisch bezeichnen? Ist das überhaupt Ihre Aufgabe als Satiriker?

Meine Geschichten oder Romane werden automatisch gesellschaftskritisch, weil ich über aktuelle Ereignisse schreibe. Ich denke Satire sollte schon die Finger in Wunde legen, und durch Übertreibung Probleme verdeutlichen. Aber als Satiriker versuche ich persönlich zuerst die Leser zum Lachen zu bringen. Ich finde, Satire sollte in erster Linie lustig sein, die Leser zum Lachen bringen. Dadurch weckt man auch Interesse für schwierige Themen.

Sie schreiben auf Deutsch, da stellt sich die Frage, ob Sie auch für ein vorrangig deutsches Publikum schreiben. Oder wurden Ihre Bücher auch ins türkische übersetzt und in der Türkei herausgegeben?

Ich schreibe auf Deutsch, weil von mir mehrere Radiosender, Zeitschriften, Zeitungen und Verlage deutsche Texte haben wollen. Außerdem mache ich seit 25 Jahren Lesereisen in Deutschland und lese vor Deutschen auf Deutsch. Es sind selbstverständlich auch Türken und andere Nationalitäten dabei, aber die können alle Deutsch verstehen. Nach 25 Jahren beherrsche ich auch die deutsche Satiresprache viel besser als die Türkische. Einige Bücher wurden bereits ins Türkische übersetzt und ich wurde auch öfters in die Türkei eingeladen.

Wird Ihr Roman “Kanaken Gandhi” tatsächlich verfilmt (werden)?

Eine Filmfirma aus Bayern hat die Filmrechte gekauft und versucht seit Jahren den Kanaken-Gandhi zu verfilmen. Aber es zieht sich alles in die Länge. Die kommen irgendwie nicht richtig weiter. Es sind schon etliche Regisseure oder Drehbuchautoren abgesprungen. Als Theaterstück wurde „Kanaken-Gandhi“ aber schon öfters aufgeführt.

Zuletzt haben Sie mit „1001 Nachtschichten - Mordstorys am Fließband" einen Krimi veröffentlicht. Wie wird Osmans Reise weitergehen?

Es sind gleich drei Projekte am Laufen: darunter ein Roman und ein Band mit satirischen Radiokommentaren. Aber mehr kann ich noch nicht verraten, weil ich selber noch nicht weiß, auf welches Buch ich mich mit meinem Verlag noch einigen werde. Aber das bald bei dtv ein neues Buch erscheinen wird, das ist sicher.

 

Das Interview führte Julia Brilling im September 2011.


Osman Engin

 

„Mein Lieber Onkel Ömer - Briefe aus Almanya”
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