„Mein Lieber Onkel Ömer - Briefe aus Almanya” Leseprobe von Osman Engin

„Mein Lieber Onkel Ömer - Briefe aus Almanya” Leseprobe von Osman Engin

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Auszug aus dem Roman

 

JULI
Zeugnisvergabe

Mein lieber Onkel Ömer,

wie geht es Dir und wie geht es meiner lieben Tante Ülkü?
Wie geht’s der hübschen Kuh Pembe, wie geht’s der schwarz gepunkteten Ziege Fatima, wie geht’s Deinem störrischen Esel Tarzan und wie geht’s unserem guten, alten Dorfvorsteher Hüsnü?

Lieber Onkel Ömer, gestern war in Deutschland der Tag der Zeugnisvergabe. Das ist der Tag, an dem Du früher wegen schlechter Noten immer einen oder alle Deine Söhne verprügelt hast, wozu Du ja bei meinen fünf Cousins auch genug Gelegenheit hattest.

Hier in Deutschland ist das gesetzlich verboten, man darf die eigenen Kinder nicht verprügeln – fremde Kinder erst recht nicht, selbst dann nicht, wenn sie total schlechte Zeugnisse mit nach Hause bringen.
Aber das ist nicht der einzige Unterschied zwischen der Türkei und Alamanya, was den Zeugnistag betrifft. In der Türkei bekommen ja im ganzen Land alle Kinder am gleichen Tag ihre Zeugnisse. In Deutschland ist es anders. In allen Bundesländern bekommen die Kinder die Dinger an einem anderen Datum. Du weißt, dass die Deutschen früher Reiseweltmeister waren. Die Verantwortlichen hatten damals Angst, dass bei zeitgleicher Zeugnisvergabe das Land am nächsten Tag komplett leer wäre und problemlos von der DDR, Polen und Russland überrannt werden könnte.

Aber jetzt könnte man eigentlich die Zeugnisvergabe endlich wieder vereinheitlichen. Der ganze Ostblock ist sowieso schon hier. Die Leute, mit denen man uns jahrzehntelang Angst gemacht hat, wohnen jetzt einen Häuserblock weiter. Außerdem hat inzwischen niemand mehr Geld zum Verreisen.

Lieber Onkel Ömer, als verantwortungsvoller Vater überlasse ich natürlich nicht die ganze Ausbildung den armen überforderten Lehrern, sondern ich versuche selber meine Kinder auf alle Eventualitäten des Lebens vorzubereiten.

Am Anfang des Schuljahres habe ich mit Hatice die Sache mit den Bienen und den Blumen durchgenommen und vor drei Monaten war das Thema Ausländerfeindlichkeit dran.
Ich versuchte meiner kleinen Tochter beizubringen, wie sie souverän, selbstbewusst und angemessen reagieren soll, wenn ihr mal in der Schule jemand „Scheiß-Ausländer“ hinterher ruft.
Schließlich muss sie doch ihr Leben jetzt selber meistern. Mehmet kann ja nicht überall dabei sein, um jedem Nazi eins aufs Maul zu hauen.

Ich sagte zu meiner frechen Tochter:

„Hatice, mein Kind, in Deutschland sind 80 Prozent der Leute Deutsche und nur 20 Prozent Ausländer. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie die Deutschen auf Dauer diese 80 Prozent halten können, ohne Kinder zu machen. Ich schätze mal, momentan funktioniert das nur deshalb, weil die Omas sich ihren Dackeln zuliebe hartnäckig weigern zu sterben.“

„Vater, hör doch endlich auf mit dem Quatsch! Du bringst das arme Kind ja völlig durcheinander mit deiner Gesellschaftsanalyse, die sowieso hinten und vorne nicht stimmt“, rief Mehmet damals dazwischen und sagte zu Hatice: „Wenn dich jemand als ‚Scheiß-Ausländer’ bezeichnet, dann holst sofort meinen Bäysbollschläger aus dem Auto und ziehst dem Idioten eins über den Schädel, ist das klar? Glaub mir, ich kenn mich aus, danach wird er nie wieder so was sagen.“

„Ihr seid wirklich unmöglich“, schimpfte daraufhin meine ältere Tochter Nermin, „wie könnt ihr denn ein so kleines Mädchen mit solchem Schwachsinn vollquatschen? Hatice, meine Süße, hör bloß nicht auf die. Wenn dich jemand als ‚Scheiß-Ausländerin’ beschimpft, musst du ihn sofort fragen, wie du ihm helfen kannst. Der ist bestimmt ein ganz armes Schwein voller psychosozialer Probleme, der in dieser Gesellschaft total versagt hat und jetzt Leute sucht, an denen er seinen Frust abreagieren kann.“

„Danke Familie, ihr habt mich wirklich sehr schön aufgeklärt“, meinte Hatice spöttisch und versuchte aus dem Irrenhaus zu flüchten.
„Hatice, halt, warte mein Kind. Ich muss dich doch irgendwie aufklären“, rief ich ihr hinterher.
An der Stelle mischte sich meine Frau Eminanim ein:
„Hatice, meine schöne Tochter, mach dir keine Sorgen, zu dir wird niemand in der Schule ‚Scheiß-Ausländer’ sagen. Das ist völlig ausgeschlossen! Nicht umsonst habe ich für dich eine Schule mit 100 Prozent Ausländeranteil ausgesucht!“

Lieber Onkel Ömer, Du weißt sicherlich noch, dass mein fauler kommunistischer Sohn Mehmet, als er vor fünfzehn Jahren noch zur Hauptschule ging, kein fauler Kommunist war wie heute, sondern der Mistkerl war nur faul!

Wie alle fürsorglichen Väter hatte ich damals den dringenden Wunsch, dass mein Sohn es später mal besser haben sollte als ich. Ja, dass er mich bildungsmäßig sogar übertreffen müsste. Unser Mehmet sollte wenigstens die fünfte Klasse der Hauptschule beenden!

Also kniete ich mich rein, erklärte Mehmets Schulnoten zu meiner ganz persönlichen Ehrensache und startete eine beispiellose Bildungsoffensive. Jeden Tag, wenn ich von Halle 4 zurück war, bin ich so lange nicht zum Kartenspielen gegangen, bis ich Mehmets Hausaufgaben erledigt hatte. Dann endlich kam der große Tag, an dem ich meine erste Schulnote in Deutschland bekommen sollte. Mehmet, beziehungsweise wir, mussten nämlich unsere erste Klassenarbeit im Fach Mathematik schreiben. Ich war total aufgeregt! Aus dem Grunde nahm ich in Halle 4 eine Woche Urlaub und ging mit Mehmet ins Träningslager. Er musste dabei aufmerksam zugucken und sich merken, wie ich seine Hausaufgaben erledigte.

Meinen Eilantrag, als Tiimschef von Mehmet zusammen mit ihm die Schulbank drücken zu dürfen, hat der Bildungssenator in zweiter Instanz zurückgewiesen. Ich wurde als Träiner regelrecht auf die Tribüne verbannt. Ich durfte nicht mal irgendwo im Klassenzimmer in der Ecke rumhocken.
Ich verstand den Sinn dieser Entscheidung nicht, Mehmets Hausaufgaben machen durfte ich, aber seine Klassenarbeit schreiben durfte ich nicht! Aber so sind halt die bescheuerten Schulgesetze in Deutschland. Pisa lässt grüßen!

An dem Tag, als Mehmet seine erste Schulnote nach Hause bringen sollte, waren wir alle völlig aus dem Häuschen. Das war unsere erste Mathematik-Arbeit in diesem neuen Land. Ich hatte auch alle meine Arbeitskollegen, Hasan, Nedim und Ahmet, eingeladen dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird.
Dann kam Mehmet angerollt und wunderte sich über den roten Teppich, den ich für ihn ausgerollt hatte. Und ich wunderte mich über die erbärmliche Note, die er sich traute, über diesen Teppich nach Hause zu bringen. Ich wurde roter als der dunkelrote Teppich! Ich kochte vor Wut!

„Mehmet, du Idiot! Das kann doch nicht wahr sein! Wie kannst du es wagen, mir mit der schlechtesten Note aller Zeiten unter die Augen zu treten und dabei so blöd zu grinsen?“, brüllte ich schockiert.
„Papa, was hast du denn, ich habe alle Aufgaben gelöst“, stotterte er. Hasan, Nedim, Ahmet und ich haben seine Klassenarbeit sofort kontrolliert. Als Erster erfasste Nedim die unfassbare Situation: „Osman, der Junge hat wirklich alle fünf Fragen richtig beantwortet! Das ist ein klarer Fall von Ausländerfeindlichkeit!“, schrie er stinksauer. Sogar Nedim konnte damals bis fünf zählen. Total wütend sind wir alle gemeinsam zur Mehmets Schule gelaufen, um dem Mathematiklehrer zu zeigen, wo der Hammer hängt. „Schön, dass Sie da sind, Herr Engin. Ich gratuliere Ihnen, Ihr Sohn hat die beste Arbeit in seiner Klasse geschrieben“, begrüßte uns der Lehrer gut gelaunt.
„Aber er hat die schlechteste Note bekommen, was soll der Blödsinn?“, brüllte ich.
„Wieso schlechteste Note? Ich hab Ihrem Sohn doch eine Eins plus gegeben!“, grinste er hinterhältig.
„Eben! So eine Frechheit! Noch eine schlechtere Note gibt’s doch nicht mehr! Da hätten Sie ja gleich eine Null minus geben können!“, konterte ich.
„Papa, du hast ja wirklich von nichts ne Ahnung! In Deutschland ist die Eins die beste Note. Nur in der Türkei ist es umgekehrt“, lachte sich Mehmet über meine Unwissenheit kaputt und blamierte mich restlos vor dem Lehrer.
„Wieso hast du mir das nicht schon zu Hause gesagt?“, rief ich total böse.

Lieber Onkel Ömer, an dem Tag erlebten Mehmet und Deutschland eine echte Premiere: nämlich eine satte Tracht Prügel für eine Eins plus. Die Lektion hat er aber gut gelernt! Der ewige Student hat in seinem Leben nie wieder eine Eins geschrieben! Eine Zwei und Drei auch nicht, wahrscheinlich, um kein Risiko einzugehen.

Lieber Onkel Ömer, pass gut auf Dich auf, bleib gesund, iss genug Knoblauch und danke fünfmal am Tag Allah, dass unser Dorffriseur Ibrahim Dir lesen und schreiben beigebracht hat. Aber jemand sollte ihm endlich Haare schneiden beibringen. Vor lauter Schafe scheren hat er vergessen, wie man Menschen frisiert. Er sagt immer, keines von unseren Schafen hätte sich jemals beschwert. Das mag sein, aber ich beschwere mich hiermit offiziell! Ich sehe nämlich immer noch wie Deine schwarz gepunktete Ziege Fatima aus!

Dein Dich über alles liebender Neffe aus dem schwülen Alamanya,
Osman

 

Auszug aus "Mein Lieber Onkel Ömer - Briefe aus Almanya", erschienen 2008 im dtv Verlag.


Osman Engin

 

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