„Wenn du nur in deinem eigenen Land lebst, das ist, als ob du in einem Haus ohne Spiegel wohnst, du siehst dich selber nicht.”

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Interview
 

Sie sagten kürzlich, Schreiben heiße, mit der Sprache kämpfen. Ist die Sprache ein Feind?

Bei uns in der Schule, im Kabinett der russischen Sprache und Literatur, hing über der Tafel ein Plakat mit den berühmten Worten von Turgenjew: „Oh, du große, mächtige, wahrheitsgetreue und freie russische Sprache!“ Aber in Wirklichkeit ist die russische Sprache so arm, man kann gar nichts darin ausdrücken. Ich werde nie vergessen, so fing es bei mir an, ich war vielleicht 16 Jahre alt, ich wollte meine erste Liebeserklärung machen, und ich kam auf das Mädchen zu und hab den Mund aufgemacht und habe plötzlich realisiert: Es gibt keine Worte mehr, die Sprache ist zu Ende. Das, was ich fühle, kann man mit Worten nicht ausdrücken. Nur Schriftsteller können die Sprache dann richtig groß und schön und reich machen. Also ich glaube, der Schriftsteller kann nur bei diesem Gedanken ansetzen, dass die Sprache zu Ende ist. Denn das, was ich mache, und was vermutlich jeder Schriftsteller macht, ist: Man übersetzt das, was wichtig ist; und alles, was wirklich wichtig ist im Leben, passiert auf einer anderen Ebene, die Wörter nicht braucht. Und das muss man in die Sprache der Sprache übersetzen.

Man muss natürlich auch sagen: Sie machen es sich nicht gerade einfach. In Ihrem Roman „Venushaar“ geht es um alle großen und auch schweren Themen, um den Krieg und die Liebe, die Flucht, Vergewaltigung und Folter. Sie selbst haben allerdings einmal gesagt, es sei ein Roman über die menschliche Wärme. Überwiegt die menschliche Wärme?

In diesem Roman gibt es wirklich sehr viele Grausamkeiten. Aber auch im Leben gibt es sehr viele Grausamkeiten. Und dies ist kein Roman über das Grausame, es ist ein Roman über die Überwindung des Grausamen. Es ist ein Roman darüber, warum wir hier auf dieser Erde sind. Wir kommen auf diese Erde, die mancherorts zur Hölle der Menschen geworden sind, und wir können nicht alle flüchten, man muss etwas tun. Was also kann man dem Grausamen entgegensetzen? Man sieht dem Grausamen noch das Grausamere entgegensetzen, wo endet das alles? Man kann nur die menschliche Wärme, das Beste, was wir haben, dem Grausamen entgegensetzen.

Es geht in „Venushaar“ um die Ewigkeit, um die Hölle, um die Paradiesverweigerung in Form der Ablehnung eines Asylantrages, um die Erlösung aus der Welt des Leidens – hat der Roman einen religiösen Subtext, oder ist das auch nur Übersetzung in die Sprache der Sprache?

In diesem Buch geht es nicht um Religion im Sinne der orthodoxen Kirche, aber das menschliche Verlangen, etwas Wichtiges im Leben zu suchen und zu finden, in diesem Sinne geht es um die Religion, ja. Die religiöse Metaphorik, die Sie angesprochen haben, verdankt sich dem: Wir sind ja nicht in einer Wüste aufgewachsen, wir kommen auf die Welt, die vor uns schon Generationen christlich war, unsere ganze Kultur kommt vom Christentum, in diesem Sinne sind ich und der Roman und alle, die auf Russisch schreiben, im kulturellen Christentum verwurzelt.

An einer Stelle heißt es, „Leute sind hier nebensächlich, es geht um Geschichten …“, an einer anderen: „Mögen die Sprecher fiktiv sein, das Gesagte ist wahrhaftig …“ Ist das wahr? Sind Geschichten Lebewesen?

Jeder Roman, der versucht, sich selbst und die Welt zu verstehen, ein Mittel. Denn nur durch das Schreiben kann man diese Welt verstehen; die Aufgabe wird immer komplizierter. Bevor du also die Welt verstehst, musst du verstehen, wie du die Welt durchs Schreiben verstehst. Bevor ich angefangen habe zu schreiben, als junger Mann, war ich dennoch bereits Schriftsteller, und mir war klar: Das Schreiben ist das Einzige, was bleibt, das Einzige, was wir dem Verschwinden, dem Tod entgegensetzen können. Und in diesem Sinne ist hier in dem Roman der Erzählstrang von Bedeutung, der an Xenophons Anabasis folgt. Also eine Erzählung von 10 000 Griechen, die ans Meer geführt wurden. 100 000 andere sind verschwunden, aber diese 10 000 gelangen ans Meer. Xenophon hat sie beschrieben, durch das Schreiben hat er sie an das Meer der Unendlichkeit geführt. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, das Leben zurückzugeben. Es ist Privileg und Verantwortung des Schriftstellers, etwas gegen den Tod zu machen, stärker zu sein als der Tod.

Xenophon schrieb über die 10 000, und für die Sängerin, die in Ihrem Roman als wichtige Protagonistin auftritt, gibt es ja das ganz reale Vorbild der Isabella Juriewa (1899-2000).

Ja, auch ich gebe ihr hier ihr Leben zurück. Das wirft eine moralische Frage auf, weil sie keine erfundene Person ist: Inwieweit ist das moralisch in Ordnung, ihr ihr Leben zurückzugeben? Natürlich musste ich einiges erfinden, und das hat mich wirklich gequält, und eines Nachts bin ich aufgewacht, schweißgebadet, in einer Panikattacke, weil ich realisiert hatte: Wir werden uns ja irgendwann treffen, die reale Juriewa und ich. Und ich werde dann auf sie zugehen und sagen: „Verzeihen Sie bitte, aber ich habe es getan, weil ich Sie liebe.“ Und dieses Gefühl war so stark, dass ich plötzlich gehört habe, was sie mir antworten wird: „Es ist in Ordnung, danke.“ Das war eine solche Erleichterung und Erlösung! Danach konnte ich weiter schreiben. Sie war eine der Lieblingssängerinnen meines Vaters, eine der ersten Erinnerung meines Lebens war, in unserer Kellerwohnung, auf dem Sofa sind diese alten schwarzen, schweren Schallplatten, 78 Drehungen, und ich springe auf dem Sofa herum und mache eine Schallplatte kaputt. Es war eine Schallplatte von Juriewa, und mein Vater war furchtbar wütend. Diese Angst vor der Wut meines Vaters blieb mir in Erinnerung, und vielleicht fing damals der Roman an.

Wie haben Sie das Leben der Juriewa denn recherchiert – gab es für ihr Tagebuch ein echtes Tagebuch oder irgendwelche Vorlagen?

Als meine Mutter sehr krank war, sie litt an Krebs, und vor dem Tod hat sie mir ihre Tagesbücher zu lesen gegeben, die sie als Schülerin und Studentin geschrieben hat, das war Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre. Und ich habe ihre Tagebücher damals gelesen und konnte sie gar nicht verstehen, denn ich kenne diese Zeit aus der Literatur und Geschichte, das war die schlimmste Zeit in der Geschichte Russlands. Menschliche Finsternis, Angst, Verhaftungen, Judenverfolgungen usw. Und davon fand ich in diesem Tagebuch überhaupt nichts wieder, es war das Tagebuch eines absolut glücklichen Mädchens, glücklich, weil sie auf eine große Liebe wartet, weil sie Freundinnen hat, weil die Sonne scheint, weil es regnet. Nach dem Tod meiner Mutter blieben diese Tagebücher und ihr ganzes Archiv bei mir, bei meiner Übersiedelung in die Schweiz habe ich es bei meinem Bruder gelassen, der bewahrte es in einem Haus auf dem Lande auf. Und das Haus brannte ab. Nichts ist geblieben. Plötzlich habe ich realisiert: Das war nicht die Naivität eines jungen Mädchens, das war die tiefe Weisheit von dem, der dieses Mädchen, auf diese Welt geschickt hat und immer schicken wird, damit sie mit ihrem Suchen nach der Liebe unsere Finsternis wie eine Kerze ein bisschen erleuchten. Nun konnte ich schlecht über meine Mutter schreiben, und als Symbol habe ich dann Isabella Juriewa gewählt, denn auch sie hat mit ihrem Gesang das Leben dieser Sklaven – es war das Land der Sklaven, mein Vater war ein Sklave, meine Großeltern waren Sklaven –, sie hat ihnen eine solche Kerze entzündet und den Menschen ein wenig Liebe und ihre Würde zurückgegeben. Nur so konnten sie überleben. Das war der Kampf der Juriewa, obwohl sie überhaupt nicht politisch war.

Wie verfahren Sie denn beim Schreiben, haben Sie alles genau durchgeplant und führen es später diszipliniert durch, oder vollzieht sich Ihr Schreiben phasenweise?

Es gibt Autoren, die sind Herren des Romans, und es gibt Autoren, die sind Diener ihres Romans, ich gehöre eindeutig zur Dienerschaft. Der Herr des Romans steht morgens auf, trinkt Kaffee, klingelt, und der Roman rennt herbei und fragt: „Mein Herr, was werden wir heute schreiben?“ Bei mir ist es genau umgekehrt: Ich sitze im Vorzimmer und warte, und warte, und irgendwann klingelt es, ich renne herbei und frage den Roman: Was werden wir schreiben? Und dann diktiert der Roman, und ich muss es nur aufschreiben, ich muss nicht nachdenken: Der Diener der Romans zu sein, hat viele Vorteile, du musst nicht klug sein, denn der Herr ist immer klüger und weiß, was der Diener tun muss. Der Nachteil ist: Ich kann im Vorzimmer warten und warten, es klingelt aber nicht, ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre. Nach „Venushaar“ zum Beispiel hat es vier Jahre gedauert, dann kamen die Depressionen, dann weiß ich nicht, warum ich überhaupt lebe, denn ich habe das Gefühl, ein Einwegschreiber zu sein, aber wenn es dann klingelt, dann hat man so viel Freude, man ist glücklich.

Welche Bedeutung hat das für Sie, dass Sie russische Gegenwartsliteratur schreiben, dabei aber in einem Land mit anderer Sprache leben?

Für den russischen Autor ist das eine grundsätzliche Frage: Schreibst du in Russland oder schreibst du im Ausland? Denn es gibt diese Tradition, dass die russischen Autoren nur in Russland schreiben können, im Ausland sterben sie, leiden an Nostalgie und können nicht schreiben – aber das ist selbstverständlich nicht wahr - es ist die Fantasie der Diktatoren, aber nicht die der Schriftsteller. Alle russischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts haben bekanntlich ihre besten Werke im Ausland geschrieben. Dostojewski, Nabokow, Turgenjew, Gogol. In diesem Sinne bin ich in einer guten Gesellschaft. Ich bin der Meinung, wir sind im 21. Jahrhundert, es spielt keine Rolle mehr, auf welcher Seite der Grenze du schreibst. Ich denke, jeder Autor, auch der deutsche oder englische, muss mehrere Jahre im Ausland leben. Wenn du nur in deinem eigenen Land lebst, das ist, als ob du in einem Haus ohne Spiegel wohnst, du siehst dich selber nicht. Meine Übersiedlung in die Schweiz hat mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen, meine Sprache, die Geschichte meines Volkes. Abgesehen davon ist es egal, wo man schreibt. Wenn der Roman kommt, bist du glücklich, egal wo; wenn er nicht kommt, ist es egal, in welchen Fluss du springen willst.

In welchem Sprachraum sind Sie denn zu Hause, zu welcher Tradition zählen Sie sich?

Mit der modernen russischen Literatur ist etwas Schlimmes passiert. Vor etwa 100 Jahren war Russland Sitz der Weltliteratur. Nach Moskau kamen Schriftsteller aus der ganzen Welt gepilgert, wie nach Jerusalem. Alle Größen des 20. Jahrhunderts waren von Tolstoj erzogen, dann kam die Abschottung, 1917, die russische Literatur blieb hinter Gittern. Generationenlang. Und wenn man in einer Zelle sitzt, entwickelt sich eine Subkultur, man interessiert sich nicht mehr für die Welt da draußen, man interessiert sich nur für die eigenen Probleme. Da ist nur wichtig, wer als Wärter abends das Essen bringt, Putin oder Medwedjew, und so wurde die russische Literatur im 20. Jahrhundert sehr marginal. Denn die Autoren schreiben über die exotischen russischen Probleme, die nur für diejenige, die sich auch für Russland interessieren, wichtig sind. Aber ein normaler Leser interessiert sich für sich selber; er greift daher nicht zu einem zeitgenössischen russischen Roman, sondern lieber zu Tolstoj, weil er beim Lesen von den Erlebnissen von Fürst Andrej etwas Neues über sich selbst erfährt. Ich will nicht in dieser Tradition bleiben, ich glaube, die russische Literatur hat genug Potential, um wieder zur Weltliteratur zu gehören. Aber man darf nicht über die exotischen russischen Probleme schreiben, sondern muss über den Menschen schreiben. Das habe ich in den 14 Jahren verstanden, die ich nicht mehr in Russland lebe; und ich hoffe, dass meine Romane mithelfen, die russische Literatur wieder zur Weltliteratur zurückzuführen.

 

Am 27. März 2012 war Michail Schischkin Gast der Schriftstellerinnen Hilal Sezgin und Veronika Peters beim Literarischen Abend der Heinrich-Böll-Stiftung. Das folgende Interview ist eine Mitschrift des im Rahmen des Abends geführten Gespräches.


Michail Schischkin - Bild: Yvonne Böhler

 

"Venushaar"
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