„Venushaar” Leseprobe von Michail Schischkin

„Venushaar” Leseprobe von Michail Schischkin

 

Auszug aus dem Roman

Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.

Antwort: Ich war Zollangestellter an der kasachischen Grenze. Militärs beförderten Drogen in ihren Autos, und mein Chef hatte mit ihnen einen Deal. Wir sollten vor alledem die Augen verschließen, ganz normal abfertigen. Ich schrieb einen Brief an den FSB. Ein paar Tage später wurde meine Tochter von einem Auto angefahren. Ich bekam einen Anruf. Das sei nur eine Vorwarnung gewesen, hieß es. Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten. Antwort: Bei den Gouverneurswahlen unterstützte ich aktiv den Kandidaten der Opposition, nahm an Protestmeetings teil und sammelte Unterschrift en. Ich wurde aufs Polizeirevier bestellt, ich sollte gefälligst aufhören, Enthüllungen über die Gebietsleitung in die Welt zu setzen. Mehrmals wurde ich von Milizionären in Zivil verprügelt. Meinem Asylantrag habe ich medizinische Gutachten über einen Kieferbruch, einen Armbruch und weitere Prügelfolgen beigefügt. Wie Sie sehen, bin ich invalid und kann keiner Arbeit nachgehen. Meine mitgereiste Ehefrau hat Magenkrebs.

Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.

Antwort: Ich bin aidskrank. In unserer Stadt haben sich alle von mir losgesagt. Selbst meine Frau und die Kinder. Infiziert wurde ich im Krankenhaus, bei einer Bluttransfusion. Ich habe alles verloren: Arbeit, Freunde, mein Zuhause. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich dachte mir, wenn ich schon sterben muss, dann hier bei Ihnen, unter menschlichen Umständen. Sie werden mich schon nicht rauswerfen.

Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.

Antwort: Es war einmal im rechtgläubigen Muntenien ein Woiwode mit Namen Dracula. Einmal ließ ihm ein türkischer Pascha durch Gesandte ausrichten, er solle sich ihm unterwerfen und dem christlichen Glauben abschwören. Während die Gesandten mit dem Woiwoden sprachen, nahmen sie ihre Mützen nicht ab, und auf die Frage, warum sie den hohen Herrn in dieser Weise beleidigten, sprachen sie: So ist es, Herr, in unseren Landen nun einmal Sitte. Da befahl Dracula seinen Dienern, den Gesandten die Mütze am Kopf festzunageln, und sandte ihre Leichname retour mit der Botschaft, es gebe nur einen Gott, aber die Sitten seien verschieden. Der erboste Pascha kam mit einer riesigen Armee gegen das rechtgläubige Land gezogen, ein Morden und Plündern hob an. Der Woiwode Dracula sammelte seine nicht sehr zahlreichen Heerscharen, überfiel die Muselmanen des Nachts und tötete gar viele von ihnen, schlug die übrigen in die Flucht. Am nächsten Morgen ließ er seine Kämpfer, so sie am Leben geblieben, zum Appell antreten. Wer seine Wunden vorne trug, dem erwies er höchste Ehre und hieß ihn einen Recken. Wer aber am Rücken wund war, den ließ er pfählen und sprach zu ihm: Du bist kein Mann, du bist ein Weib. Wie der Pascha davon hörte, zog er mit seinen verbliebenen Truppen ab und wagte das Land kein weiteres Mal zu überfallen. So lebte der Woiwode Dracula in seinen Landen hin. Nun war es aber so, dass es in Muntenien zu jener Zeit eine große Zahl an Bettlern, Krüppeln, Kranken und Siechen gab. Und da er nun sah, wie viele in seinem Land unglücklich waren, hieß er sie alle zu sich kommen. Und es kamen Unglückselige, Krüppel und Waisen sonder Zahl, die der hohen Gnade gewärtigten, und ein jeder sprach zu ihm von seinen Fährnissen und Nöten: Der eine hatte sein Bein verloren, der andere ein Auge eingebüßt, dem Dritten ward der Sohn getötet, der Vierte hatte einen Bruder, der aufgrund eines ungerechten Urteils schuldlos im Kerker einsaß. Und der Jammer war groß, und ein großes Stöhnen ging über das ganze muntenische Land. Da hieß Dracula sie alle miteinander in ein großes Haus einziehen, das eigens dafür errichtet worden war, und ließ ihnen erlesene Speisen und Getränke im Überfluss vorsetzen. Man tafelte und war fröhlich. Und er kam zu ihnen und sprach: "Was könntet ihr noch wollen?" Und alle erwiderten ihm: "Ach, das wisst nur Ihr, hoher Herr, und Gott allein. Tut, was der liebe Gott Euch eingibt!" Also sprach er zu ihnen: "Wollt ihr, dass für euch alles Leid in diesem Jammertal ein End hat, dass keine Not an gar nichts mehr ist, ihr nicht mehr weinen müsst ob eines verlorenen Beines oder eines ausgeflossenen Auges, eines toten Sohnes und eines unrechten Spruchs?" Und sie, in Erwartung eines Wunders, antworteten so: "O ja, das wollen wir, Herr!" Da hieß er das Haus zusperren, mit Stroh umlegen und anzünden. Und es ward ein gewaltiges Feuer, und alle verbrannten darin.

Hochwerter Nabuccosaurus!

Ich habe im Briefkasten nachgesehen – wieder nichts von Euch.

Wir murren nicht. Bestimmt habt Ihr andere Sorgen. Schließlich sind es Staatsaufgaben, die Eurer harren. Hoffentlich müsst Ihr nicht gerade jemandem den Krieg erklären oder habt unliebsamen Besuch von Außerirdischen. Auf alles muss man ein Auge haben. Da bleibt keine Zeit zum Schreiben.

Bei uns ist alles beim Alten.

Das Universum wächst sich aus. Der Dolmetsch tut, was des Dolmetschs ist.

Zu Hause gleich alles zu vergessen, was tagsüber gewesen ist, das funktioniert nicht. Man trägt es bei sich. Diese Menschen, diese Reden – man wird sie nicht los.
Und dabei ist es immer dasselbe. Was könnte es im Dolmetschdienst Neues geben? Alles läuft in eingefahrenen Gleisen. Alles in der höheren Orts beglaubigten Form. Jede Frage erfolgt nach Schema F, jede Antwort genauso. Bei der Standardeinweisung schont Petrus inzwischen seine Stimme, lässt sie den Dolmetsch für den verschüchterten GS vom Blatt übersetzen. Also liest der Dolmetsch vor: "Guten Tag! Schön, dass Sie da sind! Treten Sie ein, bitte schön, lassen Sie uns gemeinsam diesen endlos langen Tag verkürzen! So setzen Sie sich doch, Stehen macht nicht klüger, wie man sagt, gewiss sind Sie müde von der Reise. Ich lasse gleich den Samowar aufstellen! Und die Stiefel, die stellen wir hierhin, näher zum Ofen. Nun, wie gefällt Ihnen unser bester aller weißen Flecken auf der Landkarte, wo der Mensch ist, was er ist, und spricht, wenn er schweigt? Ach, Sie haben noch gar nichts davon gesehen? Na, das wird schon noch! Wollen Sie sich vielleicht lieber hier herüber setzen, vom Fenster weg? Nicht dass Ihnen noch kalt wird? Sagen Sie Bescheid, wenn es zieht? Fein. Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja. Hier kreuzen alle möglichen Leute auf, wissen Sie. Verlottert, nicht sehr gescheit, mit schlechten Zähnen –und lügen wie gedruckt. Behaupten, sie hätten ihre Dokumente verloren – und das nur, damit man sie nicht gleich wieder zurückschickt. Erzählen Schauergeschichten von sich. Andere als schauerliche kommen hier gar nicht vor. Und das in allen Einzelheiten. Halten einem ihre Elefantenpatschhände unter die Nase, in die ihnen angeblich flüssige Vaseline gespritzt worden ist. Gruselmärchen und Räuberpistolen. Die lassen Sachen vom Stapel, man könnte sich hinsetzen und einen Kriminalroman schreiben. Als hätte die Mama ihnen nie beigebracht, dass man immer die Wahrheit sagen muss. Schinden Mitleid. Wollen ins Paradies. Schöne Märtyrer! Aber um Mitleid geht es nicht. Es geht um die Klärung von Sachverhalten. Will man ihnen den Zutritt zum Paradies verwehren, muss man unbedingt rauskriegen, wie es sich wirklich verhält. Aber wie soll man das rauskriegen, wenn die Leute mit den Geschichten, die sie auftischen, verwachsen sind."

 


Leseprobe aus "Venushaar" S. 20-23. Erschienen 2011 bei DVA.

 


Michail Schischkin - Bild: Yvonne Böhler

 

 

Biographie von Michail Schischkin
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"Wenn du nur in deinem eigenen Land lebst, das ist, als ob du in einem Haus ohne Spiegel wohnst, du siehst dich selber nicht."
Interview mit Michail Schischkin (weiter)