„Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ - Ein Nachschlagewerk zu Sprache, deutschem Kolonialismus und Rassismus

von Elisabeth Gregull

„Race doesn't exist, but it does kill people.“ Colette Guillaumin

Internationales Gedenken und deutsche Amnesie
2001 erklärte die dritte UN-Weltkonferenz gegen Rassismus im südafrikanischen Durban die Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sah den europäischen Sklavenhandel und Kolonialismus als historische Basis von Rassismus. 2004, also 200 Jahre nach der Unabhängigkeit Haitis, stand der Widerstand im Fokus – es war das „Internationale Jahr zum Gedenken an den Kampf gegen die Sklaverei und an ihre Abschaffung“. 2007 schließlich erklärte die UNO-Vollversammlung den 25. März zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer der Sklaverei und des transatlantischen Sklavenhandels“.

400 Jahre europäischer Sklavenhandel und seine grausamen Folgen sind also auf supranationaler Ebene offiziell anerkannt. Auch die historische Verbindung vom Kolonialismus zum Rassismus ist gezogen. In Deutschland aber herrscht nach wie vor eine eigenartige Amnesie: Zum einen wird die deutsche Kolonialzeit bagatellisiert – sie sei nur kurz und im Vergleich mit Frankreich und England auch „nicht so gravierend“ gewesen. Dementsprechend hat sie weder im öffentlichen Bewusstsein noch im Geschichtsunterricht einen angemessenen Platz. Zum anderen gilt: seit dem Ende der NS-Zeit gebe es hierzulande keinen Rassismus mehr oder eben nur in rechtsextremen Kreisen am Rande der Gesellschaft. 

Deutschland im Spiegel eines „kritischen Nachschlagewerkes“
Gegen diese Argumentationsstrategie wendet sich „Wie Rassismus aus Wörtern spricht - (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk“. Es ist ein vielseitiges Buch, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Mit fast 800 Seiten und 70 Autor_innen bietet das Lexikon Raum für neue Sichtweisen und kritische Analysen – nicht nur auf die deutsche Sprache, sondern auch auf die über Sprache festgeschrieben historischen und politischen (Macht)Verhältnisse in Deutschland und anderswo.

Ein komplexes Thema, dem die Publikation durch ein durchgängiges Motiv einen übergreifenden Bezugsrahmen gibt: Die Autor_innen zeigen immer wieder die Verbindungslinien zwischen dem europäischen Kolonialismus und Rassismus und betonen dabei auch die Kontinuitäten bis zur NS-Zeit. Internationale Perspektiven fließen in das Werk ein, dennoch bezieht es sich im Wesentlichen auf den speziellen Kontext Deutschland, da die historische wie diskursive Gemengelage hier etwas anders liegt.

Polyphonie – oder wie viele Stimmen herrschende Diskurse aufbrechen
Die Herausgeberinnen sind Susan Arndt, Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth, und Nadja Ofuatey-Alazard, Filmemacherin und Doktorandin an der Bayreuth International Graduate School of African Studies. Sie haben fast 70 andere Autor_innen gewonnen, darunter viele Professor_innen und Wissenschaftler_innen unterschiedlicher Forschungsrichtungen (Pädagogik, Afrika-Wissenschaften, Gender Studies, Literaturwissenschaft u.v.m.).

Eine der Autor_innen ist Noah Sow, die bereits 2008 das Buch „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus“ veröffentlicht hat. Sie hatte die Herausgeberinnen dazu angeregt, nicht nur klassisch „wissenschaftliche“ Texte, sondern auch andere Textformen und Genres einfließen zu lassen. Diese Öffnung für literarische Texte, Gedichte, Satiren, Essays u.ä. hat dem umfangreichen Werk gut getan. Die Lektüre wird durch Beiträge von Künstler_innen und politischen Aktivist_innen abwechslungs- und perspektivenreicher.

Statt eines Vorwortes haben die Herausgeberinnen dem Buch ein Gespräch vorangestellt: Iman Attia, Professorin für Diversity Studies an der Alice Salomon Fachhochschule, Esther Dischereit, deutsch-jüdische Schriftstellerin, und Philippa Ebéne, Künstlerische Leiterin der Werkstatt der Kulturen in Berlin, sprechen über ihre unterschiedlichen Sichtweisen, Erfahrungen und Strategien in Bezug auf die Themen des Buches. Schon hier wird deutlich, dass nur eine Vielzahl von Perspektiven und Geschichten die Problematik angemessen abbilden kann.

Wer spricht wann über wen – der theoretische Rahmen
Sprache steht nicht einfach im Raum. Wörter haben ihre Geschichte, sie prägen das Denken und damit letztlich auch das Handeln. Die weiße europäische Geistes- und Kulturgeschichte stellt sich gern als fortschrittlich, zivilisiert und anderen Kulturen überlegen dar. Ihre gewalttätige, zerstörerische und menschenverachtende Seite, wie sie sich im Kolonialismus und in der 400jährigen Entrechtung und Versklavung Schwarzer Menschen zeigt, wird meistens ausgeblendet. Dies zeigt sich im allgemeinen Sprachgebrauch, aber auch in gängigen Wörterbüchern, die nach wie vor unkritisch Begriffe wie „die Entdeckung Amerikas“ oder „Indianer“ o.ä. verwenden, als handele es sich dabei um einen „objektiv“ gültigen Sprachgebrauch. 
Hier setzt das Nachschlagewerk „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ an: „Es ist also unabdingbar, jedwede kritische Reflektion über Sprache historisch, theoretisch, kulturell und politisch zu kontextualisieren.“ (S.12) Im ersten Teil stehen Rassismus und Kolonialismus im Zentrum. Gleich zu Beginn macht die Herausgeberin Susan Arndt deutlich, dass sich Rassismus gegen unterschiedliche Gruppen von Menschen richten kann. Sowohl Ähnlichkeiten zu sehen, als auch Differenzen nicht zu vernachlässigen, sei somit ein wichtiger Ansatz. „Folglich lässt sich bei Rassismus gegen Schwarze Menschen, gegen Jüdinnen und Juden (Antisemitismus), gegen Sinti und Roma (Antiziganismus) und gegen Muslim_innen eine gemeinsame strukturelle und diskursive Schnittmenge ausmachen, die mit dem Begriffsfeld Rassismus erfassbar ist.“ (S.38)

Dementsprechend bietet der erste Teil des Buches Texte, die die sprachlich und inhaltlich vernetzte Beziehung zwischen Rassismus, Kolonialismus, der europäischen Versklavung afrikanischer Menschen sowie historische und aktuelle (politische) Machtverhältnisse thematisieren. Der erste Teil endet bei einem Begriff, der tragend wird in der kritischen Analyse von Sprache und ihrer Wirkungsmacht: Weißsein. Die Kritische Weißseinsforschung hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Weißsein als 'unsichtbar herrschende Normalität'“ (S.192) sichtbar zu machen – also zu zeigen, dass und wie über diese Kategorie historisch Dominanz gesichert und Macht bis heute ausgebaut wurde und wird.

Dementsprechend markieren viele Autor_innen, aus welcher Position sie sprechen – ob als Weiße oder People of Color. Damit vollziehen sie das nach, was sie als Forderung an andere richten, die sich mit dem Thema befassen: Transparent zu machen, von welchen Erfahrungen, Einflüssen und Wissenssystemen ihr Ansatz und ihre Haltung geprägt sind.

Rassistische Sprache von A-Z – das Nachschlagewerk
Der zweite Teil „Wörter und Begriffe: Kernkonzepte und Artikulationsräume weißen Wissens“ umfasst nahezu 370 Seiten und ist, einem Lexikon entsprechend, alphabetisch geordnet. Mal in längeren Artikeln, mal in kurzen satirischen Texten, kommen Begriffe wie  „Afrika“ oder „Antike“, „Hautfarbe“ oder „Kultur“, „Nation“ oder „Sklave/Sklavin“ unter die Lupe. Die Autor_innen beleuchten kritisch, welche Ideologien mit diesen Begriffen verbunden sind und wie sie sich sozial, politisch und historisch ausgewirkt haben und noch auswirken.

Auch ein scheinbar neutraler und meist positiv besetzter Begriff wie „Naturschutz“ bekommt in dieser Perspektive eine andere Wendung: Denn frühe Modelle des „Naturschutzes“ wie die „Nationalparks“ in den USA waren eng mit kolonialem Handeln und der Entrechtung und Vertreibung der ursprünglich dort lebenden Menschen verbunden.

Schlagwörter wie „Kinderbücher“ oder „Straßennamen“ führen vor Augen, wie das koloniale rassistische Erbe im (kulturellen) Alltag verankert ist, wie „weißes Wissen“ tradiert wird. Gleichzeitig eröffnen sich hier Möglichkeiten für Gegenstrategien bzw. für Wege für eine veränderte Erinnerungskultur.

Einige Autor_innen nutzen bei der Erklärung von Begriffen konkrete Beispiele aus dem Alltag wie umstrittene Wahlkampagnen, öffentliche (wissenschaftliche) Veranstaltungen und Darstellungen in der Werbung. Sie schildern die Ereignisse, berichten von der Kritik und den Reaktionen derjenigen, die kritisiert werden. Diese „Fälle“ machen sehr greifbar, wie sich koloniales Denken, rassistischer Sprachgebrauch und damit verbundene Bilder und Zuschreibungen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens in Deutschland durchziehen. Und wie schwierig es offenbar für Weiße ist, dies selbstkritisch zu erkennen und nicht mit Parolen wie „Überempfindlichkeit“, „das war schon immer so“ oder „Political Correctness“ abzutun.

Neudefinitionen als Interventionsstrategie
Das leider sehr kurze dritte Kapitel „Widerstand und Sprache“ ist ausschließlich von People of Color geschrieben. Die Autor_innen stellen diesen und andere Begriffe und Konzepte vor, erläutern, wie sie entstanden sind und warum sie darin Möglichkeiten zur „Intervention“ oder zum Widerstand sehen.

Auf ein Wort sei exemplarisch eingegangen: Maafa. Entwickelt hat dieses Konzept die afrikanisch amerikanische Theoretikerin und Aktivistin Marimba Ani. Das Wort „(…) kommt aus dem Kiswahili, bedeutet 'Katastrophe, große Tragödie, schreckliches Ereignis' und bezeichnet die komplexe interdependente Gemengelage von Sklaverei, Imperialismus, Kolonialismus, Invasion, Unterdrückung, Entmenschlichung und Ausbeutung.“ (S.594) Schwarze Wissenschaftler_innen benutzen eher den Begriff „African/ Black Holocaust“, um die gezielte Gewalt gegen Schwarze zu fassen. Maafa wählt bewusst eine afrikanische Sprache, als Form der Selbstaneignung, und thematisiert neben der weißen Gewalt auch Widerstand und Emanzipation. In den USA sind beide Begriffe inzwischen im Bereich der African, African American und Pan-African Studies gängig.

Rassistische Sprache im Alltag
Der letzte Teil des Buches mit dem Titel „Gewalt und Normierung: Die alltägliche Macht rassistischer Wörter“ teilt sich in exemplarische Analysen und Kurzbetrachtungen. Alle Begriffe, die man hier nachschlagen kann, sind in Anführungszeichen gesetzt – ein Hinweis auf ihren diskriminierenden Charakter. Beziehungsweise darauf, dass sie kritisch hinterfragt werden sollten.

Die Analysen und Kurzbetrachtungen verorten die Wörter da, wo sie zumeist entstanden sind: In der Vorstellungswelt Weißer Menschen, die sich als überlegen und die anderen als unterlegen markieren wollten und wollen. Ob „Exotik“ oder „Rasse“, „Zigeuner_in“ oder „Dritte Welt“, „Häuptling“ oder „Primitiv“ - das Lexikon zeigt die Entstehungsgeschichte der Wörter und die damit verbundenen Assoziationen. Aber auch Alternativen zu diesem Sprachgebrauch sind hier zu finden.
 
Für ein anderes Wissensarchiv
Das Verdienst von „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ ist, dass es unterschiedliche Perspektiven und Wissen zu diesem vielschichtigen Thema zusammenführt und als (kritisches) Nachschlagwerk bereitstellt – inklusive einer über 60seitigen Gesamtbibliographie. Wer will, kann sich in diesem Werk kundig machen, und das nicht nur zu einzelnen Begriffen. Vielmehr bietet es die Möglichkeit, sich auf einen Prozess einzulassen, der hoffentlich in Zukunft ein „Wissensarchiv entstehen (lässt), das den verschiedenen Geschichten und Positionen, Denktraditionen und postkolonialen Präsenzen angemessen und vor allem gleichberechtigt Rechnung trägt.“ (S.17)

Dazu gehört, dass Weiße in kritischer Selbstreflexion lernen müssen, rassistische Sprache und Wissen zu erkennen und auch zu verlernen. Dies mag für Weiße Leser_innen des Buches zum Teil auch schmerzhaft sein. Zum Beispiel dann, wenn weiße Privilegien in bissig-satirischen Texten von People of Color aufs Korn genommen werden.

Während NS-Zeit und Holocaust regelmäßig Teil des Schulunterrichts sind, kommen der deutsche Kolonialismus und die europäische Versklavung afrikanischer Menschen nicht systematisch vor. Mehrere Autor_innen zitieren die französischen Soziologin Colette Guillaumin mit dem Satz: „Race doesn't exist, but it does kill people.“ Er bringt auf den Punkt, was sich in unterschiedlichen Formen seit dem Kolonialismus bis heute fortsetzt: dass Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe rassistisch diskriminiert werden und ihr Leben verlieren. Auch in Deutschland wurden in den letzten Jahren zahlreiche Schwarze Menschen aus rassistischen Motiven ermordet.

Im Herbst 2004 widmete sich das Berliner Haus der Kulturen der Welt mit dem Projekt „Black Atlantic“ den Folgen des europäischen Kolonialismus und der Versklavung afrikanischer Menschen. Der Schwarze Soziologe Paul Gilroy formulierte damals die Prämisse für eine Veränderung so: „Es ist nötig darüber nachzudenken, wie der enorme Schaden zu beheben ist, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Anerkennung immer unter dem Vorbehalt der Hautfarbe standen – und warum es so schwer scheint, diese Tatsache anzuerkennen.“

 

Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.):„Wie Rassismus aus Wörtern spricht - (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagwerk“, Unrast-Verlag (2011).

 

Elisabeth Gregull ist Fachjournalistin (DFJS) mit den Schwerpunktthemen Migration, Diversity und Folgen der NS-Zeit.

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.