„Postkarnevalistischer Irrsinn und die Hoffnung am Rand der Welt"

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Interview

 Herr Andruchowytsch, Stanislav Perfetzki, der Protagonist Ihres Romans, nimmt an einer Tagung teil mit dem Thema „Postkarnevalistischer Irrsinn“. Was bedeutet das?

Diesen Roman habe ich auf Ukrainisch bereits Mitte der neunziger Jahre geschrieben, also kurz vor der Jahrhundertwende, und Zeichen der Absurdität habe ich damals als besonders typisch für diese letzte Dekade des vorigen Jahrhunderts empfunden. Die ganze Chronologie sah eigentlich sehr spannend aus: Da stand immer diese Zahl, die Zweitausend, im Raum, sie kam näher und näher und man machte Bilanzen. Eines der möglichen Themen, das die Intellektuellen der ganzen Welt zu dieser Zeit begeisterte, war, dass die Geschichte dann schon am Ende ist. Alles was wir hiernach haben werden, wird eine Art „post-geschichtliches“ Dasein der Menschheit sein.
Nach dem Jahr 2000 zeigte sich dann, dass das alles nicht so eindeutig und einfach war, und die Geschichte ging einfach weiter. Aber die postkarnevalistische Absurdität ist auch heute nicht erschöpft. Und wir sind die ganze Zeit noch dabei.

Welchen Leser hatten Sie beim Schreiben des Romans vor Augen? Den, der all die vorhandenen literarischen, mystischen, allegorischen Anspielungen entschlüsseln möchte, oder den, der einfach Freude daran hat, sich dem Sog des Fabulierens zu überlassen?

Ich war zu der Zeit, als ich „Perversion“ schrieb, noch ziemlich naiv. Das war mein dritter Roman, und ich dachte, dass ich alle möglichen Leserschichten erobern würde: Die, die ein Sujet mit Intrige wollten und eine Kriminal- oder eine Horrorgeschichte suchten, sollten ihr Glück finden, und die, die Geschichten über geheime Strukturen irgendwelcher Organisationen, wie der Freimaurerloge oder so etwas ähnlichem, lesen mochten, ebenfalls. Jeder sollte auf seine Kosten kommen. Aber am nächsten standen mir persönlich dann doch die Leser aus meiner unmittelbaren Umgebung, die Freunde, die Schriftstellerkollegen, konkrete Personen also, mit denen ich direkt zu tun hatte. Das war zu einer Zeit, in der wir uns oft trafen, um uns auszutauschen und neue Texte zu besprechen, der Zeit des „Stanislauer Phänomens“, einer Art Werkstatt der Autoren. Mir war es am wichtigsten, dass diese Freunde und Kollegen es lesen und ihre Freude daran haben konnten. Die Freude ist hier sowieso ein Stichwort: Ich habe diesen Roman mit Freude geschrieben und ich wollte, dass auch die Leser Freude daran haben.

Welche Bedeutung hat der Karneval für diesen Roman und für Sie?

Karneval war bereits ein Stichwort für unsere Performancegruppe „Bu-Ba-Bu“ ein Begriff, mit dem wir drei Dichter unsere Spekulationen machten. Sollten wir irgendeinem Literaturkritiker etwas Ernsthafteres über unsere Arbeit erklären, dann sagten wir: Lesen Sie das alles bitte in der Karnevalstheorie von Michail Michailowitsch Bachtin, er hat schon alles erklärt, wir sind nur die Autoren, die seine Theorie in eine literarische Praxis umsetzen. Dieser große russische Kulturphilosoph, selbst politischer Häftling in der UdSSR, hatte zwischen den 20er und 60er Jahren seine literaturwissenschaftlichen Theorien entwickelt. Unter anderem hat er auch ein Buch über die mittelalterliche Lachkultur geschrieben, als die Kultur der niedrigsten sozialen Schichten der mittelalterlichen Gesellschaft, die sich mit Hilfe des Karnevals ab und zu von der Herrschaft der Mächtigen befreien konnten. Bachtin beschreibt den Karneval als eine Art geduldeten Tabubruch, um sich der grausamen Realität zu entziehen, sie zu zerstören. Manche sagen, dass Bachtin diese Karnevalstheorie im russischen Arbeitslager entwickelt hat, das Lager nur mit ihrer Hilfe überstehen konnte.

Im Roman findet sich ein unglaublicher Mix aller möglichen Stile, mal lyrisch, mal episch, mal im Protokollstil, dann wieder als assoziative Reihen von Gedankengängen, ein anderes mal wird plötzlich gereimt, da wechseln die Ebenen, die Erzähler wild durcheinander. Haben Sie sich beim Schreiben der spontanen Intuition überlassen oder wussten Sie immer, welche Ebene wann kommen musste?

Das ist von mir schon alles bewusst so konstruiert worden. Ich hatte einen Plan, und diese Tatsache hat mir beim Schreiben große Freude bereitet: jeden Tag lag eine andere stilistische Aufgabe vor mir, es wurde nie langweilig. Trotz diesses Plans bildet der Roman aber kein geschlossenes Ganzes, er ist eher so etwas wie eine Sammlung von verschiedenen Spuren, denen man nachgehen kann. Die Abfolge der diversen Materialien ist lediglich meine Konstruktion, jeder Leser kann es sich anders zusammenstellen, wenn er möchte. Meine Idee dabei war, dass es unter diesem Gesichtspunkt gar nicht so wichtig ist, welches Kapitel hinter welchem steht. Und trotzdem gibt es da eine bestimmte Ordnung, einen Bauplan, dem man folgen kann.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass Sie in den Jahren seit „Perversion“ mit zunehmend politischer Intention veröffentlicht haben. Ist das richtig?

"Bu-Ba-Bu" war ja schon eine Art politische Literatur, ein Spiel mit politischen Klischees, das ist bei mir schon immer präsent gewesen, ich bin ein politischer Mensch. In der Ukraine heißt es zwar öfter, dass ich apolitisch sei, und man fordert, ich solle mich politisch stärker engagieren. Aber ich finde durchaus, dass ich politisch sehr aktiv bin. Apolitisch bin ich nur in dem engeren Sinne, dass ich mich der Parteipolitik verweigere. Ich bin in einem weiteren Sinne politisch, überall dort, wo ich Gesellschaftskritik übe oder mich bestimmten gesellschaftlichen Themen widme. Es ist nicht unbedingt so, dass ich dann eine bestimmte Partei angreife, aber wenn ich zum Beispiel im Feuilleton etwas über die Homophobie in meinem Land schreibe, dann ist das auf jeden Fall eine politische Stellungnahme. Bei mir ist es manchmal schwierig, abzugrenzen, wo politisches Schreiben beginnt und wo es endet. Mein jüngstes Buch, das intime Städte-Lexikon, ist ein gutes Beispiel dafür: sehr lyrische, erzählerische Texte sind dort mit scharfer politischer Publizistik verbunden.

Sie haben in Interviews zur Situation in der Ukraine unter anderem Folgendes gesagt: „Die Ukraine, das ist kein Land, das eine Krise erlebt, das ist ein Untergang“ oder „Es gibt keine Solidarität innerhalb der Bevölkerung“. Sind Sie tatsächlich so pessimistisch, was die Situation in Ihrem Land angeht?

Ich finde das, was Sie zitiert haben, noch keinesfalls extrem pessimistisch, es könnte noch viel negativer formuliert sein. Andererseits habe ich auch einmal geschrieben, dass man solche Aussagen auch nicht derart äußern sollte, dass sie die letzte Hoffnung töten. In diesem Sinne möchte ich in jedem Interview dieses Dilemma so ansprechen, dass die Situation in der Ukraine einerseits kritisch genug eingeschätzt wird, dass aber andererseits trotzdem ein letzter Rest Hoffnung bleibt.

Bei uns wurde ja, besonders während der Fußballeuropameisterschaft, sehr viel über die innenpolitische Lage der Ukraine berichtet, der Fall Julia Timoschenko zum Beispiel ging wochenlang durch die deutsche Presse. In jüngster Zeit dagegen ist es hinsichtlich dessen in unseren Medien still geworden. Liegt das an der Launenhaftigkeit der Medien oder hat sich tatsächlich etwas an der Situation verändert?

Nein, es hat sich nichts geändert und es gibt auch keinerlei Verbesserung der Lage. Die Europameisterschaft war ein internationales Event, alle schauten deshalb in unsere Richtung. Seitens der Ukraine wurde die besondere Aufmerksamkeit, die gerade deutsche Medien dem Fall Timoschenko widmeten, von verschiedenen offiziellen Sprechern in der Hinsicht kommentiert, dass von Deutschland aus eine schlechte öffentliche Meinung über die Ukraine angeheizt wurde, weil man bis zur letzten Minute hoffte, die EM könnte deswegen von der Ukraine weggenommen und die Spiele dann in Deutschland ausgerichtet werden. Frau Timoschenko sei für die Deutschen also lediglich eine Figur auf diesem Schachbrett. Es gab mehr als genug ähnliche Dummheiten und Kommentare in unseren Medien. Leider haben diejenigen Recht behalten, die sagten: Sie werden schon sehen: nach der EM wird es in Deutschland keine Aufmerksamkeit mehr dafür geben.

Wie geht die aktuelle ukrainische Literatur mit der Lage in Ihrem Land um, werden diese Themen aufgegriffen?

Ja, das wird die ganze Zeit thematisiert. Gerade komme ich vom großen Buchforum in Lemberg, eine Buchmesse zu ukrainischer Gegenwartsliteratur, das seit 19 Jahren stattfindet. Diese Veranstaltung ist bislang immer eine Insel der kreativen Unabhängigkeit gewesen, wo menschliche Improvisation, Verständnis und Redefreiheit herrschten. Seit der jetzige Präsident Wiktor Janukowytsch und seine Gruppierung an der Macht sind, wurde es allerdings mit jedem Jahr problematischer, diese Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten. Am vorletzten Tag des diesjährigen Forums nun ging plötzlich die Nachricht herum, dass die Präsidentin und Initiatorin des Buchforums einen offenenen Brief an Präsident Janukowytsch geschrieben hat, in dem sie ihn bittet, zum 20. Forum im nächsten Jahr als Ehrenpatron zu dieser Buchmesse zu kommen und eine Rede zu halten. Dieser Vorfall ist ein sprechendes Beispiel für die Prozesse, die bei uns stattfinden: Die Mächtigen wollen Schritt für Schritt die Kontrolle für alle Bereiche des Landes übernehmen, auch über solche, wie unser Buchforum, das eigentlich für ihre Zwecke nichts Besonderes oder Kommerzielles bietet. Es geht ihnen nur um die Kontrolle und die Machtausübung. Dann steht auf einmal die Aussage im Raum: entweder ihr kommt zu uns und bittet um Erlaubnis, das machen zu dürfen, oder es findet eben nicht statt. In so einem Land muss man politisch sein, auch die Schriftsteller! Allerdings gehen die Besten jetzt weg. Viele von den Besten der Besten befinden sich bereits auf der Schwelle: Sie wollen die Ukraine verlassen und woanders hingehen, um frei leben und arbeiten zu können.

Gab es in der letzten Zeit politische Nachrichten, die Sie mit Hoffnung erfüllt haben?

Die Welt ist voller Hoffnung, wir in der Ukraine sind es auch. Ich spüre allerdings, dass die Ukraine mehr und mehr auf die Ränder der Welt verdrängt wird, von der eigenen Macht und vor allem auch von der Gesellschaft, der eigenen Bevölkerung. Das macht mich traurig und das macht auch ziemlich viel Angst. Die Welt ist doch schön! Man möchte nicht sein einziges Leben am Rande von allem verbringen.
Ich persönlich werde meine musikalischen und literarischen Projekte machen, bis mir gesagt wird: das kann nicht mehr stattfinden. Bislang ging es noch. In anderen Bereichen rückt die Zensur bereits weiter vor: es gibt bereits Fernsehsender und Radiosender, die geschlossen werden. Für Historiker ist es bestimmt interessant zu beobachten, wie sich ein freies Land langsam zur Diktatur wandelt.

 

Das Interview ist im Rahmen des Literarischen Abends mit Hilal Sezgin und Veronika Peters entstanden.


Bild: © Susanne Schleyer

 

Juri Andruchowytsch
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