Vielfalt als städtische Normalität

Zosen Exhibition London

von Karen Schönwälder und Sören Petermann

Es ist heute allgemein bekannt, dass die Bevölkerung Deutschlands sehr vielfältig ist, unter anderem bezüglich der Herkunftsländer der Menschen und ihrer Migrationsgeschichte. Für Städte gilt dies in besonderem Maß. Mehr als die Hälfte derjenigen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland in Städten mit mindestens 50.000 Einwohner_innen. Dabei unterscheiden sich diese Städte durchaus im Ausmaß der migrationsbedingten Vielfalt ihrer Bevölkerungen: In manchen Städten haben etwa 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, in anderen Städten etwa 40 Prozent.

Aber inwiefern ist diese Diversität relevant? Was verändert sich, wo entsteht Handlungsbedarf? Ein Projekt am Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften beschäftigt sich damit, wie die Zusammensetzung der Bevölkerung im unmittelbaren Umfeld des Wohnviertels das soziale Leben beeinflusst. In welchem Maß begegnen sich die unterschiedlichen Bewohner_innen – oder vermeiden sie gar die Interaktion, wie gelegentlich angenommen? Nutzen die Menschen ein vielfältiges Umfeld, um einen vielfältigen Bekannten- und Freundeskreis aufzubauen?

Weiter interessiert uns, wie die Menschen die sie umgebende Diversität bewerten. Verändert die erlebte Diversität im Wohnviertel Einstellungen zur Vielfalt?

Ziel des Projekts „Diversity and Contact“ ist es, ein vertieftes Verständnis „städtischer Normalität“ in Deutschland zu gewinnen. Die Studie konzentriert sich deshalb nicht auf die bekanntesten multikulturellen Viertel, sondern auf 50 zufällig ausgewählte Wohngebiete. 2500 Personen in diesen Gebieten wurden telefonisch befragt. Ergänzend wurden eine Fülle statistischer Daten zusammen getragen und alle Gebiete durch das Forschungsteam aufgesucht. Die Ergebnisse sind repräsentativ für westdeutsche Städte mit mindestens 50.000 Einwohner_innen. Außerdem führten wir persönliche Interviews mit Bewohner_innen und Expert_innen in fünf ausgewählten Wohngebieten durch. Zu den Besonderheiten dieses Projekts gehört der systematische Vergleich von Wohnvierteln mit mehr oder weniger diverser Bevölkerung. Da solche Untersuchungen sehr aufwändig sind, werden in Deutschland selten kleinräumige Kontexte in größerer Zahl systematisch verglichen.

Der Vergleich einer großen Zahl zufällig ausgewählter städtischer Gebiete führte uns zunächst einmal vor Augen, wie unterschiedlich Urbanität und Diversität in deutschen Städten gestaltet sein kann. Städtisches Leben vollzieht sich sowohl in dicht besiedelten, innenstadtnahen und mit vielfältigen Geschäften und Dienstleistungsangeboten ausgestatteten Vierteln als auch in fast ländlichen Einfamilienhausgebieten. Vielfalt ist sehr unterschiedlich sichtbar, deutliche bauliche Symbole – seien es religiöse oder andere Gebäude – und zum Beispiel große fremdsprachige Beschriftungen insgesamt eher selten.

Dennoch zeigen unsere Ergebnisse, dass Interaktionen zwischen Alteingesessenen und Eingewanderten zum Alltag gehören. Fast die Hälfte (45 Prozent) der Befragten ohne Migrationshintergrund unterhalten sich täglich oder wöchentlich im Wohngebiet mit Personen, die selbst oder deren Eltern aus einem anderen Land stammen. (Bewusst fragten wir nicht nach Kontakten mit „Ausländer_innen“, da ja über die Hälfte derjenigen mit Migrationshintergrund deutsche Staatsangehörige sind.) Auch intensivere Kontakte sind relativ verbreitet. Vier von fünf Befragten haben in ihren Freundes- und Bekanntenkreisen mindestens eine Person mit Migrationshintergrund. Etwa 40 Prozent der Nichtmigrant_innen haben mindestens eine/n FreundIn mit Migrationshintergrund, 68 Prozent haben Bekannte. Besonders häufig stammen diese Freunde und Bekannten (oder deren Eltern) aus der Türkei.

Diejenigen Stadtbewohner_innen, die selbst eingewandert sind oder eingewanderte Eltern haben, berichten in noch weit höherem Maß von Interaktionen mit alteingesessenen Deutschen: Hier sind es 79 Prozent, die sich täglich, und weitere 16 Prozent, die sich wöchentlich im Wohngebiet mit Deutschen ohne Migrationshintergrund unterhalten. Über 80 Prozent der Einwanderer_innen haben deutsche Freund_innen ohne Migrationsgeschichte.

Nun wäre es denkbar, dass Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zwar häufig, aber spannungsreich sind oder als Streit stattfinden. Dies ist aber nicht der Fall. Die Unterhaltungen im Wohngebiet werden ganz überwiegend positiv erlebt – und zwar in jedem der 50 Gebiete. Nur eine winzige Gruppe unserer Interviewpartner_innen beschreibt die Unterhaltungen zwischen Nichtmigrant_innen und Migrant_innen im Wohnviertel als „unangenehm“ (1 Prozent), eine größere Gruppe (22 Prozent) entzieht sich und antwortet „weder noch“, über drei Viertel aber beschreiben sie als „angenehm“.

Wie relevant sind für diese Interaktionen Besonderheiten des Wohnviertels? Ein Faktor vor allem beeinflusst die Häufigkeit der „Intergruppen“-Interaktionen: Je höher die Diversität im Wohnviertel ist (mangels besserer Daten gemessen am Ausländeranteil), desto häufiger sind die alltäglichen Kontakte zwischen Alteingesessenen und Einwanderer_innen. Ganz anders als gelegentlich vermutet, führt eine größere Vielfalt nicht zum Rückzug. Vielmehr nutzen die Menschen sehr oft die Gelegenheiten, die das Wohngebiet bietet, zur Interaktion. Warnungen vor einer Schwächung des sozialen Zusammenhalts durch einwanderungsbedingte Vielfalt, wie sie gelegentlich zu hören sind, sind offenbar fehlgeleitet.

Andere Faktoren, von denen man es vielleicht erwarten könnte, erwiesen sich nicht als einflussreich: So wirken sich etwa Unterschiede in der durchschnittlichen sozioökonomischen Situation der Wohnviertelbevölkerung nicht auf die Häufigkeit der Kontakte aus. Ärmere und wohlhabendere Gebiete unterscheiden sich nicht systematisch hinsichtlich der Kontakte von Alteingesessenen und Eingewanderten im Wohngebiet. Auch die Zusammensetzung der eingewanderten Bevölkerung, also die Frage, ob sie zum Beispiel aus vielen kleinen oder einer großen und anderen kleinen Nationalitäten besteht, scheint irrelevant.

Urbanität ist bedeutungsvoll, allerdings fanden wir auch hier Überraschendes. So gibt es in den kleineren Städten mit 50-100.000 EinwohnerInnen genauso häufig Kontakte zwischen Alteingesessenen und Einwanderer_innen wie in Großstädten mit 3, 4 oder 500.000 EinwohnerInnen. Nur die größten Städte, in unserem Sample Frankfurt und vor allem Hamburg, unterscheiden sich durch eine größere Kontakthäufigkeit. Für die 50 Wohngebiete insgesamt gilt, dass dort, wo die Menschen dichter zusammen leben, mehr Interaktion stattfindet – also eher in Innenstadtgebieten mit mehrstöckigen Häusern und belebten Straßen als in Einfamilienhausgebieten am Stadtrand.

Häufige Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft in deutschen Städten sind nicht gleichbedeutend damit, dass Diskriminierungen und auch Rassismus aus dem Alltag bundesdeutscher Städte verschwunden wären. Obwohl Menschen unterschiedlicher Herkunft im Alltag vielfältigen Kontakt haben, können in diesen Interaktionen Ungleichheiten und Hierarchien eine Rolle spielen. Gesprächspartner_innen mit Migrationshintergrund berichten durchaus von Interaktionen, die sie als herabsetzend erlebten. Und so normal Diversität im Alltagsleben ist, so wenig normal ist sie in wichtigen gesellschaftlichen Strukturen, in Führungsetagen von Wirtschaft und Politik (oft auch in der Wissenschaft). Netzwerkbeziehungen können unter Umständen auf derartige Strukturen der Ungleichheit einen gewissen Einfluss haben, sollten aber nicht überschätzt werden. Aber auch, wenn sie Ungleichheit noch nicht beseitigen, sind soziale Interaktionen Voraussetzung von Partizipation und gemeinsamer Konfliktbewältigung.

Darüber hinaus ist es ein wichtiger Befund, dass die Menschen in deutschen Städten die zunehmende Vielfalt ihrer Umgebung offenbar in ihren Alltag und ihr Verständnis von Normalität integrieren. In unserer Umfrage beschreiben zwei Drittel der Befragten die Menschen in ihrem Wohnviertel als vielfältig. Migration ist dabei ein Element der Vielfalt, neben Einkommen und Beruf, Altersstruktur und Lebensstil; ihre wichtige Rolle wird spontan thematisiert und ist den Menschen durchaus bewusst. Überwiegend wird dies akzeptiert: Auch dort, wo die Menschen der Ansicht sind, dass im Wohnviertel neben vielen Deutschen auch sehr viele Menschen aus anderen Ländern leben, bewerten sie diese Situation mehrheitlich positiv.

Ganz allgemein unterstützt eine sehr klare Zweidrittelmehrheit die Ansicht, dass es „eine Bereicherung für eine Stadt [ist], wenn die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur sind.“ Hier unterscheiden sich die Bewohner_innen unterschiedlicher Städte wenig in ihrem positiven Urteil. Die politische Parole, dass „Vielfalt gut tut“, entspricht also durchaus breit geteilten Meinungen in der Bevölkerung. Zu spezifischeren Fragen, etwa nach dem Recht der Muslime, Moscheen zu bauen, oder der Bewertung sprachlicher Vielfalt, sind die Meinungen geteilt. Hier wirken sich offenbar auch politische Debatten aus, in denen die sprachliche Assimilation stark positiv bewertet wurde und der Moscheebau kontrovers ist.

Gleichzeitig ist das Leben in einem sehr vielfältigen Umfeld offensichtlich eine breit akzeptierte Normalität geworden. Auch die Interaktion mit Menschen unterschiedlicher Herkunft gehört zu einer solchen Normalität. Unsere Gesprächspartner_innen in qualitativen Interviews beschrieben es häufig als selbstverständlich, dass sie schon in der Schule Kinder anderer Herkunft kennengelernt hatten oder dass Arbeitskolleg_innen aus anderen Ländern stammen. Wer keine derartigen Kontakte hatte, fand dies gelegentlich begründungsbedürftig: Vielfalt scheint eher sozialen Normen zu entsprechen als ethnische Homogenität. Dies dürfte zwei Ursachen haben: Einmal haben viele Menschen mittlerweile über Jahrzehnte Erfahrungen mit dem Zusammenleben in vielfältigen Wohnvierteln gesammelt. Und in den Medien und den dominierenden politischen Botschaften ist (trotz aller Probleme) nicht mehr die homogene Nation, sondern sind Weltoffenheit und europäische Integration Leitbilder. Noch einmal: Diskriminierung verschwindet nicht durch die breite Akzeptanz migrationsbedingter Vielfalt. Aber die Voraussetzungen für ihre Bekämpfung sind in einem solchen Umfeld besser.



Häufige Kontakte im Wohnviertel

Im DivCon-Survey wurden die Gesprächspartner_innen ohne Migrationshintergrund gefragt, wie oft sich sich „in Ihrem Wohnviertel mit Menschen, die selbst oder deren Eltern nicht aus Deutschland stammen“, unterhalten. Knapp die Hälfte tun dies mindestens wöchentlich, nur 16 Prozent nie. Dabei ist zu bedenken, dass in den 50 Wohnvierteln der Befragung der Ausländeranteil von 2 bis 46 Prozent reichte.

 


Migrant_innen bzw. Nichtmigrant_nnen im Freundes– und Bekanntenkreis
Unter den Nichtmigrant_innen (den Personen ohne Migrationshintergrund) haben gut 40 Prozent mindestens eine Person mit Migrationshintergrund unter ihren Freund_innen. Für die Befragten mit Migrationshintergrund sind Freundschaften und Bekanntschaften mit Deutschen ohne Migrationshintergrund häufiger als umgekehrt, 85 Prozent haben solche Freund_innen.


Kontakte im Wohnviertel überwiegend „angenehm“
Im DivCon-Survey wurde nicht nur gefragt, wie häufig die Gesprächspartner_innen sich im Wohngebiet mit Menschen mit bzw. ohne Migrationshintergrund unterhalten. Wir fragten auch: „Und wie empfinden Sie diese Unterhaltungen?“ 77 Prozent beschrieben die Unterhaltungen als eher oder sehr angenehm, weniger als 2 Prozent bezeichneten sie als unangenehm.

 


Vielfalt als Bereicherung

71 Prozent der Befragten des DivCon-Surveys sehen es als „eine Bereicherung für eine Stadt, wenn die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur sind.“ Nur 5 Prozent widersprechen. Eindeutig nimmt die übergroße Mehrheit der Bevölkerung westdeutscher Städte eine positive Haltung zur Diversität ein.

 

 

 

Sören Petermann arbeitet seit 2008 als Soziologe am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Vorher forschte und lehrte er am Institut für Soziologie und am Sonderforschungsbereich 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er promovierte 2001 und habilitierte 2012 an der Universität Halle. Zu seinen Forschungsinteressen gehören vertrauensbasierte Austauschprozesse in persönlichen Netzwerken und die Ursachen und Folgen dieses sozialen Kapitals, insbesondere für städtische Bevölkerungen mit und ohne Migrationshintergrund. 

Karen Schönwälder ist seit Juni 2008 Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. Sie ist zudem Professorin (apl. Prof.) an der Georg-August-Universität Göttingen. Ihre aktuellen Projekte befassen sich mit der politischen Inkorporation von Einwander_innen und deren Präsenz in kommunalen und regionalen Parlamenten, sowie den Konsequenzen der zunehmenden Diversität städtischer Bevölkerungen für das soziale Leben.


Karen Schönwälder und Sören Petermann forschen am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Konsequenzen zunehmender Diversität städtischer Bevölkerungen.

   

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