"Es war kein leichter Weg..."

 

Interview

 

  

 Lieber Imre, Du bist in Ungarn geboren und kamst als jugendlicher Flüchtling nach Deutschland. Wieso musstest Du damals fliehen? Erinnerst Du Dich an Deine ersten Eindrücke als Du in Deutschland ankamst?

Es war der politische Entschluss meiner Eltern, Ungarn zu verlassen. Ich habe als Jugendlicher erst kurz vor dem Ereignis davon erfahren. Einige meiner Bücher, meine ungarischen Gedichte, Kleidung und ein paar Kleinigkeiten hatte ich dabei, als wir im Lager Friedland angekommen waren. Trotzdem empfand ich es so, als würde ein großes Abenteuer beginnen. Ich verstand zwar nichts und das Essen schmeckte ungewohnt, aber am liebsten hätte ich gleich die Umgebung des Lagers erkundet. Jemand hatte aber Typhus eingeschleppt, so wurden alle Bewohner geimpft und das Lager wurde unter Quarantäne gestellt. Ich nutzte die Zeit, um Deutsch zu lernen.

 Dein Vater ist Ungar, deine Mutter ist Deutsche. Wie gefährlich war es, im stalinistischen Ungarn der 50er Jahre Deutsch zu sprechen?

Allein die deutsche Herkunft meiner Mutter und die adlige Abstammung meines Vaters reichten für aberwitzige Spionagevorwürfe aus. Meine Eltern haben den Terror des stalinistischen Systems am eigenen Leibe erfahren müssen, in unwürdigen Verhören und im Gefängnis, wo mein Vater auch gefoltert wurde. Als Kind habe ich vom Schicksal meiner Eltern eher unbewusst etwas gespürt, sie versuchten ihr Leid so gut es ging vor mir zu verstecken. Erst recht sprachen sie nie Deutsch in meiner Gegenwart, damit mir in der Schule oder auf der Straße kein unbedachtes Wort entschlüpfte.
Ich habe über diese Zeit in meinem Roman "Insel der Elefanten" geschrieben.

 Du hast Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen studiert, und warst Schüler von Ernst Bloch. Was an Blochs Philosophie oder Seminaren hat Dich zu Deiner Studentenzeit in Tübingen besonders geprägt? Hast Du vielleicht eine Anekdote für uns?

Natürlich hat mich sein gesamtes Werk beeindruckt, doch hervorheben möchte ich die Philosophie, das Prinzip der Hoffnung und des Vor-Scheins. Ebenso seine Analyse des Faschismus und seine frühe Warnung vor dem Sturz in die Barbarei.
In einem Seminar hielt ich einen kleinen Vortrag. Ernst Bloch sprach lobende Worte. Da er das selten tat, oft saß er nur schweigend da und hat sich die Beiträge der Stundenten interessiert doch ohne Kommentar angehört, fühlte ich mich stolz.  

 In einem persönlichen Gespräch mit Dir erfuhr ich, dass Dein Wortschatz, als Du nach Deutschland kamst, etwa fünfzig Wörter umfasste. Du bist Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Das Ganze ist ein sehr schönes und eindrucksvolles Bild. Gibt es hierzu auch neidische Gegenmeinungen; Menschen, die Dir den Erfolg nicht gönnen?

Es war kein leichter Weg, vor allem in den Anfangsjahren des Spracherwerbs. Doch zeigt dieser Weg eines Ausländers ohne deutsche Sprachkenntnisse zu einem deutschsprachigen Schriftsteller auch exemplarisch, dass man in der Fremde nicht aufgeben darf und das erreichen kann, was viele für nahezu unmöglich gehalten haben. Ich übrigens auch. Was jedoch kein Grund war, es trotzdem zu versuchen. Es freut mich, wenn meine Literatur heute oft als sehr poetisch bezeichnet wird, und Leute fragen, wie jemand mit meinen Voraussetzungen inzwischen so kunstvoll mit der deutschen Sprache umgehen kann.

Neider und böswillige Unterstellungen gibt es überall, etwa dass ein Nichtmuttersprachler diese Bücher gar nicht habe selbst schreiben können, sie seien von jemand übersetzt worden. Meine Workshops über Kreativität würden sogar Skeptiker eines Besseren belehren.

 Deine Werke haben einen poetischen sowie philosophischen Nährboden. In Deiner Kurzgeschichte „Luzius aus Illuministan“ schilderst Du die Erfahrungen eines Leuchtkäfers, dem es in dem fremden Land „Kakerlakien“ schwer fällt, sich anzupassen. Ist der Spott und die anschließende Ausweisung, die der Leuchtkäfer erdulden muss, Deine Kritik an fehlender Empathie und dem daraus resultierenden Fehlverhalten der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Migranten? Ist die Fremde immer ein „Kakerlakien“?

Nein, ich habe in der Fremde, ob in Afrika, ob in der Türkei oder in anderen Ländern, wo ich längere Zeit verbracht habe, vorwiegend Gastfreundschaft erlebt. Und auch meine persönlichen Erfahrungen in Deutschland waren weit gehend positiv. Aber ich sah und sehe, durch Lebensgang sensibilisiert, sehr genau das menschenunwürdige Schicksal zahlreicher Migranten und Flüchtlinge, in vielen Ländern. Die Angst vor Fremdem und Neuem, die in Hass umschlägt. Darum heißt es in meinem "Das Buch Luzius", das menschenverachtende "Kakerlakien" könne überall entstehen.

 2011 wurdest Du in Berlin einstimmig für eine dritte Amtszeit zum Bundesvorsitzenden des VS (Verband Deutscher Schriftsteller) gewählt. Bei aller Liebe zu deiner frohen Natur und positiven Ausstrahlung, die sicherlich unverzichtbar für ein solches Amt ist, doch wie macht man es, dass man von so vielen unterschiedlichen Menschen einstimmig gewählt wird und dies sogar für die dritte Amtszeit?

(Lächelt) Die Frage müssten eigentlich diejenigen beantworten, die mich gewählt haben. Aber es stimmt, man benötigt viel Erfahrung und Menschenkenntnis. Vor meiner ersten Wahl 2005 habe ich bereits über zehn Jahre lang für den VS gearbeitet, auf Bundes- und auf Landesebene. Stets ehrenamtlich, bis heute. 

 Ist es denn als Bundesvorsitzender des VS nicht anstrengend so vielen Autoren gerecht zu werden? Es ist ja kein Geheimnis, dass sich der Umgang mit Schriftstellern nicht immer einfach gestaltet.

Sicher verlangt dieses Amt viel Einfühlungsvermögen sowie Einsatz, zeitlich und mental. Man ist oft als Vermittler tätig. Es gab Jahre, die mir ordentlich zugesetzt haben. Für meine Kreativität war das nicht gerade förderlich. Andererseits wächst man auch an Herausforderungen.

 Die folgende Frage ist vielleicht etwas fies, aber ich stelle sie trotzdem: Für alle Schriftsteller, die nicht Mitglied im VS sind, sollten wir es sein?

Der Schriftstellerband leistet vielleicht nicht so viel direkt für den Einzelnen, wie das viele gerne hätten. Aber dabei wird ein Berufsverband oft mit speziellen Autorenvereinigungen verwechselt. Als einziger und großer Berufsverband mit knapp 4000 Mitgliedern hat der VS in seiner über 40jährigen Geschichte sich stets für die Interessen aller Worturheber – nicht nur der Mitglieder – eingesetzt und hat sehr viel für die Verbesserung der sozialen und rechtlichen Situation der Autorinnen und Autoren erreicht. Die Schutzfunktion wird auch in Zukunft unerlässlich bleiben.

Für die Details, was der VS geleistet hat und leistet, würde ich einen längeren Aufsatz benötigen.
Ein wesentlicher Aspekt ist der Rechtsschutz, der allerdings nur Mitgliedern zur Verfügung steht. Wer sich einen Überblick über das Engagement des VS auf Bundesebene und in den ebenso wichtigen Landesverbänden verschaffen will, findet die Angaben auf der Bundeshomepage des VS. Zusätzlich informieren die Bundesebene und die Landesverbände auf ihren Seiten auf Facebook.

Eine herausragende Aktivität ist zurzeit unser Projekt "Worte gegen Rechts" , das ich Anfang 2011 ins Leben gerufen habe und seither inhaltlich leite.

 Du hast an dem gelungenen Kinofilm "Sophie Scholl. Die letzten Tage" mitgearbeitet. Wie kam es zu dieser Mitarbeit und wie hast Du Dich eingesetzt?

Der Drehbuchautor, mein geschätzter Kollege Fred Breinersdorfer, hat mich gefragt, ob ich für den Film recherchieren würde. Ich stimmte sofort begeistert zu. Das Thema des Widerstands junger Menschen gegen das mörderische NS-System hatte mich zuvor schon viel beschäftigt. Nun galt es, neues oder noch wenig bekanntes Material für den Film zu finden. So wurden die lange als verloren geglaubten Verhörprotokolle der Sophie Scholl zum ersten Mal für einen Film aufgearbeitet. Auch für andere Filmszenen habe ich Anregungen aus Briefen von Sophie Scholl beigetragen.

Die Beweggründe gerade junger Menschen, gegen menschenverachtende Systeme aufzubegehren, gehört seit meiner Jungend zu meinen literarischen Themen.

 Was ist das Schwierigste am Ghostwriting?

Alles (lacht). Ich muss mich weitest gehend in die Lebenswelt einer tatsächlich existierenden Person hineinversetzen, aus ihrer Sicht, möglichst in ihrem Sprachduktus schreiben und sehr viele eigene Vorstellungen hinten anstellen. In meinen literarischen Werken bin ich mein eigener Herr, als Ghostwriter schreibe ich – wenn das Wortspiel erlaubt ist – mit Geist und Seele eines anderen Menschen. Wobei ich stets nur Aufträge angenommen habe, die ich mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

 Erinnerst Du Dich an Deine allererste literarische Veröffentlichung?

Na ja, meine Geschichten mit siebzehn in der Schülerzeitung würde ich aus heutiger Sicht als wenig literarisch bezeichnen, auch wenn ich das damals so empfunden habe.
Bald darauf gab es immer mehr Publikationen in Literaturzeitschriften, aber wo und was die allererste Veröffentlichung war, habe ich nicht mehr in Erinnerung.

 Du hast gute Beziehungen zur Literaturszene in der Türkei und fühlst Dich in gewisser Weise dem Land verbunden. Was denkst Du über den aktuellen Widerstand gegen die Politik des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan?

Ja, ich schätze die großartige kulturelle Vielfalt und die schöpferische Kreativität in der Türkei sehr und habe gute Freunde dort, Türken und Kurden. Eine schöne Freundschaft mit dem Schriftsteller Pertev Boratav (1907 - 1998), der im Pariser Exil gelebt hat, begründete meine intensive Hinwendung zur Lebenswelt zwischen Bosporus und Ararat. Es gibt zudem historische familiäre Verbindungen, eine entfernte Verwandte von mir, Gräfin May Török von Szendrö, war die Frau des türkischen Khediven von Ägypten. Diese Frau wird im Mittelpunkt eines neuen Romans stehen. Wenn ich mehr Zeit habe, um mit dem Roman voran zu kommen.

Zahlreiche Besuche und eine tiefe seelische Verbindung haben dazu beigetragen, dass ich trotz der großen räumlichen Distanz mit großer Empathie und Kenntnis des Alltags am Leben der Menschen teilnehme, aus der Ferne und vor Ort.
Als ich bei Demonstrationen Anfang Juni 2013 dabei war, spürte ich, dass hier eine große, neue, kreative Bewegung entsteht.

Der Widerstand richtet sich längst nicht mehr gegen eine einzelne Person an der Spitze, auch wenn diese höchst überheblich und machtverblendet auf die anfänglichen Proteste reagiert hat. Die Proteste stellen überkommene Strukturen eines Systems friedlich in Frage. Und ich hoffe, dass das System darauf nicht nur fortgesetzt stupid mit brutaler Gewalt reagieren wird und die Menschen in der Türkei für tief greifende Veränderungen auch in anderen Ländern ein Beispiel geben werden.

 Wenn Du gezwungen wärst auf einer einsamen Insel zu leben, wäre die eine Sache, die Du definitiv nicht mitnehmen würdest, was?

Zigaretten. Vielleicht eine Möglichkeit, mit dem Rauchen aufzuhören. Wobei ich denke, ich würde auch dort bald Ersatz finden.

Ich bedanke mich für das Interview!

 

Das Interview führte Safiye Can im Juli 2013.


F
oto: Imre Török

 

Luzius aus Illuministan
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Imre Török
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