„Luzius aus Illuministan” Leseprobe von Imre Török

 

Auszug aus dem Roman

 

Sturm kam auf. Eine heftige Bö packte Luzius am Kragen und trug ihn fort. Ins Unbekannte.
Suchend tastete er sich weiter in der fremden Gegend. Streckte vorsichtig die Fühler aus. Seine moosbewachsene Höhle fand er nimmermehr. Jener Halm, auf den er abends gern kletterte, auf dem er seine Leuchtorgane erstrahlen ließ, war auch nirgends zu entdecken.
Sei ein leuchtendes Beispiel, Luzius!
Wie oft hatte er diese Ermahnung in seiner Kindheit gehört. Und wollte folgen, wollte sein Licht unter keinen Scheffel stellen. Denn Licht, Erleuchtung, Klarheit waren schließlich höchste Güter.
Doch nun, in einem Fremdland, verspürte er ein Unbehagen, bekam er Angst. Welche Worte galten noch, welche Werte galt es zu befolgen?
Zu Hause bei den Leuchtkäfern in Illuministan schienen alle Regeln einleuchtend zu sein. Wolltest du einen Freund oder eine Freundin einladen, strahltest du, so lang und so schön du nur konntest. Andrerseits nahm manch ungebetener Gast Reißaus, wenn er von der Luminiszenz, von diesem grüngelben Leuchten irritiert, geblendet wurde.
Hier jedoch kannte sich Luzius nicht aus, traute sich kaum zu rühren. Wartete ab, verkroch sich meist unter irgendwelchen Blättern und atmete kaum. Er dachte an die wunderliche Dohle in der goldenen Stadt, in der Sprache dort 'kavka' genannt, die ihm einmal erzählt hatte, daß es Käfer gebe, die schauderhaft verrecken in stickigen Zimmern. Luzius fürchtete sich, in solch einen Raum zu geraten.
Leuchtkäfer müssen leuchten, für alle sichtbar.
Wie Sterne.
Eines Sommerabends, in der beginnenden Dämmerung, hörte Luzius jemanden an seinem Versteck vorbeischlurfen. Er schlich sich an den Rand des Blattes, unter dem er hockte. Aber welch ein Pech! Das Blatt wendete sich, kippte mit ihm um, und da lag Luzius zu Füßen eines schwarzbraunen Gesellen. Der stutzte, und Luzius rappelte sich verschämt hoch. Irgend etwas mußte er jetzt sagen, denn er empfand sich immerhin als Eindringling in einem Fremdland.
"Entschuldigung, ich bin Luzius aus Illuministan, aber leider vom Winde verweht. Wenn Sie so freundlich wären, mir zu verraten, wohin ich geraten bin?"
"Kakerlakien heißt dieses wunderbare Land", antwortete der Schwarzbraune. Und schmatzend, indem er jedes Wort auf der Zunge zergehen ließ, fuhr er fort.
"Kakerlakien ist die Heimat der prächtigen Schaben. Mich nennt man Knirsch Dien. Bestimmt hast du von mir gehört. Den weltberühmten Schlager habe ich komponiert: Diens Traum. Diens Traum, DiensTraum, Dienstraum ist die Sehnsucht aller Schaben in aller Welt, die Sehnsucht nach der Küche. Und genau dorthin bin ich unterwegs, etwas Leckeres zu ergattern. Willst mit?"
Luzius zögerte.
"Ist eine Küche ein geschlossener Raum?"
Der Oberknirsch lachte.
"Für Schaben gibt's keine verschlossenen Türen. Wir dringen überall ein, nur schön warm, feucht und schmierig muß es drin sein."
Luzius überlegte laut. Eine schrullige, eigenbrötlerische Dohle habe ihn einst gewarnt. Käfer sollten lieber im Freien leben. Wer sich in Gemächer begebe, komme darin um.
Nun wurde Oberführer Knirsch aber ungemütlich.
"Kommt der Kerl aus Wolkenkuckucksheim hierher und verkündet gleich irgendwelche albernen Weltweisheiten. Entweder ab in die Küche oder raus aus Kakerlakien. Und ich warne dich, Freundchen. Denn Schaben gibt es überall. So erstreckt sich auch Kakerlakien über die ganze Welt. Sollte es noch einige Winkel geben, die nicht die kakerlakische Lebensart bevorzugen, werden wir das sehr, sehr bald ändern."
Luzius widersprach nicht.
Wenn's einen in die Fremde verschlagen hat, hält man besser die Schnauze. Sonst ist die auch bald eingeschlagen.
In der Küche, wohin ihn Knirsch Dien geschleppt hatte, herrschte lebhaftes Treiben. An allen Ecken und Enden wurde geschmatzt, geschnalzt, geschlürft, gesabbert.
"Das ist die Welt, die einzige Welt, die wahrhaftige Welt",
johlte es um ihn. Und Luzius fraß mit.
Sobald er nur gierig genug alles in sich hineinstopfte und verschlang, klopften ihm seine Mitesser wohlwollend auf die Wangen.
Nur gelegentlich fiel ihm ein, was er in Kindheit und Jugend gelernt hatte, nämlich ein leuchtendes Beispiel zu sein. Galt das auch für diese Freßorgien? Sollte er weltbester Vielfraß werden?
Es wurde schwer, ungemein schwer, sich zurechtzufinden. Die altvertraute Mooskuschelhöhle, ein Halm am Waldrand, an dem man leuchtend hängen konnte, das genügsame und doch weithin strahlende Leben wollte ihm nicht aus dem Sinn. Einsilbig wurde Luzius, wortkarg, und wenn er sprach, stotterte er. Ständig wollten verschiedene Welten über seine Zunge rollen. Da rollte die Zunge nicht mit. Er verhaspelte sich, verlor sich mitten im Wort, blieb in angefangenen Sätzen hängen.
Aus Kummer über sein Mißgeschick beschloß er, sich vor versammelter Küchenmannschaft zu offenbaren.
"Ich kann leuchten. Licht erzeugen", stammelte Luzius in die Menge. Die Kau- und Verdaugeräusche übertönten ihn. Noch lauter radebrechend versuchte er sich Gehör zu verschaffen.
Da grölten die Schaben über den gelungen Witz. Also trat Luzius den Beweis an und schaltete seine Photophoren ein.
"Das sind meine Leuchtorgane", sagte er mit versiegender Stimme.
Und die Schaben wieherten vor Vergnügen.
"Luzius der Lügner", spotteten sie, "hat sich mit Batterien und Glühlämpchen behängt.“
Lügenluzi nannten sie ihn fortan. Lügenmaul und Lügensack. Die schlauesten Köpfe aus Kakerlakien aber, manche Kritikusse unter den Schaben, verbreiteten ihren Kommentar, daß Luzius ein Luziferin benutze. Und es sei sonnenklar, woher jemand Luziferine beziehen könne. Nomen est omen.
Gerne hätte Luzius erwidert, daß Luziferine rein natürliche Stoffe seien, und man könne das in jedem Lexikon jederzeit nachlesen.
Doch Lexika waren in Kakerlakien verpönt. Außerdem geriet der Leuchtkäfer bei seinen Erklärungsversuchen jedes Mal in solches Gestottere, war so unsicher und durcheinander, daß man ihn nur um so mehr einen Witzbold oder Lügenbold nannte. Auch war sein Körper von ranzigem Küchenfett überzogen, darunter die Leuchtorgane nur schwach hervorglommen. Ließ er sie trotzdem aufglühen, umtanzten ihn die Schaben und riefen im Chor.
"Lügenluzi, Lügenluzi. Größte Leuchte, größter Strizzi."
Schließlich wurde Luzius wegen angeblicher dauernder Erregung öffentlichen Ärgernisses aus den Küchen Kakerlakiens verbannt.
Während langer Wanderungen auf der Suche nach dem sagenhaften Illuministan seiner Kindheit geriet der Leuchtkäfer zu Skarabäen, Bremsen und Spinnen, erlebte Abenteuer bei Asselbanden und im Reich der Borkenkäfern. Litt und liebte in vielerlei Krabbelwelten mehr.
Aber das sind jeweils andere Geschichten, die erst darauf warten, erzählt zu werden.
Luzius jedenfalls wandert von Ort zu Ort, und wenn er vor Sehnsucht nicht gestorben ist, leuchtet er irgendwo auch heute.


Aus dem Buch „Das Buch Luzius – Märchen und andere Wahrheiten“, © Pop Verlag, 2012 
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags


Foto: Imre Török

 

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