Probleme und Perspektiven europäischer Gewerkschaftsarbeit

Probleme und Perspektiven europäischer Gewerkschaftsarbeit

Probleme und Perspektiven europäischer Gewerkschaftsarbeit im Kontext von Prekarisierung und Migration

von Dieter Alexander Behr

Im vorliegenden Artikel soll analysiert werden, welchen Beitrag Gewerkschaften im Kampf gegen die Überausbeutung von (migrantischen) Landarbeiter_innen sowie für einen sozial-ökologischen Umbau leisten können bzw. welche strukturellen Probleme diesem Vorhaben entgegenstehen. Wir wollen der Frage nachgehen, inwieweit sich Gewerkschaften aus ihrer nationalen Orientierung lösen können und für internationalistische Herausforderungen strukturell gewappnet sind. Dafür soll zunächst holzschnittartig der Status Quo der großen Gewerkschaftsverbände in Europa im allgemeinen, aus einer sozial-ökologischen sowie aus einer internationalistischen und antirassistischen Perspektive umrissen werden. In einem zweiten Schritt wird die Praxis der migrantischen Landarbeiter_innengewerkschaft SOC in Südspanien vorgestellt, die seit über einem Jahrzehnt gegen die Überausbeutung von Migrant_innen, gegen Rassismus sowie für eine Wiederaneignung der Produktionsmittel, allem voran von Grund und Boden, kämpft.

Gewerkschaften in der Krise

Gewerkschaften sind seit geraumer Zeit erheblich in die Defensive geraten. Die Mitgliederzahlen sind in vielen westlichen Industrieländern rückläufig und Tarifverträge verlieren an Bindekraft. Die Verlagerung von Arbeitsplätzen an Niedriglohnstandorte schwächt die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht in Ländern des globalen Nordens, während an den neuen Standorten der Aufbau bzw. Ausbau einer Arbeiter_innenbewegung mittels gewerkschaftsfeindlicher Politik und der Schaffung von Sonderexportzonen massiv behindert wird.

Ulrich Brand und Markus Wissen (2011: 85) kritisieren, dass die großen Gewerkschaftsverbände in Europa bislang noch einen nationalstaatlich organisierten Wettbewerbskorporatismus mittragen würden. Die Gewerkschaften seien „selbst nicht nur in einer tiefen Krise“, sie würden sogar „die strukturkonservativen Formen der Krisenbearbeitung bislang weitgehend mittragen“ (Brand 2011: 10). Dies sei nicht zuletzt ein Ergebnis des neoliberalen Umbaus der letzten 30 Jahre:

„Zu grundlegend hat der neoliberal-kapitalistische Umbau offenbar die Gesellschaften verändert und zu wenig attraktiv wirken progressive Vorschläge und Alternativen. Zu ungehört bleibt das Insistieren darauf, dass wir heute die materiellen Mittel haben, um allen Menschen auf dieser Erde die notwendigen und möglichen Bedingungen eines guten Lebens bereitzustellen. Zu sehr wirken Spaltungen als 'naturgegeben', zu drastisch wird in der Krise das neoliberale Regime der Prekarisierung noch mehr zum Angstregime, zu stark sind die Interpretationen von Alternativlosigkeit, hinter denen immer auch konkrete Interessen und Strategien stehen“ (ebd.: 8).

Die Gewerkschaften haben bis heute nicht die notwendigen Konsequenzen aus diesen Erpressungspotentialen gezogen.

Bedauernswerterweise steht der Aufbau transnationaler Gewerkschaftsstrukturen weiterhin nicht oben auf der Agenda der europäischen Gewerkschaften, sondern gehört nach wie vor eher in den Bereich der Sonntagsreden der Funktionär_innen. Die Beharrungskräfte der imperialen Lebensweise, der industriellen, exportorientierten Landwirtschaft sowie der Strategien der Supermärkte und Discounter sind bisweilen äußerst stark. Die großen Gewerkschaftsverbände stabilisieren in vielerlei Hinsicht diese Kräfte noch zusätzlich, da sie tief in der Wachstums- und Wettbewerbslogik der Nationalstaaten verankert sind (ebd.: 39). Brand betont, dass Gewerkschaften letztlich zu stark im Produktivismus gefangen und strukturell zu einseitig lohnarbeitsorientiert seien. Zu wenig berücksichtigt werden hingegen die Interessen der informellen und migrantischen Lohnabhängigen oder Erwerbsarbeitslosen sowie sozial-ökologische Fragen. Internationalistische Fragestellungen und Ansätze landen bei den großen Gewerkschaftsverbänden immer wieder auf dem Abstellgleis. Diskussionen innerhalb der großen Gewerkschaftsverbände darüber, wie heutzutage ein realitätstaugliches Verständnis von internationaler Solidarität hergestellt werden könnte, sind randständig.

Nationale Orientierung und Wettbewerbsimperativ als Problem

Dieser Umstand ist in Zeiten der Globalisierung der Arbeitswelt nahezu grotesk und wirkt sich äußerst negativ auf die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften aus. Diese sind „auch im Angesicht der Krise (…) nicht bereit, das vorherrschende Prinzip der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und einer neo-merkantilistischen Exportstrategie infrage zu stellen – obwohl doch die Globalisierung des Konkurrenz-Imperativs bewirkt, dass noch bestehende Elemente des Korporatismus (…) immer weniger für einen Interessenausgleich genutzt werden (können) und stattdessen zunehmend zur Durchsetzungsform des Wettbewerbsimperativs selbst verkommen“ (ebd.: 77). Das Problem ist also die nationale Orientierung der Gewerkschaften, aber auch „die 'Parzellierung' der gesellschaftlichen Probleme in Politikbereiche und entsprechende Lösungsansätze“ (ebd.: 82). Denn, so Brand weiter, „der Separierung und Hierarchisierung wohnt selbst eine herrschaftliche Form der Krisendiagnose inne (…) (W)enn die aktuelle Krise nicht nur als Wirtschafts- und Finanzkrise verstanden wird, dann wird deutlich, dass die aktuellen Gegenstrategien im besten Fall defensiv, oft jedoch schlicht strukturkonservativ sind – sie hoffen auf ein neuerliches Anspringen des Wachstumsmotors (beispielsweise durch Abwrackprämie)“ (ebd. 83). Die großen Gewerkschaftsverbände behandeln die ökologische Krise nach wie vor als randständiges Thema und widmen sich nicht ernsthaft dem Projekt eines sozial-ökologischen Umbaus der vorherrschenden Produktionsweise.

Gewerkschaften und die Neu-Zusammensetzung der Arbeiter_innenklasse im Kontext von Migration und Prekarisierung

Neben diesen Problemen ist die Vorstellung der Gewerkschaften darüber, wer in dieser Gesellschaft zu vertretende Subjekte seien, oftmals hoffnungslos veraltet. Die Orientierung der Gewerkschaften auf den weißen männlichen Fabrikarbeiter rührt aus der Zeit des Fordismus und gilt heute weithin als überholt. So schreibt die Redaktion der Zeitung ‚Analyse & Kritik’ in ihrem Editorial vom 22.1.2010: „Unbefristet und Vollzeit, männlich und deutsch war gestern – Teilzeit, weiblich und migrantisch, mini, selbstständig und prekär ist heute“ (Analyse & Kritik: 2010: 1). Und weiter: „Für Gewerkschaften wird es immer schwerer, diese Menschen zu organisieren – und zum Teil hat man in den Gewerkschaftsapparaten noch nicht einmal verstanden, dass der ausschließliche Fokus auf den männlichen deutschen Facharbeiter aufgegeben werden muss“ (ebd.). Gerade in Bezug auf die Position der großen Gewerkschaftsverbände gegenüber dem Thema Arbeitsmigration spielen diese Fragen eine wesentliche Rolle. Denn sei es auf Baustellen, im Reinigungsgewerbe oder in Restaurants, im Pflegebereich, in der Sexarbeit oder in Haushalten, bei der Erntearbeit oder in Schlachtereien: die standortgebundenen Sektoren sind ohne Wander- oder migrantische Arbeit überhaupt nicht mehr zu denken. Es sind vor allem Menschen mit temporärem, unsicherem oder ganz ohne Aufenthaltsgenehmigung, die zu Niedriglöhnen ausgebeutet werden, um überhaupt ein Einkommen zu finden oder einen besseren Status zu erlangen. Gleichzeitig nehmen die Wirtschaftssektoren, die auf billiger und prekärer, oft migrantischer Arbeit beruhen, einen immer größeren Teil in der gesamten Wertschöpfung ein.

Für viele liegt die These nahe, dass migrantische Arbeit in Europa als Protagonismus von Klassenauseinandersetzungen gelten kann. Oben genannte Wirtschaftssektoren, die von migrantischer Arbeit dominiert sind, erweisen sich oftmals als „Versuchslabor“ für die Unterhöhlung von Arbeitnehmer_innenrechten – der Abbau von Rechten soll auf sämtliche andere Bereiche übertragen werden.

Europäische Regierungen und Unternehmensverbände rekrutieren durch eine gezielte „selektive Inklusion“ von Migrant_innen Arbeitskräfte für die wachsenden Niedriglohnsektoren. Dass die Gewerkschaften nur sehr lasch und langsam auf diese Umstände regieren, bringt sie selbst zunehmend in die Bredouille. So betont auch Moe Hierlmeier: „Die Basis gewerkschaftlicher Politik und ihres Erfolgs war der Nationalstaat. Dieser zerbröselt zusehends. Die Gewerkschaften müssen deshalb in Zukunft ihre Politik internationalisieren, etwa Bündnisse entlang der Wertschöpfungskette organisieren. Hier hinkt die Gewerkschaftspolitik um Jahrzehnte den global organisierten Kapitalfraktionen hinterher“ (Hierlmeier 2006: 191).

Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und antirassistischen und migrantischen Bewegungen

Statt der aktuellen – teils offen ausgesprochenen, teils unausgesprochenen – Orientierung auf nationale Interessen, wirtschaftliches Wachstum und Konkurrenz müssten die großen Gewerkschaftsverbände eine wirksame internationalistische Praxis entwickeln. Für einen Internationalismus auf der Höhe der Zeit ist Migration ein entscheidendes Paradigma. Dafür ist es notwendig, dass zwischen den großen Gewerkschaftsverbänden und den antirassistischen Bewegungen Gesprächskorridore entstehen. So argumentiert Vina Yun mit Bezug auf Birgit Mahnkopf, Professorin für Europäische Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin: „Wenn die Informalisierung der Arbeitsbeziehungen im Süden und die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse im Norden 'graduell abgestufte Ausdrucksformen der Globalisierung der Unsicherheit' darstellen (...) sollte auch den – teilweise bereits bestehenden – transnationalen Bündnissen zwischen (Selbst-) Organisationen informell Beschäftigter, Gewerkschaften und NGOs größere Aufmerksamkeit zuteil werden“ (Yun 2011). Denn, so Yun weiter: „Lange Zeit interessierten sich die traditionellen Gewerkschaften im globalen Norden nur wenig für die Anliegen informell bzw. prekär Beschäftigter, angesichts ihrer wachsenden Zahl werden aber diese (unter ihnen auch viele, die aus formellen Arbeitsbeziehungen verdrängt wurden) zu einem zunehmend bedeutenderen Thema“ (ebd.).

Um mit den aktuellen Herausforderungen umgehen zu können, müssten unter anderem folgende Fragen diskutiert werden: Wie soll aus gewerkschaftlicher Perspektive mit der ausgeprägten Flüchtigkeit, dem temporären Charakter oder gar Unsichtbarkeit migrantischer Arbeit umgegangen werden? Wie soll der Fragmentierung, der Fluktuation, der Individualisierung oder Ethnisierung Einhalt geboten werden? Wie bewegen sich Gewerkschafter_innen und antirassistisch Aktive zwischen (ungewolltem) Paternalismus, (notwendigem?) Service und dem Anspruch auf unterstützende Solidarität? Sind Organisierungs-Prozesse nur über „key-persons“ denkbar, also Schlüssel- oder Vermittlungspersonen in die jeweiligen Communities (vgl. Huckenbeck / Kirchner / Kopp 2008)? Wie kann es gelingen, Verständigungsprozesse zwischen Gewerkschaftsverbänden, die unterschiedlichen Logiken und Praxen folgen, anzuleiern? Wie kann weiter verhindert werden, dass etablierte Gewerkschaften ihre politischen Bewertungsschablonen auf marginalisierte Gewerkschaftsverbände oder migrantische Communities übertragen? Im Folgenden sollen einige dieser Fragen diskutiert werden.

Gewerkschaftliche Strategien gegen die rassistische Segmentierung des Arbeitsmarkts

Innerhalb der großen Gewerkschaftsverbände gibt es immer wieder Initiativen, die mittels alternativer Organisierungs- und Mobilisierungsmethoden versuchen, Terrain zurückzugewinnen. Seit dem Ende der 1990er Jahre befasst sich die Forschung über Union oder Labor Revitalization mit gewerkschaftlichen Versuchen, neue Mitglieder zu werben sowie verlorene institutionelle Macht bzw. Organisationsmacht zurückzugewinnen. In diesem Zusammenhang ist die Forschungsrichtung der Revitalization Studies hervorzuheben. Diese bezieht sich auf akteursorientierte Erklärungsansätze und fokussiert strategische Handlungsmöglichkeiten von Gewerkschaften (Stichwort: „Strategic Choice“). Grundgedanke ist, dass Gewerkschaften nicht nur von externen Faktoren abhängig sind, sondern Organisationen auch bewusste Entscheidungen treffen und auf diese Weise Strategien entsprechend der eigenen Möglichkeiten und internen sowie externen Anforderungen gestalten können. Unter dem Schlagwort „Organising“ bemühen sich zudem seit einigen Jahren gewerkschaftliche Initiativen um die Re-Etablierung einer kämpferischen Gewerkschaftsbewegung. Dies soll durch die Mobilisierung der Beschäftigten an der betrieblichen Basis zur aktiven Vertretung ihrer eigenen Interessen gelingen. In Pilotprojekten haben in den letzten Jahren verschiedene Gewerkschaften im deutschsprachigen Raum das aus den USA stammende Konzept erprobt (vgl. Bremme / Fürniß / Meinecke 2007).

Im Zuge dieser praktischen Versuche, neue Richtungen in der Gewerkschaftsarbeit einzuschlagen, laufen auch zahlreiche Debatten über das Verhältnis von Arbeit, Prekarisierung und Migration; Erfahrungen werden gesammelt und Suchprozesse angeleiert. Dies ist nicht selbstverständlich: In den großen Gewerkschaftsverbänden wurde das „neue migrantische Prekariat“ lange ignoriert oder sogar als unliebsame Konkurrenz ausgegrenzt.

Beratungsstellen für papierlose Arbeiter_innen

In Folge dieser Entwicklung sind in den letzten Jahren in Deutschland eine Reihe von Anlaufstellen für undokumentiert oder unterdokumentiert Arbeitende geschaffen worden. In Österreich wird an solch einer Anlaufstelle gearbeitet. Bei all diesen Initiativen war die Zusammenarbeit zwischen Einzelpersonen in der Gewerkschaft und antirassistischen Initiativen entscheidend. Zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil kamen also Impulse für diese Form der gewerkschaftlichen Erneuerung von „außen“. Vor einigen Jahren gelang es in Deutschland, eine Reihe von Anlaufstellen für illegalisierte Migrant_innen einzurichten. So heißt es in der Zeitung von ver.di vom März 2011: „Seit Mai 2008 gibt es bei ver.di Hamburg die Anlaufstelle für Migrant_innen ohne gesicherten Aufenthalt. Von ihnen gibt es geschätzt 30.000 allein in Hamburg: Illegalisierte Frauen arbeiten häufig als Sexarbeiterinnen, Haushaltshilfen oder Restaurantkräfte, Männer vielfach als Erntehelfer, Reinigungskräfte oder Bauarbeiter. Ihr größtes Problem: ihnen wird Geld vorenthalten“ (Wille 2011). Peter Bremme von ver.di ergänzt: „Als Gewerkschafter betrachten wir die Illegalisierten nicht als Konkurrenten, sondern als unterbezahlte Kollegen“ (ebd).

Bemerkenswert ist auch, dass sich mit der Änderung der Vertretungspolitik der Sprachgebrauch ändert: War vor wenigen Jahren noch einfach von „Illegalen“ die Rede, rücken auch Vertreter_innen der großen Gewerkschaftsverbände die Willkür staatlicher Politik ins Blickfeld und sprechen von „Illegalisierung durch die herrschende Migrationspolitik.“ Volker Roßocha, Leiter des Bereichs Migrations- und Antirassismuspolitik beim DGB, ergänzt dazu im Interview mit der „Mitbestimmung“, der Zeitschrift der Hans Böckler Stiftung: „Die Menschen- und Arbeitnehmerrechte für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus durchzusetzen, erfordert auch die Veränderung von gesetzlichen Bestimmungen. (…) Auf nationaler und internationaler Ebene muss sichergestellt werden, dass Arbeitnehmer_innen ohne Aufenthaltsstatus nicht länger ausgebeutet und dass sie für die geleistete Arbeit entlohnt werden“ (Mitbestimmung 2009: 41). Welche Durchsetzungskraft solche Forderungen innerhalb der Gewerkschaft haben, ist allerdings offen. Einstweilen sind solche Positionen in den deutschen und österreichischen Gewerkschaften mit Sicherheit nicht hegemonial. Dennoch ist es wichtig, dass derlei Inhalte immer wieder öffentlich und auch gewerkschaftsintern artikuliert werden.

Die Landarbeiter_innen-Gewerkschaft SOC

Als zweiter Punkt sollen nun exemplarisch die gewerkschaftlichen und aktionistischen Strategien der südspanischen Landarbeiter_innen-Gewerkschaft SOC analysiert werden, die in der Region von Almería seit über 12 Jahren für die Interessen der migrantischen Arbeiter_innen kämpft. Auch wenn die SOC als vergleichsweise kleine Gewerkschaft strukturell nicht mit den großen europäischen Gewerkschaftsverbänden zu vergleichen ist, da diese durchaus unterschiedliche Aktionsradien und Fokusse haben, ist es doch sinnvoll, die prinzipiellen Orientierungen, Zielsetzungen und Programmatiken zu vergleichen. Denn für die Frage, wie eine antirassistische Gewerkschaftpraxis und eine sozial-ökologische Wende erreicht werden kann, ist die politische Grundhaltung sowie die praktische Stoßrichtung der jeweils untersuchten Gewerkschaften von zentraler Bedeutung.

Die SOC ist als Gewerkschaft deshalb nicht uninteressant, da sie stets eine Doppelstrategie verfolgte, bestehend aus der Verteidigung sowohl der nicht-migrantischen als auch der migrantischen Arbeiter_innen einerseits und der Wiederaneignung von Produktionsmitteln, allem voran Grund und Boden, andererseits. Das Hochhalten dieser Doppelstrategie ist wohl der signifikanteste Unterschied zu den großen Gewerkschaftsverbänden, die sich meist nur auf den ersteren Punkt beschränken, und somit in einer tradeunionistischen Haltung haften bleiben.

Die gewerkschaftlichen Strategien der SOC

Die Gewerkschaft SOC wurden bereits in den 1970er Jahren gegründet und verfolgte als Kernziel die Verbesserung der damals miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen der andalusischen Landarbeiter_innen. Die SOC stritt gleichzeitig unablässig für eine grundlegende Bodenreform, die es den Arbeiter_innen ermöglichen sollte, das Land in Selbstverwaltung und ohne die Fremdbestimmung und Überausbeutung durch die Latifundien-Besitzer zu bewirtschaften. Im Kontext dieses Kampfes besetzten die Aktivist_innen der SOC immer wieder Land und bauten selbstverwaltete Kooperativen auf. Heute existieren in ganz Andalusien rund 15 dieser Kooperativen.

In der Provinz Almería im Südosten Andalusiens, wo auf über 35.000 Hektar unter Plastik rund 3 Millionen Tonnen Wintergemüse für den europäischen Export produziert werden und wo heute rund 120.000, zum größten Teil migrantische Landarbeiter_innen beschäftigt sind, hat die SOC im Jahr 2000 eine Gewerkschaftssektion eröffnet. Anlass für diesen Schritt waren die über Tage andauernden rassistischen Ausschreitungen vom Februar 2000, die sich gegen die marokkanischen Landarbeiter_innen der Region richteten (vgl. Europäisches Bürger_innen Forum 2000). Die SOC ist in der Region Almería die einzige Gewerkschaft, die die rassistische Segmentierung des Arbeitsmarkts kritisiert und sich auch für papierlose Migrant_innen einsetzt. Das rund zehnköpfige Team der hauptamtlichen Gewerkschafter_innen setzt sich aus Migrant_innen aus afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern zusammen. Die SOC verteidigt das Recht auf Bewegungsfreiheit und tritt für ein Ende der Abschottungspolitik der Europäischen Union ein. Gemeinsam mit anderen sozialen Bewegungen in Spanien wie dem M15, der Bewegung gegen Zwangsräumungen, bäuerlichen Gruppen und der Via Campesina sowie anderen Basisgewerkschaften werden Bündnisse geschmiedet, um Widerstand gegen die Formen der hegemonialen Krisenbearbeitung zu leisten.

Aneignung von Lebensmitteln als Form des Protests

Im Zuge dieser Aktivitäten hat die SOC im Jahr 2012 direkte Aktionen vor Supermärkten durchgeführt: Einige hundert Aktivist_innen der Gewerkschaft überfielen in einer gewaltfreien Aktion zwei Supermärkte der Handelsketten „Carrefour“ und “Mercadona“ in den Ortschaften Ecija und Arcos de la Frontera. Sie entwendeten kollektiv 30 Wägelchen voller Lebensmittel und übergaben sie direkt einer Gratis-Küche in Sevilla, die mittellose Menschen bekocht. Die SOC wollte mit dieser Aktion in erster Linie auf die Krise in Andalusien und ganz Spanien hinweisen, die bis dato dazu geführt hat, dass ein Drittel aller Arbeiter_innen Andalusiens – seien es spanische oder migrantische Arbeiter_innen, mit oder ohne Papiere – ohne regelmäßiges Einkommen blieben, dass sich die Zahl der Menschen, die in Armut leben in den letzten fünf Jahren in Andalusien vervierfacht hat und dass selbst das Problem des Hungers wieder auf der Tagesordnung steht. So wies Diego Cañamero, Sprecher der SOC, in einem Interview darauf hin, dass laut Angaben der Caritas 350.000 Familien in Andalusien unter dem Phänomen der Unterernährung leiden würden (vgl. Le Courrier 2012: 3). Die SOC protestierte mit dieser Aktion des weiteren gegen die Politik der Supermarktketten, die die Produzent_innenpreise immer weiter nach unten drücken und gleichzeitig die eigenen Gewinnmargen erhöhen. Diese entschlossene Aktion stieß in weiten Teilen der Bevölkerung Spaniens auf Zustimmung und wurde weithin als legitimer Ausdruck von Protest und Unzufriedenheit verstanden.

Internationaler Protest entlang der Wertschöpfungskette

Neben diesen direkten Aktionen hat die SOC sich dazu entschieden, Bündnisse mit Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Gruppen in den Abnehmerländern der Gemüsewaren, die in Almería produziert werden, zu schließen. Dies mit dem Ziel, entlang der Wertschöpfungskette, vom Feld bis zum Supermarkt, aktiv zu werden, und eine solidarische Bezugnahme der Arbeiter_innen entlang der Wertschöpfungskette möglich zu machen. Auf diesem Feld der transnationalen Zusammenarbeit konnte im Jahr 2012 ein wichtiger Arbeitskampf gewonnen werden: Nachdem es in einem großen Exportunternehmen von Bio-Gemüse, der Firma „Bio Sol“ aus der Region Almería, zu groben Verstößen gegen das Arbeitsrecht, zu willkürlichen Entlassungen sowie zu rassistischen Diskriminierungen von marokkanischen Abpack-Arbeiter_innen gekommen war, schlossen sich gut zwei Dutzend Arbeiter_innen der Gewerkschaft SOC an (Islam 2011). In der Schweiz wurden parallel dazu Protestaktionen durchgeführt, die sich zum Ziel setzten, die beiden großen Supermarktketten ‚Migros’ und ‚Coop’ dazu zu bewegen, die Geschäftsbeziehungen mit dem Unternehmen einzustellen, sollten sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern. ‚Coop’ reagierte auf den Appell, der von kritischen Konsument_innen, Gewerkschaften und Umweltverbänden getragen wurde. Auf diese Weise gelang es, das Unternehmen dazu zu bringen, sämtliche entlassene Arbeiter_innen wieder einzustellen bzw. Abfindungen in voller Höhe zu bezahlen, die gesetzlichen Pausen- und Urlaubszeiten einzuhalten sowie Überstunden korrekt zu entlohnen. Des Weiteren gelang es, eine Betriebsrätin der SOC im Unternehmen zu verankern.

Dieses Beispiel der transnationalen Solidarität steht gewissermaßen exemplarisch für transnationale Arbeitskämpfe, die die Fragen von Migration und Prekarisierung genauso behandeln wie die Fragen nach ökologischen Bedingungen landwirtschaftlicher Produktion. Die SOC hat als Gewerkschaft nicht genug Gewicht, um die „sozial-ökologische Raserei“, die im landwirtschaftlichen Sektor Andalusiens vorherrscht, wirksam und in seiner Gesamtheit in Frage zu stellen. Dennoch können die Impulse, die aus der gewerkschaftlichen Praxis der SOC kommen, als wichtige Inspiration für eine transnationale gegenhegemoniale Perspektive im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation gelten. Zu wünschen wäre, dass zentraleuropäische Gewerkschaften sich von den Strategien der SOC inspirieren lassen und selbst in diese Richtung aktiv werden. Sei es mit entschlossenen Aktionen gegen die Supermärkte, antirassistischen Kampagnen oder Landbesetzungen.


Literatur

  • Analyse & Kritik (2010): Editorial der Nummer 546, 22.1.2010.
  • Brand, Ulrich/Wissen, Markus (2011a): „Sozial-ökologische Krise und imperiale Lebensweise. Zu Krise und Kontinuität kapitalistischer Naturverhältnisse. In: Demirović, Alex/Dück, Julia/Becker, Florian/Bader,
    Pauline (Hg.) (2011): „Vielfachkrise im finanzmarktdominierten Kapitalismus“. VSA-Verlag.
  • Brand, Ulrich (2011): „Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konflikte, gegen-hegemoniale Strategien“. VSA-Verlag.
  • Bremme, Peter / Fürniß, Ulrike / Meinecke, Ulrich (Hrsg.) (2007): „Never work alone. Organizing – ein Zukunftsmodell für Gewerkschaften“. VSA-Verlag.
  • Europäisches Bürger_innenforum (Hg.) (2000): „z.B. El Ejido – Anatomie eines Pogroms. Bericht einer Delegation europäischer Bürgerinnen und Bürger über die rassistischen Ausschreitungen vom Februar 2000 in Andalusien”, Eigenverlag, Basel.
  • Hierlmeier, Josef (2006): „Internationalismus: Eine Einführung in seine Ideengeschichte – von den Anfängen bis zur Gegenwart“. Schmetterling Verlag.
  • Huckenbeck, Kirsten / Kopp, Hagen (2006): „Kosten rebellieren II: Mindestlohn zwischen neuen Standards für alle, Protektionismus und Migration“, Hamburg.
  • Islam, Shelina (2011): „Die gar nicht heile Bio-Welt“; Tagesanzeiger. (http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Die-gar-nicht-heile-BioWelt/story/14347634. Abgerufen am 28.4.2013).
  • Le Courrier (2012): „En Europe aussi les gens sont en faim!“ (Ausgabe vom 13. Oktober 2012).
  • Mitbestimmung, Zeitschrift der Hans-Böckler-Stiftung (2009): „Kollege, nicht Konkurrent“. 12/2009.
  • Wille, Hans (2011): „Der sichere Raum“ in: ver.di Publik 3 / März 2011.
  • Yun, Vina (2011): „Global entsichert? Prekarisierung der Arbeit im globalen Norden, Informalisierung in den Ländern des Südens bzw. Ostens: über die Verbindungen zweier bislang getrennt geführter Diskursstränge“. In: Malmoe 54, Mai 2011.

 


Dieter Alexander Behr ist Aktivist im Netzwerk Afrique Europe Interact. Aktuell schreibt er seine Dissertation zum Thema: "Landwirtschaft – Migration – Supermärkte. Ausbeutung und Widerstand entlang der Wertschöpfungskette von Obst und Gemüse."