Ältere MigrantInnen in Deutschland – ein Überblick zur demographischen Entwicklung

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von Helen Baykara-Krumme


Hintergrund für die gestiegene Aufmerksamkeit für ältere EinwanderInnen ist die demographische Entwicklung und die spezifische Geschichte des Einwanderungslandes Deutschland. Das Migrationsgeschehen nach der Gründung der Bundesrepublik ist durch zwei große Wellen gekennzeichnet. Dabei ist die Zahl der AusländerInnen von 686.000 (1,2 Prozent der Gesamtbevölkerung) im Jahr 1961 auf 6,7 Millionen (8,2 Prozent der Gesamtbevölkerung) im Jahr 2010 bzw. 15,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (19,3 Prozent der Gesamtbevölkerung) gestiegen.

Migrationsgeschehen in der BRD

Die erste Phase bildet die Anwerbung von Arbeitskräften aus den Ländern des Mittelmeerraumes ab Mitte der 1950er bis in die frühen 1970er Jahre, die zur Einwanderung der damals noch jungen „GastarbeiterInnen“ führte. Insgesamt reisten zwischen dem Abschluss des ersten Anwerbevertrags mit Italien im Jahr 1955 und dem Anwerbestopp 1973 9,6 Millionen AusländerInnen nach Deutschland ein und 5,7 Millionen wieder aus. Genaue Daten zur Rückkehrmigration der GastarbeiterInnen, die auch in den Folgejahren stattfand, liegen nicht vor. Aber diese Zahlen machen deutlich, dass ein Großteil der ArbeitsmigrantInnen durchaus zurückkehrte, während gleichzeitig viele entgegen ihren ursprünglichen Plänen eines zeitlich begrenzten Aufenthalts in Deutschland verblieben. Diese Kohorten erreichen nun das Ruhestandsalter. Der Anteil derer, die diesen Zeitpunkt für eine Rückkehr nutzen, ist gering, so dass heute etwa ein Fünftel aller über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund und über die Hälfte aller älteren AusländerInnen aus den damaligen Anwerbeländern stammen (1).

Mit den politischen Umwälzungen in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa und aufgrund des Krieges im damaligen Jugoslawien kam es zu einer zweiten großen Migrationswelle ab Mitte der 1980er bis in die 1990er Jahre, in deren Rahmen vermehrt auch Ältere selbst immigrierten.

Die Einwanderung von AussiedlerInnen, ab 1993 sprach man von SpätaussiedlerInnen,  stellt eine „Rückwanderung über Generationen hinweg“ dar (Bade 1990), die selbst vielfach im mehrgenerationalen Familienverband stattfand. Der Anteil der über 65-Jährigen an allen ZuwanderInnen lag in dieser Gruppe in den Jahren zwischen 1991 und 2005 jeweils bei etwa sieben Prozent, stieg dann, bei absinkenden Zuwanderungszahlen, zwischenzeitlich sogar auf 12 Prozent an. Insgesamt sind laut Mikrozensus 42 Prozent der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund der  Gruppe der (Spät-)AussiedlerInnen zuzuordnen. Der Anteil der Älteren unter allen (Spät-)AussiedlerInnen liegt damit bei 19 Prozent.  Auch in der aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten jüdischen Bevölkerungsgruppe ist der Anteil Älterer hoch. Mit 22 Prozent (für die Jahre 2007 und 2008) liegt der Anteil der über 65-Jährigen höher als in allen anderen ZuwanderInnengruppen und sogar über jenem in der Gesamtbevölkerung. 

Migration und demographischer Wandel

Insgesamt ist die Bevölkerung mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit bzw. mit Migrationshintergrund noch jünger als die einheimische: Das Durchschnittsalter der AusländerInnen liegt bei 39 Jahren und der Personen mit Migrationshintergrund bei 35 Jahren, während Deutsche im Schnitt 44 Jahre und Personen ohne Migrationshintergrund durchschnittlich 46 Jahre alt sind. Die ausländische Bevölkerung beziehungsweise jene mit Migrationshintergrund hat über die vergangenen Jahrzehnte eine „überproportionale demographische Alterung“ erfahren (Zeman 2009). Die Zahl und der Anteil der Älteren in der ausländischen Bevölkerung haben sich in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdreifacht. Heute leben 615.000 über 65-jährige AusländerInnen in Deutschland, das sind 9,8 Prozent aller ausländischen Staatsangehörigen. Einen Migrationshintergrund haben heute 1,5 Millionen über 65-Jährige und mehr als 3 Millionen über 55-Jährige, das sind 9,4 Prozent beziehungsweise 19,1 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund. Damit liegt der Anteil Älterer zwar noch niedriger als in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund, wo er 23,7 Prozent für alle über 65 Jahre und 36,6 Prozent für alle über 55 Jahre beträgt. Der Trend der Alterung wird sich jedoch auch in der eingewanderten Bevölkerung im Rahmen der allgemeinen demographischen Entwicklung weiter fortsetzen. Derzeit beträgt der Anteil der über 65-jährigen Personen mit Migrationshintergrund an allen Älteren 8,6 Prozent. Bis 2032 rechnet Kohls mit einem Anstieg auf 15,1 Prozent (siehe dazu auch Schimany & Baykara-Krumme 2012).

Herkunftsländer und Aufenthaltsdauer älterer MigrantInnen


Die wichtigsten Herkunftsländer der über 65-Jährigen sind (für das Jahr 2010) die ehemalige Sowjetunion mit 262.000 Personen, davon 116.000 aus der Russischen Föderation und 66.000 aus Kasachstan, und die Türkei (169.000). Danach folgen Polen (129.000) und Rumänien (89.000) sowie Italien (73.000). Insgesamt 121.000 Ältere stammen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, 103.000 Ältere aus den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Eine ähnliche Verteilung findet sich bei den über 55-Jährigen. Viele leben bereits seit langer Zeit in Deutschland: Von allen Personen mit eigener Migrationserfahrung, die 65 Jahre und älter ist, reisten über drei Viertel (76 Prozent) vor mehr als 20 Jahren ein, von allen Personen, die 55 Jahre und älter sind, gilt dies für 73 Prozent. Nahezu die Hälfte (48,4 Prozent) der Älteren der ersten Generation, die über 65 Jahre alt sind, lebt sogar schon 40 Jahre und länger in Deutschland, reiste also bereits vor 1970 ein (Statistisches Bundesamt 2011).

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Herkunftsgruppen sind beträchtlich. Dies ist ein Ergebnis der Migrationsgeschichte Deutschlands. Eine lange Aufenthaltsdauer findet sich wie erwartet für einen Großteil der Angehörigen aus den ehemaligen Anwerbeländern. Auch unter den Älteren aus Polen und Rumänen gibt es viele, die bereits mehr als 30 oder 40 Jahre in Deutschland leben, während die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der MigrantInnen aus der Ukraine und der Russischen Föderation deutlich geringer ist. Betrachtet man alle Altersgruppen, also nicht nur die Älteren, so zeigt sich das folgende Muster: Im Jahr 2010 betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der zugewanderten Bevölkerung 21,2 Jahre. Deutlich über diesem Wert liegt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei italienischen (30,6 Jahre), kroatischen (30,4 Jahre), griechischen (29,0 Jahre) und türkischen (26,1 Jahre) MigrantInnen. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von polnischen Zugewanderten beträgt 21,0 Jahre, die von Personen russischer und ukrainischer Herkunft dagegen nur 13,9 beziehungsweise 11,7 Jahre.

Heterogenität älterer MigrantInnen in der Forschung

Auf die Heterogenität der älteren EinwanderInnen wird zwar zunehmend hingewiesen, in der Forschung schlägt sich dies jedoch bisher kaum nieder. In den 1990er Jahren lag der Schwerpunkt auf kleineren, regional beschränkten Studien, die ausgewählte EinwanderInnengruppen umfassten, primär jene aus den ehemaligen Anwerbeländern. In den 2000er Jahren nahm das Interesse an bundesweit repräsentativen Befragungen zu. Mit dem jährlich erhobenen Sozioökonomischen Panel und dem Alterssurvey 2002 liegen Bevölkerungsumfragen vor, die eine Vielzahl von Herkunftsländern beziehungsweise Staatsangehörigkeiten aus dem ganzen Bundesgebiet berücksichtigen. Als fruchtbar für die Forschung erweisen sich hier auch die parallel durchgeführten Erhebungen zur einheimischen Bevölkerung. Allerdings schränkte der alte Fokus auf die Staatsangehörigkeit (anstelle des Migrationshintergrundes) die Analysen im Alterssurvey deutlich ein. Im Sozioökonomischen Panel wiederum sind die Fallzahlen für Ältere einzelner EinwanderInnengruppen selten groß genug, um aussagekräftige Befunde zu gewinnen. Nur durch Gruppierungen nach Herkunftsregionen lassen sich komparative Analysen vornehmen, die wiederum die vieldimensionale Vielfalt im Alter verdecken.

Eine Bereicherung dieser oft als unzureichend beschriebenen Datenlage stellt die 2006 durchgeführte Zusatzbefragung bei türkischen Staatsangehörigen im Rahmen des „Gender and Generations Survey“ (GGS) dar. Hiermit steht auch für Ältere (bis 79 Jahre) eine in ihrer Größe sonst nicht zu findende Datengrundlage zur Verfügung, die differenziertere Analysen ermöglicht (Hubert et al. 2009). (Spät-)AussiedlerInnen lassen sich in der Hauptbefragung zumindest identifizieren. Für diese wie auch andere Herkunftsgruppen werden in den letzten Jahren außerdem amtliche Daten wie der Mikrozensus mit dem seit 2005 erweiterten Migrationsbegriff und Daten der Rentenversicherungsträger genutzt, die für einzelne Dimensionen der Lebenssituation, vor allem der ökonomischen Lebensqualität, bemerkenswerte Analysen ermöglichen (siehe Beiträge in Baykara-Krumme u.a. 2012).

Am umfangreichsten und dennoch unzureichend beforscht sind bisher die zwei größten Gruppen der älteren EinwanderInnen, die Türkeistämmigen und, in letzter Zeit zunehmend, die (Spät-)AussiedlerInnen. Auch verschiedene  qualitative Studien und Qualifikationsarbeiten beziehen sich nahezu ausschließlich auf diese beiden Gruppen. Eine nennenswerte Ausnahme bildet hier die differenzierte und reflektierte Arbeit von Matthäi (2005). Kaum Aufmerksamkeit erhalten allerdings zum Beispiel ältere Flüchtlinge (Zeman & Kalisch 2008). WesteuropäerInnen gelten nicht als forschungswürdige „Problemgruppe“. Die Bedeutung der jeweiligen biographischen Migrationserfahrung für das Altern bleibt daher in der Regel unberücksichtigt. Kennzeichnend für die bisherige Forschung ist zudem ihre deskriptive Ausrichtung; konzeptionelle und erklärende Ansätze sind vergleichsweise selten.

(1) Alle Zahlen beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf das Jahr 2010 und beruhen auf Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes oder des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Weitere Ausführungen zum demographischen Hintergrund des Themas „Altern in der Migration“ finden sich auch bei Schimany & Baykara-Krumme (2012).

Literatur

  • Bade, Klaus J. (1990): Aussiedler – Rückwanderer über Generationen hinweg. In: Bade, Klaus J. (Hrsg.): Neue Heimat im Westen. Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler. Münster: Westfälischer Heimatbund, 128-149.
  • Baykara-Krumme, H., A. Motel-Klingebiel & P. Schimany (2012): Viele Welten des Alterns? Ältere Migranten im alternden Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Baykara-Krumme, H. & P. Schimany (2012): Zur Geschichte und demographischen Bedeutung älterer Migrantinnen und Migranten in Deutschland. In: Baykara-Krumme, H., A. Motel-Klingebiel & P. Schimany (Hrsg.): Viele Welten des Alterns? Ältere Migranten im alternden Deutschland. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Hubert, S., J. Althammer & C. Korucu-Rieger (2009): Soziodemographische Merkmale und psychophysisches Befinden älterer türkischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland. Berlin: Pro Business.
  • Matthäi, I. (2005): Die "vergessenen" Frauen aus der Zuwanderergeneration. Zur Lebenssituation von alleinstehenden Migrantinnen im Alter. Wiesbaden: VS Verlag.
    Okken, P.K., Spallek, J. & O. Razum (2008): Pflege türkischer Migranten. In: Bauer, U. & A. Büscher (Hrsg.): Soziale Ungleichheit und Pflege. Wiesbaden: VS Verlag, 396-422.
  • Statistisches Bundesamt (2011): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2010. Fachserie 1 Reihe 2.2. Wiesbaden.
  • Zeman, P. & Kalisch, D. (2008): Die Situation älterer Flüchtlinge – Belastungen und Potenziale. informationsdienst altersfragen 35(4), 2-6.

 

Februar 2012

Dr. Helen Baykara-Krumme ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Technischen Universität Chemnitz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migration, Alter(n), Familie und Generationenbeziehungen.

   

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