Aktives Altern älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – Das Projekt "Active Ageing of Migrant Elders Across Europe" (AAMEE)

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von Dr. Claus Eppe

Die Pluralität und Heterogenität der älteren Bevölkerungsgruppen nimmt im demographischen Wandel zu. Das gilt für die Vielfalt der Lebensstile ebenso wie für die wachsende ethnische Vielfalt. Die Ursachen liegen zum einen in den unterschiedlichen Wanderungsbewegungen der letzten Jahrzehnte. Zum anderen sind ältere Menschen zunehmend in der Lage, sich einen Lebensabend auch in einem anderen Land vorzustellen und diese Wünsche auch umzusetzen. Die moderne mobile Gesellschaft findet ihre Möglichkeiten zur Umsetzung auch über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg. Alt werden in der Fremde, alt werden in einer neuen Heimat oder alt werden in zwei Heimaten sind Lebenssituationen für immer mehr Ältere selbst. Sie gewinnen an Bedeutung für die Städte, Gemeinden und Regionen, in denen eine wachsende Zahl von älteren Menschen mit Migrationshintergrund lebt oder leben will.

Die quantitative Ausprägung der wachsenden ethnischen Vielfalt im Alter betrifft nicht alle Regionen gleichermaßen. Während die Folgen der Einwanderungen der vergangenen Jahrzehnte in den Industrieregionen vor allem Auswirkungen auf die eher städtischen Regionen haben, erleben touristisch reizvollere Regionen die neuen Alters(zu)wanderungen. Auch zwischen den Regionen gibt es erhebliche Differenzierungen. So zeigt die nachfolgende Übersicht für Nordrhein-Westfalen zum einen die wachsende Zahl und den wachsenden Anteil der Vergleichsgruppe von den über 65jährigen Menschen mit Migrationshintergrund (von 8,4 Prozent im Jahr 2005 auf 9,7 Prozent im Jahr 2010).

Tabelle: Ältere Menschen mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen und den Regierungsbezirken

In den Teilregionen des Landes (Regierungsbezirke) ist die Spanne zwischen den städtischen und den eher ländlich geprägten Regionen zum Teil erheblich. Aber eines wird deutlich: In der Altersgruppe der 55-64jährigen hat schon heute fast jeder fünfte Mensch einen sogenannten Migrationshintergrund (2005: 16,6 Prozent und 2010: 18,3 Prozent), es besteht also Bedarf sich mit der Zukunft des Älterwerdens in einer ethnisch vielfältigen Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Diese Entwicklung wachsender Vielfalt im Alter gibt es in vielen Industrieregionen Europas. Sie hat in Deutschland ihre Ursachen in der Industriealisierung und der damit verbundenen Arbeitsmigration. In anderen Industrienationen spielen die historischen Bindungen aus der Kolonialzeit eine zusätzliche Rolle. Flucht und Vertreibung der letzten Jahrzehnte sind weitere Ursachen für die wachsende ethnische Vielfalt in den älter werdenden Gesellschaften Europas. Viele Menschen sind in ihren neuen Heimatländern geblieben, haben ihre Wurzeln aus dem Herkunftsland, so gut es ging, bis heute gepflegt und pendeln zwischen zwei Heimaten. Immer mehr Menschen aus dem Norden Europas verbringen einen Teil ihres Alters im Süden, so werden ehemalige Länder mit Auswanderungen zu Einwanderungsländern.
Aber, so unterschiedlich die Zahlen der älteren MigrantInnen in den einzelnen Mitgliedstaaten sind, so verschieden die ursprünglichen rechtlichen, historischen und aktuellen Beweggründe für die Ein- und Auswanderungen waren und sind, so verschieden sind die individuellen Zuwanderungsgeschichten. Für die aktuellen Fragen und die konkrete Praxis in einer ethnisch differenzierten Altenpolitik vor Ort, in den Städten und Gemeinden spielen sie kaum eine Rolle.

Das Projekt AAMEE

Worauf es dagegen ankommt, sind drei Kernfragen:

  1. Welche Sichtweise haben die Gesellschaften auf diese Entwicklung?
  2. Welche Bedürfnisse haben älteren Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – sind sie wie die aller anderen Älte-ren auch, oder gibt es teilweise besondere Bedürfnisse aufgrund ihrer kulturspezifischen Besonderheiten, die kul-turgerechte Lösungen brauchen?
  3. Wer und welche Ebene ist verantwortlich für die notwendigen Anpassungen der lokalen Altenpolitik und welche Rolle spielt dabei die Zivilgesellschaft und hier besonders die Teilhabe der älteren MigrantInnen selbst am Aufbau kulturgerechter Prozesse und Angebote?

Genau hier hat das Projekt „Active Ageing of Migrant Elders across Europe (AAMEE)“ im Zeitraum 2007 bis 2009 mit einer Vielzahl von Einzelaktivitäten angesetzt. Das Projekt wurde von der Generaldirektion Beschäftigung, Soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit der Europäischen Kommission durch das ENEA-Programm und vom damaligen Ministerium für Generationen, Frauen, Familie und Integration gefördert. (1) Es verfolgte das zentrale Anliegen, mit den Einzelaktivitäten auf der Grundlage einer tragfähigen politischen Konzeption, zukunftsfähige Modelle für die Gestaltung von ethnisch heterogenen Gesellschaften aufzuzeigen – entwickelt unter Beteiligung und weitgehender Mit- und Selbstbestimmung der Älteren selbst.

Der Katalog der Einzelaktivitäten und der Ergebnisse war in zeitlicher Reihenfolge:

  1. die erste Konferenz “Europas neues Gesicht. Ältere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Europa – von Herausforderungen zu Chancen” in Bonn mit der Verabschiedung eines Memorandums durch die Teilnehmenden, das unter anderem die sozialen, ökonomischen und kulturellen Chancen beschreibt.
  2. zwei europaweite Wettbewerbe, deren Gewinner auf der Konferenz ausgezeichnet wurden.
  3. der Aufbau eines Forschungsnetzwerkes, das sich auf eine konkrete Agenda notwendiger Forschungsvorhaben verständigt hat.
  4. europaweite Austauschseminare von Freiwilligenorganisationen für und mit älteren MigrantInnen, die gemeinsam eine Checkliste für erfolgreiche Freiwilligenarbeit in der ethnisch heterogenen Gesellschaft erarbeitet haben, wobei die Seminare von den GewinnerInnen der Wettbewerbe organisiert wurden.
  5. alle guten Bespiele wurden in einer eigenen Broschüre „Aktives Altern älterer Menschen mit Zuwanderungsge-schichte. Gute Beispiele in Europa“ veröffentlicht.
  6. ein Abschlussworkshop zusammen mit der Generaldirektion Beschäftigung, soziale Angelegenheiten in der Lan-desvertretung NRW bei der Europäischen Union in Brüssel, der zum einen die Ergebnisse des AAMEE-Projektes vorstellte und auf dieser Ebene den Beginn einer Diskussion über Chancengerechtigkeit im Alter darstellt.

Perspektivwechsel und zentrale Leitideen: Von der Herausforderung zu den Chancen durch aktives Altern, wechselseitige Integration und Empowerment

Die empirischen Befunde über alte MigrantInnen waren in der (deutschen Fach-)Öffentlichkeit stark von Untersuchungen über die vergleichsweise durchschnittlich niedrigen Renteneinkommen, geringe formale Bildungsabschlüsse und erhöhte Gesundheitsrisiken geprägt. Ohne Zweifel gilt es, auf diese schwierige Ausgangssituation hinzuweisen und im Sinne von Lebensqualität im Alter Verbesserungen zu erreichen. Diese statistischen, sozialpolitischen Befunde - die zugespitzt ein Altersbild von älteren MigrantInnen als eher arm, eher krank und wenig gebildet zeichnen – fokussieren auf sogenannte „Herausforderungen“ der demographischen Entwicklung, lassen aber nur begrenzt Rückschlüsse auf die Lebenssituation, das subjektive Lebensgefühl und die Zufriedenheit der älteren MigrantInnen zu. Diese Reduzierung erschwert auch die gesellschaftliche Anerkennung der Lebensleistungen, die mit der Migration und dem Aufbau von Familien im neuen Heimatland, den finanziellen Transferleistungen, der kulturellen Bereicherung in den Aufnahmeländern usw., verbunden sind.

Im Projekt AAMEE wurde daher in einem breit angelegten Diskussionsprozess in allen Einzelaktivitäten ein Perspektiv-wechsel entwickelt und mit den jeweils Beteiligten immer weiter modifiziert und konkretisiert: die Perspektive der Chancen, die mit einer ethnisch vielfältigen Altengesellschaft entstehen. Im Fokus standen die damit verbundenen sozialen, ökonomischen und die kulturellen Chancen. Hilfreich und unterstützend für diesen Perspektivwechsel waren drei bereits vorhandene politische Leitideen internationaler Organisationen, die für die konkreten Ergebnisse schrittweise angewandt wurden. Diese Leitideen sind – kurz – skizziert:

  • Das Konzept der Weltgesundheitsorganisation (WHO) “aktives Altern”, das Menschen über den gesamten Lebens-verlauf hinweg erlaubt, ihr Potenzial für physisches, soziales und seelisches Wohlbefinden zu verwirklichen und an der Gesellschaft entsprechend ihrer Bedürfnisse, Wünsche und Leistungsvoraussetzungen teilzunehmen, während sie im Falle von Hilfsbedürftigkeit angemessenen Schutz, Sicherheit und Pflege erhalten. “Aktiv” in diesem Sinne bezieht sich auf die fortwährende Partizipation in sozialer, ökonomischer, kultureller, spiritueller und bürgerschaftli-cher Hinsicht und nicht bloß auf die Fähigkeit, physisch aktiv zu sein und am Erwerbsleben teilzunehmen.
  • Die Idee der „wechselseitigen Integration“ aus der Erklärung des Rates der Europäischen Union zu den Leitlinien der Integrationspolitik von 2004, die in erster Linie auf die Integration von DrittstaatlerInnen ausgerichtet sind. Der dem Projekt AAMEE zugrundeliegende Begriff der „wechselseitigen Integration“ orientiert sich an der darin enthalte-nen Definition der Europäischen Union. Diese beschreibt “wechselseitige Integration” als “einen gegenseitigen Pro-zess, der auf wechselseitigen Rechten und korrespondierenden Pflichten für rechtmäßige Drittstaatenangehörige und die Gastgesellschaft beruht, der die umfassende Partizipation der Immigranten sicherstellt.”
  • Das Konzept der Verbesserung der Partizipation (Empowerment) begegnet dem noch immer weit verbreiteten defizitären Blickwinkel auf bestimmte Personengruppen wie älteren Menschen im Allgemeinen oder Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Speziellen, indem es die Potenziale und Ressourcen dieser Menschen in den Vorder-grund stellt und diese zu stärken und auszubauen sucht. Empowerment (zum Beispiel im sozialpädagogischen Handlungsfeld) ist darauf ausgerichtet, Menschen bei der (Rück-)Gewinnung ihrer Entscheidungs- und Wahlfreiheit, ihrer autonomen Lebensgestaltung zu unterstützen und sie zur Weiterentwicklung zu motivieren.

Konferenz “Europas neues Gesicht. Ältere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Europa – von Herausforderungen zu Chancen”

Auf der ersten europäischen Konferenz über die Chancen der wachsenden ethnischen Vielfalt diskutierten über 200 Teilnehmende aus 26 Staaten Europas und der USA über den Perspektivwechsel, der Zustimmung fand, und über konkrete gute Beispiele in den Bereichen: Politische und gesellschaftliche Teilhabe, Wohnqualität, Pluralität der älteren MigrantInnen, kultursensible Gesundheitspflege, Integration und Kommunikation – IT für ältere MigrantInnen, Freizeit und lebenslanges Lernen, Forschungsansätze in Europa, Ethnomarketing und Geschlechterrollen. (Die Präsentationen und Teilergebnisse der Workshops sind auf der AAMEE-Website dokumentiert).

Auf der Konferenz wurden die Gewinner aus den beiden europaweiten Wettbewerben ausgezeichnet. Alle GewinnerInnen der Wettbewerbe zeichnet eine Teilhabe bei der Entwicklung der Projektideen und eine in andere Regionen übertragbare Grundstruktur aus. Zu den Gewinnern zählten unter anderem folgende Projekte:

Ein Projekt der Arbeiterwohlfahrt Hannover für ihre interkulturelle Seniorenarbeit.

Schrittweise entstand im Stadtteil Nordstadt über die Jahre aus einer Gruppenarbeit für türkische SeniorInnen eine interkulturelle Öffnung einer Begegnungsstätte der AWO für MigrantInnengruppen aus zehn Herkunftsländern (zum Beispiel Türkei, ehemaliges Jugoslawien, Kontingentflüchtlinge, jüdische EinwanderInnen aus der ehemaligen Sowjetunion und MigrantInnen aus arabischen Ländern). In verschiedenen Sprachen finden in der Begegnungsstätte Sprechstunden und gemischte Hobbygruppen statt, ergänzt um dezentrale Gruppenangebote im Stadtteil. Kennzeichnend sind Mitsprache, Teilhabe beim Programmaufbau und Verantwortung bei der Gruppenleitung. Die alten MigrantInnen können so ihre eigene kulturelle Identität behalten und zugleich die Kultur anderer kennenlernen. Die ursprünglich als Integrationsarbeit angelegte Initiative hat sich zum integralen Bestandteil der Seniorenarbeit des Verbandes weiterentwickelt.

Ein interkultureller Besuchsdienst von Migrantinnen des Caritasverbandes Paderborn.

Für interessierte BewohnerInnen eines Altenzentrums haben sechs aramäische Frauen und eine philippinische Frau im Rahmen des internationalen Besuchsdienstes ehrenamtlich eine adäquate Freizeitgestaltung ermöglicht (Gespräche, Vorlesen, Spaziergänge usw.). Schrittweise wurden die Migrantinnen in die Feste und Feiern des Heims eingebunden und ein zweiwöchentliches Bewohnerfrühstück eingeführt. Wechselseitiges kulturelles Lernen und Unterstützung in sozialen Problemlagen kennzeichnen das Projekt, aus dem zudem ein monatlicher Treff für SeniorInnen der syrisch-orthodoxen Gemeinde zur Freizeitgestaltung und zum Kennenlernen des (örtlichen) Altenhilfesystems entstand.

Ein intergeneratives „Ferienfrühstück mit Teenies“ des Caritasverbandes Mannheim:

Der "Jugendtreff im Rott" stellt im Rahmen der Arbeit des Caritasverbandes Räume für das Miteinander von älteren BürgerInnen und Ehrenamtlichen zur Verfügung, um gemeinsam zu frühstücken, zu singen, zu sprechen und Lösungen für die Alltagsprobleme der älteren ZuwanderInnen zu finden. Integriert wurden Freizeittreffen mit Kindern und Jugendlichen für den gemeinsamen Austausch – zum Beispiel über Tischsitten und Alltagsthemen – und gemeinsame Aktivitäten (Spielen, gegenseitige Tanz- und Singvorführungen, gemeinsames Backen). Das interge¬nerationelle Projekt wirkt gegen Vereinsamung der Älteren und hilft, die sozialen und sprachlichen Fähigkeiten der älteren ZuwanderInnen bzw. die sozialen Kompetenzen von Jugendlichen zu fördern mit dem Ziel, eigenständige Beziehungen zwischen den Jüngeren und Älteren zu entwickeln.

Das gesamtstädtische Konzept „A City for all Ages – Today & Tomorrow“ aus Edinburgh:

Im Projekt „City for All Ages“ (2000-2010) geht es um eine gemeinsame und gesamtstädtische Strategie der Stadt Edin-burgh, ihren Partnern im National Health Service (NHS) in der Region Lothian sowie dem freiwilligen und dem kommerziellen Sektor. Die Ziele sind die Chancengleichheit für alle Älteren und der Abbau von Altersdiskriminierungen und Barrieren. Gemeinsam mit 150 Älteren aus ethnischen Minderheiten wurde ein multidisziplinärer Aktions- und Kooperationsplan für die Bedürfnisse und Maßnahmen entwickelt (unter anderem Gesundheit, Pflege, Transport, haushaltsnahe Dienstleistungen). Mehrsprachiger Wissenstransfer und Seminare, leicht zugängliche Publikationen in fünf Sprachen für die beteiligten Migrantengruppen und Materialien und Prozesse, in denen ältere MigrantInnen selbst Mitglieder der eigenen Ethnie informieren sowie die Qualifizierung der hauptamtlichen Fachkräfte waren Teil des kommunalpolitischen Gesamtkonzeptes.

Das multikulturelle Pflegehaus „De Schildershoek“ aus Den Haag:

Um die alltägliche Verständigung in einem Altenheim mit einer wachsenden Zahl von älteren MigrantInnen zu verbessern, wurden – einmalig in den Niederlanden - Bücher mit mehrsprachigen Pictogrammen entwickelt, die Darstellungen aus dem Heimalltag zeigen (Waschen, Essen, Anziehen usw.). Jedes einzelne Pictogramm wird in Niederländisch und mit einer gesprochenen sowie einer geschriebenen Übersetzung in fünf Sprachen dargestellt. Die Lebensqualität der älteren MigrantInnen sowie ihr Miteinander mit den Beschäftigten, ihren Familien und den freiwilligen HelferInnen wurde so erheblich verbessert.

Das Projekt des „Mobiage Ressource Centers for Elderly Migrants“ in Dobrich, Bulgarien, das älteren ZuwanderInnen aus England die Integration erleichtert:

Die MOBIAGE - (Mobile Age) Initiative – entwickelt in Bulgarien zusammen mit anderen Organisationen aus Rumänien, Italien, Dänemark und Ungarn, ist angelegt als übertragbares Modell zur Integration von EU-BürgerInnen in ihren neuen Heimatregionen zum Beispiel in Bulgarien und Rumänien. In den einzelnen Bausteinen werden Aktivitäten, Mobilität und soziale Integration gemeinsam mit den neu Zugewanderten entwickelt und aufgebaut – in Bulgarien mit den MigrantInnen aus Großbritannien. Dazu gehören beispielsweise, dass Grundkenntnisse der Sprache vermittelt, Begegnungsstätten erstellt, Websiten für die Information und Kommunikation und als Online- und Präsenz-Lernplattformen angeboten werden. In und für die Region werden gemeinsame Freiwilligendienste und lokale Netzwerke aufgebaut sowie Unterstützung bei den Kontakten zu den örtlichen Behörden gegeben.

Die wichtigsten, allgemeinen Ergebnisse der Konferenz sind die Notwendigkeit,

  • die älteren Menschen mit Migrationshintergrund fortwährend selbst zu ihren Bedürfnissen, Ansichten und Vorstel-lungen zu befragen und bei neuen Projekten die in Zukunft weiter wachsende kulturelle, soziale und ökonomische Vielfalt innerhalb der Gruppe älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte zu berücksichtigen;
  • einer Entwicklung von neuen Kooperations- und Kommunikationsformen zum Transfer von Wissen zwischen un-terschiedlichen Akteuren, wie zum Beispiel der Politik, Forschung, Freiwilligenorganisationen, der Wirtschaft und Wohlfahrtspflege;
  • der Unterstützung von Freiwilligenarbeit als wertvolles gesellschaftliches Gut für die Älteren selbst und für die Akzeptanz von neuen Initiativen;
  • der Qualifizierung und Sensibilisierung von Personal in allen gesellschaftlichen Bereichen für die Bedürfnisse von älteren MigrantInnen;
  • der Nachhaltigkeit von Projekten
  • integrative Aktivitäten zu forcieren (interkulturell bzw. intergenerativ) und
  • zur Vorbereitung auf das Alter lokale Langzeitstrategien zu entwickeln.

Zu den Ergebnissen gehörte auch, dass sich aus den Workshops über Forschung und Teilhabe im Lauf des Projektes das Forschungsnetzwerk und das Netzwerk der Freiwilligenorganisationen entwickelten.

Forschungsnetzwerk

Das Ziel des europäischen Netzwerkes von ForscherInnen - aus Bulgarien, Belgien, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Portugal, Rumänien, der Schweiz, Spanien und Ungarn – war es, die vorhandenen Forschungsansätze über Einkommens- und Gesundheitsfragen auf der Grundlage der Chancen-Perspektive und der Leitideen um neue Themen und Ergebnisse zu erweitern. Im Vordergrund der interdisziplinären, praxis- und anwendungsorientierten Forschung sollten in erster Linie Kompetenzen und Potenziale, die dem Prozess des Alterns zugewanderter Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen europäischen Ländern innewohnen, untersucht und Strategien entwickelt werden, wie diese weiter gestärkt und genutzt werden können. Das europäische Forschungsnetzwerk beabsichtigt nicht, soziale und ökonomische Probleme zu leugnen, aber es versucht, die Aufmerksamkeit für die Potenziale von älteren Menschen mit Migrationshintergrund zu steigern. Dabei soll explizit die Heterogenität der Gesamtgruppe beachtet und geschlechtsspezifische Fragestellungen berücksichtigt werden. Besondere Aufmerksamkeit wird auf die politische, soziale, kulturelle und ökonomische Partizipation und Integration älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gelegt (Querschnittsthema des Active Ageing).

Gemeinsame Ziele wurden auf wissenschaftlicher Ebene und auf der Praxisebene sowie auf der politischen Ebene vereinbart. Unter der Voraussetzung von entsprechenden finanziellen Mitteln wurden unter anderem als wünschenswert erachtet:

  • eine jährliche Konferenz, die dem Transfer von Forschungsergebnissen in Politik und Praxis dienen soll;
  • die Herausgabe einer Zeitschrift "Active Ageing of Migrant Elders across Europe";
  • die Veröffentlichungen in internationalen Zeitschriften;
  • eine eigene Internetseite;
  • die Herausgabe einer eigenen Schriftenreihe;
  • die Vergabe eines Preises für Nachwuchswissenschaftler für die Entwicklung von Strategien und Modulen zur Qualifizierung von Entscheidungsträgern.
  • Diese ehrgeizige, noch nicht umgesetzte Agenda ist sicher Teil einer langfristigen Perspektive. Erste gemeinsame konkrete Produkte hat das Forschungsnetzwerk in Form von gemeinsamen Publikationen und gemeinsamen Anträ-gen auf Förderung aus unterschiedlichen europäischen Förderfonds entwickelt.

Freiwilligennetzwerk und die Checkliste zur Stärkung ehrenamtlicher Arbeit für und mit älteren Migran-tInnen und Migrantenvertretungen

Eine der zentralen Ergebnisse des AAMEE-Projektes war die Erkenntnis, dass eine erfolgreiche und akzeptierte Altenpolitik in der wachsenden ethnischen Vielfalt im Alter die Beteiligung der älteren MigrantInnen und ihren Migrantenvertretungen braucht. Dabei ist die Kernidee ein Perspektivwechsel in der professionellen Arbeit weg von der Vorstellung, ältere MigrantInnen seien eine „Zielgruppe“ hin zu einem Verständnis, das sie als Subjekt für alle Fragen der eigenen Lebensqualität im Alter sieht und einbezieht. Aktives Altern, wechselseitige Integration und Empowerment sind Voraussetzung für ihre Einbeziehung. Die Etablierung von Partizipation und bürgerschaftlichem Engagement braucht dafür die richtigen Rahmenbedingungen in den Städten und Gemeinden.

Die GewinnerInnen der europäischen Wettbewerbe, für die die Teilhabe der Älteren ein zentrales Erfolgskriterium war, waren daher gebeten worden, im Rahmen eines Austauschprogramms die Erfolgskriterien für die Teilhabe zu benennen und zusammenzustellen. Als Ergebnis ist eine Checkliste herausgekommen, die grundlegende Kriterien für die nachhaltige Beteiligung, die Qualifizierung der Älteren selbst und der MultiplikatorInnen, die Entwicklung von geeigneten neuen Angeboten und von Plattformen für die Teilhabe sowie von verlässlichen Finanzierungsstrukturen enthält (siehe im Detail die Projektwebsite). Von besonderer Bedeutung sind dabei Wertschätzung und Anerkennung der Teilhabenden.

Ein weiteres konkretes Ergebnis aus der Zusammenarbeit der Freiwilligenarbeit ist die Zusammenstellung von teilhabeorientierten, guten Beispielen in der Broschüre „Aktives Altern älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Gute Beispiele in Europa“ die zu den Rubriken „Betreutes Wohnen“, „Sportliche Aktivitäten“, „Interkulturelles Verständnis“, „Zusammenleben von Jüngeren und Älteren“, „Förderung von Gesundheit“ und „allgemeine Integrationsförderung“ zusammengestellt wurden.

Als erste Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sind die wachsende Anerkennung der Freiwilligenarbeit in den jeweiligen Heimatstädten der Teilnehmenden sowie ein gemeinsames Projekt (Partner unter anderem aus NRW und Finnland), das die Lebenswelten älterer Menschen aus der früheren Sowjetunion im Fokus hat, zu sehen. Auch die Weiterentwicklung der Zusammenarbeit der beteiligten Projekte aus Großbritannien und die Übertragung von Projektideen in die jeweils eigene Arbeit zählen zu den Ergebnissen.

Abschlussworkshop – Präsentationen und Perspektiven

Vorgestellt wurden Ende 2009 die konkreten Ergebnisse in einem gemeinsamen Workshop mit der Europäischen Kommission unter Beteiligung des Europäischen Parlaments. Dabei wurden zwei Aspekte deutlich:

  1. Gute und nachhaltige Beispiele des Aktiven Alterns, der wechselseitigen Integration und des Empowerment sind nicht nur wegen der Einbeziehung der älteren MigrantInnen erfolgreich, sondern auch, weil sie die Unterstützung der Kommunalpolitik in den Städten und Gemeinden haben. Diese Voraussetzung hat ein Nachfolgewettbewerb zu guter Praxis von Städten und Gemeinden noch einmal mehr deutlich gemacht, der 2010 bis 2011 in Zusammenar-beit mit dem Ausschuss der Regionen und dem Europäischen Dachverband der kommunalen Spitzenverbände (CEMR) im Anschluss von AAMEE und unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments durchgeführt wurde.
  2. Die Lebensqualität von älteren MigrantInnen hängt deutlich von den Zugangschancen zu den öffentlichen Gütern und Produkten ab. Notwendig wird es künftig sein, Rahmenbedingungen für Chancengerechtigkeit zu schaffen, die dazu beitragen, dass sie nicht von gesellschaftlichen Prozessen, Strukturen und Angeboten ausgeschlossen wer-den, die insgesamt für die Verbesserung der Lebensqualität im Alter in den Städten und Gemeinden angelegt sind. In diesem Kontext finden kulturgerechte Initiativen ihren Platz.

Literatur

  • “Politischen Erklärung und der internationale Aktionsplans der zweiten Weltversammlung über das Altern”, Vereinte Nationen, Madrid, 2002
  • “Active Ageing. A Policy Framework”, World Health Organization (WHO), 2002
  • “Erklärung des Rats der Europäischen Union zu den Leitlinien einer Integrationspolitik”, The Hague, 2004
  • Grünbuch “Angesichts des demographischen Wandels – eine neue Solidarität zwischen den Generationen“, Kommission der Europäischen Gemeinschaften (Green Paper), 2005
  • Commission Staff Working Document. “Europe’s Demographic Future: Facts and Figures”, Commission of the European Communities, 2007
  • Mitteilung der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: „Dritter Jahresbericht über Migration und Integration“, Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2007
  • Mitteilung der Kommission. „Die demografische Zukunft Europas – Von der Herausforderung zur Chance“, Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2006
  • Mitteilung der Kommission an den Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen über Einwanderung, Integration und Beschäftigung, Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2003
  • „Handbuch über Integration für Politikgestalter und Praktiker“, Zweite Ausgabe, Europäische Kommission, Generaldirek-tion Justiz, Freiheit und Sicherheit, 2007
  • „Demographic Trends, Socio-Economic Impacts and Policy Implications in the European Union – 2007. Executive Summary of the Monitoring report prepared by the European Observatory on the Social Situation – Demography Net-work”, European Commission, Directorate-General Employment, Social Affairs and Equal Opportunities, 2008
  • Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: „Wohltuendes Altern in der Informationsgesellschaft. Eine i2010- Initiative. Aktionsplan `Informations- und Kommunikationstechnologie für eine alternde Gesellschaft´“, Kommission der Europäi-schen Gemeinschaften, 2007
  • Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen: „Eine erneuerte Sozialagenda: Chancen, Zugangsmöglichkeiten und Solidarität im Europa des 21. Jahrhunderts“, Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2008

(1) Im Folgenden werden die im Projekt umfangreich verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Detailergebnisse nicht erneut zitiert, insofern wird auf die Projektberichte „Bericht über das Projekt: Aktives Altern älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte (AAMEE) vom 01.Dezember 2007 bis 30.November 2009; MGFFI, Düsseldorf, 2010“ und „Aktives Altern älterer Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Gute Beispiele in Europa, MGFFI, Düsseldorf, 2010“ und die Website verwiesen.

Dr. Claus Eppe, seit 1989 verschiedene Stationen in der Landesregierung Nordrhein-Westfalen (Politische Planung, Demographischer Wandel, Jugendmedienarbeit, Seniorenwirtschaft); 2007 - 2009 Projektleiter "Active Ageing of Migrant Elders across Europe

   

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