Auf jeden Fall eine eigenständige Kultur – AlevitInnen in Deutschland

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Antworten von Mürvet Öztürk 

 

 Was verstehen AlevitInnen unter Alevitentum: eine eigenständige Kultur, eine muslimische Glaubensrichtung oder eine eigenständige Religionsgemeinschaft?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, weil das Selbstverständnis der AlevitInnen sehr unterschiedlich ist. Es gibt AlevitInnen, die würden sich als eine Glaubensrichtung im Islam definieren und andere wiederum, die im Alevitentum eine eigene Religionsgemeinschaft sehen. Eine eigenständige Kultur ist es auf jeden Fall. Der Selbstfindungsprozess und die Transformation des Alevitentum in Deutschland bleibt eine spannende Debatte der nächsten Jahre.

 Wann und aus welchen Gründen sind AlevitInnen nach Deutschland zugewandert?

Es gab verschiedene Migrationswellen nach Deutschland: Die meisten AlevitInnen sind im Zuge der Arbeitsmigration in den 1960er und 1970er Jahren nach Deutschland gekommen und haben hier als ArbeiterInnen ihren Lebensunterhalt bestritten. Viele StudentInnen und politisch aktive AlevitInnen sind im Zuge des türkischen Militärputschs 1980 und danach als politische Flüchtlinge nach Deutschland gelangt. Die letzte Migrationswelle hat in den 1990er Jahren stattgefunden, als im Zuge der militärischen Auseinandersetzung mit der PKK zahlreiche Dörfer in der Osttürkei entleert wurden bzw. das Leben dort nicht mehr möglich war. Viele diese Menschen leben und arbeiten heute in Deutschland in verschiedenen Sektoren - sie sind AkademikerInnen, ArbeiterInnen, UnternehmerInnen u.ä.

 Haben sich die Strukturen und religiösen Riten der AlevitInnen durch die Migration nach Deutschland verändert? In welche Richtung?

Sie haben sich auf jeden Fall verändert. Die AlevitInnen haben bereits durch die Binnenmigration innerhalb der Türkei aus den Dörfern weg in die Großstädte in den 1950er und 1960er Jahren ihre Strukturen verändern müssen. Da die soziale Komponente sehr stark mit denen der religiösen Aufgaben einhergeht, hat sich die Auflösung der Dorfgemeinschaft markant auf die Praktizierung der religiösen Riten ausgewirkt. Sie ist faktisch in der Großstadt weggefallen. Hinzu kam das Geheimhalten der Zugehörigkeit zum Alevitentum aus Angst vor Diskriminierung, so dass eine Neuorganisation der Gemeinden innerhalb den Großstädten der Türkei nicht möglich war. Dieser Zustand herrschte bis in die 1980er Jahre. Zu Beginn der 90er Jahre hingegen erlebte das Alevitentum eine Revitalisierung und Öffnung nach Außen. In diesem Zuge hat sich in Deutschland auch die Alevitische Gemeinde gegründet und neu organisiert. Die Glaubensgemeinden mussten aber hier neu gegründet werden und das alte Wissen um die religiösen Riten neu entdeckt werden. So haben sich z.B. die Geistlichen neu organisiert und die Gemeindearbeit in Deutschland den hiesigen Umständen anpassend aufgenommen.

 Wie sind die AlevitInnen in Deutschland organisiert? Gibt es eine Unterscheidung zwischen politischer Interessenvertretung und religiöser Gemeinde?

Der Dachverband der Alevitischen Gemeinde Deutschland sitzt in Köln. Darüber hinaus gibt es Landesverbände und Kulturzentren in verschiedenen Städten Deutschlands. Die Gemeinden haben sich in Deutschland von den historischen Strukturen losgelöst organisiert, d.h. während historische Gemeinden mit bestimmten Bezeichnungen und bestimmter Zugehörigkeit zu bestimmten Gelehrten die Regel der Dorfstruktur war, gibt es diese in Deutschland in dieser Form nicht mehr. Jede Alevitin und jeder Alevit weiß, zu welcher Gemeinde und welchem Gelehrten, dem sogenannten Dede, sie oder er historisch angehört – aber in Deutschland ist man in den Kulturzentren organisiert. Diese Kulturzentren sind gleichzeitig auch Gemeindezentrum – also Orte, wo sowohl die alevitischen Tänze, Gesänge, Folklore vermittelt werden, aber auch die religiösen Riten abgehalten werden. Damit hat sich die politische und religiöse Interessensvertretung vermischt. In der Regel ist aber der Vorsitzende des Kulturzentrums kein religiöser Gelehrter, sondern eine ehrenamtlich aktive Person, die von den Gemeindemitgliedern gewählt wird. Die Kulturzentren sind als Vereine organisiert, die einen Vorstand und eine Satzung haben. Für die Durchführung des zentralen Cem-Zeremonielles reisen z.B. die Geistlichen aus den umgehenden Gemeinden an und leiten die Zeremonie für diesen einen Tag.

 Welche Rolle spielt das Cem-Ritual für AlevitInnen in Deutschland? Ist es für die alevitische Gemeinde wichtiger als in der Türkei?

Da die Aleviten sowohl in der Türkei als auch in Deutschland damit zu kämpfen haben, ihre Identität nicht zu verlieren, ist das Cem-Ritual für viele das Bindeglied, durch das die Gemeinde zusammengehalten wird und daher sehr wichtig. Das Cem-Ritual ist gewissermaßen der alevitische Gottesdienst, für das die Gemeinde zusammenkommt. Es wird gebetet, getanzt, gesungen und rezitiert. Jene AlevitInnen, die einen Bezug zu religiösen Riten haben wollen und daraus ihre alevitische Identität schöpfen erachten das Cem-Ritual für absolut wichtig. Jene AlevitInnen, die sich eher kulturell definieren schöpfen ihre alevitische Identität aus der Folklore, der Musik und den Tänzen. Es ist eine sehr vielfältige Kultur und daher eine vielseitige Gemeinde.

 Wie sieht das religiöse Leben darüber hinaus aus? Welche religiöse Alltagsriten und Feste gibt es? Und sind sie alle ohne Einschränkungen in Deutschland durchführbar?

Für die AlevitInnen ist das Opferfest eines der wichtigsten Feste. Sie fasten in der Regel nicht zum Ramadan, sondern sie fasten 12 Tage zum 10. Muharram [d.i. der erste Monat des muslimischen Kalenders] und Gedenken an die Ermordung der Prophetenfamilie in Kerbala. Während der Fastenzeit wird um die Prophetenfamilie getrauert und trotz Fastenbrechens keine üppige Mahlzeit eingenommen. Während dieser Fastenzeit und nach dem Fastenbrechen ist das Trinken von Wasser untersagt, es werden keine Eier- und Fleischspeisen konsumiert. Die Männer rasieren sich in dieser Zeit nicht, die Spiegel in den Wohnungen werden mit schwarzen Tüchern zugehängt. Dies ist die streng-traditionelle Weise des Fastens, die teilweise aber in Deutschland nicht allen bekannt ist. Sie praktizieren auch die Beschneidung der männlichen Kinder.

Hochzeiten werden in Deutschland ebenfalls anders gefeiert als es in den anatolischen Dörfern üblich war; in der Regel mit weißem Brautkleid und einem großen Fest wo alle Verwandten, Freunde und Bekannte eingeladen werden. Während der Hochzeit wird das Brautpaar in der Regel mit Geld und Gold beschenkt, was als Starthilfe für das Paar gedacht ist. Traditionell wird die Braut vom Bräutigam aus dem Hause der Eltern abgeholt. Der jüngste Bruder bindet der Braut ein rotes Band um die Hüfte und gibt sie dem Bräutigam frei. Es ist Brauch, dass dem Bräutigam der Weg versperrt oder die Braut entführt bzw. versteckt wird. Der Bräutigam muss dann tief in die Tasche greifen damit er seine Braut wiederbekommt. In der Regel wird die Mutter der Braut aus Respekt ebenfalls reichlich beschenkt. All diese Riten werden auch in Deutschland ausgeführt.

Im Sterbefall gibt es aber Probleme, da die AlevitInnen gemischt geschlechtlich den Toten-Ritus abhalten und die Leichenwaschung selbst vornehmen. Es gibt in Deutschland nicht ausreichend Cem-Häuser, also alevitische Gemeindehäuser, in denen die Leichenwaschung vorgenommen werden kann. In der Regel werden die Toten in die Türkei überführt und dort begraben.

 Beziehen sich AlevitInnen auf religiöse Texte? Welchen Stellenwert haben sie für die Religionsausübung? In welcher Sprache sind diese Texte verfasst?

Die religiösen Riten und religiösen Hymnen der AlevitInnen sind größtenteils mündlich tradiert. Daher hat im alevitschen Ritus der religiöse Text keine sehr hohe Bedeutung. Der religiöse Ritus der AlevitInnen ist wie bereits erwähnt, das Cem-Ritus: Die Hauptbestandteile des Cem-Zeremoniells sind die Tänze, die Semah genannt werden und die religiösen Hymnen, die Nefes oder Beyit genannt werden. Diese werden begleitet von dem traditionellen Instrument Saz. Während des Ritus wird nicht aus religiös-liturgischen Texten vorgelesen, sondern die alten Hymnen mündlich tradiert. Daher spielen Texte während der Religionsausübung keine besondere Rolle. Es gibt aber auch religiöse Texte, die in Türkisch bzw. Osmanisch verfasst sind.  In ihnen werden die Philosophie des Alevitentum oder historische Mythen über die Prophetenfamilie, insbesondere über den Prophetenenkel Hüseyin, aufgeführt.

 Welche Beziehung haben die AlevitInnen zu anderen Religionsgemeinschaften? Wie sieht ihr Verhältnis zu den sunnitischen Muslimen in Deutschland?

Das Verhältnis zu anderen Religionsgemeinschaften ist sehr offen. In der Regel sind AlevitInnen auch offen zu sunnitischen Muslimen und möchten gerne mit den Vorurteilen, die es im türkisch-sunnitischen Islam gegenüber den AlevitInnen gibt, aufräumen. Doch diese generelle Offenheit kann sich je nach Erfahrung des Einzelnen ändern. Auf der institutionellen Ebene ist der Austausch allerdings noch sehr gering. Wichtig ist, dass man in Deutschland im Rahmen des interreligiösen Dialogs auch stärker den innerreligiösen Dialog forciert.

Aber viele Vorurteile, die zwischen den einzelnen Religionsgruppen herrschen, gibt es auch im Nahen Osten und der Türkei – den Herkunftsregionen der AlevitInnen. Im schiitisch-sunnitischen Konflikt im Irak sehen wir z.B., dass es da durchaus große historische Differenzen gibt und diese heute in den Kulturen immer noch in Form von Vorurteilen präsent sind. Dies gilt auch für Aleviten und Sunniten und über das Alevitentum. Hier bedingen sich manche Vorurteile gegenseitig, wo es keinen Sinn macht zu fragen, wo die Quelle liegt. In einer offenen und modernen Gesellschaft dürfen Begegnungen nicht gescheut werden - auch eben jene zwischen Aleviten und Sunniten nicht. Die Begegnung auf gleicher Augenhöhe ist auch hier wichtig. Es gibt z.B. viele sunnitisch-alevitische Ehen in Deutschland, die ein offeneres Miteinander ermöglichen.

 Seit wenigen Jahren wird an Berliner Grundschulen alevitischer Religionsunterricht angeboten. Dem voraus ging die Anerkennung des Kulturzentrums Anatolischer Aleviten durch den Berliner Senat als Religionsgemeinschaft. Gibt es über dieses föderale Beispiel hinaus Bestrebungen von Seiten der alevitischen Gemeinde in Deutschland als öffentliche Körperschaft anerkannt zu werden?
 
Die alevitische Gemeinde verfolgt das Ziel, das in der gesamten Bundesrepublik alevitischer Religionsunterricht in den Schulen vermittelt wird. Zurzeit arbeitet die Alevitische Gemeinde Deutschland gemeinsam mit den fünf Bundesländern (Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg Bayern, Hessen und Niedersachsen) an einem Pilotprojekt zum Thema „alevitischer Religionsunterricht“, mit dem Ziel an den Schulen alevitischen Religionsunterricht anbieten zu können. Die Anerkennung als öffentliche Körperschaft ist ebenfalls ein Ziel, das parallel dazu forciert und langfristig beabsichtigt wird.

 Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland (AABF) ist Mitglied der Islamkonferenz. Sie sind seit April 2008 Abgeordnete der Grünen im hessischen Landtag. Doch wie sieht abgesehen davon die zivilgesellschaftliche Partizipation und öffentlicher Präsenz von AlevitInnen aus? Sind die AlevitInnen angemessen vertreten?

In der alevitischen Gemeide findet zurzeit ein Generationenwechsel statt. Bisher waren wir nicht in der deutschen Öffentlichkeit präsent. Das liegt sowohl teilweise an der unzureichenden Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinden, als auch teilweise am mangelnden Interesse der Öffentlichkeit. Dies ändert sich immer mehr – auch weil die jüngere Generation sich in Deutschland besser auskennt als in der Türkei oder zumindest in beiden Öffentlichkeiten zu Recht kommt. Daher werden sich die Arbeit und der Anspruch ändern, die Forderungen nach angemessener Präsenz auch steigen. Es ist eine Entwicklung an der alle aktiv teilhaben sollten, weil alle davon gleichermaßen profitieren werden.

 Wie stellen Sie sich die Zukunft alevitischen Lebens in Deutschland vor?

Die AlevitInnen betrachten sich als einen festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Viele sind deutsche StaatsbürgerInnen und fühlen sich hier wohl. Es gibt viele bi-kulturelle Ehen in denen die Kinder in beiden Kulturen erzogen werden. In der Zukunft möchten die AlevitInnen gerne, dass in den Schulen die alevitische Kindern das Alevitentum vermittelt bekommen. Ansonsten wird der Verlust der Kultur und der religiösen Riten befürchtet. Die politische Partizipation betrachten AlevitInnen als einen wichtigen Schritt in der Integration und wollen weiterhin an der Entwicklung der Gesellschaft mitwirken.

Die Fragen stellte Ulf Plessentin.

 

Mürvet Öztürk ist Islamwissenschaftlerin, Vorsitzende des Bundes der Alevitischen Frauen sowie Mitglied der Muslimischen Akademie in Deutschland. Seit April 2008 ist sie Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen im Hessischen Landtag.  

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