Den Frauen den Rücken stärken

Urheber: Garry Knight . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

Interview mit Ayten Kilicarslan

Frau Kilicarslan, sind Frauen, die zu Ihnen in die Beratung kommen, von Gewalt in der Familie betroffen?
Wie alle anderen Frauen, sind auch unter unseren Klienten Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. In meine Beratung kommen muslimische und nichtmuslimische Frauen aus verschiedenen Ethnien und Kulturen. Überwiegend besuchen allerdings muslimische Frauen unsere Einrichtung. Immer wieder stelle ich fest, dass der Bedarf für Schutz- und Therapieeinrichtungen nicht gedeckt ist. Es besteht dringender Bedarf für ein muslimisches Frauenhaus, um den Frauen ihren Bedürfnissen und gewohnten Lebensverhältnissen entsprechend Schutz zu gewähren. Dazu müssen geeignete Konzepte erarbeitet werden. In einem Frauenhaus sollten Betroffene nicht nur Schutz, sondern auch Halt und Therapie erfahren können. Kindgerechte Rahmen müssen geschaffen werden. Gleichzeitig fehlen Familientherapien, die auch die Männer einbeziehen. Gewöhnlich gehen Frauen nach kurzer Zeit ins eigene Heim zurück, wo sie oft erneut Gewalt ausgesetzt sind. Bei Migrantinnen ist es häufiger der Fall. Doch wenn sie schon zurückkehren, sollten sie eine verbesserte Situation vorfinden. Dies wird bisher aber nur selten durch Angebote unterstützt.

Wie kann man gegen diese Phänomene angehen?
Ich arbeite mit den Müttern nach dem Konzept des Kinderschutzbundes „Starke Eltern-Starke Kinder“. Dabei stelle ich oft fest, dass Zugewanderte zusätzlich zu Generationskonflikten mit migrationspezifischen Problemen zu kämpfen haben. Unterschiedliche Erfahrungs- und Normenwelten prallen aufeinander: die der Mütter, die sie aus ihrer eigenen Erziehung mitbringen, die des deutschen Umfeldes und der Schule und die der Kinder, die eigene Vorstellungen haben und ihren eigenen Weg suchen. Schließlich sind auch die Väter, häufig nicht so reflektiert, wie ihre Frauen. Bei der Beratung gibt es meist Kommunikationsprobleme. Männer, Frauen und Kinder sprechen unterschiedliche Sprachen. Oft ist Gewalt das Ventil um aus der Drucksituation heraus zu kommen. Deshalb müssen andere Strategien eingeübt werden, um Gewalt zu vermeiden. Eine Frau berichtete mir, sie habe in der Familie viel mehr Auseinandersetzungen, seitdem sie nicht mehr alles schluckt und mehr diskutieren möchte. Ihr Mann kann mit dieser Situation nicht umgehen. Konflikte können Menschen hemmen, aber auch weiterbringen. Auch Kinder haben in der Außenwelt ständig Konflikte, die sie meistern müssen. Familienmitglieder müssen deshalb lernen, ab und zu „nein“ zu sagen und dies umgekehrt auch zu respektieren. Über Konflikte zu schweigen, trägt nicht zu deren Lösung bei. Nur so kann auch die Spitze der Gewalt, die Zwangsheirat, bekämpft werden. Aber dies ist ein langwieriger Prozess.

Was unternehmen muslimische Organisationen, um Gewalt gegen Frauen zu begegnen?
Leider nicht sehr viel. Von Zeit zu Zeit wird das Thema Gewalt bei Freitagspredigten angesprochen. Aber das reicht nicht aus. Frauen haben im Islam eine höhere Stellung, als unseren Mitmenschen bewusst ist. Diese Selbstverständlichkeit darf uns jedoch nicht untätig bleiben lassen. Wir haben in Deutschland ein Problem. Das müssen wir anerkennen. Von den eigenen Familien ausgehend, dürfen wir nicht die Gewalt in anderen Familien übersehen. Genauso wenig sollten wir aufgrund dieses Problems die Welt grau sehen und verallgemeinern.

Welche Initiativen würden Sie sich von islamischen Verbänden wünschen?
Innerhalb der muslimischen Verbände sollte Aufklärungsarbeit über die Tatsache der Existenz von Gewalt gestartet werden. Durch die öffentliche Diskussion werden die Männer, die die Verbände gegründet haben und nach außen vertreten, sensibilisiert. Sie haben allerdings das Gefühl, dass sie das Problem als ein speziell muslimisches Problem anerkennen würden, wenn sie es stärker thematisieren. Dafür gibt es auch reichlich Gründe, die in erster Linie in der Qualität der bisherigen Debatte begründet sind. Bisher haben die Verbände jedoch, wenn auch noch ungenügend, das Thema angenommen. Es sollte weiterhin verstärkt als relevantes Thema gesehen und noch besser bearbeitet werden. Dafür ist ein Bewusstseinwandel nötig, der nicht zuletzt dazu führen sollte, dass Frauen in den Vorständen und anderen Entscheidungsgremien in die konzeptionelle Arbeit einbezogen werden.

Gibt es denn genügend Frauen in Entscheidungspositionen muslimischer Vereine und Verbände?
Bisher gibt es nur wenige Frauen in Entscheidungspositionen. Es müssen mehr werden. Dazu müssen sich mehr Frauen für die Arbeit in solchen Funktionen bereit erklären und stark machen. Aber auch an den Strukturen muss sich etwas ändern. Die Frauenquoten finde ich nur für den Anfang hilfreich. Ich werde hier keinen falschen Stolz zeigen, denn kein Mann wird seinen Platz freiwillig räumen. Wenn Frauen sich stärker engagieren, werden sie die angesprochenen Themen auch selbst ohne Angst vor Diskriminierung in eigenen Reihen angehen können. Hier möchte ich an die Öffentlichkeit appellieren, uns den Rücken zu stärken. Dazu darf die Diskussion nicht stigmatisiert werden. Sie muss ohne Religions- oder Ethnienbezug geführt werden. Ich wünsche mir eine Diskussion, die an Lösungen orientiert ist, die Linderung von Notsituationen anstrebt und die nicht Feindbilder oder die Ausgrenzung von Muslimen fördert.

Was muss geschehen, um Zwangsheiraten wirksam zu bekämpfen?
Ich möchte Ihnen einen Fall aus meiner Tätigkeit als Beispiel nennen: A. war verlobt und ist am Tag ihres Hennaabends verschwunden. Angeblich wollte sie die Verlobung und es gab keinen Zwang durch die Familie. Die Familie verstand das plötzliche Verschwinden von A nicht und suchte sie. In Abwesenheit der jungen Frau tagte der Rat der Älteren in der Türkei und beschloss, dass sie den für sie bestimmten jungen Mann heiraten müsse. Wenn sie innerhalb einer Frist nicht zurückkäme, um ihn zu heiraten, müsse die jüngere Schwester ihn heiraten. Wenn diese auch nicht wolle, würde die jüngste, erst 13 Jahre alte Schwester, seine Frau werden müssen. Allen Beteiligten war klar, dass A’s. Verhalten zu ihrer Ermordung führen könnte.

In diesem Fall wurde die Situation angeblich dadurch erschwert, dass A vor der Verlobung in die Heirat eingewilligt hatte. Anfangs war das Paar tatsächlich verliebt und hatte im Urlaub viel Zeit gemeinsam verbracht. Dass die Braut plötzlich nicht mehr heiraten wollte, verstand niemand und es wurde auch nicht akzeptiert. Der Junge war froh, als er vom Verschwinden der Braut hörte, und ließ mitteilen, dass er auch nicht heiraten möchte. Aber die Älteren akzeptierten dies nicht und wollten beide zur Heirat zwingen. Dem Bruder der Braut in der Türkei wurde damit gedroht, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Er sagte zwar, er könne in eine andere Stadt ziehen, seine Schwester solle nicht heiraten, wenn sie nicht wolle. Als A nach mehreren Monaten zurückkehrte, sollte die Hochzeitsfeier ihrer jüngeren Schwester stattfinden, die die Heirat akzeptiert hatte, um die jüngste Schwester zu schützen. Die Schwestern hatten Angst. Die Idee, zu dritt unterzutauchen, verwarfen sie, denn sie wussten, was ihnen passieren könnte. Eine Anzeige war zwecklos. Weil sie die Ermordung anderer Familienmitglieder in der Türkei oder in Deutschland fürchteten, traute sich keine auszusagen.

Das Hauptproblem ist hier die Macht der Aşiret, deren Entscheidungen in der Regel unveränderbar sind. Nicht einmal die Staatsorgane können sie anfechten, denn bevor etwas geschieht, können sie kaum eingreifen. Wenn es zur Straftat kommt, sind die Ausführenden meist unmündige jüngere Familienmitglieder.
Bei möglichen Vermittlungsgesprächen würde der Rat, nach Aussage von Betroffenen, zwar einlenken, abschließend jedoch zu seiner Haltung zurückkehren. Weder der Staat noch die Imame können die Entscheidungen der Ältesten beeinflussen. Betroffene haben das Gefühl, dass die Mitglieder der Sippe sie in jedem Land oder in jeder Stadt früher oder später finden und sich rächen werden. Ein absoluter Polizeischutz besteht zurzeit in keinem Land.

Darüber hinaus gibt es auch in den wenig gebildeten Familien ohne den Zwang einer Sippe das Phänomen der Zwangsheirat. Die Gründe sind in solchen Familien meist wirtschaftlicher Natur. Ein anderes Beispiel ist, z.B. dass Jugendliche ohne die Legitimation einer Verlobung etc. zusammen gesehen werden. Dann werden sie von der Familie gezwungen, zu heiraten, auch wenn sie gar kein Paar sind oder werden wollen. Hier geht es in erster Linie um die Wahrung der Familienehre. All die Beispiele, die ich aufgeführt habe, haben mit dem niedrigen Bildungsstand der Eltern und Verwandten zu tun. Sie sind nicht stark und in der Lage dem sozialen Druck, der von der Verwandtschaft oder einem anderen sozialen Gefüge kommt, stand zu halten. Daher sehe ich Bildung und Stärkung der Frauen als ein wirksames Mittel. Wir müssen insbesondere die Jugendlichen und die Mütter stärken, ihre eigene Position zu haben und diese zu verteidigen. Die Politik muss aber dies auch möglich machen. Es ist zum Beispiel nicht hilfreich, wenn die Gewalttäter nach einer polizeiliche Anzeige nicht schnellstmöglich intensiv angehört werden können.

Die SozialarbeiterInnen sollten interkulturell geöffnet und die Moscheegemeinden in die Arbeit stärker einbezogen werden. Manchmal können dritte Personen, wie ältere Verwandte, ein Imam oder eine andere angesehene Person den Konflikt mitlösen. Diese Erfahrung habe ich bei meiner Beratung gemacht. In der Sozialarbeit müssen dafür passende Lösungen gefunden werden. Dazu müssen wir wissen, aus welchen Familien die Betroffenen stammen und welche Personen aus deren Umgebung sich für eine Konfliktlösung einsetzen könnten, bzw. von wem die Familien beeinflussbar waren.

Kann eine öffentliche Diskussion diese Praxis verhindern?
Wir sollen vorerst überlegen, was wir von der Debatte über Zwangsheirat erwarten. Sie sollte meiner Meinung nach erst einmal eine Diskussion innerhalb der Kreise auslösen, die Zwangsverheiratung befürworten. Sie sollte zweitens die Muslime, bei denen es dieses Problem auch gibt, innerhalb ihrer Kreise mobilisieren, sich dagegen zu wehren. Sie sollte drittens die Politik dazu bewegen, wirkungsvoll rechtliche und institutionelle Veränderungen in die Wege zu leiten. Es sollen z.B. zusätzliche Frauenhäuser mit neuen Konzepten und mehr Schutz gegründet und getragen werden. Frauen sollten die Möglichkeit haben unterzutauchen, ohne ihr öffentliches Leben aufgeben zu müssen. Die potentielle Gewalttäter müssen durch Veränderungen im Strafrecht wirkungsvoller als bisher abgeschreckt werden. Projekte, die dieses Klientel tatsächlich erreicht, sollten gefördert werden und die Sozialarbeit in Moscheegemeinden auf- und ausgebaut werden. Schließlich sollte die Debatte die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren, so dass die Opfer besser geschützt werden und präventive Maßnahmen getroffen werden können.

Was ist bisher geschehen? Was die Problemlösung angeht, nichts! Die öffentliche Diskussion hat auch kein Umdenken an der Basis ausgelöst, sondern vorhandene Stereotype und die Islamskepsis verstärkt. Sie hat zur Schaffung eines neuen Feindbildes beigetragen. Nicht zuletzt hat sie die Männer durch Pauschalisierung in eine Abwehrhaltung gebracht. Statt eines Denkprozesses löste die Debatte eine Machtdiskussion aus. Wer ist besser als andere, wer ist fortschrittlicher als andere, wer ist gewalttätiger als andere ... Neben diesen Folgen hat sie eine Verschärfung des Zuwanderungsgesetzes in Bezug auf die Familienzusammenführung gebracht.

Mit der Änderung des Zuwanderungsgesetzes wurde die Einführung restriktiver Bestimmungen wie die Heraufsetzung des Alters für den Nachzug von Ehegatten damit begründet, dass so Zwangsheiraten begegnet werden könnte. Halten Sie diese Maßnahme für wirkungsvoll?
Nein, die Anhebung des Mindestalters für den Familiennachzug auf 18 Jahre schafft die Basis für eine neue Willkür. Sie geht davon aus, alle unter 18 Jahren werden zwangsverheiratet. Ist es aber tatsächlich so? Ich frage mich, was es für einen Sinn macht, die Familienangehörigen beim Visumantrag zu befragen, wie sie sich kennen gelernt haben. Wer soll denn entscheiden können, ob sie gezwungen wurden zu heiraten, oder die Ehe arrangiert wurde? Viele meinen ja, eine arrangierte Ehe wäre gleichzusetzen mit einer Zwangsheirat. Das ist falsch. Politiker, die gegen arrangierte Ehen sind, gehen hier meines Erachtens zu weit.
Eine zwangsverheiratete Frau soll zukünftig kein Visum bekommen. Für einige Betroffene, von denen wir nicht wissen, wie viel Prozent es sind, wird ein Gesetz verabschiedet, das viele treffen wird. Und schlimmer noch, welche Auswirkungen das Gesetz letztlich haben wird, ist unsicher. Im Ernstfall, wenn die Antragstellerin eines Visums tatsächlich zur Heirat gezwungen wurde und dies im Antragsverfahren Preis gibt, könnte dies ihr soziales oder gar physisches Ende bedeuten. Wie will man dies verhindern oder gar verantworten?

Welche Maßnahmen gegen häusliche Gewalt und für den Schutz der Betroffenen sind möglich und nötig?
Die Mädchen müssen von Kindheit an lernen, „nein“ sagen zu können. Das wäre der erste Schritt. Weiterhin müssen Kampagnen geführt werden. Es genügen keine Plakataktionen, die in Vereinen verschwinden oder nur diejenigen ereichen, die sowieso sensibilisiert sind und die deutsche Bevölkerung. Religion sollte bei solchen Kampagnen eine positive Rolle spielen. Dann können wir religiöse Instanzen in diese Kampagnen positiv einbinden und von ihrer Respektfunktion profitieren. In Moscheegemeinden sollten Familienkommunikationsseminare angeboten werden. Dies können die Gemeinden jedoch personell nicht ohne Unterstützung leisten. Wir brauchen professionell ausgebildete Personen und vor allem entsprechende Finanzmittel. Moscheegemeinden müssten Sozialarbeiterinnen einstellen, die professionelle Beratungs- und Vermittlungsarbeit leisten können. Das wären die ersten Schritte. Und natürlich ist jede Menge Aufklärungsarbeit für die gesamte Gesellschaft erforderlich. Angefangen werden muss in der Schule, denn dort können wir die Jugendlichen am besten erreichen.

In Ihrer Beratung versuchen Sie betroffenen Frauen zu helfen. Welche Unterstützung erhält das Beratungszentrum dafür von staatlicher Seite?
Die Ausländersozialberatung wurde ab dem 1.1.2005 abgeschafft. Einige der Beratungsstellen, die nicht geschlossen wurden, sind jetzt nur noch für Neuzuwanderer zuständig. Die sog. Bestandsausländer, vor allem die Frauen, die Unterstützung brauchen, sind somit auf der Strecke geblieben. In vielen Kleinstädten gibt es seitdem kaum Beratungsmöglichkeiten. In NRW z.B. wurden die früheren Zentren zu Integrationsagenturen umgewandelt, die miteinander vernetzt werden, aber keine Einzelberatungen mehr machen dürfen. Das ist ein großer Missstand.
Migrationserstberatung wird aus Mitteln des Bundesinnenministeriums über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanziert. Aus den Mitteln der ARGE finanzieren wir im BFmF e.V. seit ungefähr zwei Jahren, als Einzelfallabrechnungen Arbeitslosengeld II Beratungen, die überwiegend von Frauen in Anspruch genommen werden. Dem ALG II kommt, bei durch eine Gewaltsituation begründeten Trennung, eine besondere Bedeutung zu. Es ermöglicht finanzielle Unabhängigkeit. Wir bieten außerdem psychologische Beratung an, die sehr gut angenommen wird. Das Zentrum finanziert sie aus eigenen Mitteln. Wie lange dies noch möglich sein wird, ist derzeit unklar, aber es besteht ein großer Bedarf. Die pädagogische Beratung erfolgt im Rahmen unserer Bildungswerke, in denen wir versuchen, ganzheitlich den Bedarf abzudecken. Wir haben die Anerkennung als Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle beantragt. Die Frauen haben teilweise enorme Schulden. Wir brauchen dringend eine Finanzierung für Familien- und Eheberatung. Die Familie ist eine wichtige Institution und sollte gestärkt werden, nicht nur auf Kosten der Frauen.

Sie hatten Zwangsheirat und arrangierte Ehe differenziert. Was bedeutet Zwangsheirat und was ist eine arrangierte Ehe?
Wenn eine oder beide Personen gezwungen werden, mit der Person, die sie nicht heiraten wollen, eine Ehe zu schließen, kurz gesagt; wenn eine Ehe ohne das Einverständnis beider Personen geschlossen wird, ist es eine Zwangsheirat.
Es gibt eine sehr klare Grenze zwischen Zwangsheirat und arrangierter Ehe. Bei arrangierten Ehen werden beide Personen gefragt, ob sie heiraten wollen. Das Ganze funktioniert wie bei einer Heiratsvermittlung, aber es kein Geschäft, sondern nur gute Absicht des Vermittlers. Bekannte, Verwandte, Freunde versuchen, bei der Suche nach einem potenziellen Heiratskandidaten zu helfen. Dabei spielen das Aussehen, der Typ, der Geschmack, die Lebensvorstellungen der Heiratswilligen, der Bildungsstand, der Status der Familie, das Alter, der Charakter und die Interessen eine wichtige Rolle. Wenn möglichst viele dieser Punkte zusammenpassen, wird nach Einwilligung der beiden Heiratskandidaten ein Treffen organisiert. Wenn es beim ersten Treffen nicht zu einem „nein“ kommt, folgen mehrere Treffen zum besseren Kennenlernen. Erst bei gegenseitiger Zuneigung folgt eine Entscheidung. Zunächst findet möglicherweise eine Verlobung statt, später die Hochzeit. Während der Verlobung können normalerweise beide Personen die Hochzeit absagen. In manchen Fällen ist es jedoch nicht so einfach, eine Verlobung zu lösen. Nur dann kann von eine Zwangsheirat die Rede sein.

Was hat die öffentliche Diskussion über häusliche Gewalt und Zwangsheirat in Bezug auf Musliminnen bisher bewirkt?
Gewalt ist ein sehr verbreitetes Fehlverhalten. Gewalt kann psychisch, physisch oder verbal in Erscheinung treten. Gewalt hat je nach Empfindungen der Betroffenen und Mentalität der Gesellschaft eine relative Bedeutung. Aber wenn wir von Zwangsheirat sprechen, sprechen wir von einem Höchstmaß an Gewalt. Zwangsheirat ist nicht relativ, sondern eindeutig. Zwangsheirat bedeutet Vergewaltigung auf Lebenszeit. Beide Themen sollten daher getrennt voneinander diskutiert werden. Andernfalls wird die Zwangsheirat relativiert.
Dass insbesondere die Zwangsheirat eher in den muslimischen Gesellschaften vorkommt, stimmt aber nicht. In den Gesellschaften, wo eine starke Kontrolle über einen Clan (Aşiret) herrscht, wie in Sizilien oder in der Südosttürkei, wobei dies durch Binnenwanderung nicht auf den Südosten begrenzt ist, ist die Zwangsheirat genauso vorzufinden. Die Situation, dass ein Clan über die Menschen herrscht und Entscheidungen über das Leben treffen darf, ist nicht leicht veränderbar. Es spielen mehrere Faktoren dabei eine Rolle. Die Gefahr bei denen, die einem Aşiret angehören, ist größer, weil Entscheidungen von einem Rat getroffen werden, der hauptsächlich aus älteren Männern besteht. Diese Entscheidungen sind nicht anfechtbar. Zum Beispiel in der Türkei konnte dieses Problem trotz weit reichender Bemühungen von Staat und Öffentlichkeit immer noch nicht gelöst werden.

Worin liegen die Gründe für solche Zwangsheiraten?
Wenn wir von aus der Türkei stammenden Menschen sprechen, dies alles sind Traditionen, die nicht mit der muslimischen oder türkischen Identität erklärt werden. Der Staat kann, wie erwähnt, leider bei den Mitgliedern der Aşiret nicht viel bewirken. In Rechtsstaaten wie in der Türkei oder Deutschland gibt es kaum Möglichkeiten, die Betroffenen von einem Urteil der Aşiret ganz zu schützen. Der Rat der Älteren müsste in solchen Fällen wirkungslos gemacht werden. Doch welcher Rechtsstaat hat denn, selbst wenn die Gefahr groß ist, die Möglichkeit, eine Sippe in ihre Funktion ganz auszuschalten? Das zeigt uns, wir brauchen keine wenig hilfreichen Pauschallösungen, sondern ganzheitliche, intensive Arbeit. Wir brauchen starke –gestärkte Frauen und Familien.

Das Interview führte Riem Spielhaus im Mai 2007.

 

 

Ayten Kilicarslan ist Migrationserstberaterin des Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen (BFmF e.V.) in Köln. Seit Frühjahr 2007 ist sie im Vorstand des islamischen Dachverbands DITIB und vertrat die Organisation in der Islamkonferenz.

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.