Konsumkompetenzen stärken! Konsum- und Suchtverhalten junger Menschen mit Migrationshintergrund und Präventionstrategien

Konsumkompetenzen stärken! Konsum- und Suchtverhalten junger Menschen mit Migrationshintergrund und Präventionstrategien

von Rüdiger Schmolke

Zusammenfassung

Das Konsumverhalten und die hierauf bezogen „mitgebrachten“ Traditionen und Lebensweisen von MigrantInnen unterscheiden sich nicht in allen Belangen, jedoch teilweise erheblich von Menschen in Deutschland ohne Migrationshintergrund. In den unter spezifischen Gruppen von MigrantInnen vorherrschenden Konsummustern lassen sich sowohl gesundheitsfördernde Ressourcen wie auch Risikofaktoren zur Entwicklung von Suchtverhalten ausmachen.

Suchtprävention und  beratung haben sich in den vergangenen Jahren deutlich zunehmend, doch noch immer auf insgesamt nur geringem Niveau damit beschäftigt, wie sie MigrantInnen adäquatere Angebote machen können, die helfen, die gesundheitlichen und sozialen Folgen der Entwicklung von Abhängigkeit und Sucht einzudämmen. Den meisten Präventions  und Beratungsstellen fehlen jedoch auch heute die notwendigen interkulturellen Kompetenzen und Strukturen. Daneben bleibt meist unklar, mit welchen inhaltlichen Strategien gearbeitet werden soll.

Der Beitrag arbeitet einige grundlegende Bedingungen und Strategien für die Stärkung  abstinenten Verhaltens sowie der Unterstützung beim Erlernen eines individuellen Risikomanagements heraus. Bei der Darstellung von Substanzkonsum durch Menschen mit Migrationshintergrund beschränkt er sich im Wesentlichen auf Kinder und Jugendliche aus den GUS-Staaten sowie aus muslimisch geprägten Ländern.

MigrantInnen konsumieren anders

Der Konsum von psychoaktiven Substanzen (in diesem Beitrag sind damit vor allem Tabak, Alkohol und illegale Drogen gemeint) unterscheidet sich vor allem bei Menschen mit „beidseitigem“ Migrationshintergrund aus Staaten außerhalb Westeuropas und Nordamerikas (d. h. beide Eltern sind aus anderen Staaten zugewandert) teilweise stark von dem, was in Deutschland tradiert und „Trend“ ist.

Einen guten und aktuellen Einblick in das Konsumverhalten junger Menschen – auf die sich im Rahmen dieses Beitrags wegen seiner Bedeutung für die Frage nach notwendigen Präventionsstrategien vorrangig konzentriert werden soll – bieten die Ergebnisse der ersten Erhebungen im Rahmen des Kinder  und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS 2008) die hier auszugsweise herangezogen werden.

Demnach rauchen beispielsweise Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund deutlich weniger als diejenigen ohne: Insgesamt sind es bei den 11- bis 17-Jährigen etwa 16 gegenüber 21 Prozent. Bei denjenigen, die regelmäßig mindestens einmal in der Woche rauchen, sind es 13 gegenüber 17 Prozent. „Einseitige“ Jugendliche (die nur ein zugewandertes Elternteil haben) rauchen hingegen ähnlich wie diejenigen ohne Migrationshintergrund. Diese Unterschiede sind nur teilweise durch soziale Faktoren zu erklären, d. h. dass auch kulturspezifische Orientierungen zu Buche schlagen.

Wichtig ist jedoch, weitere Faktoren im Blick zu behalten: In Bezug auf das Rauchen schlagen bei den MigrantInnen geschlechtsspezifische Unterschiede deutlich höher zu Buche: Für die im Vergleich geringeren Raucherzahlen sind allein die Mädchen verantwortlich, die insgesamt deutlich weniger rauchen, während die Rate bei den Jungen mit kaum von denen ohne Migrationshintergrund abweicht.

Zielt man jedoch darauf, geeignete Präventionsstrategien zu entwickeln und die Hilfsangebote für KonsumentInnen zu verbessern, sind solche verallgemeinernden Aussagen weitgehend nichtssagend, sagen sie doch nichts über die einzelnen Gruppen von MigrantInnen aus, die wir zumindest grob nach dem Kulturraum unterscheiden müssen. In einer feineren Analyse ließ sich beispielsweise nachweisen, dass Jungen aus den GUS-Staaten und Mädchen aus den Balkanländern eine besonders hohe Raucherinnenrate aufweisen (letztere liegen damit voll „im Trend“ ihrer „deutschen“ Altersgenossinnen).

Nicht überraschend trinken „beidseitig“ muslimische Jugendliche beiderlei Geschlechts auch deutlich weniger regelmäßig (d. h. mindestens einmal in der Woche) Alkohol: Im Schnitt sind es von ihnen gerade einmal sechs Prozent der 11- bis 17-Jährigen, während es bei den Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund 41 Prozent und bei den „Einseitigen“ etwa ein Drittel sind. Nicht so bekannt dürfte hingegen der Befund sein, dass auch nichtmuslimische MigrantInnen-Gruppen in aller Regel niedrigere Alkoholkonsumraten aufweisen als Kinder und Jugendliche in Deutschland ohne Migrationshintergrund. Dabei weicht das Konsumverhalten von Jugendlichen aus den GUS-Staaten, den USA und Kanada sowie aus Westeuropa von denen denen ohne oder mit „einseitigem“ Migrationshintergrund kaum ab. Doch schon Jugendliche mit Eltern aus Polen oder Mittel  und Südeuropa trinken signifikant weniger als ihre deutschen Altersgenossen.

Ohne auf den regelmäßigen Konsum illegaler Substanzen im Einzelnen eingehen zu können (das Zahlenmaterial ist dürftig, die Verbreitungszahlen unter Kindern und Jugendlichen relativ gering), sei hier zusammenfassend wiedergegeben, dass sich auch in Bezug auf Cannabis und synthetische Stoffe ein ähnliches Bild wie beim Tabakkonsum zu ergeben scheint: Insgesamt konsumieren junge Menschen mit Migrationshintergrund eher weniger als diejenigen ohne – auch wenn einzelne Gruppen, wie beispielsweise männlichen Migranten aus den GUS-Staaten, sich hier deutlich abheben (Vgl. Bericht der Landeszentrale für Gesundheit in Bayern e.V.)
Und auch dieses Ergebnis ist im Wesentlichen auf bedeutende Geschlechterunterschiede zurückzuführen, denn Mädchen bzw. Frauen aus allen Kulturkreisen konsumieren deutlich weniger illegale Drogen als Jungen und Männer (Vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes).

Im Kontrast zu Kulturtraditionen innerhalb der meisten MigrantInnen-Gruppen, die dem Beginn von Konsum entgegenwirken und daraus folgend insgesamt eher moderatem Substanzkonsum, sehen sich Teile des Suchthilfesystems in Deutschland jedoch gleichzeitig mit einem zunehmenden Hilfebedarf und dramatischen Folgen für Drogenkonsumenten aus bestimmten MigrantInnen-Gruppen konfrontiert. Dieses Phänomen ist im Folgenden genauer zu untersuchen, um den spezifischen Risikofaktoren und Auswirkungen von Konsum und Abhängigkeit auf den Grund zu gehen.

Schaut man auf erhobene Daten und Statistiken, um die Bedarfe der Suchtprävention und  hilfe für MigrantInnen abzuleiten, so bleibt als erstes Ergebnis jedoch festzuhalten: Ihr Migrationshintergrund bringt für die meisten der MigrantInnen in Deutschland bedeutende Ressourcen mit sich, die zu einer großen Zurückhaltung beim Konsumverhalten führen und somit vor einer Entwicklung von riskantem Konsum, Abhängigkeit und Sucht schützen.

MigrantInnen brauchen spezifische Hilfsangebote

Wie also kommt es, dass wir ein teilweise sehr dramatisches Bild vor Augen haben, das den Handlungsdruck beim Thema Migration und Sucht unterstreicht? Die Antwort liegt, wie so oft, in der Differenzierung. Zum einen muss genauer unterschieden werden nach den ethnischen Zugehörigkeiten. So tragen vor allem einige ältere Jugendliche und junge Erwachsenen aus der Gruppe der SpätaussiedlerInnen aus den GUS-Staaten entscheidende Risikofaktoren mit sich: Die hohe Verbreitung von besonders risikoreichen Konsummustern in den Herkunftsländern, eine besonders schlechte sprachliche Integration, eine meist schlechte Lebenssituation vor der Immigration und entsprechend geringe Ausbildungs  und Arbeitschancen in Deutschland.

Im Zusammenspiel mit oft unvorbereitet erlebter Andersartigkeit des Lebens und des Verlusts der sozialen Bindungen in die Herkunftsländer erhält hier Drogenkonsum nicht selten ein sinnstiftende Funktion, indem er dazu führt, das eine intensive Bindung an die „Clique“ der ebenso Betroffenen geschieht. Dies betrifft nicht nur den Konsum illegaler Drogen sondern in ähnlicher Weise auch den von Alkohol – der Umgang mit illegalen Substanzen geht jedoch per se auch mit delinquentem Verhalten einher und führt auch daher besonders schnell in eine gesellschaftliche Position, die die Integration in Deutschland in aller Regel schnell unmöglich macht.

Zum anderen muss auch bei der Bewertung „mitgebrachter“ Risiko  und Schutzfaktoren genauer betrachtet werden: So bringt ein Aufwachsen mit muslimischem Migrationshintergrund offenbar tatsächlich die gesundheitsfördernde Ressource mit, ein ablehnendes oder kritisch-reflektierteres Bild gegenüber dem Alkoholkonsum zu vertreten, als es sonst in Deutschland üblich ist. Gleiches gilt für die meisten Gruppen von Mädchen mit Migrationshintergrund in Bezug auf das Rauchen und bei generell den meisten MigrantInnen gegenüber illegalen Drogen.

Gleichermaßen folgt jedoch hieraus auch ein Problem: Wenn junge muslimische Frauen (doch) rauchen, Alkohol trinken oder illegale Drogen nehmen, und dies eventuell sogar regelmäßig, stehen ihnen bedeutend weniger Bewältigungsressourcen und  strategien zum Umgang mit diesen Erfahrungen zur Verfügung. Dies fußt teilweise darin, dass ein allgemeines Verständnis von Drogen  oder Alkoholabhängigkeit als Krankheit, wie es sich in Nord  und Mitteleuropa durch die medizinische Sichtweise erst in einem langwierigen Prozess herauskristallisiert hat, in großen anderen Teilen der Welt keineswegs verbreitet ist.

In einigen Untergruppen von MigrantInnen (so aus den GUS-Staaten und Teilen Afrikas, bei denen vor allem das Trinken von Alkohol sehr verbreitet ist) wird die Vorstellung von Substanzabhängigkeit als Zwangshandlung kaum akzeptiert, sondern Kontrollverlust über den Konsum nicht selten als schlichte Willensschwäche abgetan, eine Sichtweise, die oft die Inanspruchnahme von professioneller Hilfe hinauszögert und verhindert.

In durch islamische Einflüsse geprägten Ländern dominiert hingegen oft die Vorstellung von Berauschung durch Alkohol und andere Drogen generell als Sünde und Schande. Dadurch ist aber auch die Kommunikation über eigene Motivationen und begleitende Probleme mit Eltern, Freunden und Bekannten oft stark erschwert. Denn durch die stark pönalisierende Haltung vieler Familien drohen den Betroffenen von Eltern und Bekanntenkreis Sanktionen bis hin zur radikalen Ausgrenzung.

Dies kann nicht nur schwere soziale Folgen nach sich ziehen, sondern versagt gerade jungen Menschen auch die notwendige Unterstützung bei der Reduktion des Konsums oder auf dem Weg zur Abstinenz. Fehlende Auseinandersetzung führt auch dazu, dass das drogenbezogene Wissen der Konsumenten und Strategien zur Minderung des Risikos (zum Beispiel die Grenzen zu riskanten Trinkmengen oder so genannte Safer-Use-Hinweise beim Gebrauch illegaler Substanzen) viel weniger als allgemein verbreitet sind. Dies wiederum bringt die Gefahr der Verdrängung negativer Folgen und Hochrisiko-Verhaltensmuster (wie der frühe Einstieg in intravenösen Konsum und das Teilen von Spritzen) mit sich (INDRO 2006).

Unterstützen die Familienmitglieder (was selbstverständlich ebenso wie bei Familien ohne Migrationshintergrund die Regel ist), so tun sie dies meist unter dem Anspruch, die Probleme innerfamiliär zu lösen, um Ansehen und Ehre zu wahren (Salman 2004). Daher muss gleichzeitig hervorgehoben werden, dass die starke Tradierung in Herkunftsfamilie und Herkunftsland bzw. (je nach Sichtweise) mangelhafte Integration in Deutschland für viele MigrantInnen auch suchtauslösende und  erschwerende Wirkung hat.

Daneben wirkt erschwerend, dass Informationsstellen und Hilfedienste wie Beratungsstellen und Therapieangebote unter MigrantInnen erheblich weniger bekannt sind oder auf Grund der „gefühlten“ Stigmatisierung und aus Angst vor Sanktionen nicht in Anspruch genommen werden. Denn zum einen herrscht bei vielen Gruppen von MigrantInnen Skepsis und wenig Vertrauen in sozialarbeiterische Institutionen, weil eine strikte Trennung von öffentlichen Diensten und Angeboten in freier Trägerschaft in den Herkunftsländern meist nicht existiert und das Bekanntwerden von Drogenkonsum und Abhängigkeit mit der Furcht vor staatlicher Repression verbunden wird. Hilfsangebote stehen daher bei ihnen häufig unter Verdacht, Strafverfolgungsorganen zuzuarbeiten oder selbst Zwangs  und Kontrollmaßnahmen einzuleiten. Diese Angst vor Sanktionen (bis hin zum Verlust des Aufenthaltsrechts durch Bekanntwerden des Drogenkonsums!) erschwert den Zugang von Hilfsangeboten und die offene Kommunikation über Drogenprobleme ganz erheblich (INDRO 2006).

In der Folge kommt es bei vielen MigrantInnen zwar zu einem späteren ersten Kontakt mit Drogen und späteren Beginn regelmäßigen Konsums, aber auch der erste Kontakt mit dem Suchthilfesystem liegt meist erheblich später als bei KonsumentInnen ohne Migrationshintergrund (Haasen 2001). Dies unterstreichen zum Beispiel Zahlen darüber, wie außerordentlich spät muslimische Alkoholkranke in dauerhafte Beratungs  und Behandlungsangebote integriert werden können, aber auch in der überdurchschnittlich hohen Quote von Herointoten speziell unter Aussiedlern aus den GUS-Staaten, die es bei einer Nutzung bereits bestehender Angebote (wie Beratungs- und Substitutionsangebote, Spritzentausch und Drogenkonsumräume) vermutlich nicht geben würde.

Es wäre allerdings verkürzt, den Grund für die unzureichende Nutzung der Drogenhilfeangebote durch MigrantInnen allein auf fehlende Ressourcen und Information zurückzuführen. Vielmehr ist der Hauptgrund für die geringe Nutzung des Drogenhilfeangebots durch MigrantInnen immer noch in der fehlenden Ausrichtung der Angebote auf diese Zielgruppe zu sehen: Noch im Jahr 2002 fanden Boos-Nünning & Otyakmaz in einer breit angelegten Untersuchung (in: Bundesministerium für Gesundheit  2002) lediglich in drei Prozent der befragten Drogenhilfeeinrichtungen spezifische Präventionsprogramme für MigrantInnen. Und auch die Drogen- und Suchtkommission beim Bundesministerium für Gesundheit stellte im gleichen Jahr fest: „An spezifischen Maßnahmen für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund fehlt es [sogar] fast völlig.“

Zwar kann es inzwischen als gelungen angesehen werden, die Akzeptanz in den Einrichtungen dafür deutlich zu erhöhen, dass die Arbeit mit spezifischen Strategen und in spezifischen Projekten mit MigrantInnen Sinn macht. Außerdem sorgten Initiativen auf Bundes  und Landesebene ebenso wie von Stiftungen für eine höhere Sensibilisierung für das Thema sowie die Förderung von Praxisprojekten. Einzelnen Projekten ist es sogar gelungen, Leitlinien und Standards für migrationsspezifische Projekte und Strategien zu entwickeln. Trotzdem fällt es den meisten Einrichtungen der Drogenarbeit schwer, Projekte speziell für (geschweige denn mit) MigrantInnen zu realisieren.

Moderne Suchtprävention und  beratung ist emanzipativ!

Welche Präventions- und Interventionsansätze müssen also künftig angelegt und verfolgt werden, um das Wissen von MigrantInnen über Drogen zu erhöhen, das Verständnis für die Entwicklung von riskanten Konsummustern und Abhängigkeit zu verbessern und Strategien zu vermitteln, die der Risikoreduktion dienen? Welche Strategien machen es betroffenen KonsumentInnen und deren sozialen Bezugspersonen möglich, auf geeignete Unterstützung zurückgreifen zu können?

Für die Beantwortung dieser Fragen müssen wir uns zunächst einiger Grundsätze des Handelns der Suchtprävention und  beratung vergewissern, die sich als effektiv erwiesen haben. Ganz allgemein gilt in der Sucht  und Drogenarbeit: Auch wenn wir in vielerlei Hinsicht noch nicht ganz verstanden haben, welche Faktoren die Gesundheit fördern – eines wissen wir: Wenn Menschen von Gesundheitsförderung profitieren sollen, dann vor allem dadurch, dass sie lernen, für sich selbst Wege zur Bewältigung von Stresssituationen und negativen Stimmungen zu finden – den Krankheitsauslösern Nummer eins.

Allen großen Themenbereichen der Gesundheitsförderung: dem Umgang mit Stress, der Förderung von Bewegung, Sport und gesunder Ernährung, dem Ausleben altersgerechter Sexualität und vielem mehr, dient seit vielen Jahren das Leitprinzip des Empowerment der Orientierung. Individuen oder Gruppen von Menschen zu „empowern“ heißt, ihre eigenen Bedürfnisse und Ressourcen zur Grundlage des Handelns zu machen, sie soweit wie möglich teilhaben zu lassen an den Prozessen in ihrer Umwelt, die Einfluss auf ihre Gesundheit nehmen, und Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit zum Ziel zu machen (Bräunling 2007). 

Allerdings: Das Ziel, Menschen zu möglichst weitgehend selbstverantwortlichen Subjekten zu machen, gilt vielen in Bezug auf den Umgang mit psychoaktiven Substanzen als nur eingeschränkt möglich – die Kreation des noch vor einigen Jahren unbekannten Wortes „Suchtmittel“ zeugt hiervon. Dieses Tabu gilt es aufzubrechen und Drogen – legale wie illegale – als das zu sehen, was sie sind: Katalysatoren für das Beschreiten des engen Pfades zwischen dem Ausleben von Freiheit, Veränderung des Bewusstsein, Spaß und Risiko. Tut man dies, so ergibt sich auch in der Präventionsarbeit ein schmaler Grat zwischen notwendigem Warnen vor Leichtfertigkeit und Entlassen in eigene Verantwortung, zwischen dem Aufzeigen drastischer gesundheitlicher und sozialer Folgen und unvoreingenommener, die unmittelbaren Bedürfnisse möglicher KonsumentInnen anerkennenden Motive.

Jedoch: Zur Strategie, den Menschen ein möglichst hohes Maß an Autonomie und Eigenverantwortlichkeit auch im Umgang mit Drogen zu übertragen, gibt es keine Alternative. Denn allzu lang hat die Drogen  und Suchtarbeit sich von Vertretern eines autoritär-kontrollierenden Ansatzes vereinnahmen lassen, die mit Hilfe überzeichneter und dämonisierender Bilder das Ziel einer weitgehenden Verhinderung von Substanzkonsum vor Grundrechte von KonsumentInnen und Abhängigen setzten und rationale Problemlösungsprozesse außer Kraft setzten (Uhl 2003). Drogenpolitik und Drogenarbeit gaben mit drakonischen Strafmaßnahmen und einer aus einem pathologisch-defizitorientierten Modell des Drogenkonsums gefolgerten Bewahrungspädagogik auf diese Weise lange Zeit ein Spiegelbild dessen, woran es im Bereich der Integrationspolitik maßgeblich auch heute noch krankt. Hauptergebnis hier wie da: Geringe Eigenständigkeit und Selbststeuerung derjenigen, um die es eigentlich geht; und andererseits eine nur geringe Motivation, staatlich geförderte Institutionen als Partner und Ressource anzusehen.

Der manipulativ-repressiven Strategie, die man leider auch heute noch häufig in Anti-Drogen-Kampagnen antrifft, ist aus gesundheitsfördernder Sicht Empowerment entgegenzusetzen. Für neue Strategien der Suchtprävention und  intervention heißt dies die Vermittlung von Kompetenzen für einen möglichst folgen- und gefahrlosen Konsum, und weniger die Verhinderung jeglichen Konsums. Dem Grundsatz „Risikofaktoren schwächen und Schutzfaktoren stärken“ folgend rückt moderne Drogenarbeit dabei die Entwicklung gesundheitsfördernder Ressourcen und Lebenskompetenzen, die Unterstützung gesunder Verhaltensweisen sowie die Vermittlung von Handlungskompetenzen im Umgang mit Konsummitteln in den Mittelpunkt (Uhl, 2003). Dass diese Strategien eine bedeutendere Rolle spielen sollten, verdeutlicht auch die Tatsache, dass das Verhalten der individuellen Freunde in der Peer Group inzwischen eine deutlich entscheidendere Rolle einnimmt, als das Vorbildverhalten der Eltern.

Auch der Empowerment-Ansatz darf natürlich nicht verkennen, dass risikoreiche Konsummuster und die Entwicklung von Missbrauchs- und Abhängigkeitsmustern die Wahrscheinlichkeit schwerwiegender körperlicher und psychosozialer Schädigungen beträchtlich erhöhen. Insofern gilt es, Strategien zu finden, die Kindern ebenso wie Erwachsenen Tipps geben, warum und wie sie am besten jeden Drogenkonsum vermeiden, aber gleichzeitig Offenheit für unbequeme Wahrheiten und konkretes Handwerkszeug zur Risikominimierung für diejenigen bereit stellen, die sich (zeitweise) für Konsum entscheiden oder in Abhängigkeitsprobleme geraten.

Bei aller inhaltlichen Weiterentwicklung darf auch nicht verkannt werden, dass grundlegende strukturelle Bedingungen ursächlich dafür sind, dass MigrantInnen bislang von Suchtprävention und  hilfe nicht genügend erreicht werden. Denn auch wenn es im Zuge der Verbreitung spezifischer Konzepte in den (im Vergleich zur Suchtprävention relativ gut ausgestatteten) Suchtberatungs  und  behandlungsstellen in den letzten Jahren zu einer deutlichen Öffnung des Zugangs zu Angeboten und Verbesserung der Anbindung gekommen ist, fehlt es im Allgemeinen vor allem am fehlenden Fachpersonal mit ausreichenden interkulturellen Kompetenzen. Wichtige Ziele bleiben daher die Förderung von Mehrsprachigkeit in den Einrichtungen, der Ausbau kultureller Kompetenzen, die Etablierung von Dolmetscherdiensten und ähnliches (Vgl. Bericht der Landeszentrale für Gesundheit in Bayern e.V). Wichtigstes Ziel struktureller Veränderungen muss jedoch sein, dass Drogenarbeit aktiv auf MigrantInnen zugeht – vor allem (und sehr viel stärker als bisher) durch niedrigschwellige und aufsuchende Ansätze.

Strategien der Prävention für MigrantInnen: Bedürfnisse von MigrantInnen sind anders!

Was heißt dies nun im Speziellen für die Arbeit mit MigrantInnen? Zur Beantwortung dieser Frage sollten wir wiederum die vorherrschenden kulturellen Bedingungen (in den in Bezug auf Konsum) wichtigsten MigrantInnen-Gruppen einbeziehen, ohne dabei der Gefahr erliegen zu wollen, diese unzulässig zu verallgemeinern.

  • In vielen Familien aus muslimischen Kulturkreisen stößt Alkoholkonsum sowie Tabakkonsum von Mädchen und Frauen auf strikte Ablehnung, dabei spielen auch religiöse Begründungen eine entscheidende Rolle. Dies erhöht den sozialen Druck zur Abstinenz und führt zu geringeren Konsumraten. Diesen Vorteil gilt es in der präventiven Arbeit zu nutzen und, anknüpfend an die kulturellen und religiösen Motive, diejenigen darin zu bestärken, die diese Traditionen bewahren wollen.
  • Umgekehrt kommt es bei den MigrantInnen aus den osteuropäischen Ländern (insbesondere aus der GUS) ebenso wie bei den Mittel  und Nordeuropastämmigen  darauf an, sie beim Hinterfragen ihres meist unkritischen Umgangs mit Alkohol zu unterstützen, die Funktion des Alkohols auf die Demonstration von Rollenbildern zu prüfen usw.
  • Stärker als bislang sollte Suchtprävention und  hilfe dabei trotzdem darauf Wert legen, nicht nur „unspezifisch“ aufzuklären, sondern auch diejenigen, die (evtl. später) Rauchen oder Alkohol trinken (werden), zur aktiven Auseinandersetzung mit den pharmakologischen Wirkungen und Risiken etc. anzuregen.
  • Hier geht es also darum, ein Nebeneinander der Bestärkung ablehnender Haltungen und gleichzeitig die „Drogenkultur“ des jeweiligen Stoffes, seine Geschichte, Gebrauchsweisen und gesellschaftliche Integration (oder ihr gesellschaftlicher Ausschluss) möglichst lebendig zu vermitteln, um die Wissensbasis über Wirkungen und Risiken von Substanzen zu erhöhen.
  • Damit steht Drogenarbeit mit MigrantInnen vor einem Dilemma, einerseits die kulturell tradierten Vorstellungen akzeptieren zu wollen und nicht bevormundend aufzutreten, andererseits aber auch Tabus in den Herkunftsfamilien zu durchbrechen und vereinfachte Denkmuster aufbrechen zu wollen. Dies erfordert vor allem auch den Mut, sich in Diskussionen über Wertvorstellungen (in diesem Fall zunächst: über psychoaktive Subtanzen) einzulassen, die zunächst fremd und vereinfacht erscheinen – eben wie in jeder Integrationsarbeit!

Vielleicht die wichtigste Aufgabe von Suchtprävention und Drogenhilfe wird es aber sein, sich selbst inhaltlich stärker in Richtung eines emanzipativen, bei der Erlangung auf weitgehender Autonomie unterstützenden Ansatzes zu verorten und dabei die Durchsetzung grundlegender vertrauensbildender Standards voranzutreiben.

April 2009

Literatur

Rüdiger Schmolke hat Politikwissenschaften und Public Health studiert. Er war bei verschiedenen Institutionen im Bereich der Gesundheits- förderung, Suchtprävention und Drogenforschung tätig, seit 2007 leitet er die Suchtpräventionsfachstelle „Chill out“.