Rückkehr nach Vietnam

von Nguyen Phuong-Dan und Stefan Canham

 

Wie sieht Deutschland aus, wenn man aus Vietnam kommt? Wie lebt man in Vietnam, wenn man aus Deutschland zurückkehrt? Wenn so viele Vietnames_innen in Deutschland waren und wieder zurückgegangen sind, sollte es nicht möglich sein, sich dem weit entfernten Land über ihre Erzählungen zu nähern? Und könnten uns ihre Erfahrungen nicht auch andererseits Auskunft über uns selbst geben?

Ich bin Sohn vietnamesischer Einwanderer_innen und mir ließen diese Fragen keine Ruhe. Zusammen mit Stefan machte ich mich auf den Weg nach Vietnam. Zwei Monate portraitierten wir zusammen zwischen Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi Zurückgekehrte.
 

Nguyet

Es war Nacht, als wir aufbrachen. Über 300 Kinder wurden damals nach Deutschland geschickt, aus den verschiedensten Regionen Vietnams, aus dem Süden, aus dem Norden, aus den Bergregionen, von überall her. Versammelt haben wir uns alle in Hanoi, von dort aus ging es mit dem Zug über China, die Mongolei, Russland und Polen nach Deutschland. Ich erinnere mich, dass es um die zwanzig Tage gedauert hat, bis wir in Deutschland ankamen. Ich war damals noch ganz klein, erst sechs, sieben Jahre alt.

Als ich in Dresden ankam, da waren in vielen Straßen auf den Mauern Sätze geschrieben wie, Mutter wo bist Du? Oder: Mutter ich suche Dich! Das hat uns ziemlich berührt, wir waren zwar erst in der ersten Klasse, aber solche Sätze konnten wir schon lesen. Zu der Zeit gab es in Dresden auch noch sehr viele Schutthaufen, seit dem Kriegsende 1945 waren ja erst neun Jahre vergangen.
 

Tho

Jeden Tag bin ich um drei Uhr morgens aufgestanden und habe geschrieben, habe Bücher gelesen, Zeitung gelesen, bis sechs Uhr. Dann habe ich mich auf den Weg zum Einkaufen gemacht und danach das Essen vorbereitet. Schon um sieben Uhr war ich draußen unterwegs, um acht war ich am Marktstand, habe Kleidung verkauft, bis spät abends. Um sechs Uhr abends, an machen Tagen erst um zehn, bin ich wieder nach Hause gekommen, dann wurde gekocht, danach bin ich ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen, um drei Uhr, bin ich wieder aufgestanden. Tag für Tag.

Ich hatte lange Zeit nichts mehr geschrieben, aber als ich nach Deutschland kam, hatte ich das Gefühl, wieder anfangen zu müssen.
 

Tue

Genau genommen war der Vertrag für sechs Jahre vorgesehen, aber wegen der politischen Veränderungen konnte ich nur drei Jahre arbeiten. Ich hatte gerade angefangen, mich einzugewöhnen, dann fiel die Mauer. Beide Seiten waren vereinigt, mein Betrieb gehörte auf einmal zu Westdeutschland, sie haben ihn angegliedert. Wenn man weiterhin bleiben wollte, dann in einem kapitalistischen System, man hätte für sich selbst sorgen müssen. Vorher waren wir eine Gemeinschaft, wir haben gemeinsam in einem Betrieb gearbeitet, alles war organisiert. Nun sprachen sie von der unsicheren und schwierigen Situation. Manche sind zurückgegangen, manche sind geblieben, keiner wusste, wie es weitergehen wird.
 

Toan

Ich blieb zu Hause, das Amt untersagte es mir, arbeiten zu gehen. Ich wollte es befolgen, aber nach zwei Jahren blieb die Situation weiterhin unverändert. Eigentlich hatte ich mich fest dazu entschlossen, nicht schwarz arbeiten zu gehen. Ich hatte Angst davor, abgeschoben zu werden. Ich war jemand, der gekommen ist, um Asyl zu beantragen, und wenn man eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen möchte, muss man eben diese Vorschriften befolgen. Später bin ich dennoch arbeiten gegangen. Ich wusste, dass ich gegen die Gesetze verstoße, aber ich hatte keine andere Möglichkeit.

Ich habe in Braunschweig in einem China-Restaurant Geschirr gespült. Der Betreiber hatte Angst, dass die Polizei uns kontrollieren und festnehmen könnte. Er zwang uns, im Restaurant zu übernachten. Ich durfte nirgendwo hin, nur zweimal im Monat durfte ich nach Hause, um mich beim Amt zurückzumelden.

Asylbewerber hatten es sehr schwer, nicht nur der Lohn war sehr niedrig, man wurde beschimpft und behandelt wie Vieh, wie Büffel.
 

Sang

Wir sind einfach Eis essen gegangen, zu der Zeit konnte man nichts anderes machen, die Discos haben uns rausgeschmissen, Fußball konnten die Mädchen nicht spielen, also sind wir Eis essen gegangen oder Pizza. Mit den Jungs habe ich oft Fußball gespielt, oder Playstation. Das war’s schon, wir waren glücklich, wenn wir uns getroffen haben.

Man hat angefangen, Pläne zu machen. In der achten Klasse ging es um Berufsorientierung, man hat sich die Berufswelt, die nach der Realschule kommt, angeschaut. Um entscheiden zu können, was man später machen will. Für mich war es nicht Tag, nicht Nacht, ich war einfach irgendwo in der Mitte. Bleibe ich jetzt in Deutschland, darf ich überhaupt bleiben oder muss ich irgendwann wieder zurück?
 

Hang

Ja, und neben den Kollegen gab es noch eine andere, ältere deutsche Kollegin, ich nannte sie Oma. An freien Tagen hat sie sich sehr um mich gekümmert. Einmal haben wir zwei uns in einem Geschäft angestellt, um ein Bügeleisen zu kaufen und es nach Hause zu schicken. Ich wollte gerne zwei haben, man durfte aber nur eins kaufen. Dann hat sie sich angestellt, und ich habe mich auch angestellt, so konnten wir zwei kaufen.

Ich werde Oma bis zu meinem Tod nie vergessen, all die Bilder, all die Erinnerungen. Ich liebe sie so sehr. Ich habe immer gesagt, Oma, wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann möchte ich mich in einen Vogel verwandeln, damit ich zu dir fliegen kann. Auch wenn ich dich nur für einen kleinen Augenblick sehen könnte, das würde mir schon reichen.
 

Vuong

Als ich zurückkam, waren meine Eltern schon gestorben. Beide tot. Sie sind gestorben während ich in Deutschland war. Mein Leben ist etwas traurig verlaufen. Ich hatte die Hoffnung, dass Michaela nach Vietnam kommen würde, drüben hatte ich Papiere für eine Heiratsgenehmigung beantragt. Wenn aber die Hoffnung verloren gegangen ist, dann gut, dann muss ich mein eigenes Leben in Vietnam weiterführen. Ich werde keine Chance mehr haben, nach Deutschland zu gehen. Ich denke immer an Deutschland, ich habe sehr lange dort gelebt und meine Kinder leben immer noch dort. Ich vermisse sie sehr, ich muss sie wenigstens noch einmal treffen. Der Eine wird ganz sicher früher oder später nach Vietnam kommen. Seine Mutter ist Vietnamesin, früher oder später müsste er doch mal kommen.

Ich hatte nichts bei mir, als ich abgeschoben wurde. Als es zurückging, haben sie mir nur ein paar Dokumente zugesandt, mehr nicht. Ich habe kein Foto von meinem Sohn, kein einziges Bild habe ich von ihm.
 

Binh

Seitdem ich wieder hier bin, merke ich, dass ich mehr Raum für mich brauche, einen Ort für mich allein. Ich möchte, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, erstmal in Ruhe einen Tee trinken, eine Zigarette rauchen und fernsehen. Allein. Deshalb habe ich mir einen Fernseher und einen Sessel nach oben ins Schlafzimmer gestellt. Ich möchte einen Rückzugsort haben. So wie in Deutschland, dort haben sie Schlafzimmer, Wohnzimmer... Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich gerne so wie in Deutschland leben.
 

Theodor

Ich sehe mich selbst als einen Deutschen, der nach Vietnam gegangen ist, um Gutes zu tun. Ich bin tatsächlich kein Vietnamese mehr. Hier lebe ich als Ausländer. Ich fühle mich wie ein Deutscher, ich habe die deutsche Staatsangehörigkeit. Deutschland hat damals unser Leben gerettet, das Leben meiner ganzen Familie. Ich werde versuchen, hier etwas auf die Beine zu stellen. Als ich nach Deutschland ging, habe ich bei Null angefangen, als ich hierher zurückgekommen bin, habe ich wieder bei Null begonnen.
 

Tan

Nach einer Weile habe ich es geschafft, mir eigenständig etwas aufzubauen. Ich habe ziemlich viele Projekte, zum Teil auch in der Forschung, mit angeschoben und realisiert. Ich wurde selbstbewusster, fühlte mich wohler und fand wieder Halt. Die Phase, in der Vietnam sich gerade befindet, gefällt mir sehr. Das Land entwickelt sich, es passiert eine Menge. Ich habe jetzt mehr Chancen. In Deutschland oder anderen, fortschrittlicheren Ländern genießt man zwar eine gewisse Stabilität, aber dadurch ist das Leben auch unbeweglicher. Es brodelt weniger. Wenn ich keine Kinder und Familie hätte, dann würde ich gerne mal für eine Zeit nach Singapur oder Hongkong gehen, um mich selbst auf die Probe zu stellen und auch um zu sehen, wie die Entwicklungen dort von statten gehen. Das ist wie eine Abkürzung, man schaut hin und kann sehen – Vietnam wird in fünfzehn Jahren vielleicht so oder so sein – man kann die Richtung erkennen.
 

Long

Wenn ich Geld hätte, würde ich mit dem türkischen Großhandel in Dessau Kontakt aufnehmen, einen türkischen Spezialisten nach Hanoi einladen, um gemeinsam mit ihm eine Fabrik zur Herstellung von Dönerspießen aufzubauen. Meine Freunde haben angeboten, mir die notwendigen Geräte zu schicken, einen Dönergrill, man sollte ihn gebraucht kaufen, dann könnte ich ein Restaurant eröffnen. Bisher habe ich mich aber noch nicht getraut. Aber eigentlich ist es einfach, die Geräte zu bekommen, ein Schneidemesser, den Grill und einen Toaster für das Brot. Für die Sauce gibt es die Zutaten hier.

Es muss aber schon ein richtiges Restaurant sein, so ein Döner-Wagen an der Straße kommt nicht in Frage. Erstens gibt es davon mittlerweile viele, zweitens ist das nicht ordentlich und hygienisch. Wenn, dann sollte man eine gekühlte Vitrine haben, um den Salat, das Gemüse und die Saucen sauber zu lagern. Und das Fleisch, es muss ein richtiger Dönerspieß wie drüben sein. Hier ist es oft Schweinefleisch, das einfach aufgespießt und gegrillt wird. Das hat nichts mit einem richtigen Döner zu tun, völlig falsch! Jetzt muss ich nur noch den Willen haben, in die Idee auch wirklich Geld zu investieren, mich mit einem Türken zusammentun, er würde sein technisches Wissen mitbringen und die Hälfte der Mittel. Ich würde die andere Hälfte einbringen und mich um die Organisation vor Ort kümmern.

 

Erschienen in:
Nguyen Phuong-Dan und Stefan Canham
Die Deutschen Vietnamesen
Peperoni Books; Berlin 2011
204 Seiten; ISBN 978-3-941825-23-9

 

Nguyen Phuong-Dan studierte Kulturanthropologie und Visuelle Kommunikation in Hamburg. Stefan Canham arbeitet freiberuflich an dokumentarischen Foto- und Fernsehprojekten, die zahlreiche Preise erhalten haben. Sie haben 2011 die Fotodokumentation „Die Deutschen Vietnamesen“ (Peperoni Books) publiziert.

 

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