Heimatkunde - ein Vorwort von Ralf Fücks

Ralf Fücks auf der Konferenz "Migrant Integration Policy Index"Ralf Fücks auf der Konferenz "Migrant Integration Policy Index". Urheber: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

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Geschichte, Geografie und Biologie einer engeren Heimat (Duden)

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Das ist mehr als ein empirischer Befund. Migration ist eine Grundtatsache der modernen Welt und eine produktive Kraft. Das gilt erst recht für eine alternde Gesellschaft wie die Bundesrepublik. Diese Einsicht rückt die rechtliche, ökonomische und soziale Gestaltung von Zuwanderung in den Vordergrund. Die Einwanderungsgesellschaft braucht Konzepte und Instrumente, um Migration konstruktiv zu begleiten, Ängste abzubauen und eine Kultur wechselseitiger Anerkennung zu fördern. Sonst geht es wie bei der jüngsten Volksabstimmung in der Schweiz, wo sich eine knappe Mehrheit für eine strikte Begrenzung der Zuwanderung ausgesprochen hat. Laut Mikrozensus 2012 haben rund 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland den berühmten  „Migrationshintergrund“. Mit knapp 9 Millionen hat der Großteil von ihnen einen deutschen Pass, 7,4 Millionen waren Ausländerinnen und Ausländer (Stand: Dezember 2013).

Parallel zur wachsenden Zahl von zugewanderten Bürgerinnen und Bürgern nimmt auch die Pluralität von Lebensformen in der Mehrheitsgesellschaft zu. Die Gesellschaft differenziert sich aus, zumindest in den größeren Städten wird kulturelle und ethnische Vielfalt die Regel. Insofern ist Immigration nur ein Element kulturellen Wandels. Vielfalt ist produktiv, kann aber auch verunsichern. Auch spielt Statuskonkurrenz eine Rolle: sowohl bei gering Qualifizierten, die eine verschärfte Konkurrenz um Jobs und Sozialleistungen fürchten, wie bei Angehörigen der Mittelklasse, die Aufstiegskonkurrenz der Zugewanderten wittern. Kluge Einwanderungspolitik wird diese Ängste nicht ignorieren, sondern Antworten finden, die Teilhabechancen für alle eröffnen.

Weshalb „Heimatkunde“? 
Heimat ist kein statischer Begriff: Menschen können ihre ursprüngliche Heimat verlieren oder freiwillig verlassen und sich eine neue, zweite Heimat, erschaffen. Heimat und Zugehörigkeit sind fast untrennbar miteinander verbunden. Man ist dort zuhause, wo man akzeptiert wird, Freunde und Zugänge findet: zu Bildung, Arbeit und politischer Teilhabe. In dieser Perspektive ist Heimat nicht an Herkunft, sondern an Zugehörigkeit gebunden.

Das Portal „Heimatkunde“ liefert eine Bestandsaufnahme der Migrationsgesellschaft. Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten werden nachgespürt, Erfolge und Konflikte dargestellt.   

Teilhaben steht für uns im Vordergrund. Die Wahrnehmung politischer Rechte und politisches Engagement stärken die Institutionen, die einen sozio-kulturellen, politischen und religiösen Pluralismus gewährleisten. Zugleich benötigt eine auf gleichberechtigter Teilhabe basierende Demokratie einen Konsens über ihre Grundwerte, um Zusammenhalt und Solidarität über alle Differenzierung hinweg zu ermöglichen. Dabei geht es nicht um Homogenisierung oder Unterwerfung unter eine hegemoniale Norm, sondern um die Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft, also um Bürgerschaft im besten Sinn.

Über Migration im Kontext politischer Bildungsarbeit zu reden, bedeutet eine Vielfalt an Perspektiven mitzudenken und diesen Raum zu bieten. Ein politisierter Begriff von „Diversity“ ist für uns daher kein Instrument zur Optimierung der „Humanressourcen“, sondern folgt der Utopie einer diskriminierungsfreien Gesellschaft.

Das migrationspolitische Portal „Heimatkunde“ präsentiert Informationen, Analysen und Meinungen zu den großen Themen Migrationspolitik, Teilhabegesellschaft, Diversity Management. Darüber hinaus bietet es Raum für künstlerische Interventionen und kulturelle Ausdrucksformen. So vielfältig wie die Gesellschaft sind auch unsere Themen.

Ralf Fücks, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung

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