"Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!" Kinderliteratur jenseits von Vorurteilen und hegemonialer Weltbilder. Editorial zum Dossier.

"Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!" Kinderliteratur jenseits von Vorurteilen und hegemonialer Weltbilder. Editorial zum Dossier.

Grafik von Anneke GerloffGrafik von Anneke Gerloff. All rights reserved.

 

Der Kanon an Kinder- und Jugendliteratur speist sich im Jahre 2014 noch zu oft aus „Klassikern“, die jedoch oftmals nicht nur sprachlich, sondern auch in Fragen der Repräsentation mit den Lebenswelten der jungen (und älteren) Leser_innen kollidieren.

Rassistische Sprache in Kinderbuchklassikern wie der „Kleinen Hexe“ von Otfried Preußler und in Astrid Lindgrens Erzählungen von Pippi Langstrumpf ist mitunter leider nur bedingt zu empfehlen. Denn sie und andere Kinderbücher schließen einen Großteil ihrer Leser_innenschaft aus: Kinder of Color, Migrant_innen, Kinder aus Regenbogenfamilien oder Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Die Frage, die sich hier stellt, ist, für wen sind diese Kinderbuchklassiker repräsentativ? Und vor allem: Wie können Kinder empowered und gleichzeitig für Diskriminierung sensibilisiert werden, ohne diese weiter zu reproduzieren?

Die seit Anfang 2013 mit großer medialer Öffentlichkeit in Deutschland, aber auch Schweden oder Belgien geführte „Kinderbuchdebatte“ offenbarte zum einen die Vehemenz, mit der viele Meinungsmacher_innen sich gegen eine sprachliche Modernisierung verwehren. Offensichtlich wurde aber auch, wie viele Menschen sich selbst und ihren Kindern Bücher an die Hand geben wollen, die nicht rassistische Stereotype reproduzieren oder anders verletzend sind.

Diese Anfang des Jahres 2013 begonnene öffentliche Diskussion um die Änderung diskriminierender Begriffe in Kinderliteratur warf auch die Frage auf, ob der bisherige Kanon überhaupt der vielfältigen, gesellschaftlichen Realität gerecht wird. Die in den Kinderbüchern zumeist dargestellten, heteronormativen Ordnungen und monokulturellen Repräsentationen antizipieren das Bild einer homogen zusammengesetzten, jungen Leser_innenschaft, fern jeglicher Wirklichkeit. Erzählungen und Charaktere jenseits dieser Konstellationen tauchen kaum auf oder werden oft als „Anders“ stilisiert. Somit schreibt sich in der Literatur für Kinder und Jugendliche das hegemoniale Verständnis ein, das zur Marginalisierung diversitärer Perspektiven und Erfahrungen führt. Diskriminierung fängt bei problematischen Sprachverwendungen an und setzt sich in den Bildern und Welten fort, die in den Büchern kreiert werden. Nicht zuletzt durch den demographischen Wandel und des stärkeren Bewusstseins und der Anerkennung unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten und –modelle wegen, sollte sich ein grundsätzlicher Wandel in der Kinderliteratur abzeichnen. Doch ein Blick in das Sortiment von Bibliotheken, Buchhandlungen und Kindergärten macht deutlich, wie wenig solche Überlegungen bisher eingeflossen sind. Gleichzeitig entsteht dadurch auch der Eindruck, dass es kaum Kinderbücher gibt, die sich hegemonialen Vorstellungen entziehen.

Inwieweit bereits Veränderungen eingetreten sind, wird im Zentrum des folgenden Themenschwerpunkts sein. Zum einen geht es um die Notwendigkeit vorurteilsbewusster Kinderbuchliteratur, die Diversität in ihren unterschiedlichen Dimensionen mitdenkt. Zum anderen geht es um die Sichtbarmachung bereits vorhandener Literatur, aber auch Strukturen, die Zugänge und Austausch ermöglichen. Zunächst stellt sich die Frage, inwiefern die jüngste Debatte als Indiz für gesamtgesellschaftliche Aushandlungsprozesse gesehen werden kann, die derzeit auf verschiedenen Ebenen ausgetragen werden. Als der Thienemann Verlag Anfang 2013 bekannt gab, dass die neuste Auflage von „Die kleine Hexe“ auf Anregung eines Briefes von Mekonnen Mesghena und seiner Tochter Timnit und der Zustimmung des Autoren der „kleinen Hexe“, Otfried Preußler sowie dessen Nachkommen, sprachlich überarbeitet werde, wurden sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Sowohl fundamentale Abwehr und Unverständnis, als auch starke Befürwortung wurden geäußert. Dadurch wird die Diskrepanz zwischen denjenigen deutlich, die aufgrund von individualisierten Erfahrungen von Diskriminierung kollektiv eine veränderte, kulturelle Praxis generieren wollen und denen, die dadurch ihre eigene Machtposition in Frage gestellt sehen.

Die hier vorliegenden Beiträge greifen zunächst die theoretische Perspektive des Dossiers „Diversität und Kindheit - Frühkindliche Bildung, Vielfalt und Inklusion“ auf und verstehen sich als Handreichung zum Umgang mit Diversität im Feld von Kinder- und Jugendliteratur. Anknüpfend an die Kinderbuchdebatte des Jahres 2013 wird hier aber besonders die emanzipative Literatur im Vordergrund stehen: Wer braucht Kinderbücher, die rassistische Sprache verwenden und koloniale Bildwelten fortschreiben? Um diesen Fokus zu untermalen, werden Kinder selbst zu Wort kommen und es wird eine stetig zu erweiternde Liste an progressiver Literatur vorgestellt werden, die freundlicherweise von Gladt e.V. bereitgestellt wurde.

Ein Blick über die nationale Grenze hinaus zeigt, dass zurzeit ähnliche Diskussionen auch in anderen Ländern stattfinden, darunter Schweden oder Belgien, die auf einen Paradigmenwechsel verweisen. Hadija Haruna gibt einen Überblick über den derzeitigen Diskurs zu rassistischen Bildern und Sprachen jenseits von Deutschland, der sich an Kinderbüchern entfacht.

Wie wichtig im Kindesalter positive Identifikationsmomente auf literarischer und visueller Ebene für die Persönlichkeitsentwicklung und das Selbstwertgefühl sind, erklärt Prof. Maisha Eggers in einem Interview und gibt gleichzeitig einige Leseempfehlungen.

In ihrer Arbeit als Empowerment- und Awareness-Trainerin widmet sich Tupoka Ogette den Perspektiven Schwarzer Kinder, Kindern of Colour und ihren Eltern und entwickelt gemeinsam mit ihnen Strategien, um Diskriminierungserfahrungen zu benennen sowie ermächtigende Gestaltungs- und Handlungsräume zu schaffen. Welche zentrale Rolle empowernde Kinderliteratur in der vorurteilsbewussten und interkulturellen Bildungsarbeit spielt, erläutert sie hier.

Mit dem Projekt „I_Päd – Intersektionale Pädagogik“ hat Gladt e.V. eine Liste von Kinderbüchern zusammengestellt, die diversitäre Lebenswirklichkeiten und -entwürfe positiv illustriert. Der Beitrag von Bella Hager und Tuğba Tanyılmaz stellt Perspektiven der Intersektionalen Pädagogik vor, die in die Auswahl der Liste eingeflossen sind und gibt Hinweise zu Literatur, Verlagen und Foren.

Die Autorin Tanja Abou zeichnet in ihren Büchern nicht-normative Lebensrealitäten, die eine Vielzahl von Familienkonstellationen und Identitätsentwürfen abbilden. In ihrem Beitrag wird die Bedeutung von Bildern in Kinderbüchern erörtert, die über die sprachliche Ebene hinausgehen.

Welche Stereotypen und Machtverhältnisse in dem Kinderbuchklassiker „Pippi Langstrumpf“ vermittelt und welche diskriminierenden Denkstrukturen damit weiter transportiert werden, legt Olenka Bordo in ihrem Beitrag dar.

Und schließlich kommen auch diejenigen zu Wort, um die es geht: Kinder und ihre Mütter stellen Bücher vor, die sie spannend finden und die ihnen beim Lesen Spaß machen.

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