Pflegenotstand und Care Migration - Veranstaltungsdokumentation

Pflegenotstand und Care Migration - Veranstaltungsdokumentation

In Deutschland – wie auch im Rest Europas – steigt die Zahl der Hochbetagten an. Diese auf der einen Seite erfreuliche Perspektive angesichts einer im Durchschnitt höheren Lebenserwartung bringt auf der anderen Seite mit sich, dass mehr Menschen in ihrem Alltag eingeschränkt und auf (fremde) Hilfe angewiesen sind. Die Zahl Pflegebedürftiger nimmt stetig zu während es bereits akut an Pflegekräften mangelt. Das Angebot an bezahlbaren Pflegedienstleistungen steigt nicht äquivalent zur Nachfrage. Der demografische Wandel der Gesellschaft wird diese Situation noch verschärfen. Das Erwerbspersonenpotential wird bis 2030 insgesamt um etwa 15 Prozent sinken. Für den Pflegesektor führt dies zu einer zusätzlichen Versorgungslücke von etwa 490.000 Vollzeitäquivalenten – laut Berechnungen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung an der Herr Professor Rothgang von der Universität Bremen mitgearbeitet hat.

Diese Nachfragelücke für Pflege- und Betreuungsdienstleistungen füllen bereits heute immer häufiger (Pendel-)Migrant/innen aus. Aktuelle Studien gehen von derzeit 100.000 bis 150.000 Osteuropäerinnen aus, die – oft illegal und ohne vertraglich abgesicherten Lohn und geregelte Arbeitszeiten – pflegebedürftige Menschen in Deutschland zu Hause betreuen. Nicht nur hinterlässt ihr Wegzug in ihren Herkunftsländern eine schwer zu schließende Versorgungslücke, auch die Familien der Pflegenden bleiben oft jahrelang ohne Mutter, Ehefrau, Großmutter zurück.

Die Angehörigen von Pflegebedürftigen stecken in mehrdimensionalen Dilemmata zwischen humanitärem Verhalten gegenüber den nächsten Familienmitgliedern, Anforderungen von Arbeitgeber/innen, zeitlichen Möglichkeiten und ökonomischen Folgekosten z.B. einer Vollzeitpflege. Die Menschen wollen in der Regel so lange wie möglich zu Hause leben und dort gepflegt werden. Von den etwa 2,5 Millionen Menschen, die in 2011 laut Pflegestatistik als pflegebedürftig eingestuft waren, wurden 70 Prozent zu Hause versorgt – mit oder ohne Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes. Die Hauptlast der Sorgearbeit liegt in den Familien noch immer bei den Frauen. Um Beruf, Familie und Pflege überhaupt über einen längeren Zeitraum vereinbaren zu können, wird häufig auf Pflege- und Hauswirtschaftskräfte aus dem Ausland zurückgegriffen. Familien, die diese Form der häuslichen Pflege in Anspruch nehmen, bewegen sich in einem Graubereich zwischen legaler und illegaler Beschäftigung.

Am 10. und 11. März 2014 lud die Heinrich-Böll-Stiftung vor diesem Hintergrund zur Tagung „Deutschland im Pflegenotstand – Perspektiven und Probleme der Care Migration“ ein. Der Einladung zum Gedankenaustausch folgten etwa 150 Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen, die mitunter in dieser Zusammensetzung zum ersten Mal aufeinander trafen.

Die Vielschichtigkeit des Themas zeigte sich auch in den Workshops und Podiumsdiskussionen, die neben der persönlichen Familienebene auch die transnationale, migrationspolitische Arbeitsmarktebene von Care Migration diskutierten. Ziel war es, die unterschiedlichen Diskussionsstränge des Themas, die bislang weder disziplinär noch politisch oder normativ aufeinander Bezug nehmen, zusammenzudenken und geschlechterpolitische Herausforderungen, den Fachkräftemangel, die Situation der deutschen Pflegebranche sowie die mit Ein- und Auswanderung verbundenen Perspektiven und Probleme gemeinsam zu diskutieren.

Die kontroversen Diskussionen machten deutlich, dass neben der überfälligen Reform der Pflegeversicherung, mit dem Ziel verbesserte Arbeits- und Tarifbedingungen für die professionelle Pflege in stationären Einrichtungen herbeizuführen, die Rolle der Kommunen mit ihren quartiernahen Angeboten deutlich stärker werden muss. Bereits heute gibt es in engagierten Kommunen gute Bespiele der Beratung durch Pflegestützpunkte, Nachbarschaftshilfe, Selbsthilfegruppen, Wohn- und Hausgemeinschaften. Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungsprozesse sind von Nöten da eine menschenwürdige Versorgung alter Menschen nur gelingen kann, wenn alle Generationen und Gruppen der Gesellschaft einen Teil der Sorgearbeit übernehmen. Die Humanität einer Gesellschaft zeigt sich in ihrem Zusammenleben mit Kindern und alten Menschen. Sorgetätigkeiten werden in der Regel nicht über den Markt erledigt sondern zwischen bzw. für Menschen. Cure-Leistungen soll die Pflegeversicherung gewährleisten, Care-Leistungen wird sie nicht in vollem Umfang übernehmen können. Sie wird auch in Zukunft eine „Teilkasko-Versicherung“ bleiben. Das persönliche Umfeld eines jeden Menschen sollte sich zu Care-Leistungen verpflichtet fühlen.

 

Video-Mitschnitte der Tagung vom 10. und 11. März 2014

Welchen Einfluss hat Care Migration auf Aufnahme- und Herkunftsfamilien?

Prof. Dr. Helma Lutz, Frauen- und Geschlechterforschung, Universität Frankfurt
 

Alle Mitschnitte der Tagung auf Youtube ansehen

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