„Identity is more than just what we think of ourselves. It is also what others see in us.”

„Identity is more than just what we think of ourselves. It is also what others see in us.”

 Gary Younge (The Guardian, Journalist and Author)Gary Younge (The Guardian, Journalist and Author). Urheber: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

„Identity is more than just what we think of ourselves – it is also what others see in us.” – Gary Younge

Während innerhalb der Europäischen Union die Grenzen abgebaut werden, werden die Einwanderungsbedingungen für Menschen außerhalb der EU zunehmend erschwert. Was sind die Ängste, die hinter dieser Abschottung stecken und welcher Gedanke einer europäischen Identität liegt dieser Politik zugrunde?

Gary Younge spricht im Interview mit Julia Brilling über Identitätspolitiken in Europa und den USA. Er kritisiert die Mythologisierung des Nationalstaats und die Einseitigkeit der nationalen Geschichtsschreibung. Erinnerungskulturen erfüllen so oft den Zweck, ungeliebte Narrative wie etwa solche über den deutschen Kolonialismus auszublenden, zu verharmlosen und gleichzeitig eine nationale Identität auf Grundlage rassistischer Annahmen zu stiften.

Entgegen der vielfältigen Migrationsbewegungen innerhalb und nach Europa hat der Mythos von ethnisch homogenen europäischen Gesellschaften in Deutschland sowie in anderen europäischen Ländern Hochkonjunktur. Dies wurde nicht zuletzt durch den Aufschwung rechtspopulistischer Parteien wie der Front National in Frankreich im Zuge der Europawahlen im Mai 2014 deutlich. Soziale Spannungen, Probleme im Bildungssystem sowie am Arbeitsmarkt werden so ethnisiert und kulturalisiert, wie auch im Fall der aktuellen Diskussion in Deutschland um eine behauptete „Armutszuwanderung“ aus osteuropäischen EU-Mitgliedsländern. Die politische und wirtschaftliche Idee eines gemeinsamen Europas beruht immer noch auf nationalstaatlichen Identitäten.

In Anlehnung an Stuart Hall argumentiert Younge, dass Identitäten unserem Dasein vorausgehen –  wir werden in sie hineingeboren. Ein Beispiel hierfür ist die deutsche Staatsbürgerschaft, die nur über Verwandtschaftsbeziehungen, nicht über Bodenrecht beziehbar ist. Erst die Machtbeziehungen in der Gesellschaft verleihen bestimmten sozialen, kulturellen oder religiösen Merkmalen Sinn und werden so zu starren Identitäten. Gary Younge plädiert dafür, Identitäten nicht starr zu sehen, sondern als Konstrukte, die unseren individuellen und gesellschaftlichen Positionierungen zu Grunde liegen, sie aber nicht ausschließlich und für immer bestimmen.

 

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Gary Younge ist ein britischer Autor und einer der einflussreichsten Schwarzen Journalist_innen der Gegenwart. Er schreibt für die britische Zeitung The Guardian und lebt in Chicago. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen „The Speech – The Story behind Dr. Martin Luther King Jr.‘s Dream“ (2003), „Who are We? And Should it Matter in the 21st century?” (2010) und „Stranger in a Strange Land: Travels in the Disunited States” (2006).