Die Notwendigkeit einer Willkommenskultur für Rroma

Die Notwendigkeit einer Willkommenskultur für Rroma

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Fast täglich fuhr ich im Juni 2014 mit dem Bus M29 an der Gerhard-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg vorbei. Mir war als sähe die ganze Stadt dabei zu, wie Geflüchtete auf das Dach ihrer Herberge kletterten und zu springen drohten, bevor sie ihr vorübergehendes Zuhause räumen müssen.
Parallel mussten die letzten Rroma raus aus den sogenannten Problemhäusern in Duisburg.
Es werden Kritiken aus den unterschiedlichsten Lagern laut. Keine der beiden Städte sieht sich als Verantwortliche. Übrig bleiben Asylbewerber_innen, darunter viele Rroma und Sinti. Als Menschen zweiter Klasse angesehen, erfahren sie in Deutschland keine Art von Willkommenskultur.

Tarnbegriff „Armutsmigration“

Am 3. September 1990 schrieb der Spiegel auf seiner Titelseite der Ausgabe Nr. 36 "Die Zigeuner. Asyl in Deutschland?". Dass Rroma und Sinti vor Hunderten von Jahren kamen und schon länger in Europa leben, als es die EU in ihrer heutigen Form gibt, interessierte damals niemanden. Heute auch nicht, lediglich die Terminologie ist eine andere und heutzutage wird von „Armutsmigration“ gesprochen – gemeint ist damit vor allem die Immigration aus Rumänien und Bulgarien.

Wer sind jedoch diese Armutsmigranten_innen? Im Jahr 2012 gab es zum Beispiel eine Nettozuwanderung aus beiden Ländern von rund 71.000 Menschen. Laut Destatis bzw. laut Mikrozensus 2012 hatten 48 Prozent der zwischen 2009 und 2012 aus diesen beiden Ländern Zugewanderten keinen Berufsabschluss, 19 Prozent aber hatten einen akademischen Abschluss, eine Quote, die mit 5 Prozent über der der Gesamtbevölkerung Deutschlands liegt. Zahlen, die mit Vorsicht zu genießen sind und von anderen Statistiken abweichen.
Wieso ist dann die Rede von Armutsmigration? Gezielter will ich wissen, wie genau filtert man aus diesen Statistiken die Anzahl der Rroma?
Das Problem der Armutsmigration und ihrer Assoziation mit Rroma scheint in den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft zu liegen. Es fängt bei jahrhundertealten Stereotypen gegenüber den „Zigeuner_innen“ an und wird nicht zuletzt auf den Europawahlplakaten der NPD 2014 deutlich: die rechtsextreme Partei warb mit dem Slogan „Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma“.

Sinti und Rroma werden 2014 wieder zum Aushängeschild für die vermeintlichen Gefahren der Migration nach Deutschland. Es scheint, als gäbe es eine Hetzjagd samt antiziganistischer Propaganda. Wieso gilt den Sinti und Roma nicht dieselbe Willkommenskultur wie den Migrant_innen mit akademischen Abschlüssen? Wie nennt man eine Sonderbehandlung aufgrund Klasse und Ethnie - Klasse, die in vielen Fällen auf Ethnie beruht?

Wie unterschiedlich Neuzugewanderte in Berlin-Neukölln „willkommen“ geheißen werden

In Berlin leben viele Rroma im Stadtteil Neukölln. Alles östlich des S-Bahnhofs Neukölln ist für viele Angehörige der Mehrheitsgesellschaft einfach nur „da, wo die Rroma wohnen.“ In den boomenden nördlichen Bereichen Neuköllns, auch „Kreuzkölln“ genannt, machen immer mehr Restaurants auf, die die Gegend regelrecht zur „Fressmeile“ werden lassen. Die meisten dieser Betriebe werden von Expats geführt - Migrant_innen aus englischsprachigen Ländern. Alteingessene Berliner_innen und Migrant_innen der ersten Generation sind hier kaum noch zu finden.

Obwohl die meisten dieser Expats ihre Heimat verließen, weil sie sich diese nicht mehr leisten konnten, fallen sie nicht unter die Kategorie "Immigration" und schon gar nicht „Armutsmigration“. Im Angesicht des Tourismus und des Mulit-Kulti-Berlin-Images, helfen sie die Angst vor dem sogenannten „Problembezirk“ abzubauen.

Diese beiden Gruppen bewohnen einen Kiez und doch werden Expats, im Gegensatz zu den Rroma, nicht als Gefahr konstruiert. Was ich selbst oft beobachte, ist die erlernte Vorsicht der Expats gegenüber den Rroma, denn selbst wenn sie in ihrer alten Heimat, Rroma nur unter dem Mythos „Gypsy“ kannten, wird ihnen hier beigebracht, Rroma als Bettler_innen anzusehen und ihnen gegenüber vorsichtig zu sein. Osteuropäische Musikant_innen in der U-Bahn werden sofort als „Zigeuner-Wanderzirkus“ stigmatisiert - andere U-Bahn Bettler_innen fordern Fahrgäste auf, sie nicht zu unterstützen, weil dieser „Wanderzirkus ja gar nicht wirklich hilfsbedürftig ist“. Alte Vorurteile des reichen Bettlers, der nach dem Sammeln von Kleingeld in sein Schloss verschwindet, werden hier offen aufgegriffen.

Gespräche mit Rroma in Deutschland

Wieso gibt es in Deutschland keine Willkommenskultur für Rroma? Oder vielmehr wer wird ausgeschlossen von diesem „Willkommen“? Zu dieser Frage habe ich mich mit einigen Rroma unterhalten und auch mit mir selbst als Frau und Rroma, die in Berlin-Neukölln lebt.

Was mich in erster Linie beeindruckt und schwer loslässt, ist die logisch schwer nachvollziehbare Trennung von Fakt und Wahrnehmung. Dass sich schon viele Aktivist_innen vor mir mit dem Thema Rassismus aus psychologischer Sicht auseinander gesetzt haben, kommt mir wieder in den Sinn. Wieso sind die Rroma immer noch die Sündenböcke? Fragen, zu denen ich mir von Milan Pavlovic, Sani Rifati und Amelia Pavel Antworten erhoffe.

Meine erste Anlaufstelle zu diesem Thema ist das Rroma-Informations-Centrum, das von Milan Pavlovic geleitet wird. Mit Sitz auf der Fuldastraße im Herzen von Neukölln, dient das Informationszentrum in erster Linie der Aufklärung und Förderung der Rroma-Kultur. Hier kann, wer will, Rromanes lernen oder einen Stadtrundgang zu den Denkmälern für die im Nationalsozialismus ermordeten Rroma und Sinti buchen. Ein Poster des Rroma-Alphabets im Fenster der Räume vereinfacht die Suche.

Als ich Milan Pavlovic zunächst anrufe, scheint er nicht besonders begeistert von der Idee mit mir ein Interview zu führen. Vor Ort kann ich ihn, als ich mich als Sinti/Rroma enttarne, überzeugen. Sein Hund bellt laut und ich traue mich nicht herein vor Angst. Milan Pavlovic schnappt sich zwei Stühle und wir setzen uns nach draußen in die Sonne. Er sagt: "Natürlich bist du eine von uns, deswegen hast du Angst vor dem Hund." Ich lache, das Eis ist gebrochen. Im Laufe des folgenden Gesprächs schwanke ich irgendwo zwischen Wut, Verwirrung und Nostalgie.

Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft

Wir stellen viele Parallelen fest, wir kamen im selben Jahr nach Deutschland. 1990 - im Jahr des besagten Spiegel-Titelblatts. Er hat das Original und zeigt es mir.

"Siehst du, wie viel Angst sie vor uns haben?" Den Rroma, die in diesem Jahr nach Neukölln kamen, versuche er bei der Bürokratie, der Job- und Wohnungssuche zu helfen. Die, die Wohnungen haben, geraten allerdings immer wieder in herausfordernde Situationen mit ihren Nachbar_innen. Schnell und gern wird die Polizei gerufen, wenn ein Schaden im Haus passiert. "Wer weiß, was die da so machen. Man weiß ja nie mit denen", sind die häufigsten Begründungen der Nachbarn. Wie die soeben erschiene Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, lehnt jeder dritte Deutsche Sinti und Rroma als Nachbarn ab. Forscher haben „Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma“ untersucht und die Ergebnisse zeigen: Ablehnung und Unwissenheit sind weit verbreitet und die Basis für Diskriminierung.

Warum haben die Leute so eine Angst vor uns, will ich von Milan Pavlovic wissen. Wieso haben sie gefühlt weniger Angst, wenn wir nicht sichtbar Rroma sind und zum Beispiel als Deutsch-Türken_innen oder Libanesen_innen durchrutschen?

Wo ist die Aufklärungspolitik von deutscher Seite, wieso gibt es trotz Ermordung und Verfolgung im Zweiten Weltkrieg keinen Platz für Rroma und Sinti? Milan Pavlovic hat keine Antwort.

"Wenn weiße Menschen leben wie wir traditionell leben, sind sie Hippies“

Ein Kollege von Milan stößt dazu, die Männer begrüßen sich. Er stellt sich als zunächst scherzhaft als Obama vor, verrät wenig später jedoch seine wahre Identität, Sani Rifati. Ich kann mein Glück nicht fassen. Zwar habe ich ihn nicht erkannt, aber Sani Rifati stellt als Aktivist und Präsident von "Voice of Roma" eine Heldenfigur innerhalb der Rroma-Kultur dar. Er dreht sich zu mir und bietet mir auf Romanes einen Kaffee an.

Ich muss ihn enttäuschen und zugeben mein Romanes reicht nicht aus, um ihm antworten zu können. Auf Englisch führen wir nun zu dritt unsere Suche nach Antworten fort.

"Es gibt keine Antwort", sagt Sani Rifati. "Wir verunsichern die Gadje (die Mehrheitsgesellschaft) und ihren Lebensstil." Er ist in Kalifornien großgeworden. "Wenn weiße Menschen leben wie wir traditionell leben, sind sie Hippies. Aber wir sind eine Bedrohung für die Gesellschaft. Alte Klischees, die die Mehrheitsgesellschaft immer wieder zu bestätigen versucht. Unsere Kultur und die Vorurteile sind so tief und so alt, die Leute finden es okay, uns gegenüber rassistisch zu sein. Jetzt werden sie mit uns öfter konfrontiert. Die Gadje sind unsicher, sie haben Angst und die Allgemeinheit macht es einfach offen rassistisch zu sein."

Willkommenskultur aus eigener Erfahrung

Willkommenskultur in Deutschland, wie sieht die aus? Aus persönlicher Erfahrung erzählt Milan Pavlovic mir:
"Wie kann ich das erklären? Eine Willkommenskultur an sich habe ich nicht gespürt. Ich war 16 Jahre alt, als ich hierher kam und sofort musste ich unter Angst lernen, wenn du keine gute Offerte hast, dann bist du nicht willkommen. Meine Eltern kannten sich nicht aus mit den Asylgesetzen, ich habe damals als Minderjähriger Asyl beantragt für die ganze Familie. Ich habe die ganze Verantwortung übernehmen müssen und kein Amt in Deutschland hat uns unterstützt oder uns geholfen. Ich musste sehr schnell feststellen, in diesem Land gibt es unfassbar viele Hindernisse und es wird nicht leicht.“

Ich selber war ein fünf Jahre altes Kind, als meine Familie und ich 1990 nach Deutschland kamen. In den ersten drei Jahren lebten wir in Notwohnungen. In Wohncontainern. Pro Familie gab es 12qm mit Bundeswehrspinden, Etagenbetten, einem Waschbecken und zwei Herdplatten. Bäder und Toiletten wurden mit allen anderen dort Lebenden geteilt.

Für den aus Serbien stammenden Milan Pavlovic, war ein Neubeginn in Deutschland auf Anhieb schwer. Serbien galt zu der Zeit als Aggressor-Land und er ist Rroma. „Wir hatten ein doppeltes Problem. Wir hatten keine Chance hier 'neu' anzufangen. Wir waren überall unter Druck. Der Arbeitsmarkt wollte dich nicht, das Sozialamt hat dauernd irgendetwas Neues gekürzt, du hast keine Krankenscheine bekommen. Es war schwierig“, erinnert er sich.

„Damals waren die Rroma kein 'Business' wie heute. Politisch gesehen, wollen der Senat und die großen Träger Rroma unterstützen, es gibt zahlreiche Projekte dazu. Der Grund ist natürlich Geld. Staatliche Subventionen. Bringt den Rroma wenig, denn wenn du einen ganz normalen Bürger hier fragst, was er von Roma hält, ist die Antwort beängstigend.“ Aus Erfahrung weiß Milan: „Wenn es eine Konfrontation zwischen Rroma und Nicht-Rroma gibt, wird sofort die Polizei oder das Ordnungsamt gerufen. Es wird gar nicht erst ein Gespräch gesucht."

Meine Anfangszeit in Deutschland in sogenannten Notwohnungen war von Nazi-Pöbeleien und Anti-Asylanten Parolen geprägt. Dadurch, dass die Container neu in die Siedlung gebaut waren, wussten alle anderen natürlich, wer darin wohnt. Gleichermaßen gab es auch die Caritas, die Una Masa, die uns mit Klamotten und dem Nötigsten versorgten. Als Kinder hatten wir vor Ort, in einem der Wohncontainer, Sozialarbeiter_innen, die uns mit unseren Hausaufgaben halfen. Den Rest haben meine Eltern alleine gemacht. Mit Umschulungen, Deutschkursen und einer jahrelangen, diskriminierenden Suche, schafften sie es in eine richtige Wohnung umzuziehen. Alles aus eigener Kraft und mit der Vision in einem besseren Land zu leben. Unterstützung kam damals von der evangelischen Kirche und Verwandten. Willkommenskultur in Deutschland war auch für uns nicht bemerkbar.

Die Lücken im Bildungssystem

Ich wollte wissen, was die jüngeren Rroma heutzutage erleben und fragte meine Schwester und Studentin Amelia Pavel. Sie ist selbst Sinti/Roma, lebt in Köln und unterrichtete am Rroma Kindergarten Amaro Kher in Köln und nahm an zahlreichen Diskussionen über Rroma und Sinti an Bonner und Kölner Universitäten teil. In einem kurzen Telefoninterview sprach ich mit ihr über Willkommenskultur in Deutschland und den Umgang mit Rroma im akademischen Umfeld.

Zunächst erzählt Amelia, wie erstaunt sie war, herauszufinden, dass es so etwas wie einen Kindergarten für Rroma gibt, in dem auch in Rromanes unterrichtet wird. Ein Ort, an dem (Rroma-)Kinder gefördert und unterstützt werden. Amelia und ich haben als Kinder ein Deutschland kennengelernt, in dem man nicht erzählt hat, dass man Rroma ist. Der Stolz wuchs erst, als die Scham und das Stigma Rroma zu sein, bewusst abgelegt wurden. Die Frage nach einer Willkommenskultur beantwortet sie folgendermaßen:

"Willkommenskultur in Deutschland, da können wir gerne drüber reden, aber welches Land hat generell sowas wie Willkommenskultur ist die eigentliche Frage. Das ist eine subjektive Wahrnehmung, die von Klasse, Ethnizität, Art der Immigration und vielen anderen Faktoren abhängt. Meine persönlichen Erfahrungen in Diskussionen und Debatten mit den Lehramtsstudenten an der Universität zu Bonn waren erschreckend.“

In 13 Jahren Schule in Deutschland kann ich mich nicht daran erinnern je etwas über Rroma oder Sinti gehört zu haben. Generell wurden Minderheiten in Deutschland als Thema nie behandelt. Diesen Punkt kritisiert auch Amelia nochmal:
„Das Wissen über Rroma und Sinti, sprich europäische Geschichte, beschränkt sich auf beliebte Vorurteile, die zu Wahrheiten erklärt werden. Aussagen wie „jeder Immigrant hat sein Päckchen zu tragen“ und „wieso wollen die Rroma eine Sonderbehandlung?“, waren das höchste der Gefühle. Dass diese Menschen irgendwann auf unsere Kinder als Lehrer losgelassen werden, finde ich schlichtweg unverantwortlich. Die Bildungslücken sind massiv und die Prioritäten der Bildungspläne sind zumindest, was die deutsche Geschichte betrifft, meiner Meinung nach falsch platziert, selektiv konzentriert oder beides. In Zusammenhang mit dem Holocaust zum Beispiel, werden Rroma und Sinti in Schulen gar nicht erwähnt.“

Willkommen sein, heißt auch anerkannt sein. Das heißt, Deutsche mit Migrationshintergrund sollten anerkannt sein und die Weichen für eine Willkommenskultur für neue Zuwanderer_innen. stellen. Eine scheinbar utopische Vision, wie man in dem hoffnungslosen Ton von Milan Pavlovic und Amelia Pavel hört.

Der Wandel

Was könnten wir, als bereits hier lebende Rroma und Sinti, anders machen, frage ich Milan Pavlovic.
„Rroma und Sinti sind schon so lange in Europa, aber in fast keinem Land willkommen. Antiziganismus ist so real, dass es sogar bei den Politikern und Aktivisten tief verankert ist. Wie soll einer, der nicht Rroma ist, anderen Nicht-Rroma erzählen, wie die Rroma leben? Die Rroma müssen selber mitreden. Da gibt es nicht viel zu philosophieren. Wir haben jetzt die nötige Freiheit, selbst mitzureden. Was wir brauchen, von der Mehrheitsgesellschaft, sind die Mittel. Uns fehlt der Zugang. Also wenn uns eine Institution, der Senat, ein Politiker oder wer auch immer helfen will, dann so. Zeigt uns die Strukturen und dann lasst es uns selbst machen. Unterstützt uns so. Benutzt uns nicht für eure eigenen Interessen."

1990, im Jahr des Spiegel-Titelblatts, gab es allerdings auch eine Unterteilung der Migrant_innen in Nationen – Serb_innen, Rumän_innen, Mazedonier_innen und so weiter. Heute scheinen alle zusammen als "Zigeuner_innen" zu gelten, als ein Problem für den deutschen Arbeitsmarkt und Schablonen für den Sündenbock. Die größte europäische Minderheit, die nur im Rahmen von Armut und Suche nach Asyl öffentlich in Erscheinung tritt. Eine Gruppe von Menschen, die Rroma und Sinti genannt werden möchte und sollte, doch trotzdem als „Zigeuner_innen“ und „Gypies“ radikal marginalisiert wird. Eine Gruppe Menschen, die trotz Verfolgung durch die Nazis, Porajmos, jahrhundertelange Demütigung und des Kampfes um ein neutrales Image gesellschaftlich als Problemträger propagiert wird.

Die Roma und Sinti in Deutschland, die Roma in der EU, die Roma und Sinti unter sich - ein schwieriges Thema, dessen Gewicht kaum jemand tragen will. Eine Generation kann vom Problem- zum Hoffnungsträger werden, so Milan Pavlovic:

"Wenn man den Rroma von Anfang an eine Chance geben würde, sagen wir den rumänischen Rroma, die jetzt kommen. Wenn man ihnen von Anfang die Chance gibt, Ruhe zu haben, beschützt zu sein, nicht diskriminiert zu werden, Asyl und eine faire Chance auf Integration, dann können auch sie in die Schule, einen Abschluss machen und Teil einer sogenannten Gesellschaft werden. Was keiner versteht ist, die Rroma haben diese Ruhe nicht. Sie flüchten von einer unterdrückenden Mehrheitsgesellschaft zur nächsten.“

Der Wandel fängt bei den Rroma selbst an. Bei uns Rroma, die das Bildungssystem kennen, die sich zeigen und die helfen. Bei einer Mehrheitsgesellschaft und bei Rroma-Aktivist_innen, die für die Rroma arbeiten wollen und nicht für ihre persönliche Vision, wer die Rroma heute sind und wer sie morgen werden sollen. Eine Gesellschaft, die Gastfreundschaft und Zugehörigkeit zulässt, ohne sofortige Bedingungen zu stellen.

Der Wandel scheint eine besonders schwierige Herausforderung zu sein, da Rroma in verschiedensten Ländern nicht nur eine Minderheit darstellen, sondern untereinander wiederum in kleinere Gruppierungen aufgeteilt sind. Eine Verantwortung für sich selbst zu sehen, ohne eine Zugehörigkeit zu empfinden, verkleinert die Hoffnung, dass dieser Wandel bald passiert.

Ein kleines Licht am Ende des Tunnels bildet für Milan Pavlovic das neueste Projekt des Rroma und Sinti Centrums. Zusammen mit Slavisa Markovic planen sie ein Community-Web-Radio für Rroma und Nicht-Rroma namens „Radio Schokolade“. In verschieden Sprachen inklusive Rromanes und Sintikes wird sich das Radio-Projekt mit den Themen Integration, Medienerziehung, Kulturelle Bildung sowie politische Teilhabe befassen. Mit einer zweijährigen Laufzeit soll ein „Community-Webradio“ entstehen, das sowohl bundesweites Medium für die ethnische Gruppe der Rroma und Sinti ist, aber auch alle Interessierten über Themen, Hintergründe, Geschichte, Bildung, Kultur informieren und aufklären soll. Darüber hinaus ist mit lokalen und bundesweiten Institutionen und Akteur_innen dieser Bereiche eine kooperative Vernetzung in Sicht.

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