Ein Blick über die Ränder der Begriffsverhandlungen um „Antiziganismus“

Ein Blick über die Ränder der Begriffsverhandlungen um „Antiziganismus“

Urheber: Isidora Randjelovic. All rights reserved.

„(…) Džiko mungrro ćher naj dromorro.

Thaj pala godova paćav,
thaj paća vi tu, korkore manca
kaj sem kate, matej naj sem.
Kaj sem po than
Vi pungresa, vi šoresa,
thaj sa godolesa so si pe mande
thaj kolesa so ande mande inđarav. (…)”   

 

„(...) Do moga stana nema staze.

Pa bas zato verujem
i veruj i ti zajedno sa mnom
da me ima baš zato sto me nema.
Jer tu sam
i glavom i nogama
i sa svim što je na meni"

(Dimić 2010, S. 96-97)

 

Einleitung

Dieses Dossier beschäftigt sich mit spezifischer, historisch gewachsener und aktuell europaweit weiter eskalierender Gewalt[2] gegen Rroma, Sinti, Manusch, Kale*[3] sowie mit politischen und künstlerischen Interventionen dagegen. Als Redakteurinnen sind wir von der Heinrich-Böll-Stiftung aufgefordert, die von den Autor_innen und uns verwendeten Begrifflichkeiten, die diese Gewalt beschreiben sollen, insbesondere die Verwendung des Terminus „Antiziganismus“ bzw. „Antigypsyism“, zu kontextualisieren.

Ich habe mich jedoch gegen einen Text entschieden, der sich um historische Herleitungen, theoretische Analysen, Pro-und-Kontra-Argumente, semantische Empfehlungen oder Alternativen[4] hinsichtlich des Begriffes „Antiziganismus“ bemüht. Ich halte es vielmehr für sinnvoll, erst einmal diese Bezeichnung beiseite zu lassen und meine Perspektive auf die Ränder der aktuellen Begriffskontroverse zu richten, weil es eine notwendige Positionierung als Teil der Redaktion dieses Dossiers ist. Mehr noch ist es ein persönliches Plädoyer für die Wertschätzung der Langsamkeit und der Verunsicherung als aktuelle Chance zur Neuformulierung möglicher Grundlagen in Richtung einer vertieften, einer kollektivierenden Wissensproduktion, die sich in erster Linie auf Archive historischer und aktueller Selbstaussagen sowie gegenhegemonialer Analysen derjenigen, die diese Gewalt erfahren, stützen muss.

Ebenso wie dieses Dossier ein Versuch ist, unterschiedliche Stimmen und Perspektiven in den Diskurs hineinzutragen, erfordert eine ernsthafte Aushandlung des Begriffes und vor allem der Konzepte von „Antiziganismus“ eine zumindest ebenso breite Repräsentation von Rroma-, Sinti*-Autor_innen, die von ihren gesellschaftlich markierten Platzierungen aus sowie aus sehr unterschiedlichen politischen Positionierungen heraus relevante Analysen zum Verständnis dieser Gewaltform entwickeln. Als Redakteurinnen haben wir vereinbart, den jeweiligen Autor_innen dieses Dossiers hinsichtlich des Begriffs „Antiziganismus“ bzw. „Antigypsyism“ die persönliche Entscheidungsfreiheit über dessen Verwendung zu lassen, weil jede_r Einzelne von ihnen seit Jahren in politischen, künstlerischen bzw. wissenschaftlichen Aushandlungen dieser Gewalt involviert ist, und jede_r immer auch mit dem jeweils verwendeten Begriff Aspekte der eigenen Lebensrealität, eigene gesellschaftlich konstruierte Platzierungen und deren strukturelle Folgen berührt.

Verunsicherungen als Chance

In der deutschsprachigen Wissenschaft formt sich seit den 1980ern eine Forschung, die zunehmend unter dem Titel „Antiziganismusforschung“ zusammengefasst wird und die den gegen Sinti und Roma* gerichteten Rassismus zum Untersuchungsgegenstand macht[5]. Gleichwohl der Begriff „Antiziganismus“ bereits seit seinem Mainstreaming im wissenschaftlichen Bereich als implizit abwertend kritisiert worden ist[6], hat er mittlerweile einen akademischen Gebrauchs- als auch Tauschwert erreicht. Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma problematisiert den Begriff zum Beispiel auf ihrer interdisziplinären Fachtagung 2012: „Ausgangspunkt ist hierbei die These, dass sich der Begriff Antiziganismus nur bedingt eignet, um das zu bezeichnen versuchte Phänomen in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu begreifen.“ (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma 2012). Spätestens seit 2013 sind in Berlin durch die Redakteurin des Rrom_nja-Blogs „Der Paria“ sowohl scharfe Kontroversen um die Reproduktion rassistischer Sprache bei der Verwendung des Begriffes „Antiziganismus“ als auch um die Frage „Wer spricht in der Antiziganismusforschung?“ angeregt (vgl. Demirova 2013). Das Thema wird außerhalb der „Antiziganismusforschungsszene“ zwar bislang nur von wenigen Interessierten in Workshops, auf Tagungen oder über E-Mail-Verteiler diskutiert, macht aber eine einleitende begriffspolitische Reflexion für dieses Dossier erforderlich: denn der Diskurs hat Bedeutung innerhalb eines kleinen Rahmens gewonnen, da es scheinbar praktisch eines Wortes für die Benennung der historisch gewachsenen, spezifischen sowie rassistischen Gewalt gegen Roma, Sinti, Kale, Manus* bedarf.

Auf Tagungen, Workshops, Podiumsdiskussionen ebenso wie auch in der Redaktionsanfrage für dieses Dossier wird mittlerweile nahezu ausnahmslos quasi einleitend eine Positionierung bzw. Äußerung zu dem Begriff „Antiziganismus“ erfragt, auch, weil in den Räumen, in denen ich mich bewege, zunehmend ein rassismuskritisches Selbstverständnis von der Verwendung diskriminierungsfreier Begriffe zum Konsens wird. Ich wünsche mir ebenfalls sichere Begriffe, die inhaltlich komplex sowie präzise sind, ohne Reproduktion sprachlicher Gewalt auskommen und sowohl für als auch von Menschen gemacht sind, deren Erfahrungen sie beschreiben. Insbesondere deshalb erscheint es mir sinnvoll, einen Moment innezuhalten und die Verunsicherung als Chance zu sehen, weil sie dazu dienen kann, jenseits der Pro-und-Kontra-Aufrüstungen hinsichtlich seiner Benennung, das Konzept „Antiziganismus“ kritisch zu hinterfragen. Dazu möchte ich folgende Fragen und Probleme stehen lassen:

Erstens verunsichert mich die Frage nach den Adressat_innen der Diskussion bzw. des Begriffes, oder: Wer diskutiert aktuell, wofür und wo die „richtige“ Benennung bzw. ein zusammenfassendes Wort für die rassistische Gewalt gegen Roma, Sinti, Kale, Manus*?

Zweitens verunsichert mich mein persönlicher Zweifel an der aktuellen Dringlichkeit dieser Begriffsverhandlung, da ich bislang überwiegend theoretisch und praktisch in Rom_nja-Bewegungen bzw. Selbstorganisationen involviert bin, die alltägliche Kämpfe nach Bleiberecht, nach Zugang zu Bildungsinstitutionen, nach angemessener Erinnerungspolitik, nach den eigenen Selbstvertretungsrechten, dem Überleben als Selbstorganisation sowie der Einhaltung bzw. Etablierung von Bürger_innen- und Menschenrechten führen. Ich stelle also die Frage nach den Verbindungen zwischen der Begriffsverhandlung und alltäglichen Kämpfen gegen die Gewalt hinter dem Epistem sowie nach deren Nutzen für selbstorganisierte Arbeit. Verbindungen bzw. das Ineinandergreifen von Bürgerrechtsbewegung und wissenschaftlicher Arbeit unter dem Konzept „Antiziganismus“ existieren allerdings seit Jahren.[7] Dabei macht es Sinn, nachzufragen, wo und mit wem findet diese Zusammenarbeit statt? Unter welchen Rahmenbedingungen und vor allem mit welchen Konsequenzen?

Drittens bewegen wir uns in einem diskursiven Feld dichotomer Zuweisung einerseits wissenschaftlicher und andererseits authentischer Sprecher_innenpositionen, die als soziale Platzanweiser fungieren, demnach bezogen auf Bezahlung, namentliche Erwähnung, soziale Absicherung und Karrierewege ungleichwertig anerkannt sind. Trotz der fehlenden Zusammenarbeit  manifestieren sich jedoch deren singuläre Aussagen relativ schnell zu Wahrheiten (Foucault 2000) aufgrund der als legitim anerkannten Autor_innenschaft, und das regelmäßig ohne das Wissen derjenigen, die sprechen, in irgendeiner Weise sowohl inhaltlich als auch strukturell zu kontextualisieren und leider regelmäßig auch ohne sich aus der Dichotomie von Wissenschafts- versus Authentizitätssprech zu wagen. Mit anderen Worten: „Ich bin, also denke ich“ oder ein „Ich denke (beruflich), also ist es“ produziert rrom_njabezogene Wahrheiten in ungleich bewerteter Akkordarbeit. Damit bergen Aussagen qua Wissenschaft oder qua Herkunft legitimierter Sprecher_innen, so etwa meine, die Gefahr der Beruhigung eines beginnenden und möglicherweise kritischen Diskurses (der nach viel mehr als Begriffsänderungen fragen sollte) und damit zur erneuten Stabilisierung der hinter den Begriffen stehenden Machtordnung. Unter Beruhigung des Diskurses[8] verstehe ich, ein schnelles, praktikables bzw. zitierfähiges Angebot zu liefern, welches sich dazu eignet, aufkommende Fragen, Skepsis und Kritik ruhigzustellen und damit weitere Stimmen oder grundlegende Widersprüche der Verhältnisse, innerhalb derer diese Diskussion stattfindet, zu ignorieren.

Viertens erleichtert das weite Auseinanderklaffen zwischen den medialen und sehr aggressiven Diskursen über bzw. gegen „SintiundRoma“ (Randjelović 2007, S.9) und den weitgehend unbekannten bzw. marginalisierten Spezialdiskursen über Rassismus gegen Sinti, Kale, Roma* im wissenschaftlichen Aktivist_innen-Umfeld auch nicht gerade die Eröffnung einer kritischen Diskussion.

Fünftens irritiert mich die Ungleichzeitigkeit und große inhaltliche Differenz zwischen den öffentlich bzw. wissenschaftlich geführten Diskussionen über „Antiziganismus“ und den ungehörten und oftmals sehr präzisen Aushandlungen der Inhalte hinter dem Begriff aus der Perspektive derjenigen Roma-, Gitan*-Autor_innen, die dieses Thema im eigenem Erleben reflexiv aushandeln.

In der wissenschaftlichen Analyse der spezifischen Gewaltverhältnisse, die auf die Seelen und die Körper von Rroma, Sinti* wirken, fehlen uns weit mehr als ein Begriff, vielmehr gesellschaftskritische, wissenschaftliche, politische, künstlerische und Alltagsperspektiven derjenigen, deren Lebenserfahrung diese Begriffe beschreiben sollen. Die wissenschaftliche Literatur zu dem Themenfeld der Antiziganismusforschung ist dominiert von Gadje-Autor_innen, die gegenseitige Zitiergemeinschaften bilden und sich somit wechselseitig zum unumgänglichen Standard in der Forschung konstruieren.

Die wenigen überwiegend international, aber auch national tätigen Roma-Autor_innen gehören in den seltensten Fällen zum Buchbestand der hiesigen Bibliotheken. In den Inhaltsverzeichnissen deutschsprachiger Publikationen zum „Antiziganismus“ finden sich die Werke von Rrom_nja-Autor_innen ebenfalls nicht oder kaum wieder, ebenso wie es an Herausgeberschaften, universitären Lehrstühlen oder Professuren fehlt. Im Gegensatz zu Diamanten steigt jedoch damit der Wert ihrer Werke nicht, sondern wird schlichtweg in der wissenschaftlichen Wissensproduktion überwiegend ignoriert. Dieses ungleiche Verhältnis spiegelt sich ebenfalls auf Konferenzen und entsprechenden Tagungspublikationen oder Internet-Informationsportalen wider. Höchstens ein bis zwei Rrom_nja* schmücken die Podien, die sich danach Aushandlungen stellen oder auch nicht stellen müssen, ob sie sich gerade als native informant verfügbar machen (Spivak 1990, S.66). Sowohl internationale als auch nationale Konferenzen zum Thema kommen hervorragend ganz ohne oder mit sehr wenigen Rrom_nja, Sinti, Manus* aus[9]. Hier ist die Frage: „Wer spricht in der Antiziganismusforschung?“ mehr als angemessen. Der Ausspruch der Antiziganismusforschung: „Antiziganismus ist ein Problem der Nichtroma“, bekommt in diesem Zusammenhang eine andere als die damit gemeinte Bedeutung. Es scheint, dass eine Antiziganismusforschung, quasi als exklusive Weiße Selbstreflexion, auch keiner bemerkenswerten Präsenz von Rromnja, Sinti* für die Forschung selbst benötigt. Eine ernsthafte und konsequente Infragestellung bedeutet meines Erachtens weniger das Verdammen der aktuellen Weißen Sprecher_innen-Strukturen, sondern das Erweitern unseres Blickfeldes auf die Strukturen, die zur Exklusion von Rrom_nja, Kale* führen und diese dann auch zu verändern. Es bedeutet auch, universelle, vermeintlich unabhängige wissenschaftliche Sprecher_innenpositionen aus strukturell Weißer Perspektive als Dogmen zu entzaubern. Auch, wenn das wiederum bedeutet, dass akademische bzw. selbstorganisierte Communities, welche den Mainstream-Glauben herausfordern, als weniger glaubwürdig behandelt werden als diejenigen, die populäre Ideen unterstützen (vgl. Hill Collins 2000).

Ebenso ist das Fehlen angemessener und spezifischer Begriffe Teil des Gewaltverhältnisses, in dem für unsere sehr unterschiedlichen Erfahrungen innerhalb der Dominanzmatrix (Hill Collins 2000, S.276ff) keine ausreichend differenzierte Sprache entwickelt ist bzw. ihren Eingang in die Diskurse gefunden hat. Auf die Semantik bezogen verschleiert meines Erachtens der akademische Disput um das richtig oder falsch des Begriffes „Antiziganismus“ das Fehlen bzw. Wertschätzen einer Reihe von Begrifflichkeiten, die die historisch gewachsenen Gewaltverhältnisse gegen Rrom_nja, Kale, Manusch* spezifisch, differenziert und in gebührender Komplexität beschreiben. Uns fehlen Worte, Definitionen, Vergleiche, Autor_innen, Veröffentlichungen, Debatten, weil diese Sprachlosigkeit bzw. Unsichtbarkeit mit der strukturellen Gewalt gegen Rrom_nja, Sinti, Lowara* zusammenhängt. Die Darstellung und Analyse von gegen Rrom_nja, Sinti_zza* gerichteten Unterdrückungsverhältnissen beginnt selbstverständlich nicht erst mit einem akademischen Buch, in dem dieses Verhältnis als „Antiziganismus“ oder mit einem anderen Wort definiert wird. Die Analyse beginnt auch und vor allem nicht aus einer Weißen, majorisierten Perspektive, die sich dann wieder selbst ins Zentrum stellt, da „ (…) dem hegemonialen Fokus auf sich selbst, der Selbstmarkierung des Markierers, der marginalisierte Blick des Markierten vorausging“, wie Peggy Piesche in Bezug auf die Kritische Weißseinforschung pointiert ausdrückt (vgl. Piesche 2006, S.16).

Die genannten Aspekte sprechen gegen einen vereinzelten Essay zum Thema „Antiziganismus“ in diesem Dossier und sie erschweren unseren Weg, Begriffe, die der Komplexität dieser spezifischen Gewaltform gerecht werden, angemessen zu etablieren. Dabei sehe ich in der aktuellen Verunsicherung über die Verwendung des Begriffes „Antiziganismus“ die Chance, uns weit über semantische Fragen hinaus in die Neudefinition (bzw. neuer Lesarten) der dahinter stehenden Konzeptualisierungen zu wagen und eine stabile Basis unserer Begegnungen und kollektivierender politischer Arbeit an Neuformulierungen zu schaffen. Verunsicherung sehe ich als einen Motor in dem Streben nach Festlegungen, als Möglichkeitsraum, Wissen neu- und zu über-denken; als eine Chance, dominante Legitimitäten des Gesagten und dominante Legitimierungen der Autor_innenschaften zu hinterfragen; als ein Grund, bestehende Konzepte zur Sprache zu bringen oder zu vertiefen und damit die Deutungshoheit von Rrom_nja* über ihre Erfahrungen voranzutreiben und zu stabilisieren.

Gewissheiten als Strategien

Kontext: Kämpfe um Selbstbezeichnungen

„(…) Bruder, welch ein Preis! Bruder, Dein Name ist auf der Speisekarte. ...Kaiser, Könige und Staatsmänner lieben Deine Musik. Aber Dich und Deine Lebensart wollen sie nicht anerkennen. Bruder wir wollen kein Preis mehr bezahlen! (…)“
(Lolotz Birkenfelder: „Bruder“, 1979, S.41).

In seinem Kurzessay „Der Spiegel“ thematisiert Jovan Nikolić mit der Metapher des Spiegels die Aushandlungen eines Jungen im Umgang mit der diskriminierenden Fremdbezeichnung, die ihm hinterhergerufen wurde. Die Verletzung des Jungen schildert Nikolić nicht allein als eine aktuelle Reaktion auf das Ausgesprochene, vielmehr verweist er auf eine Reihe von Fragen und Ahnungen, die den Jungen bis in die intimsten Bereiche seines Lebens - bis hin zum Blick in den Spiegel begleiten. Die Anrufung „Zigeuner“ als Verweis auf die gewaltvollen Episteme (vgl. Castro Varela/Dhawan 2003, S. 279) dahinter, auf die Voraussetzungen des Gesagten, bringen dem Jungen Gewissheit über die Ordnung sozialer Kategorisierungen, die mit dem Begriff immer wieder aktualisiert werden. Der Spiegel verrät zumindest ein Konstruktionsprinzip jener Ordnung, die ihm in der intimen Begegnung mit seinem Selbst Fragen aufwirft:

„So dass er nicht mehr sicher sein kann, auf welcher Seite des Spiegels er selbst und auf welcher jener dort steht, der ihn mit den eigenen Augen ansieht“.

Hinsichtlich der Machtwirkung von Sprache in Funktionen der Wirklichkeitskonstruktion gab es in dem vergangenen Jahr in Bezug auf die sprachlichen Veränderungen von diskriminierenden Bezeichnungen in den Neuauflagen von Otfried Preußlers Kinderbuch „Die kleine Hexe“ sowie Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ einen sehr breiten und gewaltvoll geführten öffentlichen Diskurs, in dem weit mehr als das N-Wort und quasi als sein Anhang die Bezeichnung „Zigeuner“ verhandelt wurden. Der diskriminierende Begriff „Zigeuner“ kommt weder bei Pippi Langstrumpf noch in der „Kleinen Hexe“ vor. Nach Auskunft des Oetinger Verlages ist eine Änderung allein in Lindgrens Kurzgeschichte „Unterm Kirschbaum“ abgewogen worden, bevor mangels einer überzeugenden Alternative die gesamte Geschichte aus dem Handel genommen wurde. Neben der ungenauen Recherche bzw. Darstellung war ein wichtiges Kennzeichen dieser Auseinandersetzung die aggressive Emotionalität und Vehemenz, mit welcher der Weiße Mainstream das Thema sprachlicher Reproduktion von Rassismus verhandelte. Diese heftige Reaktion auf eine von unzähligen Buchneuauflagen, dieses breite und plötzliche Interesse für den sonst üblichen und unbemerkten Verlauf sprachlicher Aktualisierungen von geschriebenen Texten verweist auf gesellschaftliche Hegemonialverhältnisse, die weit über die Sprache hinaus Wissen de/legitimieren und an diesen konkreten Buchbeispielen auch kapitalisieren. Einerseits sind die geführten Polemiken zum Teil kaum an ordinär-rassistischer Grobheit zu überbieten. Andererseits gab es auch eine breite Solidarisierung und Interesse an dem Thema seitens der Befürworter_innen der Verlagsänderungen, die sehr interdisziplinär historisch, soziologisch, pädagogisch, politisch, literaturwissenschaftlich, von verschiedenen Perspektiven aus inhaltlich und oft auch kreativ argumentierten[10]. Meines Erachtens kristallisieren sich an dieser Debatte Möglichkeiten als auch Grenzen symbolischer Aushandlungen heraus, und sie ist ein ernstzunehmender Verweis auf das gegenwärtig in Deutschland fehlende gesellschaftliche Fundament und Interesse an einer ernsthaften und vertieften Reflexion historischer und materieller Grundlagen unserer Wissensproduktion (vgl. auch Elsa Fernandez 2014). Diese Abwesenheit ist kein von der Alltagsrealität abgespaltenes wissenssoziologisches Problem, sondern für viele als Andere gesellschaftlich markierte Kinder und ihre Eltern, Bezugspersonen und Pädagog_innen eine sehr praktische, alltägliche Herausforderung nicht nur im Verhältnis zur Kinderliteratur. Insofern sind die geführten Diskussionen über die Produktivkraft von Sprache für unsere Wahrnehmungen von Menschen und über deren Gewaltpotential ebenso wie die Diskussionen darüber, wie sich Sprache in Machträumen formt, in Interaktionen zwischen ungleichen Akteur_innen, auch als existenzielles Anliegen nachvollziehbar und lassen durch die breite und kreative Beteiligung auf eine Kinderliteratur hoffen, die daran arbeitet, ihre Geschichten und Akteur_innen anders als bisher ins Zentrum zu rücken.

Die fehlenden Räume, über materielle Voraussetzungen, die hinter dem Machtkampf um sprachliche Deutungshoheit stehen, öffentlich und vertieft zu diskutieren, gründen unter anderem auf der kollektiven historischen Amnesie hierzulande und das weitreichend fehlende Bewusstsein über die transnationale und geschichtliche Konnektivität zwischen hier und dort, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dir und mir. Unter diesen gesellschaftlichen Voraussetzungen fungiert die Weiße Benennungsmacht als diskursives Öl für die reibungslose Produktion von ungleichen Lebensbedingungen in der Dominanzmatrix, zum Beispiel durch diskriminierende Gesetzgebung bzw. europäische Grenzregime, zum Beispiel in den neoliberalen Ausbeutungsverhältnissen zwischen Deutschland und dem Süden sowie innerhalb Deutschlands, zum Beispiel auch durch die hart umkämpfte Selbstverständlichkeit eines in Straßennamen eingeschriebenen Kolonialismus[11].

Die Dominanzmatrix kann allerdings auf vielfältige Weisen herausgefordert werden, durch breite solidarische Bewegungen ebenso wie kleine strategische Zusammenschlüsse, aber auch durch einzelne Handlungen. Die Machtwirkungen von Sprache und der Kampf um die Eigenbezeichnung begleiteten in den vergangenen Jahren den politischen Aktivismus der Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma sowie den politischen Aktivismus migrierter Rrom_nja. Insbesondere die Forderung nach der Etablierung der Eigenbezeichnungen Sinti und Roma anstatt diskriminierender Bezeichnungen in der öffentlichen Sphäre war und ist bis heute noch ein umkämpftes Feld (Randjelović 2011, S. 671-677). Die Debatte um die Inschrift des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin war ein Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen, die nun weiter geführt werden um die Bezeichnungen von Fleisch und Soßen auf Deutschlands Speisekarten[12]. Ebenso wie bei der N-Wort Debatte (vgl. Noah Sow 2013) ist auch in den Auseinandersetzungen um die Reproduktion rassistischer Fremdbezeichnungen für Rroma und Sinti im öffentlichen Raum und in respektvoller Form so gut wie niemals das koloniale und Porajmos[13]-Erbe der Täter_innen in irgendeiner Weise konsequent diskutiert worden. Oder anders gesagt: Wie könnte ich meiner Tochter Pippi Langstrumpf vorlesen, ohne zu thematisieren, weshalb wohl ein sommersprossiges, bezopftes, kleines Weißes Kind auf einer Kiste Gold sitzt? Wie könnte ich meiner Tochter die Barbie „Esmeralda“ kaufen, ohne zu thematisieren, weshalb wohl Esmeraldas Füße in der Produktion platt konstruiert, in keinen Barbie-Schuh hineinpassen und auf ewiges Barfußsein angelegt sind[14]?

Nicht so im Mainstream rezipiert ist, dass in der klassischen Originalfassung des Glöckners von Notre-Dame die „schöne“ Esmeralda, als Nichtroma-Kind von Roma geklaut wurde, wohingegen Quasimodo als Kind von Roma an der Kirchentür abgegeben wurde. Die Sehnsucht nach ihrem Weissein verführt Esmeralda zur Tugend und die Sehnsucht nach Esmeralda führt Quasimodo in den Tod. Dazu höre ich Pippi fröhlich ihren Mottosong singen: „ich mach mir die Welt widewide wie sie mir gefällt.“

Damit die Beschäftigung mit diskriminierendem SpielZeug nicht zum Privileg(-ienerhalt) wird, während viele anders platzierte Rrom_nja tatsächlich Plattfüße von dem Hin und Her der Aufenthaltsprobleme und prekären Beschäftigungen bekommen, ist es unabdingbar, die materiellen Voraussetzungen, unter denen diese Produktion stattfindet, zu thematisieren und uns auch in unserer eigenen Verwobenheit mit Unterdrückungsverhältnissen kritisch zu reflektieren. Es macht Sinn diese Reflexion nicht als masochistische Selbstinszenierung zu leben, sondern als einen Bestandteil von politischen Praxen zu verstehen, die in sozialen Bewegungen oder anderen Organisationsformen auf gesellschaftliche, auf politische Transformation zielen. Die Gleichzeitigkeit der Veränderungen von Sprache, Bildern und der materiellen Bedingungen, unter denen Sprache und Bilder öffentlich produziert werden, kann im Rahmen großer, diversifizierter, aber solidarischer Bewegungen erfolgen. Dabei hat sich für mich persönlich über die Jahre als sinnvoll erwiesen, unter strategischen, politisch-identifikatorischen Konstrukten als Rom_nja, POC, Schwarze voneinander zu lernen, da die Machtformen der Unterdrückung ein ähnliches Repertoire an Techniken aufweisen, von denen eine wesentliche das hierarchische Zuteilen von grundlegenden Rechten, wie zum Beispiel Aufenthalt, Arbeitsrecht, Wohnraum, Gesundheitsversorgung, ist. Einige von uns begegnen sich an Orten wie der Ausländerbehörde, der „Willkommensklasse“ in der Schule, in der Umkleidekabine vom Hotel oder im solidarischen Blickaustausch bei peinlichen Fragen im Doktorand_innen-Kolloquium. Überall dort können auch gegenhegemoniale Perspektiven und Möglichkeiten für gemeinsame Lern- und Handlungsräume entstehen.

Kontext: Historische Verortung von Sprache

Zugleich ist es wichtig, die spezifisch gewachsenen Unterdrückungs- und Widerstandsstrategien hinter den Wörtern zu bedenken. Der Versuch, orientiert am N-Wort, eine Entsprechung für die diskriminierende Bezeichnung für Rroma zu etablieren, also das „Z-Wort“ einzuführen, zeugt von gutem Willen, aber auch von Geschichtslosigkeit. Zwischenzeitlich wird das Kürzel „Z-Wort“ als Alternative zur sprachlichen Fortschreibung von Rassismus verhandelt.

Diese Wortkreation ist jedoch das Gegenteil einer Neueinschreibung, vielmehr ein zeitlich und räumlich entkontextualisierter Umgang mit rassifizierender Sprache. Das "Z" hat historisch insbesondere in Deutschland eine lange Geschichte der Markierung von als "Zigeuner" erfassten Menschen. Rroma und Sinti sind nicht nur, aber vor allem von den Nazis mit dem Kürzel "Z" auf polizeilichen Erfassungsbögen, auf pseudowissenschaftlichen sogenannten „rassekundlichen“ Untersuchungen markiert worden. In den Konzentrationslagern ist das "Z" in die Haut der Menschen eintätowiert worden. Bis tief in die 1980er Jahre haben die Landeskriminalämter die nationalsozialistische Erfassungspraxis beibehalten, indem sie neben den Namen die Nummern und Kennzeichen aus den Konzentrationslagern in ihre Datenbank übernommen haben (vgl. Rose 1987, S. 31ff.). Das wundert nicht, da im bundesrepublikanischen Nachkriegsdeutschland führende Nazis weiterbeschäftigt wurden, so wie auch Josef Eichberger, der bis 1945 im Reichssicherheitshauptamt Hauptverantwortlicher der Deportationen war und der gleich nach 1945 im neuen Bayerischen Landeskriminalamt Leiter der sogenannten „Zigeunerabteilung“ wurde. Er und die anderen Beschäftigten der Landeskriminalämter erfassten in gewohnter Manier Rroma und Sinti. Es gab kein Ende nach 1945, nur einen Bruch mit unendlich vielen Kontinuitäten, von denen ein Teil die Beibehaltung der polizeilichen Erfassungspraxis in Dokumenten war.

Die Verwendung der Abkürzung „Z-Wort“ knüpft an eben diese Kennzeichnungspraxis an und kann meines Erachtens niemals eine Rehabilitierung von noch so wohlmeinenden Akteur_innen erfahren. Die Kürzung eignet sich eher diejenigen zu retraumatisieren, denen der Klang und das Bild des "Z" als Zeichen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtungspolitik im Gedächtnis ist sowie der nachfolgenden Generationen, in denen sich das kollektive Trauma weiter vermittelt.[15]

Im zynischen und für manche auch schmerzhaften Rückgriff auf diese Markierungspraxis und nach meiner Lesart als direkten Angriff auf das Schweigen der Täter_innen, haben sich Anfang der 1980er Jahre die Bürgerrechtler und Musiker Rudko Kawcinsky und Tornado Rosenberg als „Duo Z“ zusammengeschlossen. 1981 veröffentlichten sie ihre Schallplatte „Ganz Anders“, deren Liedtexte sich schonungslos auf den Völkermord beziehen sowie die fehlende Anerkennung und den Alltagsrassismus kritisieren.[16] Das von ihnen verwendete Kürzel „Z“ ist hier genau das Gegenteil einer enthistorisierenden Verwischung, und es behält in der Widerstandspraxis seine eng an den Porajmos geknüpfte Verbindung.

Die wohlmeinende Absicht, gewaltvolle Sprache nicht zu reproduzieren und dabei genau dies zu tun mit einer geglaubten Alternative im Rückgriff auf das Beispiel anderer in Deutschland rassifizierter Gruppen, zeigt nur um so mehr den strukturellen Verlauf der deutschen Nicht-Erinnerungspolitik und die Lücken im differenzierten Umgang mit unterschiedlichen Geschichten minorisierter Menschen. So sehr wir uns um sprachliche Veränderung bemühen, so kann das Scheitern an den strukturellen Voraussetzungen hinter der Sprache eine auf längere Sicht heilsame Verunsicherung bringen, die uns die Chance gibt, unseren Blick und unseren Aktivismus neu zu fokussieren. Eine wichtige Strategie dabei ist, zunächst die Lücken zu akzeptieren, sich aktiv auf die Suche in der Leere zu begeben und nachzufragen. Sicheres Diskurswissen ist ein Privileg, welches wir nicht haben. Das nicht gehört werden im Diskurs läuft einher mit den Ausformungen von wenigen hegemonial legitimierten Sprecher_innen, die den Anderen die Bequemlichkeit bereiten, sichere Aussagen zu re-produzieren und sich gleichzeitig selbst die Bequemlichkeit unhinterfragbarer Position zu sichern. Doch die Sicherheit hat ihren Preis. Rrom_nja, Sinti, Kale, Manusch, Lovara, Kalderasch* erleben von ihren gesellschaftlich markierten Platzierungen aus täglich unterschiedliche, doch spezifische und auch materiell geformte und beschreibbare Gewalt. Diese heterogenen Perspektiven auf die Gewaltverhältnisse, sowie die Widerstandspraxis gegen diese, formen wiederum spezifische Wissenseinheiten, die es Wert sind, in möglichst großer Vielfalt ins Zentrum des Interesses und der Analysen gestellt zu werden und die auch konsequent Eingang in breitere Diskurse finden müssen.

Kontext: Barvalipe

„(…) Höre Bruder, was ich Dir sage - ich hinterlasse dir Verse und Lieder, damit sie dich erinnern, dass da einmal eine Romni war unglücklich und arm, die alles das, was in ihr war und was der Kopf ihr so gebar, dir hingeschenkt, ein ganzes Leben, damit du weißt und niemals vergißt ... (…)“ (Papusza 1950, S. 41)

Rrom_nja arbeiten als Subjekte und Autor_innen seit vielen Jahren an der Dokumentation und Analyse gegen sie gerichteter Unterdrückung mit sehr präzisen Beschreibungen und Analysen der Gewalt. Ceija Stojka spricht in ihren Zeugnissen der nationalsozialistischen Verfolgung über die rassistische Gewalt, aber auch über Strategien des Überlebens (vgl. Stojka 1998, 2003, 2005). Mit so viel Genauigkeit und Wärme bezeugt sie, wie das sehr spezifische soziale und Naturwissen ihrer Mutter sie vor dem Hungertod im Lager rettete und entwirft zum Beispiel mit ihrer „Baumgeschichte“, nach meiner Lesart, eine tiefe, aber örtlich klar situierte Metapher von Prozesshaftigkeit, Wandel und Veränderung sowohl der Unterdrückung als auch des Wiederstandes (vgl. Stojka 1992, S. 109). Ceija Stojka beschreibt sich selbst als Chronistin: „Ich muss davon berichten, wie die Rom gelebt haben und wie sie leben, und was ihnen geschehen ist“ (Stojka 2008, S. 32).

Otto Rosenberg schildert die Verfolgung sowie auch ihre Kontinuitäten in der nicht gewährten Entschädigung für die Opfer des Nationalsozialismus. Er entwirft ein klares Profil der Täter_innen und Kontinuitätspraxis in der Schilderung der Unterdrückung im Konzentrationslager und der Unterdrückung im Nachkriegsdeutschland. An einer Textstelle schildert Rosenberg im Detail die Forderung nach einer Exhumierung seiner Mutter, die die deutschen Beamten verlangen, um den Beweis der Verwandtschaft für die Entschädigung zu erbringen (Rosenberg 2012, S. 133). Dies ist nicht nur ein Hinweis auf die „Banalität des Bösen“, sondern eröffnet auch eine analytische Perspektive auf die Funktion des deutschen Verwaltungsapparates in der Unterdrückung der Überlebenden nach 1945.

Neben unzähligen anderen sehr präzisen Zeugnissen[17] der erlebten Gewalt sind auch reale und imaginierte Zusammenschlüsse sowie Widerstandsstrategien Bestandteile der verschriftlichten und vertonten kulturellen Wissensproduktion von Rrom_nja und fruchtbar für das Verständnis dessen, was den Rassismus gegen Rroma und Sinti ausmacht. In der Romani-Hymne „Gelem, Gelem“, mit dessen Text Zarko Jovanović die Grauen des Nationalsozialismus thematisiert und gleichzeitig mit dem „Opre Roma“ die politische Aufbruchsstimmung der siebziger Jahre mit dem Fundament des Gedenkens an den Völkermord mit kreiert. Ebenso programmatisch, doch weniger bekannt, fordert der Sinto Hänsche Weiss in den 1980er Jahren in dem Refrain seines Liedes: „Wir wollen endlich Gerechtigkeit“ die Sinte auf, gemeinsam einen Weg zu suchen, gemeinsam Rechte zu fordern und schließt mit: „Wir Sinte bitten Euch Sinte: Wir dürfen uns nicht länger ducken“ (Geigges/Wette 1979, S. 38).

Jovan Nikolić schildert in seinem kurzen, aber wundervollen Gedicht von 1982 „Stepen Invalidnosti“ die Begegnung zweier Menschen in einem Krankenhauszimmer. In ihrer Blickrichtung auf die gesellschaftliche Markierung des jeweils Anderen findet sich der Verweis auf einen Augenblick im Zusammentreffen zwischen Ableism und Rassismus (vgl. Nikolić 1982). Papusza solidarisiert sich in ihrem Gedicht: „Blutige Tränen“ von 1950 mit einem jüdischen Mädchen in der Schilderung ihrer Angst vor den herannahenden Nazis und konstruiert poetisch einen Raum für gegenseitige Unterstützung (vgl. Papusza 1992, S. 31ff). Sie verweist hier auf gemeinsam geteilte Erfahrungen von Verfolgung und entwickelt Hoffnung gemeinsamen Überlebens.

In seinem Roman: „Goddam Gypsy“ erzählt der Autor und Aktivist Ronald Lee autobiografisch die politische Geschichte der Rom_nja-Selbstorganisierung in Kanada, an der er teilgenommen hat. Dabei setzt er auch einen Schwerpunkt auf die Beschreibung der Liebe und des gemeinsamen politischen Kampfes, die ihn mit seiner Ehefrau, die der First Nation angehört, verbinden (vgl. Lee 1978). Die Konnektivität zwischen ihrem gemeinsamen Leben, Lieben und Widerstand ist sowohl ein Verweis auf gemeinsam geteilte Erfahrungen als auch eine Art literarischer Situationsanalyse einer singulären Begegnung. Letztlich trägt dieser Roman auch dazu bei, ein transnationales Verständnis für eine gesellschaftliche Situation der Rom_nja-Organisierung nach 1945 zu entwickeln, da Ronald Lee weit vernetzt und zum Beispiel aktiv beteiligt an dem I. „Rroma Weltkongreß“ war.

Die genannten Beispiele verdeutlichen aus meiner Perspektive und nach meiner sehr persönlichen Gewichtung wesentliche Aspekte des Gewaltverhältnisses bzw. der Verfolgung, welches der Begriff „Antiziganismus“ zu erfassen versucht. Sie deuten auf ein breites Wissen um die Beschaffenheit dessen, was aktuell unter „Antiziganismus“ subsumiert wird. Es gründet vielfach auf die Reflexion gelebter Erfahrungen, vornehmlich auf künstlerischen Ebenen. Es ist ein insbesondere in der Kulturproduktion verortetes, ein in hohem Maße präzises, örtlich, zeitlich und subjektiv kontextualisiertes, manchmal fragmentarisches, manchmal kontinuitätsbezogenes, mit einem Wort situiertes Wissen (Haraway 1995, S.85ff).

Fazit

Der Begriff „Antiziganismus“ sollte in all seiner Verwobenheit mit Abwertung, Verallgemeinerung, strategischen Anliegen, aber auch mit seiner Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte in Zusammenarbeit mit Selbstorganisationen und der Unterstützung ihrer Anliegen an anderer Stelle diskutiert werden. Denn so lange die Definition und Analyse von „Antiziganismus“ vor allem konzeptionell als auch begrifflich vornehmlich ein exklusiver und selbstzentriert Weißer Ort ist, währenddessen Gewalt und die Konsequenzen daraus auf Rrom_nja-Körper und -Seelen wirken, ist diese Diskussion für mich persönlich zumindest bedeutungslos. Der Disput um „Antiziganismus“ eignet sich bislang dazu, ein neues Forschungsthema aufzureißen, die Pro-und-Kontra-Aufrüstung fortzuführen, ohne nach grundlegenden Veränderungen der Forschungsanliegen, Akteur_innen, Bereiche, Methoden, Quellen und auch Semantiken der Forschung selbst zu fragen. Es ist auch deshalb kontraproduktiv, in diese Auseinandersetzung zu gehen, weil sie in majorisierten Räumen geführt und mit enormer Leichtigkeit und großer Dankbarkeit von denen angenommen wird, die ein schnelles Rezept, ein gutes Zitat, eine unverwerfliche Lösung der Zur-Sprache-Bringung dieser Gewalt suchen.

Gemeinsam mit Roma, Sinti*-Autor_innen den Diskurs voranzutreiben, in den minorisierten Wissensarchiven zu suchen, Vorschläge, Argumente und Konzepte über diese Gewaltverhältnisse kollektiv zu generieren und die dahinterstehende Komplexität wertzuschätzen, erscheint mir als sinnvoller Weg, um in den Worten Angela Davis „das Verständnis von Freiheit zu vertiefen“. Dazu bedarf es vieler Dossiers, Publikationen und Fachtagungen, die sich analytisch auf die Gewaltverhältnisse gegen Roma_nja, Sinte_zza* zentrieren und dabei gleichermaßen symbolisch und gegenständlich in der Wertschätzung verschiedenster Platzierungen und Positionierungen diejenigen Perspektiven und Menschen ins Zentrum rücken, die diese Gewalt auf unterschiedliche Weise alltäglich aushandeln und gesellschaftskritisch reflektieren.

 

Literatur

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[1] „Gemeinsames Lied
Zu meinem Heim gibt es keinen Pfad / Und gerade deshalb glaube ich, / und, glaube auch Du gemeinsam mit mir, / Dass es mich gibt, weil es mich nicht gibt. / Denn ich bin hier,/ mit dem Kopf / und mit den Beinen / Und mit allem was an mir ist / Und was ich in mir trage“

[3] Ich verwende im Text unterschiedliche Selbstbezeichnungen im Wechsel als Verweis auf die Diversität von kollektiven Selbstverständnissen.

[4] Es werden verschiedene Alternativen von Romaphobie über Zigeunerressentiment bis zum Antiromaismus vorgeschlagen. Insbesondere zu Antiromaismus vgl. Marjanovic (2009).

[5] zur Definition von „Antiziganismus“ vgl. Wippermann 1997‚ S. 11.

[6] Auf der legendären Tagung des Europäischen Zentrums für Antiziganismusforschung (ezaf) hat Wippermann selbst den Begriff als pejorativ kritisiert, gleichwohl er ihn in der deutschen Wissenschaft mit etabliert hat (vgl. Wippermann 2005).

[7] zum Beispiel durch das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma, das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung, RomnoKher

[8] angelehnt an „Verknappung des Diskurses“ (Foucault 2000, S.26.)

[9] siehe zum Beispiel.: Antiziganism – what’s in a word? International conference on the discrimination, marginalization and persecution of Roma* in Uppsala (Sweden) in October 23-25, 2013.

(http://www.sintiundroma.de/fileadmin/dokumente/medien/Flyer_Tag_Antiziganism_web.pdf)

[12] Das Forum der Sinti und Roma e.V. in Hannover hat im Sommer 2013 erfolgslos Unternehmen zur Änderung ihrer diskriminierenden Saucen–Namen aufgefordert, worauf eine Empörungswelle durch die Presse ging.

[13] Porajmos ist eine Romani Bezeichnung für den Völkermord, eine andere ist Samurdaripen

[15] Zu der Verwendung der Abkürzung hat auch Marko Knudsen vom Europäischen Zentrum für Antiziganismusforschung eine kritische Stellungnahme abgegeben. Siehe: https://3c.web.de/mail/client/dereferrer?redirectUrl=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fnotes%2Fmarko-d-knudsen%2Fdas-z-wort-eine-analyse-des-begriffes-durch-einen-angeh%25C3%25B6rigen-der-minderheit-der%2F10151533439106120

[16] Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=Bxx8k2nk92E Letzter Aufruf: 18.08.2014

[17] Die Schilderung von Erfahrung muss keinesfalls zwangsläufig im Kontext hierarchischer Arbeitsteilung derjenigen, die bezeugen, und derjenigen, die interpretieren, erfolgen. Das Zeugnis sehe ich in seinem kreativen Konstruktionsmodus als analytisches und interpretatives Archivieren von Wissen und somit seine Interpretation als Interpretation der Interpretation.

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