Vorwort

Vorwort

Ceija Stojka, o.T.,private Sammlung IniRromnja

In den frühen Siebzigern, an einem sehr schönen Sommertag, vor 40 Jahren. Damals war ich 18 Jahre alt. An diesem Nachmittag ging ich mit den drei älteren Kindern meiner Schwester Veronika, um sie ein wenig zu entlasten, auf den Spielplatz. Die Kinder und ich waren gut gelaunt und liefen nichts ahnend den Gehweg zum "Spieli" entlang. Doch unsere fröhliche Stimmung sollte sich schlagartig ändern. Auf dem Weg dorthin hatte uns ein Mann, mit einem alten schwarzen Fahrrad, fürchterlich erschreckt. Beim Gehen bemerke ich plötzlich einen heftigen Stoß gegen meine rechte Hüfte. Ich schrie auf vor Schmerzen, sah, dass es ein Mann war, der mir seinen Fahrradlenker in die Seite rammte. Ich höre noch heute seine Worte. Wutentbrannt fiel ihm fast sein (sehr) schlecht sitzendes Gebiss aus dem Mund, als er zischte: "Der Hitler hat vergessen euch zu vergasen". Spontan, fast schon mechanisch nahm ich die Kinder bei der Hand und so schnell wir konnten, ohne ein Wort zu sagen, rannten wir zurück nach Hause. Dort angekommen, stürmten die Kinder ins Haus und berichteten atemlos, noch an der Tür stehend, von dem bösen Mann mit dem Fahrrad.

Diese Geschichte ist nur eine von unzähligen Erlebnissen, die mich die Feindseligkeit mancher Menschen um uns herum spüren ließ, jedoch diese zu erzählen, würde den Raum des Vorwortes sprengen.

Die seit 2001 herausgegebenen Studien des Bielefelder Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung zu "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ stellen heraus, dass rassistische Übergriffe und Ablehnung gegen verschiedene Minderheiten, wie Menschen mit Migrationshintergrund, Lesben und Schwule, Menschen mit Behinderungen, Antisemitismus sowie Antiziganismus keine Einzelvorkommnisse, sondern Alltagserfahrungen sind. Der Bürgerrechtler und Vorsitzende des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma in Baden-Württemberg, Daniel Strauß, verwies bei seiner Rede auf einer Fachtagung zum Thema Antiziganismus darauf, dass Antiziganismus in Deutschland nach wie vor verbreitet ist, wobei er sich auf eine der oben genannten Studien der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2011 bezog. Demnach stimmte fast die Hälfte der Befragten der offen antiziganistischen Aussage: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“ zu. Mehr als ein Viertel der Befragten unterstützte die Handlungsaufforderung „Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden“. Mehr als drei Viertel der befragten deutschen Sinti und Roma gaben an, schon häufiger diskriminiert worden zu sein. Stereotype antiziganistische Bilder sind in der Literatur, in Film und Fernsehen und in den Medien omnipräsent und werden nur in sehr wenigen Einzelfällen hinterfragt.

Einen Moment lang habe ich überlegt, wie ich dem Leser das vorliegende Dossier spannend und interessant vorstellen soll. Ich kam sehr schnell zu dem Schluss, dass jedoch allein schon die Blickwinkel der Schreiber_innen, aus denen ihre jeweiligen Texte entstanden sind, spannend und interessant sind. Weil sie nämlich von den Betroffenen selbst geschrieben wurden. Alle Autorinnen und Autoren sowie die beiden Herausgeberinnen gehören der Minderheit der Sinti und Roma an, sie haben neben ihren Fachkenntnissen auch ihre eigenen Erfahrungen in ihre Beiträge mit einfließen lassen. Vieles wurde und wird über Sinti und Roma geschrieben, meist ohne deren Mitwirken, aus einer Fremdsicht von Menschen, die sich den Lebenswirklichkeiten einer Minderheit kaum stellen. Die in ihren Büchern vermeintlich aufklären wollten, sich jedoch mehr über die Minderheit profilierten und oft sogar das gesellschaftliche "Zigeunerbild" noch negativer mit ihren Zerrbildern beeinflussten.

Daher ist es mir eine Freude, den Leser_innen das vorliegende Dossier vorstellen zu dürfen. Den Leser und die Leserin erwarten Texte von Autorinnen und Autoren, die über die Minderheit der Sinti und Roma und über mehrheitsgesellschaftliche Strukturen schreiben. In diesen Texten sind sowohl sehr ernste, erinnerungspolitische und aktuelle Essays versammelt sowie akademisch aufbereitete Beiträge zu Sinti und Roma zu finden. Die Leser_innen erfahren und begreifen anhand von Texten und Beiträgen, wie eine Minderheit jahrhundertelang verfolgt, stereotypisiert wird. Sie erfahren aber auch von kreativen, künstlerischen, akademischen und politischen Gegenstrategien.

Die Autor_innen kommen aus wissenschaftlichen und praktischen Zusammenhängen und sind seit vielen Jahren Fachexpert_innen im Bereich Empowerment. Zehn Sinti und Roma-Frauen, Akademikerinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen, die sich in der politischen Debatte um Sinti und Roma engagieren und fünf Männer, Bürgerrechtler, Aktivisten der jüngeren Generation, Akademiker und Künstler überraschen den Leser und die Leserin mit sehr interessanten vielfältigen Beiträgen über und zu Sinti und Roma und deren Lebenswirklichkeiten. Dabei wollen die Autorinnen ihre Stimmen möglichst vielfältig in die Öffentlichkeit tragen und selbstbewusst ihre eigenen Wertigkeiten und Schwerpunkte setzen!

Dem Betrachter des vorliegenden Dossiers wird eine Fülle an Informationen, aber auch die Vielfältigkeit einer Minderheit näher gebracht.

Mit ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement zeigen uns die Akteur_innen dieses Dossiers auf, wie sie sich als Betroffene und als Handelnde in der politischen Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit in unterschiedlichen Bereichen engagieren.

Für das Zustandekommen des vorliegenden Werkes ist vor allem dem Engagement von Isidora Randjelović und Jane Schuch zu danken, die mit ihrem professionellen Beistand das Projekt zum erfolgreichen Zieldurchlauf geführt haben. Die Erstellung des Dossiers wäre sicherlich nicht ohne die Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung zustande gekommen, daher gilt unser Dank last but not least dieser Institution.

Ich wünsche der Lektüre viele interessierte Leserinnen und Leser und den Leser_innen eine reale Einsicht in verschiedene individuelle Lebenswirklichkeiten, in die Gesellschaftsanalyse und in die politischen Perspektiven der Verfasser_innen des Dossiers.

 

Anita Awosusi

Tochter von Holocaust-Überlebenden
Bürgerrechtlerin
Herausgeberin mehrerer Bücher zum Thema Antiziganismus und der Musik der Sinti und Roma.

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